SOGRO (Sofortrettung bei Großunfall) ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Forschungsprojekt für die Erstversorgung von Unfallopfern insbesondere beim MANV (Massenanfall von Verletzten).

Ziel des Projekts ist eine bessere medizinische Erstversorgung und ein effektiveres Vorgehen der Rettungskräfte bei Großunfällen. Erforscht werden neue Ansätze, wie bei einem Großunfall (mit Hunderten von Verletzten) möglichst viele Menschenleben gerettet und Verletzte optimal versorgt werden können.

Im Mittelpunkt steht die Verkürzung der ersten, potentiell chaotischen Phase bis zum Beginn des Transports der Verletzten in Krankenhäuser. Kernpunkt ist die neuartige Triagierung (Sichtung und Einteilung der Verletzten in Dringlichkeitskategorien) mit Funk-Etiketten in farbigen (Arm-)Bändern für die Verletzten statt der bisherigen Verletztenanhängekarten.
Die Herausforderung des Projektes SOGRO liegt darin, schneller und detaillierter als das herkömmliche papierbasierte Verfahren zu sein und die in Gefahrensituationen unabdingbare Zuverlässigkeit, Fehlerfreiheit, Robustheit und einfache Bedienbarkeit zu steigern.

Der sich durch SOGRO ergebende Zeitgewinn, die detaillierte Gesamtübersicht und der integrierte Informationsfluss zwischen den Beteiligten verbessern die Erstversorgung wesentlich und können somit zur Rettung von Menschenleben beitragen.

Durch den Einsatz moderner Informationstechnologie wird eine durchgängige Informationskette aufgebaut: Von der Erfassung, Sichtung und Versorgung der Verletzten, der Nachverfolgbarkeit von Transportwegen bis hin zur Klinikaufnahme.

Eine Begleitforschung behandelt rechtliche, soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Fragen. Als Koordinator fungiert das Deutsche Rote Kreuz, Bezirksverband Frankfurt.

Erprobungsphase

Im Rahmen der SOGRO-Erprobung fand am 9. Oktober 2010 die größte Rettungsübung der letzten Jahrzehnte im Rhein-Main-Gebiet unter der Bezeichnung „SOGRO MANV 500“ statt. Federführend für die Übung waren die Stadt Frankfurt am Main und das Deutsche Rote Kreuz Frankfurt am Main. Die Fraport AG verband mit der Aktion ihre alle zwei Jahre stattfindende Notfallübung nach den Richtlinien der internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO.

Übungsszenario

Das Übungsszenario umfasste eine Kollision zweier Flugzeuge mit über 500 Passagieren auf der Landebahn Nordwest. Im Rahmen dieser Übung sollten sowohl das Zusammenspiel von medizinischer Versorgung, Transport der Schwerverletzten und die Unterbringung in Krankenhäusern geprobt als auch die Einbindung der Sicherheitsbehörden optimiert werden. Die Übung lief in einem realen Zeitrahmen ab. Somit wurde gleichzeitig der Einsatz einer elektronischen Infrastruktur erprobt, die es ermöglichte, erforderliche Patientendaten in Echtzeit zur Verfügung zu stellen.

„SOGRO MANV 500“ fand außerhalb der Betriebsabläufe des Flughafens statt, der Luftverkehr, der Fahrplan des ÖPNV und der Betrieb der Krankenhäuser wurden nicht beeinträchtigt.
Das Ergebnis bestätigte die Wirksamkeit der elektronischen Triage (deutlicher Zeitgewinn bzgl. Übersicht der Verletztenanzahl und der Verletzungsmuster) und die Übersicht vorhandener Krankenhausbetten direkt am Schadensort. Da bisher noch nie 250 Patienten unter Realbedingungen (Blaulicht) transportiert wurden, war das Ergebnis eine Überraschung für alle Beteiligten. Obwohl der Frankfurter Flughafen ca. 16 km von Frankfurt entfernt ist, waren alle 250 Transporte nach 2,75 Stunden abgeschlossen.

Weiterentwicklungen

Zahlreiche Weiterentwicklungen, wie GPS-Verfolgung der Rettungsfahrzeuge, elektronische Rückmeldung aus den Krankenhäusern bzgl. wechselnder Zahlen von belegten Betten, wurden in der darauf folgenden Zeit vorgenommen. Für den endgültigen Test aller Neuerungen wurde dann am 25. Februar 2012 erneut eine Rettungsübungen unter der Bezeichnung „SOGRO MANV 250“ durchgeführt.

In einer Ballsporthalle wurde der Einsturz einer Tribüne als Übungsszenario simuliert. Auch hier konnten eindeutig die Punkte

    • zeitgleiche und sofortige Information aller Beteiligten im Minutentakt,
    • sofortige Übersicht der vorhandenen Krankenhausbetten,
    • Übersicht der Gesamtbettenanzahl der Stadt Frankfurt,
    • schnellere Übersicht der Verletzten (Verletzungsmuster) und somit Zeitgewinn beim Abtransport (Schwerstverletzte zuerst)

positiv demonstriert werden.

Die auf den PDA’s (Persönlicher Digitaler Assistent) der Rettungsassistenten laufende Software ist vom Projektpartner Atos speziell für SOGRO entworfen und implementiert worden. Die Einsetzbarkeit dieser Software in Krisensituationen für Nicht-IT-Fachpersonal ist ein wesentlicher Akzeptanzfaktor für SOGRO.

Transportkoordination

Die Anbindung der Krankenhäuser über die entwickelte SOGRO-Server-Software (TriageDataCenter) ermöglicht die Berücksichtigung der aktuellen Aufnahmekapazitäten der Krankenhäuser bei der Disponierung der Rettungstransportwagen schon in der Einsatzleitung am Schadensort. Da nun auch Patienten erfasst werden können, die unabhängig vom SOGRO-Schadensfall im Krankenhaus aufgenommen werden, haben die Transportkoordinatoren an der Schadensstelle Zugriff auf die tatsächlich zur Verfügung stehenden Betten.

Durch GPS-Lokalisation können auch die Geräte und somit die Fahrzeuge, in denen sich ein Gerät befindet, lokalisiert werden. Die Darstellung dieser Informationen in einem Geo-Informationssystem (GIS) verbessert die Übersicht über die Schadenslage.

Die exakte und frühestmögliche Alarmierung von weiteren Rettungskräften und Krankenhäusern ist bei Großschadensereignissen unterstützt die Entscheider maßgeblich.

Ausblick

Derzeit läuft in Frankfurt ein Feldversuch, bei dem sowohl das Rote Kreuz Frankfurt als auch die Feuerwehr der Stadt Frankfurt das Programm SOGRO auf einem PDA im täglichen Einsatz testet. Hierbei geht es darum zu sehen, wie die Mitarbeiter im täglichen Einsatz mit einem solchen Programm umgehen und ob z. B technische Probleme beim Einsatz auftreten. Diese werden dann sofort kommuniziert und durch EDV-Fachleute so schnell als möglich (am gleichen Tag) beseitigt.

Das Forschungsprojekt endet offiziell im Januar 2013. Eine anschließende (2013) Programmeinführung bei der Feuerwehr der Stadt Frankfurt ist vorgesehen.

Dem Projekt-Konsortium gehören an:

  • Deutsches Rotes Kreuz, Bezirksverband Frankfurt
  • Atos IT Solutions and Services GmbH, C-LAB, ­Paderborn
  • Andres Industries AG, Berlin
  • Universität Freiburg, Freiburg im Breisgau
  • Universität Paderborn, C-LAB, Paderborn
  • Universität Stuttgart, Institut für Flugzeugbau (IFB), Stuttgart

Lesen Sie mehr zum Thema MANV in der nächsten Ausgabe der CP.

Autoren:
Prof. Dr. Leo Latasch, Mario Di Gennaro

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Leo Latasch
Amt für Gesundheit
Breite Gasse 28
60313 Frankfurt/Main­

Prof. Dr. med. Leo Latasch
geb. 1952 in Offenbach

  • 1974 – 1981: Studium der Humanmedizin in Frankfurt/Main
  • 1981 – 1985: Beginn in der Anästhesieabteilung der Uniklinik Frankfurt
  • 1985: Facharzt für Anästhesie und Wiederbelebung. Zusatzausbildung am Schmerzzentrum in Mainz.
  • 1987 – 1989: Angestellter Facharzt für Anästhesie an der BGU (Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik) in Frankfurt.
  • 1989: Habilitation
  • 1992 – 2004: Oberarzttätigkeit im Institut für Anästhesiologie und Schmerztherapie des Krankenhaus Nordwest, Frankfurt/Main
  • 2005: Ärztlicher Berater Notfall­medizin (Gesundheitsamt Frankfurt/Main)
  • Seit 2006: Übernahme der ärztlichen Leitung Rettungsdienst (ÄLRD) für die Stadt Frankfurt beim Amt für Gesundheit
  • Seit 2009: Ausbildung im European Community Civil Protection Mechanism (bisher CMI, OMC, ICC und MBC)
  • Zusatzbezeichnung in Notfall­medizin, Sportmedizin, spezielle Schmerztherapie und sucht­medizinische Grundversorgung
  • Seit 20 Jahren Mitglied der Frankfurter LNA (Leitender Notarzt) ­Gruppe