Ludwigshafen birgt als Chemiestandort besondere Herausforderungen für die Gefahrenabwehr. Im CP-Interview sprachen Rolf Haselhorst, Leiter der BASF-Werkfeuerwehr und Jörg Pfrang, Gruppenleitung Abwehrender Brandschutz, über die Besonderheiten einer Werkfeuerwehr im Bereich der chemischen Industrie, globale Vernetzung und technischen Fortschritt. Das Interview führte Sarah Heggen, CP-Redaktion.

CP: Herr Haselhorst, bitte stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor.

Hr. Haselhorst: Als ausgebildeter Diplom-Ingenieur leite ich seit 2001 die Werkfeuerwehr am BASF-Standort Ludwigshafen und führe seit zehn Jahren auch das Gesamtnetzwerk der BASF Werkfeuerwehren weltweit. Darüber hinaus bin ich im Verband der Chemischen Industrie Vorsitzender der Arbeitskreise Notfallmanagement und TUIS. Das Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem bietet öffentlichen Feuerwehren und Polizei bundesweit Unterstützung bei Transport- und Lagerunfällen mit Chemikalien. Zudem bin ich in der Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes Vorsitzender des Referates 9 “Werksicherheit und Werkbrandschutz“.

CP: Wie ist die BASF-Werkfeuerwehr aufgestellt?

Hr. Haselhorst: BASF hat weltweit 338 Standorte und sechs Verbundstandorte mit etwa 60 haupt- und nebenberuflichen Werkfeuerwehren, die wir von Ludwigshafen aus führen. Die größte Werkfeuerwehr sitzt hier und ist mit derzeit 180 Mitarbeitern verantwortlich für 7 km² Anlagenfläche, 240 Störfallanlagen sowie für ca. 39 400 Mitarbeiter und im Jahresschnitt 13 500 Kontraktorenmitarbeiter. Am Standort haben wir derzeit drei Feuerwachen, von denen wir ausrücken, um eine Erreichbarkeit der Produktionsanlagen binnen drei bis vier Minuten zu gewährleisten.

CP: Gibt es in der Historie der BASF-Werkfeuerwehr besondere Entwicklungspunkte?

Hr. Haselhorst: BASF hat sich in seiner 151-jährigen Geschichte bereits sehr früh von einem lokalen hin zu einem international agierenden Unternehmen entwickelt. Als BASF-Werkfeuerwehr sind wir diese Entwicklung stets mitgegangen. Im Zuge dessen haben wir in den 90er Jahren eine starke Hinwendung zum Unternehmertum vollzogen; die Werkfeuerwehr wird heute wie ein Unternehmen geführt, Effizienz und Effektivität sind bei uns ebenso Thema wie bei BASF. Zudem haben wir uns hinterfragt, wie wir Prozesse standortübergreifend weiterentwickeln und verbessern können. Als Ergebnis wurde uns die Verantwortung für die Feuerwehren an den anderen Standorten übertragen. So kümmern wir uns heute um Kosten für die Feuerwehren in Gesamteuropa, die Personalentwicklung an allen Standorten sowie die technische Entwicklung der Leitstellen.

CP: Der Chemiestandort Ludwigshafen birgt besondere Herausforderungen in der alltäglichen Arbeit. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Werkfeuerwehr, BASF, BASF-Werkfeuerwehr, abwehrender Brandschutz, Brandschutz, chemische Industrie, globale Vernetzung, technischer Fortschritt, SPIDER, Leitstelle

Globale Vernetzung mit dem Leitstellensystem Spider.

Hr. Haselhorst: Typisch an einem Tagesablauf der Feuerwehr und der BASF sind drei Dinge: Erstens die hohe Anzahl der mit den Betrieben durchzuführenden Übungen. Ich halte es für unerlässlich, dass eine Werkfeuerwehr entsprechende Produkt-, Lage- und Prozesskenntnisse hat und sich das Personal vom Produktionsleiter bis zu unseren Mitarbeitern hin kennt, so dass jeder weiß, wer was im Einsatzfall zu tun hat und alle Handgriffe sitzen. So kommen wir im Jahr auf mehr als 240 Übungen, die wir gemeinsam mit den Schichtmitarbeitern in den Störfallanlagen durchführen; Zweitens ist solch ein Tagesablauf auf die Anforderung unserer Kunden zugeschnitten. Es gibt in einem Chemieunternehmen keine Einheit, die besser mit schwierigen und gefährlichen Situationen in den Bereichen Arbeits- und Anlagensicherheit umgehen kann, als eine Werkfeuerwehr. Und drittens ist es natürlich das regelmäßige Training der eigenen Mitarbeiter. Ich halte es für enorm wichtig, dass unsere Mitarbeiter in den Werkstätten und in den Produktionsanlagen für den Einsatzfall handwerklich trainiert werden. Alle unsere Mitarbeiter sind ausgewählte Handwerker, wie zum Beispiel Metallbauer, Schweißer, Anlagen- und Feinwerkmechaniker, Mechatroniker oder Elektriker, die wir in zwei Jahren zu einem Werkfeuerwehrmann weiterbilden.

CP: Sie sprachen eben davon, dass Sie auch überregional vernetzt sind. Wie sind Sie hier aufgestellt?

Hr. Haselhorst: Wir haben ein Netzwerk von Feuerwehrfachleuten in den vier großen BASF-Regionen Nord- und Südamerika, Asien und hier speziell China sowie Europa, einschließlich des Standortes Ludwigshafen. Wir haben einen global gültigen Performance-Index für die Standorte der BASF, woran wir die Qualität der Feuerwehren messen und steuern. Was aber genauso wichtig ist, sind fachlicher Austausch und Weiterbildung. Wir versuchen, durch erfahrungsgemäße Weiterentwicklung junger Führungskräfte über die Regionen hinweg die Qualität an die Standorte zu bringen. So arbeiten die einzelnen Führungskräfte an unterschiedlichen Standorten in verschiedenen Verwendungen. Das ist die beste Art von Weiterbildung, Qualitätsaustausch und -darstellung.

CP: Was macht die Arbeit an anderen Standorten so einzigartig?

Hr. Pfrang: Von 2013 bis Ende 2015 war ich an den Standort Antwerpen in Belgien delegiert. Dort begleitete ich die Funktion des Leiters der Werkfeuerwehr. Der Standort Antwerpen mit seinen ca. 50 störfallrelevanten Anlagen, unter anderem ein großer Steamcracker, ist Teil des zweitgrößten Hafengebietes in Europa. Die Werkfeuerwehr dort besteht aus 65 Mitarbeitern im 24 Stunden Schichtbetrieb. Die Erfahrung und das Know-how, die ich am Standort Ludwigshafen über zehn Jahre gemacht und erlernt habe, konnte ich in Antwerpen erfolgreich umsetzen und weiterentwickeln, was mich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich weitergebracht hat. Als Äquivalent zum deutschen TUIS-System gibt es in Belgien das so genannte BELINTRA-System: Die BASF Antwerpen ist tragender Teil davon und leistet bei Unfällen mit Gefahrgütern – auf der Straße, auf dem Wasserweg wie auf der Schiene – kompetente Hilfe.

CP: Wie gelingt Ihnen die Vernetzung der einzelnen Standorte?

Hr. Haselhorst: Mit unserem integrierten Leitstellensystem Spider. Dieses ist die logische Fortsetzung der engen, globalen Zusammenarbeit innerhalb der BASF. Die Feuerwehren beobachten immer mit wachsamen Auge technische Entwicklungen in anderen Bereichen und überprüfen, inwieweit diese auf das eigene Tätigkeitsfeld übertragbar sind. Das reicht vom Turbolöscher über IT-Technik bis zum Leitstellensystem. Spider ist ein gutes Beispiel für das Lernen aus unseren Produktionsanlagen, die heute vollständig oder teilweise von anderen Standorten bedienbar sind. Wir haben geprüft, welche Standorte in Deutschland und Antwerpen wir mit einbinden können, haben eine Zentrale gebildet, die von der Technik redundant abgebildet ist und auch den Security-Anforderungen standhält. Auch die dezentralen Standorte besitzen diese Technik in einer abgespeckten Version und werden aus Ludwigshafen mitbedient. Damit können wir natürlich personalpolitisch wesentlich flexibler und effizienter arbeiten, haben zugleich aber vor Ort eine Zentrale, in der alles zusammenläuft: Werk- und Umweltschutz, Rettungsdienst und Feuerwehr.

CP: Das Thema gelebte Zusammenarbeit steht bei Ihnen im Fokus. Wie zeichnet sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der BASF Werkfeuerwehr aus?

Werkfeuerwehr, BASF, BASF-Werkfeuerwehr, abwehrender Brandschutz, Brandschutz, chemische Industrie, globale Vernetzung, technischer Fortschritt, Technikroboter

Besondere Einsätze erfordern besondere Maßnahmen_Technikroboter kommen bei Chemieunfällen häufig zum Einsatz.

Hr. Haselhorst: Die Zusammenarbeit sehe ich als sehr positiv an, auch dadurch, dass wir über die Zeit vieles gemeinsam mit Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und BASF entwickelt haben. Exemplarisch möchte ich hier unser Löschboot anführen, das wir in der Metropolregion betreiben. Auch führen wir jährlich auf einem mobilen Übungsboot eine Übung mit der Mannheimer Berufsfeuerwehr durch, wobei wir verschiedene Lagen gemeinsam beüben, um auch in der Schiffsbrandbekämpfung oder bei Leckagen auf Binnenschiffen, die Gefahrgüter transportieren, zielgerichtet Gefahrenabwehr leisten können.

CP: Wie gewährleisten Sie die flächendeckende Information der Bevölkerung im Schadensfall?

Hr. Haselhorst: In Ludwigshafen alarmieren wir die Bevölkerung nach wie vor mit Sirenen, die damals nach Ende des erweiterten Katastrophenschutzes aufrechterhalten wurden. Die Stadt Mannheim zieht hier jetzt nach. Darüber hinaus bauen beide Städte ihr Warnsystem weiter aus in Richtung personenbezogene Information mit dem vom Fraunhofer Institut mit entwickelten System KATWARN.

CP: Wie funktioniert KATWARN?

Hr. Haselhorst: Es gibt zwei Möglichkeiten: Mitarbeitern der BASF wird KATWARN als eigene App zur Verfügung gestellt. Warnungen erreichen diese immer dann, wenn sie sich zu dem Zeitpunkt auf dem BASF-Gelände befinden. Als Bürger meldet man sich für die jeweilige Postleitzahl an und erhält entsprechende Informationen, wenn eine Auslösung stattfindet. Mehr als 100 Kommunen sind mittlerweile durch KATWARN abgedeckt. In einem nächsten Schritt wollen wir diese Möglichkeit auch an unsere Standorte in Münster, Schwarzheide und Antwerpen implementieren und etablieren.

CP: Wie gewährleisten Sie den Schutz der Mitarbeiter im besonderen Einsatzfeld der chemischen Industrie?

Hr. Pfrang: BASF bietet bei Einsätzen mit kritischen Stoffen die Möglichkeit eines Bio-Monitorings für die Mitarbeiter an. Mittels anonymisierter Ergebnisse des Bio-Monitorings können wir als Führungskräfte zusätzlich die Wirksamkeit unserer Vorgehensweisen im Einsatz und unserer Schutzausrüstung überprüfen. Das verleiht uns und unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Sicherheit und hilft uns, noch besser zu werden.

CP: Vielen Dank für das informative Gespräch. Ihnen und Ihren Kollegen wünschen wir weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.