Der vorliegende Beitrag befasst sich mit Maßnahmen der Prävention, Vorsorge und des Krisenmanagements für Kulturgüter unter besonderer Berücksichtigung des Bildungsmanagements im Fachbereich Wissenschaft, Technik und Gesundheit der AKNZ und bildet damit den Abschluss der Vorstellung des Fachbereichs IV.4.

Der Begriff Kulturgutschutz bezeichnet allgemein alle Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern vor Beschädigung, Zerstörung, Diebstahl und Verlust. Ziel sollte es sein, potentielle Schäden an Kulturgut zu verhindern, im Ereignisfall dennoch eingetretene Schäden zu begrenzen und soweit wie möglich zu beheben.
Die Gefahren reichen von alltäglicher Abnutzung, Vernachlässigung, über Vandalismus, Diebstahl und Abwanderung, kleinere Unfälle/Havarien wie Kleinbrände und Wasserrohrbrüche, Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Flut, Extremwetterlagen mit Starkniederschlag/Sturm bis hin zu Bombendrohungen, terroristischen Anschlägen oder militärischen bewaffneten Konflikten.
Die letzten Jahrzehnte mit bewaffneten Konflikten, Naturkatastrophen wie Flut an Oder und Elbe sowie technischen Katastrophen wie dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs haben die Gefährdung von Kulturgut auch in Europa und Deutschland schmerzlich vor Augen geführt.
All diese Ereignisse haben in unserem Land zu einem ganzheitlichen Ansatz in der Katastrophenvorsorge und im Krisenmanagement unabhängig von der Ursache der Risiken und Gefahren und auch zu einer Sensibilisierung für den Kulturgutschutz beigetragen.

Rechtliche Grundlagen – ausgewählte Aspekte

Die rechtlichen Grundlagen für die Verpflichtung das nationale Kulturgut – sei es mobil oder immobil – zu schützen, finden sich im Wesentlichen in Bundes- oder Landesgesetzen und in internationalen/ völkerrechtlichen Abkommen. Allgemeine Schutzvorschriften und Definitionen für schutzwürdiges Kulturgut sind z. B. in den jeweiligen Landesdenkmalschutz- und Landesarchivgesetzen niedergelegt. Darüber hinaus bestehen auf internationaler Ebene z. B. Übereinkommen der UNESCO zum Schutz des Weltkultur- und -naturerbes.
Im Rahmen der Katastrophenvorsorge sind die Länder auf der Basis der jeweiligen Landeskatastrophenschutzgesetze „in Friedenszeiten“ auch für den Kulturgutschutz (Sachgüterschutz) zuständig.
Der Schutz bei bewaffneten Konflikten fällt als Zivilschutzaufgabe in die Zuständigkeit des Bundes und wird in der „Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“ (HK) mit ihren Zusatzprotokollen als völkerrechtlichem Abkommen geregelt, in Deutschland in Verbindung mit dem Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz. Die HK verpflichtet die Signatarstaaten bereits in Friedenszeiten im Sinne einer Prävention zu geeigneten Schutzmaßnahmen für das nationale Kulturgut.

Schutz- und Sicherungsmaßnahmen

Die Maßnahmen, die der Bund zum Schutz von Kulturgut für geeignet hält, umfassen • die Verbreitung des Wortlauts der Haager Konvention,

  • die Sicherung von national wertvollem Archiv- und Bibliotheksgut in Form der Sicherungs(Mikro)-Verfilmung,
  • die Kennzeichnung von unbeweglichem Kulturgut mit dem blau-weißen Konventionszeichen, Art. 6, 16 und 17 HK,
  • die photogrammetrische Erfassung der gekennzeichneten Kulturgüter,
  • die Erarbeitung von Richtlinien und Konzepten zum Bau von Bergungsräumen für bewegliches Kulturgut,
  • die fachkompetente Begleitung beim Bau von Bergungsräumen bei Museen und anderen Kulturstätten,
  • die Ausbildung von Kulturgutschutzpersonal, Art. 15, 17 Abs. 2c HK, Art. 2 der Ausführungsbestimmungen zur HK.

Beispiel Sicherungsverfilmung

Eine der wesentlichen Schwerpunktaufgaben in Deutschland ist die Sicherungsverfilmung von national bedeutsamen Archivund Bibliotheksgut, die in Bundesauftragsverwaltung von den Ländern durchgeführt wird. Die Bedeutung dieser seit 1961 als Schwarz-Weiß-Mikroverfilmung kontinuierlich durchgeführten und ab 2010 auch parallel als Farbmikroverfilmung fortgesetzten Sicherungsmaßnahme für den langfristigen Erhalt der Information ist durch den Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln deutlich vor Augen geführt worden.

Abb. 2: Überlegungen zur Priorisierung und Bergung von mobilem Kulturgut - Beispiel Stadtmuseum Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Abb. 2: Überlegungen zur Priorisierung und Bergung von mobilem Kulturgut
– Beispiel Stadtmuseum Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Beispiel Gefahrenabwehrpläne

Ausgangspunkt für eine umfassende Notfallvorsorge muss immer eine Risiko- und Gefahrenanalyse sein. Der Wert einer angemessenen Notfallplanung auf der Basis einer Risiko- und Gefahrenanalyse ist erkannt worden und wird gemeinsam von Bund und Ländern möglichst nach gemeinsamen Standards vorangetrieben.
Dies spiegelt sich z. B. darin wider, dass zur Kritischen Infrastruktur, die für die Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung und ihrer Lebensgrundlagen essentiell ist, auch das für die nationale Identität bedeutsame Kulturgut zählt und damit auf diese Weise in die gesamtstaatliche Daseinsvorsorge/in das nationale Krisenmanagement mit einbezogen wird.
Konkrete Ziele in der Prävention und Vorbereitung sind z. B. Gefahrenabwehrpläne auch für Kulturgüter, die in das Gefahrenabwehrsystem der zuständigen Katastrophenschutz-behörde in der Kommune integrierbar sind. Sie sollten objekt- und ereignisbezogen angelegt und von der kulturellen Institution in Abstimmung mit der Gefahrenabwehrbehörde erstellt werden. Originäre Aufgabe der kulturellen Institution ist es in diesem Kontext, eine Dokumentation des Kulturgutinventars anzulegen und fortzuschreiben, eine Einstufung des Kulturgutes vorzunehmen und Prioritäten für eine Bergung von mobilem Kulturgut und den Schutz des immobilen Kulturgutes vor Ort festzulegen.

Beispiel Bildungsmanagement

Im Rahmen der Prävention und Vorsorge wird der Aus- und Fortbildung des für den Kulturgutschutz verantwortlichen Personals von Seiten des Bundes ein hoher Stellenwert beigemessen.
In der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des BBK werden seit mehr als einem Jahrzehnt gemeinsame Kurse für Verantwortliche aus Archiven, Bibliotheken, Museen, den Denkmalschutz- und Gefahrenabwehrbehörden sowie Hilfsorganisationen durchgeführt.
Die Kurse dienen der wechselseitige Sensibilisierung und Verbesserung der Planungs- und Handlungskompetenz im kulturgutspezifischem Krisen-/ Notfallmanagement und sollen die Kommunikation und Kooperation zwischen den Gefahrenabwehrbehörden und der kulturellen Einrichtung im Einsatzfall verbessern. Der methodisch- didaktische Zugang ist handlungsorientiert, praxis- und fallbezogen konzipiert und berücksichtigt besonders die Aspekte des vorbeugenden Katastrophenschutzes.
Im Zentrum stehen

  • Analysen und Bewertungen von konkreten Schadensfällen durch Erfahrungsberichte aus „Erster Hand“, z. B. Hochwasser- und Brandschäden an Archiven, Bibliotheken, Museen und Kirchen mit dem Ziel der Optimierung von Schadenbekämpfungs- und Schadenbegrenzungsmaßnahmen („Lessons learned“).
  • Exkursionen mit Besichtigung und Analyse exemplarischer schutzwürdiger Kulturgüter, z. B. Kölner Dom, Stadtmuseum Bad Neuenahr-Ahrweiler, im Hinblick auf praktische Schutzmaßnahmen für bewegliche und unbewegliche Kulturgüter mit dem Ziel der Verbesserung der Planungs- und Handlungskompetenz (Schutz vor Ort, Bergungskonzepte).
  • Vorstellung beispielhafter Planungen als Impuls für die Erstellung von objektbezogenen Gefahrenabwehr-/ Notfallplänen, die mit der Gefahrenabwehr abgestimmt sind und in ein Gesamtkonzept integriert sind, das auch Ausbildung, Training und regelmäßige Übungen umfasst.
Abb. 3: Analyse von Schutzmaßnahmen – Beispiel Weltkulturerbe „Kölner Dom“. (Bilder BBK)

Abb. 3: Analyse von Schutzmaßnahmen – Beispiel
Weltkulturerbe „Kölner Dom“. (Bilder BBK)

Ergänzend zu diesen Grundlagenseminaren haben sich spezielle Workshops, insbesondere „vor Ort“ für lokale und regionale Bedarfsträger, z. B. Notfallverbünde von Archiven, Bibliotheken und Museen, bewährt. Das Aus- und Weiterbildungsinteresse richtet sich hier auf eine gemeinsame Analyse und Risikoabschätzung regionaler Gefahrenlagen, die Kooperation mit den örtlichen Vertretern der Gefahrenabwehr (z. B. Feuerwehr, THW) sowie die Unterstützung bei der Entwicklung konkreter Notfallpläne.
Auch für Notfallverbünde erleichtern gleich strukturierte Pläne die Unterstützung der von einem Notfall betroffenen kulturellen Institution durch Personal und Ressourcen. Sie helfen, Missverständnisse und Reibungsverluste in der Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Gefahrenabwehr zu vermeiden und die knappen Ressourcen gezielt einzusetzen.

Alarmierungs-, Einsatz- und Stabsübungen auf verschiedenen Führungsebenen, in denen Szenarien mit gefährdetem Kulturgut, z. B. im Rahmen von Hochwasserszenarien trainiert werden, ergänzen im Bildungsangebot die Sensibilisierungsmaßnahmen und Etablierung des Kulturgutschutzes im Krisenmanagement.

 

Dr. rer. nat. Dorothee Friedrich

Dr. rer. nat. Dorothee Friedrich

Dr. rer. nat. Dorothee Friedrich

1973 – 1979: Studium der Lebensmittelchemie und Hauptprüfung für Lebensmittelchemiker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU)
1980 – 1986: Promotionsstudium Biochemie/Tätigkeit als Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Biochemie der WWU
1986: Promotion zum Dr. rer. nat. im Hauptfach Biochemie, Nebenfächer Lebensmittelchemie/Mikrobiologie
1983: Erste Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe II in den Fächern Lebensmittelchemie/Chemie
1986: Zweite Staatsprüfung
Seit 1986: Lehrbereichsleiterin ABC-/Veterinärwesen an der Katastrophenschutzschule des Bundes in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Seit 2002 Leiterin des Fachbereiches „Spezialwissenschaften im Bevölkerungsschutz“ des jetzigen Fachbereich Wissenschaft, Technik und Gesundheit, an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und  Zivilschutz (AKNZ), der die Fachgebiete CBRN-Gefahrenmanagement, Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz, Psychosoziales Krisenmanagement, Veterinärmedizin, Informations- und Kommunikationsmanagement sowie Kulturgutschutz umfasst