Im August dieses Jahres jährte sich das „Jahrhunderthochwasser“, das 2002 allein in Deutschland 11,6 Milliarden Euro Schaden verursachte und 21 Todesopfer forderte, zum zehnten Mal. Was haben wir aus der bislang teuersten Naturkatastrophe in Deutschland gelernt?

Festzustellen ist, dass das Thema „Hochwasserschutz“ durch das Ereignis 2002 schlagartig auf die politische Agenda gesetzt wurde. So wurden zeitnah von Seiten der Politik verschiedene Maßnahmen initiiert und Programme durchgeführt, die die Hochwasservorsorge verbessern sollten. Insbesondere sind hier zu nennen:

  • das Artikelgesetz zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes, das Änderungen im Wasserhaushaltsgesetz, im Baugesetzbuch, im Gesetz für den deutschen Wetterdienst, im Raumordnungsgesetz u. a. nach sich zog und am 10. Mai 2005 in Kraft trat,
  • die europäische Hochwassermanagement-Richtlinie (EC/2007/60), die seit November 2007 gültig ist, sowie
  • das BMBF-Forschungsprogramm „Risikomanagement extremer Hochwasserereignisse“ (RIMAX), mit dem zwischen 2005 und 2008 mehr als 35 Projektverbünde in Deutschland gefördert wurden, und die zwei europäischen Förderinitiativen von ERA-Net CRUE, die die Umsetzung der oben genannten Gesetze und Richtlinien unterstützen sollten.

In den genannten Initiativen erhielt auch die private Vorsorge ein stärkeres Gewicht als zuvor. So heißt es seit Mai 2005 im Wasserhaushaltsgesetz (§ 31a Grundsätze des Hochwasserschutzes, Absatz 2): „Jede Person, die durch Hochwasser betroffen sein kann, ist im Rahmen des ihr Möglichen und Zumutbaren verpflichtet, geeignete Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor Hochwassergefahren und zur Schadensminderung zu treffen, insbesondere die Nutzung von Grundstücken den möglichen Gefährdungen von Mensch, Umwelt oder Sachwerten durch Hochwasser anzupassen.“ Damit sind potentiell betroffene Bürger und Bürgerinnen zu privater Vorsorge verpflichtet.

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Was ist private Hochwasservorsorge?

Die sicherste Strategie, Hochwasserschäden zu vermeiden, besteht darin, hochwassergefährdete Gebiete zu meiden, d. h. dort keine Bebauung zu initiieren. In bereits bestehenden Siedlungen ist der Schaden durch vorbeugende Maßnahmen zu mindern. Neben dem technischen Hochwasserschutz durch Deiche, Dämme oder Hochwasserrückhaltebecken bestehen verschiedene bauliche Maßnahmen, die Bürger und Bürgerinnen selbst umsetzen können. Dabei werden verschiedene Strategien unterschieden:

Ausweichen

Vermeidung der Überflutung durch erhöhte Anordnung und/oder Abschirmung der Gebäude oder durch Kellerverzicht.

Widerstehen-(Dry-Proofing)

Vermeidung, dass Wasser in ein Gebäude eindringt, durch Abdichtung des Gebäudes (z. B. durch mobile Schutzelemente für Fenster und Türen oder Rückstausicherungen) und/oder Verstärkung der Keller sowie des Fundaments, um einer möglichen Unterspülung entgegenzuwirken.

Nachgeben-(Wet-Proofing)

Minderung des Schadenspotenzials durch angepasste Nutzung und/oder Ausstattung der hochwassergefährdeten Stockwerke mit wasserresistenten Baumaterialien.

Sichern

Schutz vor Kontaminationen der Gebäude und der Umwelt durch Schadstoffe, z. B. durch Sicherung von Heizöltanks.

Solche baulichen Vorsorgemaßnahmen sind vor allem bei Neubauten, größeren Renovierungen oder bei der Schadensbehebung nach einem Hochwasserereignis durchsetzbar, da ansonsten geringe Wahrscheinlichkeiten des Hochwassereintritts zum Teil ungünstige Kosten-Nutzen-Verhältnisse vortäuschen (MURL 2000: Potentielle Hochwasserschäden am Rhein in NRW. Düsseldorf). Am effektivsten wirkt die Bauvorsorge in Gebieten mit häufigen Hochwasserereignissen und geringen Überflutungstiefen (IKSR 2002: Hochwasservorsorge. Maßnahmen und ihre Wirksamkeit. Koblenz). Bei Überschwemmungstiefen über 2 m verlieren z. B. Abdichtungen und Abschirmungen ihre Wirksamkeit. Als Schutzstrategien bleiben dann nur eine geringwertige Nutzung der gefährdeten Stockwerke und die Verwendung wasserunempfindlicher Materialien beim Innenausbau.

Flankiert wird die Bauvorsorge durch Maßnahmen 1) der Informationsvorsorge, d. h. Betroffene informieren sich über ihre Hochwassergefährdung und mögliche Schutzmaßnahmen, 2) der Verhaltensvorsorge, d. h. im Ereignisfall werden – ggf. gemeinsam mit Nachbarn – Notfallmaßnahmen zur Schadensminderung ergriffen, z. B. Hochstellen von Möbeln, Sicherung von Geräten, und 3) der finanziellen Vorsorge, z. B. durch eine Versicherung gegen Hochwasserschäden.

Wer betreibt Hochwasservorsorge?

Im Nachgang des August-Hochwassers 2002 wurden durch das Geoforschungszentrum Potsdam und die Deutsche Rückversicherung, Düsseldorf, in 1697 betroffenen Privathaushalten computergestützte Telefoninterviews durchgeführt. Neben den direkten Schäden an Wohngebäuden und am Hausrat wurden zahlreiche Faktoren, die den Schaden beeinflussen könnten, abgefragt. Dazu gehörten beispielsweise die Hochwassereinwirkung mit Wasserstand, Dauer und Fließgeschwindigkeit, die Kontamination des Flusswassers durch Abwasser, Öl oder andere Chemikalien, die Hochwasserwarnung und durchgeführte Notmaßnahmen, langfristige Vorsorgemaßnahmen sowie der Wert und die Eigenschaften des betroffenen Gebäudes sowie des Hausrats (Ergebnisse sind z. B. dargestellt in Thieken et al. 2007: Coping with floods: preparedness, response and recovery of flood-affected residents in Germany in 2002. – Hydrological Sciences Journal 52(5): 1016-1037). Mit demselben Fragebogen wurden im November und Dezember 2006 weitere 461 Privathaushalte untersucht, die im Sommer 2005 oder im Frühjahr 2006 von Hochwasser betroffen waren. In beiden Kampagnen lag der räumliche Schwerpunkt der Befragungen im Elbe- und Donaueinzugsgebiet.

Diese Befragungen erlauben u. a. Aussagen über Art und Ausmaß der privaten Vorsorge. Beispielhaft sei hier das Vorsorgeverhalten von Privathaushalten entlang der Elbe vor den Hochwasserereignissen im August 2002 und im April 2006 gegenübergestellt. Um die Vergleichbarkeit der Analysen zu gewährleisten, wurden nur Haushalte berücksichtigt, die innerhalb der überfluteten Flächen im Frühjahr 2006 zuzüglich eines 200-Meter-Puffers lagen. Diese Flächen wurden aus Satellitendaten abgeleitet und in einem Geoinformationssystem bearbeitet (Details sind beschrieben in Kreibich et al. 2011: Recent changes in flood preparedness of private households and businesses in Germany. – Regional Environmental Change 11(1): 59-71). Die Abbildung 1 zeigt, dass alle Vorsorgemaßnahme – mit Ausnahme der Versicherung – vor dem Hochwasser 2006 von deutlich mehr Haushalten durchgeführt worden waren als vor dem Hochwasser 2002. Da 90 % der Haushalte, die 2006 befragt wurden, mindestens bereits einmal zuvor von Hochwasser betroffen waren – viele zuletzt im Jahr 2002 – zeigt sich deutlich, dass ein Hochwasserereignis auf privater Ebene vorsorgendes Handeln auslöst. Zum Vergleich: Vor dem Hochwasser 2002 hatten nur 6 % der untersuchten Haushalte schon mal ein Hochwasser erlebt und dies war im Durchschnitt 23 Jahren her.

Abbildung 1 zeigt allerdings auch, dass 1) die verschiedenen Maßnahmen unterschiedlich populär sind und dass es 2) einen hohen Prozentsatz von Haushalten gibt, die auch nach einem Hochwasser keine vorsorgenden Maßnahmen ergreifen. Der Abbildung ist zu entnehmen, dass vor dem Hochwasser 2006 ein Großteil (mehr als 50 %) der befragten Haushalte Vorsorgeinformationen gesammelt hatte und sich an Netzwerken und Nachbarschaftshilfen beteiligte. Ebenfalls oft, d. h. bei mehr als 40 % der befragten Haushalte, wurde eine hochwasserangepasste Gebäudenutzung oder Inneneinrichtung angetroffen. Ebenso populär war eine Versicherung gegen Hochwasserschäden. Maßnahmen, die aufwändiger und/oder teurer sind wie Wassersperren, Verlegung und Sicherung der Heizung oder Gebäudeabdichtungen, waren auch 2006 in deutlich weniger Haushalten (d. h. nur bei etwa 15 % bis 25 % der Befragten) anzutreffen.

Wie wirksam ist private Hochwasservorsorge?

CP-312_4_Abb_3_199312225-MittelstrasseAus den oben erwähnten Befragungsdaten konnte auch die Wirksamkeit der Maßnahmen im Hinblick auf eine Schadensminderung berechnet werden. Hierfür wurden in einer Diplomarbeit durchschnittliche Gebäude- und Hausratsschäden von Haushalten, die eine bestimmte Maßnahme durchgeführt hatten, mit durchschnittlichen Schäden von Haushalten, die diese Maßnahme nicht durchgeführt hatten, verglichen, u. a. für verschiedene Wasserstände und unterschiedliche Hochwassertypen. Die Ergebnisse sind in Abb. 2 zusammengefasst. Die Analyse zeigt, dass die populären Maßnahmen, wie eine hochwasserangepasste Gebäudenutzung und Inneneinrichtung, bei allen Wasserstandsklassen und Hochwassertypen eine starke und signifikante Schadensminderung bewirken. Um zu beurteilen, ob eine Maßnahme kostengünstig ist, spielen neben der Schadensminderung auch die Investitionshöhe und die Gefährdung des jeweiligen Bauwerks und damit die zu erwartende Hochwasserhäufigkeit eine wesentliche Rolle.

Am Beispiel eines freistehenden Einfamilienhauses (Massivbauweise, Gebäudenutzfläche: 140 m2, Grundstücksfläche: 750 m2) zeigte sich, dass sich große Investitionen, wie der Bau eines abgedichteten Kellers, aus wirtschaftlicher Sicht nur dann lohnen, wenn das zu schützende Objekt sehr häufig (jährlich) überflutet wird, also in hoch gefährdeter Lage gebaut wird. Anders ist es bei kleineren Anschaffungen. Beispielsweise kann das Anbringen einer Öltanksicherung enormen Schaden an Haus und Umwelt verhindern. Die dafür notwendige Investition von ca. 1 000 Euro ist auch dann noch rentabel, wenn eine Schädigung durch ein Hochwasser nur alle 50 Jahre auftritt. Ähnliches gilt für mobile Wassersperren. Erst ab einem Wiederkehrintervall der Flut von mehr als 35 Jahren ist ihre Anschaffung nicht mehr rentabel (Details sind zu finden in Kreibich et al. 2010: Nutzen und Kosten privater Hochwasservorsorge. In: „Hochwasserschäden – Erfassung, Abschätzung und Vermeidung“ (Thieken, A., Seifert, I., Merz, B.; Hrsg.). Oekom-Verlag, München, S. 263-270). Diese Kosten-Nutzen-Verhältnisse spiegeln sich in den tatsächlichen durchgeführten Maßnahmen (vgl. Abbildung 1) nicht unbedingt wider.

Fazit

Die private (Bau-)Vorsorge ist ein wesentliches Element des Hochwasserrisikomanagements, deren Bedeutung in den letzten Jahren zunehmend erkannt wird. Neben den hier dargestellten Ergebnissen wurde auch im eingangs erwähnten Forschungsprogramm RIMAX die private Vorsorge untersucht. Die wichtigsten Ergebnisse zu diesem Themenkomplex sind (vgl. Thieken 2011: Schadensreduzierung durch Bauvorsorge. In: Management von Hochwasserrisiken – mit Beiträgen aus den RIMAX-Forschungsprojekten (Merz, B., Bittner, R., Grünewald, U. Piroth, K.; Hrsg.). E. Schweizerbart, S. 195-198):

  • Persönliche Betroffenheit von Hochwasser führt zu einer Verbesserung der privaten Vorsorge, wobei unterschiedliche Ansätze und Produkte für die bauliche Sicherung von Gebäuden gegen Hochwasser eingesetzt werden können.
  • Auch nach einem Hochwasser betreiben viele betroffene Haushalte keine Vorsorge. Hier ist die Risikokommunikation – insbesondere nach Ereignissen – zu stärken. Umweltverwaltungen, Kommunen und Versicherungen sollten dabei eine aktive Rolle einnehmen und verschiedene Medien und Instrumente nutzen, um möglichst viele Teile der Bevölkerung zu erreichen.
  • Langfristiges Ziel sollte es sein, private Vorsorge in eine kommunale Gesamtstrategie des Hochwasserrisikomanagements zu integrieren und Bebauung und Infrastruktur sukzessive an die Hochwassergefährdung anzupassen. Risikokommunikation, Risikowahrnehmung und eine starke private Vorsorge werden in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen, wenn Hochwasserschäden langfristig reduziert werden sollen.

 

Anschrift der Verfasserin:
Prof. Dr. Annegret Thieken
Universität Potsdam
Institut für Erd- und Umweltwissenschaften
Karl-Liebknecht-Straße 24-25
14476 Potsdam-Golm

Prof. Dr. Annegret Thieken
geb. am 26. Januar 1970 in ­Cloppenburg

  • 1989 – 1996: Studium der Geoökologie (Diplom), TU Braunschweig und Universität von Amsterdam (Niederlande)
  • 1996 – 2000:Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Geologische Wissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle
  • 2001: Promotion an der Martin-­Luther-Universität Halle
  • 2000 – 2008: Wissenschaftliche Angestellte, GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ), Sektion Ingenieurhydrologie
  • 2008 – 2010: Professorin für Naturgefahren und Risikomanagement, Universität Innsbruck sowie wissenschaftliche Leiterin der alpS – Zentrum für Naturgefahren und Risikomanagement GmbH, Innsbruck (Österreich)
  • 2009: Habilitation an der Universität Potsdam
  • 2010 – 2011: stellvertretende Direktorin am Climate Service Center des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG, ehemals GKSS), Hamburg
  • Seit 2011: Professorin für Geographie und Naturrisikenforschung, Universität Potsdam