Der folgende Beitrag gibt eine Momentaufnahme zum Thema „Sicherheit von Großveranstaltungen“ wieder und zeigt einen praktikablen Weg für die Genehmigungsbehörden, die Behörden der polizeilichen und nicht polizeilichen Gefahrenabwehr als auch für die Veranstalter für die Planung

und Genehmigung von Großveranstaltungen auf.

Wo stehen wir heute?

Wenn vom 08. Juni bis 01. Juli 2012 in Polen und in der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen wird, erinnern wir uns alle gerne wieder an die emotionalen Momente bei den zahllosen Fanfesten während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.
Nicht nur in unseren Großstädten, die teilweise Austragungsorte von Spielen waren, sondern auch in den regionalen Kommunen war die Begeisterung weithin spürbar.
Tausende Besucher, tolle Örtlichkeiten, gutes Wetter und die ausgelassene Stimmung waren/sind Garanten für eine erfolgreiche Großveranstaltung.
Leider wurde dieses Bild durch die schrecklichen Ereignisse der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli 2010, bei der 21 Menschen ihr Leben verloren haben, abrupt beendet.
Die Frage nach der Ursache für diese Katastrophe konnte bis heute noch nicht abschließend beantwortet werden.
Das Interesse nach der Frage der Sicherheit von (Groß-)Veranstaltungen hat seit den Ereignissen von Duisburg nochmals deutlich an Fahrt aufgenommen. Diese Tatsache ist nicht nur im Veranstalterbereich deutlich spürbar. Auch bei den Genehmigungsbehörden (

Bauaufsichtsbehörden und Ordnungsämter), den Brandschutz- und Katastrophenschutzdienststellen sowie bei den Behörden der polizeilichen Gefahrenabwehr ist ein vermehrter Abstimmungs- und Fortbildungsbedarf festzustellen. Die Angst, dass sich eine derartige Katastrophe nochmals wiederholen könnte, spielt sicherlich bei allen Beteiligten und den Verantwortungsträgern eine nicht unerhebliche Rolle. Jeder stellt sich hierbei auch die Frage: „Habe ich alle wichtigen Punkte für die sichere Durchführung einer Großveranstaltung beachtet?“
In der Landeshauptstadt München werden jedes Jahr mehr als 2 000 Veranstaltungen durchgeführt. Neben der Bundeshauptstadt Berlin ist die Stadt München die Stadt in der Bundesrepublik mit den meisten Veranstaltungen. Die größte Herausforderung stellt aus sicherheitstechnischer Sicht zweifelsohne das größte Volksfest der Welt, das Oktoberfest, dar.
Diese Aspekte machen die Beamten der Abteilung „Einsatzvorbeugung“ der Münchner Feuerwehr zu gefragten Ansprechpartner im gesamten Bundesgebiet, wenn es um das Thema „Sicherheit bei Großveranstaltungen“ geht.
Wie eine (Groß-)Veranstaltung „sicher“ gemacht werden kann, wird derzeit in den 16 Bundesländern mit ca. 80 Großstädten und über 11 000 Gemeinden nach den jeweils örtlichen Vorschriften und Gegebenheiten, Erfahrungen und G

epflogenheiten von den zuständigen Behörden unterschiedlich definiert.

Was haben wir bisher getan?

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Bild 1: Public Viewing im Olympiapark 2006.
(Bild: Branddirektion München)

Im Nachgang zur Loveparade in Duisburg wurde im Herbst 2010 im Bayerischen Staatsministerium des Inneren eine Arbeitsgruppe gegründet. Neben Vertretern der Kreisverwaltungsbehörden und Kommunen, der Bauaufsichtsbehörden, der Polizei und Rettungsdienste, war auch die Branddirektion München als Vertreter für die Bayerischen Feuerwehren sowie aufgrund ihrer Fachkenntnisse und Arbeit als Fachbehörde bei der Genehmigung von Großveranstaltungen in dieser Arbeitsgruppe vertreten.
Im Frühjahr 2011 wurde durch die Branddirektion München in Zusammenarbeit mit dem Veranstaltungs- und Versammlungsbüro des Kreisverwaltungsreferates die Handreichung „Sicherheit von Großveranstaltungen“ fertiggestellt und veröffentlicht. Ziel der Handreichung war es, allen an einer Großveranstaltung Beteiligten eine einheitliche Arbeitsgrundlage sowohl für die Planung, die Genehmigung als auch für die Durchführung von Großveranstaltungen zu geben.
Um den Bedürfnissen der unterschiedlichen Interessensgruppen gerecht zu werden, wurde sowohl für die Gruppe der „Veranstalter“ als auch für die Gruppe „Sicherheitsbehörden, Polizei und Brandschutzdienststellen“ ein eigenständiger Teil erarbeitet und auf den Internetseiten der Feuerwehr München (www.feuerwehr.muenchen.de) sowie auf der Homepage der „Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren Bund – AGBF Bund“ (www.agbf.de) veröffentlicht.
Die in der Handreichung aufgeführten Punkte fassen alle wichtigen Parameter zur Planung, Genehmigung und zur sicheren Durchführung von Großveranstaltungen zusammen und beschreiben den praktizierten „Münchner Weg“. Es ist jedoch nicht Ziel, die bestehenden gesetzlichen Regelungen und Veröffentlichungen zur sicheren Durchführung von Großveranstaltungen zu ersetzen oder zu korrigieren.
Veranstaltungen in genehmigten Versammlungsstätten sind bereits hinsichtlich der Risikobeurteilung baurechtlich geprüft, so dass eine umfassende Anwendung der Handreichung entbehrlich scheint, solange die Nutzung der Genehmigung entspricht und nicht über den üblichen Umfang hinausgeht.
Ziel der Handreichung ist es vor allem, den Veranstaltern und Behörden bei spontan oder regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen ohne festgelegte Organisation, wie z. B. Silvester-Feiern in Fußgängerzonen oder Feiern während oder nach Fußballspielen, einen „roten Faden“ zu geben. Diese Veranstaltungen sind schwieriger zu handhaben, da in der Regel ein Veranstalter als Verantwortlicher fehlt. Dennoch ist die Kommune verpflichtet, entsprechende Vorkehrungen zur Schadensvermeidung, -begrenzung und -vorsorge zu treffen.

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Abb_2_Sicherheit bei Großveranstaltungen_web

Wann wird eine Veranstaltung zur ­Großveranstaltung?

Die Infrastruktur einer Gemeinde ist auf die Einwohnerzahl, den üblichen Pendlerverkehr und ggf. den Tourismus ausgelegt. Sofern diese Planungsgröße nicht im Wesentlichen überschritten wird, kann die An- und Abreise in der Regel gut organisiert werden. Die Versorgung ist sichergestellt und die Gefahrenabwehr (Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst) ist entsprechend dimensioniert. Erfahrungsgemäß können Veranstaltungen mit einer Besucherzahl, die ein Drittel der Einwohnerzahl nicht übersteigt, aus diesen Gesichtspunkten heraus sicher bewältigt werden.
Die Definition einer Großveranstaltung kann daher aus Sicht der Feuerwehr München nicht alleine an der zu erwartenden Besucher-/Teilnehmerzahl festgemacht werden. Entscheidend ist hierbei, ob ein erhöhtes Gefahren- und/oder Konfliktpotential vorliegt, so dass immer eine

Einzelfallabschätzung erforderlich ist (Abb. 1).

Hierzu sind insbesondere folgende Kriterien zu bewerten:

  •  Zahl der Besucher/Teilnehmer,
  • Verhältnis der Besucher-/Teilnehmerzahl zur vorhandenen Infrastruktur (Gemeindegröße, Verkehrsanbindung, u. a.),
  • Veranstaltungsort (Lage und Ausgestaltung, genehmigte Versammlungsstätte, neue (unbekannte) Örtlichkeit),
  • Infrastruktur am Veranstaltungsort (Zuwegung, Verkehrsanbindung, Anwohner/Anlieger, Konfliktpotential u. a.),
  • Art der Veranstaltung (Alter der Besucher, Alkoholkonsum, Aggressionspotential, Konfliktpotential der Teilnehmer, politische oder religiöse Motivation),
  • erwartetes Besucherverhalten (Hooligangruppen u. a.),
  • zu erwartende Umwelt- und Wettereinflüsse.

Risiko- und Gefährdungsbeurteilung einer Großveranstaltung

Einführung

Grundlage aller sicherheitstechnischen Einschätzungen (behörden- wie veranstalterseits) soll neben der Beurteilung und Bewertung aufgrund rechtlicher Vorgaben stets eine Risikobeurteilung sein. Die Eintrittswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit des Schadensausmaßes bestimmen hierbei die maßgeblichen Faktoren zur Identifizierung des Risikos.
Die Ergebnisse der Risikobeurteilung stellen für den Veranstalter die Grundlage für sein Sicherheitskonzept dar. Seitens der Behörden fließen die Ergebnisse in Vorbereitungsmaßnahmen, Einsatzplanungen und Genehmigung der Antragsunterlagen ein.

Aus der Risikobeurteilung ergeben sich folgende Einstufungen:

  • vernachlässigbares und akzeptierbares Risiko (grün),
  • mit Auflagen akzeptierbares Risiko (gelb),
  • nicht akzeptierbares Risiko (orange) (Abb. 2).

Nur bei Vorliegen von vollständigen und prüffähigen Veranstaltungsunterlagen, einschließlich eines notwendigen oder behördlich geforderten Sicherheitskonzeptes des Veranstalters, kann eine sachgerechte und abgestimmte Prüfung erfolgen. Hierauf sollte bereits beim ersten Kontakt mit dem Veranstalter hingewirkt werden. Eine rechtliche Vorgabe gibt es derzeit jedoch nicht.
Erst mit Vorliegen der vollständigen und aussagekräftigen Unterlagen ist eine umfassende Prüfung möglich. Fehlende oder unzureichende Unterlagen sollten zeitnah nachgefordert werden.

Einflussfaktoren

Die Risikobeurteilung beinhaltet eine Wahrscheinlichkeitsbewertung und die Betrachtung möglicher Schadensursachen. Um diese einschätzen und hinreichend beurteilen zu können, muss das Veranstaltungskonzept bekannt sein. Gerade bei der Einstufung, was „akzeptierbar“ ist und „was unter Auflagen akzeptierbar ist“, sind weitere Einflussfaktoren von Bedeutung. Im nachfolgenden Abschnitt werden die möglichen Einflussfaktoren kurz skizziert.

Rechtsnormen

Vorhandene Rechtsnormen sind zu beachten bzw. im Falle einer Abweichung ist die gleiche Sicherheit nachzuweisen. Bei einer Abweichung von materiellen Vorgaben technischer Baubestimmungen reicht allein der Nachweis der gleichen Sicherheit aus. Bei der Abweichung von Gesetzen und/oder Rechtsnormen ist ggf. formell eine Abweichung erforderlich.

Methoden des ingenieurmäßigen Brandschutzes

Diese Methoden können zum Nachweis einer raucharmen Schicht, einer gesicherten Evakuierung oder des Feuerwiderstandes von Bauteilen herangezogen werden, um Abweichungen von baurechtlichen Vorgaben zu begründen oder um eine Gefahrenbeurteilung zu quantifizieren.
Es ist jedoch sicherzustellen, dass die Eingangsparameter schlüssig sind und beim Nachweis möglichst zwei Rechenmethoden zur Verifizierung der Ergebnisse angewendet werden. Gleichfalls muss die Unabhängigkeit gesichert sein.

Veranstalterinteressen

Für die Durchführung einer sicheren Veranstaltung ist grundsätzlich der Veranstalter verantwortlich. Mögliche daraus resultierende finanzielle Belastungen für den Veranstalter sind daher frühzeitig in die Kalkulation mit einzubeziehen.
Möglicherweise ist das Sicherheitsniveau des Veranstalters auch weit höher, als seitens der Sicherheitsbehörden gefordert wird (z. B. Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften, Veranstalterimage).

Verstärkende Faktoren

Bei Großveranstaltungen ist jeweils ein großes Medieninteresse zu verzeichnen. Dies kann für mögliche Störer, Aktivisten, Selbstdarsteller u. a. Motivation sein, um medienrelevante Aktionen zu initiieren.
Gleichfalls kommt die Anwesenheit vieler Besucher hinzu, die somit zur Masse werden und im Sinne eines Massenphänomens die Dynamisierung sonst unkritischer Situationen hervorbringt. Dies kann ggf. durch entsprechenden Alkohol- und Drogenkonsum noch potenziert werden.

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Abb. 3: Ablauf der Risikobewertung

 

 

 

Schadensfälle

Bei der Planung von Großveranstaltungen sollten grundsätzlich nachfolgend aufgeführte mögliche Schadensfälle berücksichtigt werden, die ggf. um veranstaltungsspezifische Szenarien ergänzt werden müssen:

  • Gedränge in Räumen bzw. auf dem Gelände,
  • Überfüllung von Räumen bzw. des Geländes,
  • Brand, Gasausströmung, Unfälle,
  • Einsturz von Bauteilen,
  • Unwetter, Stromausfall und sonstige technische Störungen,
  • Gefahr durch gewaltbereite Besucher/Teilnehmer (z. B. Hooligans, Extremisten),
  • Amokfahrt, Bedrohung einzelner schutzbedürftiger Personen,
  • Anschläge mit unkonventionellen Spreng- und/oder Brandvorrichtungen (einschließlich radioaktiven Stoffen),
  • Massenerkrankungen,
  • Ausfall öffentlicher Personennahverkehr (z. B. durch Personenschäden).

Die Zahl der aufgeführten Schadensfälle ist hierbei nicht abschließend.

Eintrittswahrscheinlichkeit

Bei zahlreichen denkbaren Schadensfällen (z. B. Anschlagsszenarien) wird im Regelfall die Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit mit als „vernachlässigbar“ möglich sein.
Eine grundsätzliche Betrachtung ist dennoch erforderlich, da sich die Bewertung rasch ändern kann. Auch wenn sich ein Anschlagsszenario nur schwer verhindern lässt, so ist es dennoch möglich, die Auswirkungen auf Primärschäden (unmittelbar Betroffene) zu begrenzen und Sekundärschäden an nicht unmittelbar betroffene Personen durch die Sicherstellung ausreichend dimensionierter Rettungswege zu verhindern.

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Wo wollen wir hin?

Der 1. März 2012 war der Startschuss für das Forschungsvorhaben „BaSiGo – Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Die Branddirektion München vertritt als kompetenter Ansprechpartner u. a. die Belange der deutschen Feuerwehren. Einen besonderen Schwerpunkt richten wir dabei auf die Interessen von kleinen Kommunen, die in Sicherheitsbelangen und der Gefahrenabwehr nicht so aufgestellt sind wie größere Kommunen und Großstädte.
Neben der Berliner Feuerwehr beteiligen sich die Polizei, die Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz sowie diverse Lehrstühle der Bergischen Universität Wuppertal und andere Institutionen bei der Erforschung der für die Sicherheit von Großveranstaltung relevanten Themen.
Mit diesem Forschungsvorhaben erhoffen wir uns erstmals die Etablierung deutschlandweiter Standards für die Planung, Prüfung und Genehmigung von Großveranstaltungen. Nach Ende dieses Projektes im Frühjahr 2015 soll in allen deutschen Gemeinden die Sicherheit einer (Groß-)Veranstaltung grundsätzlich gleich definiert und eine Basis für eine weitgehend einheitliche Bearbeitung geschaffen sein.

Anschrift des Verfassers:

Schaeuble Wolfgang  2009_04_14_064_web

 

 

 

Dipl.-Ing. Wolfgang Schäuble
Oberbranddirektor
Branddirektion München
An der Hauptfeuerwache 8
80331 München

Oberbranddirektor Dipl.-Ing. Wolfgang Schäuble
geb. am 24. August 1962 in
Radolfzell am Bodensee

1985 – 1992: Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Universität Kaiserslautern
1992 – 1994: Ausbildung zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst als Brandreferendar der Branddirektion München
1994 – 1997: Abschnittsleiter in der Abteilung Vorbeugender Brandschutz, persönlicher Mitarbeiter des Dienststellenleiters der Branddirektion München
1997 – 2004: Abteilungsleiter Einsatz bei der Branddirektion München
Seit 2005: Leiter der Branddirektion München und Leiter der Gefahrenabwehr des Katastrophenschutzes in der Landeshauptstadt München
Seit 2006: Vorsitzender des Arbeitskreises Grundsatzfragen (AK-G) der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren Bund (AGBF Bund)