Eine hochwertige Qualifizierung ist der Schlüssel zu einer sicheren und zielgerichteten Einsatzabwicklung. Mit den stets weiter steigenden Anforderungen an die Feuerwehr ist daher die Frage verbunden, wie Einsatzkräfte auf ihre Aufgaben optimal vorbereitet werden können.

IMG_0979webDas größte Risiko besteht für Einsatzkräfte „an der Basis“ im Brandeinsatz innerhalb geschlossener Gebäude. Die schlagartige Ausbreitung von Bränden, so etwa durch Rauchgasdurchzündungsphänomene, fällt dabei genauso ins Gewicht wie Gefahren z. B. durch Sichtbehinderung, Einschränkung der Orientierung oder

Luftaufnahme des Ausbildungszentrums der Feuerwehr Dortmund (oben) mit Außenübungsgelände (unten).

durch Folgen struktureller Gebäudeschäden. Die Wahrscheinlichkeit für Einsatzkräfte, diesen Gefährdungen tatsächlich ausgesetzt zu werden, ist aber vergleichsweise gering, da Brandeinsätze nur einen Bruchteil der Feuerwehreinsätze ausmachen. Aufgrund der erheblichen Folgen für die Einsatzkräfte bleibt das Risiko aber hoch. Darüber hinaus kann eine nur seltene Begegnung mit diesen Gefährdungen auch in einer Handlungsunsicherheit resultieren, da alleine im Einsatz keine ausreichende Routine mehr aufgebaut werden kann. Dies erhöht das Risiko noch, da die Gefahr von Fehlern steigt. Diese Überlegungen lassen sich auch auf höhere Führungsebenen übertragen: Auch dort werden Führungskräfte verhältnismäßig selten mit sehr kritischen und damit folgenreichen Situationen konfrontiert. Mit dem Ziel vor Augen, einsatzbezogene Risiken weitestgehend zu minimieren, ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit einer realitätsnahen Aus- und Fortbildung auf allen Ebenen. Anhand einiger in Dortmund gemachter Erfahrungen soll ein Weg dargestellt werden, wie dies in der Praxis erfolgen kann.

Das Ausbildungszentrum der Feuerwehr Dortmund

Rahmenbedingung für eine hochwertige Aus- und Fortbildung ist eine adäquate Infrastruktur. Die Feuerwehr Dortmund verfügt über ein im Dezember 2010 in Betrieb genommenes Ausbi

ldungszentrum, in dem ein großer Teil aller Aus- und Fortbildungsaktivitäten stattfindet. Ein Hauptgebäude beherbergt das gesamte Personal der Abteilung Aus- und Fortbildung, Unterrichts-, Seminar- und Lehrmittelräume sowie einen Umkleide- und Sozialbereich. Bis zu 120 Lehrgangsteilnehmer können gleichzeitig ausgebildet werden. In einer etwa 1 700 m2 großen angrenzenden überdachten Übungshalle ist eine wettergeschützte Ausbildung möglich. Ein in die Halle integrierter Übungsturm mit einem Treppenraum bietet viele Möglichkeiten für die praktische Ausbildung sowie für Einsatzübungen. Eine Abgasabsauganlage ermöglicht den Betrieb von Motoren in der Halle, so z. B. bei der Ausbildung von Maschinisten. Ein Teil des Hallendaches ist höher ausgeführt, so dass auch Bewegungen der Drehleiter möglich sind. Ein zentrales Element des Ausbildungszentrums ist ein etwa 8 000 m2 großes Außenübungsgelände. Neben einer Schaumübungsfläche finden sich dort Übungsanlagen, die für den täglichen Übungsbetrieb einer Feuerwache nicht ohne Weiteres zur Verfügung stehen. Hierzu zählen ein

e Gasbrandübungsanlage, eine Tiefbauübungstrecke, ein Taucherübungsbecken sowie Bahngleise samt Oberleitungen. Herzstück ist eine gasbefeuerte Feuerlöschübungsanlage („Brandhaus“), welche als massives Gebäude mit zwei Vollgeschossen, Keller sowie Dachgeschoss ausgeführt ist und zehn unterschiedliche Brandstellen enthält. In Verbindung mit einer Verneblung des Objektes sind so sehr realitätsnahe Übungen möglich. Freie Kapazitäten im gesamten Lehrgangsangebot stehen auch allen externen Kommunen offen.

Realbrandausbildung

Die ersten Anfänge einer systematischen Realbrandausbildung liegen in Deutschland etwa 20 Jahre zurück. Aus dem Ausland wurden Techniken, wie z. B. feststoffbefeuerte Rauchgasdurchzündungsanlagen („Flashover-Container“) oder gasbefeuerte Übungsanlagen, übernommen und von den Feuerwehren eingeführt. Die Forderungen dazu haben sich mittlerweile, länderspezifisch in teils unterschiedlicher Deutlichkeit, auch in den Ausbildungsvorschriften niedergeschlagen: In NRW sieht die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für hauptberufliche Feuerwehrkräfte die Realbrandausbildung verpflichtend vor. Auch für ehrenamtliche Feuerwehrangehörige soll sie gemäß der Lernzielkataloge des Landes ein fester Bestandteil der Ausbildung sein. Mit dem Brandhaus bietet sich in Dortmund die Möglichkeit, auch individuell für vorgehende Trupps das taktische Grundverhalten im Innenangriff zu beüben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem taktischen Verhalten und nicht auf Details von Brandbekämpfungstechniken – letztere können besser in Rauchdurchzündungsanlagen geübt werden. Am Brandhaus können aber auch Szenarien dargestellt werden, mit denen der Einsatz einer taktischen Einheit auf Staffel-, Gruppen- bis hin zur Löschzugebene möglich ist. Die Gruppen- und Zugführer sind als Führungskräfte Bestandteil der beübten Einheit. Sie werden einem realistischen Lagebild ausgesetzt und müssen den Führungsvorgang von Lagefeststellung, Beurteilung und Befehlsgebung durchlaufen. Alle Einheiten der Feuerwehr Dortmund absolvieren jeweils mindestens einmal jährlich eine standardisiert aufgebaute Löschzug-Einsatzübung am Brandhaus. Eine Grundschutz-Einheit der Berufsfeuerwehr, bestehend aus ELW 1, HLF und DLK, wird dabei durch ein HLF oder LF der Freiwilligen Feuerwehr zum Löschzug ergänzt und um einen Rettungswagen erweitert. Erfahrene Trainer und Übungsbeobachter begleiten die Übung und werten sie anschließend mit den Übenden aus.

Praktische Führungskräfteausbildung für Brandreferendare

Mit dem Institut der Feuerwehr (IdF) NRW besteht seit mehreren Jahren eine Kooperation im Rahmen der praktischen Führungsausbildung für Brandreferendare. Vormals fand die Führungsausbildung für den höheren feuerwehrtechnischen Dienst ausschließlich theoretisch und in Plans

pielform am IdF statt. Mit Einführung einer neuen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung im Jahr 2004 wurde diese durch eine praktische Zugführerausbildung erweitert. Im Rahmen des Führungslehrganges finden seitdem an mehreren Tagen praktische Übungen in Dortmund statt. Die Brandreferendare übernehmen dabei die Funktion des Zugführers, während die Fahrzeugbesatzungen von den Grundausbildungslehrgängen und Ausbildern der Feuerwehrschule gestellt werden. Dies hat für alle Teilnehmer Vorteile: Die Referendare arbeiten realistisch mit erfahrenen Gruppenführern und Kollegen des mittleren Dienstes statt mit den eigenen Lehrgangskollegen als Mannschaft zusammen. Die Grundlehrgangsteilnehmer erhalten die Chance, realistisch im Löschzugverbund zu üben und setzen jeweils „frische“ Einsatzentscheidungen um. Der positive Effekt wirkt sich mittlerweile so aus, dass sich auch Grundausbildungslehrgänge anderer Feuerwehren, so zuletzt Wuppertal und Bocholt, mit eigenen Fahrzeugen an den Übungen beteiligen. Die Szenarien wurden bis 2010 an Objekten innerhalb des Stadtgebietes durchgeführt. Seit 2010 wird das Außenübungsgelände des Ausbildungszentrums unter Einbeziehung des Brandhauses genutzt.

Simulationsunterstützte Übungen

Mit Vollübungen werden alle beteiligten Einsatzkräfte gleichermaßen gefordert. Daher sind sie kein geeignetes Mittel, gezielt Führungskräfte zu beüben. Zum Training von Führungskräften können aber Systeme genutzt werden, welche die Lage und die Handlungen der Einsatzkräfte um die zu beübenden Führungskräfte herum abbilden können. Auf der Ebene der Gruppen- und Zugführerausbildung (Führungsstufen A und B nach FwDV 100) setzt die Feuerwehr Dortmund das IT-Syste

m XVR ein. Auf der Ebene einer Technischen Einsatzleitung bzw. eines Führungsstabes (Führungsstufen C und D) konnte in den vergangenen Jahren im Rahmen einer Kooperation mit der Bundeswehr das ursprünglich militärische System SIRA (simulationsgestützte Rahmenübungen), welches für eine zivile Nutzung im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit erweitert wurde, mehrfach erprobt werden. Beide Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass in Echtzeit ein den Bedürfnissen der jeweiligen Führungsstufe entsprechendes, sich dynamisch entwickelndes Lagebild vermittelt wird. Zum anderen können die Systeme aber auch die Entscheidungen der übenden Führungsgremien umsetzen: Die Befehle der in den Systemen abgebildeten unterstellten Einheiten werden in den Handlungen umgesetzt. Bewegungen von Fahrzeugen bzw. Einheiten, aber auch Handlungen des Einsatzpersonals werden somit in Echtzeit simuliert. Damit ist eine direkte Rückkopplung im Sinne der Kontrolle gemäß Führungsvorgang möglich. Der Aufwand für die Übungsleitung wird somit beträchtlich reduziert, während die Realitätsnähe für die übenden Kräfte im Vergleich zum klassischen Planspiel bzw. Stabsübungen steigt. Um eine dauerhafte Praxistauglichkeit zu erreichen, sind Weiterentwicklungen der Systeme aber unumgänglich.

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Einsatzübung am Brandhaus. (Bilder: Feuerwehr Dortmund)

Fazit

Die dargestellten Beispiele zeigen den deutlichen Nutzen einer realistischen Aus- und Fortbildung auf. „Realistisch“ ist dabei aber nicht nur im Sinne einer umfangreichen und realitätsnahen Lagedarstellung zu verstehen, sondern bezieht gerade bei der Führungskräfteaus- und -fortbildung die Möglichkeit ein, mehrere Führungsebenen zeitgleich zu beüben. Es wird aber auch erkennbar, dass der Aufwand durch eine kommunale Feuerwehr in der Regel alleine nicht geleistet werden kann. Organisatorisch und ökonomisch ist es daher sinnvoll, Synergien zu nutzen. Hierbei kann entweder horizontal kooperiert werden, indem sich mehrere Feuerwehren z. B. aufgabenteilig zusammenschließen oder Angebote gegenseitig unter Ausgleich der entstehenden Kosten nutzen. Ein besonderer Vorteil liegt aber auch in der vertikalen Kooperation. Gerade in Bezug auf die Weiterentwicklungen und Vorhaltung technischer Systeme, etwa zur elektronischen Unterstützung von Stäben, könnten so Strukturen entstehen, welche den zentralen Ausbildungseinrichtungen der Länder die (Neu-)Ausbildung von Führungskräften erleichtern und gleichzeitig den Feuerwehren vor Ort die Möglichkeit geben, bei der regelmäßigen Fortbildung von Führungsgremien eine neue Qualität zu erreichen. Die heutigen Möglichkeiten, IT-Systeme auch dezentral zu betreiben, eröffnen viele Chancen, die Systeme entsprechend ausgelastet und damit effektiv und effizient zu betreiben. Die Handlungssicherheit für die Menschen als Einsatzkräfte kann so weiter gestärkt werden.

Anschrift des Verfassers:

37-5+Dr+Spethweb
Hauke Speth
Feuerwehr Dortmund
Steinstraße 25
44122 Dortmund
E-Mail: hspeth@stadtdo.de
www.feuerwehr.dortmund.de

 

Dr.-Ing. Hauke Speth

geb. am 6. Juli 1971 in Kiel

1990 – 1992: Reserveoffiziersausbildung bei der Bundeswehr (Pioniertruppe)
1992 – 1998: Studium des Maschinenwesens (Schwerpunkt Verfahrenstechnik) an der RWTH Aachen
1998 – 2002: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Thermische Verfahrenstechnik der RWTH Aachen
2002 – 2004: Brandreferendar der Feuerwehr Dortmund
Seit 2004: Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung der Feuerwehr Dortmund
Seit 2011: Leiter des Institutes für Feuerwehr- und Rettungstechnologie der Feuerwehr Dortmund (IFR)