Die zivile Sicherheitsforschung ist bekanntermaßen eine verhältnismäßig junge Disziplin. Lange Zeit war dieser Zweig von militärischen Anforderungen dominiert und die Akteure mit entsprechender Finanzkraft ausgestattet. Zivile Anwendungen ergaben sich häufig lediglich als Nebenprodukte der militärischen Forschung. Der Wandel, der sich dabei in der letzten Dekade vollzogen hat, ist allerdings immens: Die veränderte Bedrohungslage mit einer sich in Europa immer weiter abschwächenden Gefahr militärischer Konflikte, aber zugleich einer wachsenden Gefahr durch asymmetrische Gefährdungen, haben dazu geführt, dass verstärkt in die zivile Sicherheitsforschung investiert wird.

Diverse Förderprogramme auf nationaler und europäischer Ebene, so z. B. das Rahmenprogramm „Forschung für die zivile Sicherheit“ der Bundesregierung oder das 7. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union mit seinem in Aussicht stehenden Nachfolger „Horizon 2020“, zeugen von der weiterhin steigenden Bedeutung der zivilen Sicherheitsforschung.

Forschung soll dabei kein Selbstzweck sein, sondern muss sich am konkreten Bedarf orientieren – dies wird so oder in ähnlicher Form von den meisten Förderinstrumenten gefordert. In der Regel ergibt sich daraus, dass Sicherheitsforschung meist gemeinschaftlich und weitgehend gleichberechtigt in Konsortien aus (universitären oder außeruniversitären) Forschungseinrichtungen, Unternehmen aus der freien Wirtschaft und Endanwendern durchgeführt wird – zumindest im Idealzustand. Erreicht ist dieser Zustand allerdings noch nicht. Während Forschungseinrichtungen und Unternehmen der Wirtschaft mit Instrumenten der Forschungsförderung bereits seit geraumer Zeit vertraut sind und das Einwerben von Drittmitteln selbstverständlich ist, müssen sich die Organisationen der Gefahrenabwehr darauf noch stärker einstellen.

Struktur der Gefahrenabwehr in Deutschland

In Deutschland ist die Organisation der Gefahrenabwehr dabei vergleichsweise komplex. Neben der das System kennzeichnenden und aus der Historie begründeten strikten Trennung
zwischen polizeilicher Gefahrenabwehr und nichtpolizeilicher ist das deutsche System vom Föderalismus und der Subsidiarität gekennzeichnet. Die Führungsverantwortung bleibt auch im Bereich großer katastrophenartiger Schadenslagen in der Regel auf der Ebene der Landkreise bzw. der kreisfreien Städte. Die in manchen Landesgesetzen vorgesehene Möglichkeit der Übernahme der Einsatzleitung durch höhere Instanzen ist dabei eine meist theoretische Option. Die Länder treffen zentrale Regelungen zur Strukturierung der Gefahrenabwehr und unterstützen sowie koordinieren übergeordnete Bedarfe. Auch der Bund unterstützt die kommunale Ebene im Katastrophenfall, z. B. durch Kräfte der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, die sich dabei der Einsatzleitung unterstellen, sie aber selbst nicht übernehmen (können). In der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle stellen die durchweg kommunal organisierten öffentlichen Feuerwehren die Einsatzleitung. Darüber hinaus sind die Feuerwehren aber auch in Bezug auf die Zahlen der Einsatzkräfte die weitaus stärkste Organisation im Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. So stark, so führend und so prägend sie im Einsatz auch sind: Im Bereich der Forschung sind die Feuerwehren derzeit aber noch unterrepräsentiert.

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„Solution looking for a problem … ?“

Innovationen können aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie von den späteren Anwendern akzeptiert werden. Es ist daher konsequent, dass sich die Feuerwehren mit ihrer Expertise auch in den Bereich der Forschung stark einbringen. Aber gerade weil sie kommunale Einrichtungen (und damit im Vergleich zu Landes- oder Bundeseinrichtungen eher klein) sind, fällt es Feuerwehren häufig schwer, sich dauerhaft zu engagieren: Forschung ist auch keine gesetzliche Pflichtaufgabe, und so fällt es gerade in Zeiten knapper Kassen schwer, sich hier zu engagieren. Man läuft hierdurch allerdings Gefahr, den Anschluss zu verpassen: Die zur Verfügung stehenden Förderinstrumente werden dann von denen genutzt, die sich organisieren und Anträge platzieren können. Durch eine eher passive Rolle werden Feuerwehren auf diese Weise oft als (notwendiger) Endanwender erst so spät in Konsortien genommen, dass ein inhaltlicher Einfluss auf die Forschung gar nicht mehr möglich ist. In sicherlich gutem Glauben entwickelte Lösungen, die aber am Bedarf der Gefahrenabwehr vorbeigehen oder deren Strukturen nicht angemessen berücksichtigen, werden damit im schlechtesten Fall durch die eigene Zunft auch noch goutiert.

Nutzen gemeinschaftlichen Engagements

Eine Lösung liegt darin, sich zusammenzuschließen. So hat z. B. die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in Nordrhein-Westfalen (AGBF NRW) einen eigenen Arbeitskreis Forschung eingerichtet, in dem sich nordrhein-westfälische Feuerwehren mit Interesse an der Forschung gegenseitig austauschen. Mit einem Positionspapier zum Forschungsbedarf im Bereich von Brandschutz und Hilfeleistung trägt der Arbeitskreis dazu bei, die Bedarfe der Endanwender darzustellen und leistet so eine Hilfestellung, die für potentielle Konsortien bereits in der Konzeptionsphase von Projekten eine wichtige Unterstützung sein kann. Mit Informationsveranstaltungen richtet der Arbeitskreis sich auch aktiv an potentielle Kooperationspartner: So wird beispielsweise mit dem nordrhein-westfälischen Feuerwehr-Hochschultag, der im Juni 2012 am Institut der Feuerwehr in Münster als zentraler Ausbildungseinrichtung im Land stattgefunden hat, das Ziel verfolgt, Forschungseinrichtungen über Struktur, Arbeitsweise und Forschungsbedarfe der Feuerwehren zu informieren. Auch die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e. V. (vfdb), deren Mitglieder aus Feuerwehren, Industrie und Forschung stammen, ist eine wichtige Plattform, um Interessen auszutauschen und Kontakte zu interessierten Feuerwehren herzustellen. Nicht zuletzt hat der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) die Bedeutung der Forschung für die Feuerwehren erkannt und trägt dem damit Rechnung, dass das Thema sich innerhalb der Geschäftsverteilung des Vorstandes nun wiederfindet.

Dezentralität tut gut

Es kann dabei aber nie das Ziel sein, zentrale Ansprechstellen zu schaffen, welche eine Forschungsarbeit auch inhaltlich vorstrukturieren bzw. Aufgaben verteilen. Dies würde den dezentralen Strukturen der Feuerwehren einerseits auch gar nicht gerecht. Es entspräche andererseits aber auch nicht dem wissenschaftlichen Selbstverständnis und dem grundsätzlichen Charakter der Forschung, die immer durch einen gesunden Wettstreit verschiedener Institutionen nach vorne getrieben wird. Es muss darum gehen, gemeinschaftlich Forschungsbedarfe für die Zukunft zu definieren, Förderprogramme inhaltlich mit zu gestalten und die Rahmenbedingungen für Endanwender in der Forschung zu verbessern. Oftmals scheitert der Wille zur Mitwirkung in der Forschung aber schon daran, dass es schwierig ist, projektbezogen auch vollständig refinanzierte Mitarbeiter in kommunalen Strukturen zu beschäftigen – vor allem auch, da es sich bei hauptamtlichen Feuerwehrangehörigen stets um verbeamtete Kräfte handelt.

Mehrwert außerhalb der Gefahrenabwehr

Ein Engagement der Feuerwehren in der Sicherheitsforschung geht aber auch über das Entwickeln neuer, für den Einsatz nützlicher, Technologien hinaus. Durch die Zusammenarbeit in Forschungsverbünden profitieren auch weitere Unternehmen und Einrichtungen, so dass – je nach Zusammensetzung der Forschungskonsortien – durchaus auch einzelne Regionen gestärkt werden können. Ein Engagement kann somit auch zum Standortvorteil werden – und zwar nicht nur durch die gesteigerte Reaktionsfähigkeit der Feuerwehren.

Beispiel IFR

Die Feuerwehr Dortmund ist bereits seit mehr als zehn Jahren im Bereich der (damals so noch nicht einmal begrifflich existierenden) zivilen Sicherheitsforschung aktiv. Schwerpunkte liegen dabei aktuell im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik, der Mechatronik und Robotik sowie der Organisations-, Führungs- und Entscheidungsunterstützung. Ausgehend von einigen einzelnen Projekten und auf Basis der bislang durchgeführten 16 Projekte mit Beteiligung der Feuerwehr Dortmund hat sich innerhalb der Feuerwehr mit dem Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) eine Struktur entwickelt, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglicht, welche über das Einbringen der reinen Endanwenderexpertise deutlich hinausgeht. Die Kombination von wissenschaftlichem Personal auf der einen Seite und der Beschäftigung feuerwehrtechnischer Mitarbeiter auf der anderen Seite ist dafür – neben den zur Projektabwicklung dauerhaft erforderlichen administrativen Strukturen im Hintergrund – eine wesentliche Voraussetzung. Die Rolle innerhalb der Projekte reicht dabei bis hin zur Koordination von Forschungsverbünden. Eine lebendige Kooperation mit der Dortmunder Wirtschaftsförderung sowie der Industrie- und Handelskammer zeigen den Nutzen, den die Forschung auch außerhalb der Feuerwehr bringt. So werden aufstrebende Unternehmen unterstützt und Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft generiert.

Fazit

Wer die Technologien, mit denen er in zehn Jahren im Einsatz arbeiten wird, beeinflussen und gestalten möchte, tut gut daran, sich bereits heute an der Forschung dazu zu beteiligen.

Anschrift des Verfassers:
Dr.-Ing Hauke Speth
Städt. Branddirektor
Feuerwehr Dortmund
Steinstraße 25
44122 Dortmund
E-Mail: ifr@stadtdo.de
www.feuerwehr.dortmund.de

Dr.-Ing. Hauke Speth
geb. am 6. Juli 1971 in Kiel

  • 1990 – 1992: Reserveoffiziersausbildung bei der Bundeswehr (Pioniertruppe)
  • 1992 – 1998: Studium des Maschinenwesens (Schwerpunkt Verfahrenstechnik) an der RWTH Aachen
  • 1998 – 2002: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Thermische Verfahrenstechnik der RWTH Aachen
  • 2002 – 2004: Brandreferendar der Feuerwehr Dortmund
  • Seit 2004: Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung der Feuerwehr Dortmund
  • Seit 2011: Leiter des Institutes für Feuerwehr- und Rettungstechnologie der Feuerwehr Dortmund (IFR)