Die Anschläge des 11. September 2001 und Folgeereignisse wie Madrid 2004, London 2005 und Norwegen 2011 haben vor Augen geführt, wie verletzlich eine offene demokratische Gesellschaft ist. Betrachtet man die jüngsten Epi- und Pandemien (Vogelgrippe, Schweinegrippe, EHEC) oder die Drohungen mit dem Einsatz von chemischen Waffen, so wird deutlich, dass auch CBRN-Bedrohungen durch chemische, biologische, radiologische und nukleare Materialien durch Unfälle oder Terrorismus eine moderne Gesellschaft immer wieder vor neue Herausforderungen stellen.

Einführung

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Der Lehrbereich „Spezialwissenschaften im Bevölkerungsschutz“ definiert sich innerhalb der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) als interdisziplinärer Lehrbereich mit naturwissenschaftlicher, technischer, CBRN-Gefahrenmanagement,medizinischer sowie geistes- und sozialwissenschaftlicher Ausrichtung.

Folgende Fachdisziplinen, in denen Seminare, Workshops, Tagungen sowie nationale und internationale Sonderveranstaltungen angeboten werden, sind im Lehrbereich vertreten:

  • Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz,
  • Veterinärmedizin,
  • Psychosoziales Krisenmanagement,
  • Informations- und Kommunikationsmanagement,
  • Kulturgutschutz.

Im interdisziplinären Team des Lehrbereichs sind entsprechend der Aufgaben in den einzelnen Fachgebieten Wissenschaftler und Techniker aus den Bereichen Chemie, Lebensmittel- und Biochemie, Biologie, Physik, Medizin, Psychologie, Pädagogik, Nachrichtentechnik sowie CBRN- / Brandschutz und Rettungsdienst vertreten.

Aufgabe des Lehrbereichs ist das Bildungsmanagement für die Zielgruppe der Führungskräfte, Multiplikatoren und Experten in diesen Fachdisziplinen im Bevölkerungsschutz, deren Beratungs- und Handlungskompetenz essentiell für die Planung und Durchführung fundierter Maßnahmen in den Führungsgremien aller Ebenen im Krisenmanagement ist.

Zielsetzung ist es, durch Aus-, Fort- und Weiterbildung, inkl. praktischem Training, die Handlungs- und Beratungskompetenz der Zielgruppen im Bereich der Prävention, Vorsorge, Schadensbewältigung und Nachsorge – vor Ort sowie in den operativ-taktischenund administrativ-organisatorischen Führungsgremien – zu optimieren.

CBRN-Gefahrenmanagement

Um Lagen mit CBRN-Stoffen effizient bewältigen zu können, bedarf es eines umfangreichen Know-hows und Strukturen, die sowohl innerhalb einer Organisation als auch organisationsübergreifend funktionieren. Um diese Ziele erreichen zu können, muss CBRN-Experten / -Führungskräfte / -Multiplikatoren, auch die Aus- und Fortbildung die fachdienst-, ressort- und länderübergreifenden Aspekte berücksichtigen.

Zielgruppen sind

    • Fachberater aus Fachbehörden: Chemiker, Biologen, ­Physiker,
    • Feuerwehr-Führungskräfte,
    • Lehrkräfte der Landesfeuerwehrschulen,
    • Internationale CBRN–Experten.

An der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) werden im Bereich CBRN-Gefahrenmanagement – aufbauend auf der Ausbildung in den Ländern – Fortbildungsveranstaltungen in den Bereichen Strahlenschutz/Radiologie, Biologie und Chemie angeboten. Diese umfassen auch Seminare im Zusammenhang mit der ergänzenden CBRN-Ausrüstung des Bundes in den Bereichen Detektion, Identifikation und Dekontamination für Führungskräfte im CBRN-Schutz sowie für die zuständigen Lehrkräfte der Landesfeuerwehrschulen.

Organisationsübergreifend wird ein Basisseminar „Multiplikatoren der standardisierten ABC-Grundausbildung“ angeboten, in dem speziell für die Hilfsorganisationen die Grundlagen des CBRN-Schutzes vermittelt werden.

Spezialseminare werden zentral für den Bereich CBRN-Probenahme und für die Spezialeinheit Analytische Task Force (ATF) durchgeführt, in denen u. a. der Umgang und der Einsatz mit der bundeseigenen Ausstattung trainiert wird.

Als interdisziplinäres Seminar ist vor zwei Jahren ein Seminar für die gemischte Zielgruppe aus CBRN-Einsatzkräften und psychosozialen Fachkräften eingeführt worden, das sich mit den Besonderheiten und Erschwernissen der Psychosozialen Notfallversorgung in CBRN-Gefahrenlagen auseinandersetzt.

International wird seit 2012 von der AKNZ das Seminar „Introduction to the International CBRN Training Curriculum“ durchgeführt.

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Etablierung als CBRN-Trainingszentrum – national und ­international –
Beispiel: CBRN-Probenahme im Bevölkerungsschutz

In CBRN-Einsätzen kommt es immer wieder vor, dass eine Messtechnik für den freigesetzten Stoff vor Ort nicht sofort (C-Messtechnik) oder noch nicht mobil zur Verfügung steht (B-Messtechnik).
Um trotzdem Aussagen treffen und Einsatz- bzw. Folgemaßnahmen sinnvoll einleiten zu können, bedarf es einer Probenahme mit anschließender Laboranalytik, die z. B. mobil durch die ATF oder durch ein stationäres Labor bereitgestellt wird. Für die Analytik sind diese Einrichtungen auf eine standardisierte Probenahme angewiesen, die den notwendigen Qualitätsstandard liefert.
Um dies zu erreichen, wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes im Auftrag des Bundes eine Probenahmeausrüstung ent-wickelt und ein Handbuch „Empfehlungen für die Probenahme zur Gefahrenabwehr im Bevölkerungsschutz“ erarbeitet.

Auf dieser Grundlage werden seit 2011 an der AKNZ Workshops und Seminare zur standardisierten Notfallprobenahme angeboten. In diesen Schulungen erfolgt das Training in drei Schritten:

  1. Theoretische Erläuterung des Vorgehens an Fallbeispielen und praktische Einübung der Probenahmeabläufe für C, B und RN („Stationenlernen“).
  2. Einsatzübungen, bei denen die Teilnehmer unter Schutzbekleidung unterschiedliche Einsatzsituationen bewältigen sollen (Abb. 1).
  3. Evaluierung der Vorgehensweise in den Übungen.

Beispiel: International CBRN Trainer Course

Im Rahmen der Aufgaben des euro-atlantischen Koordinierungszentrums für Katastrophenhilfe (Euro-Atlantic Disaster Response Coordination Centre, EADRCC) werden in Ahrweiler seit 2012 internationale Kurse „Introduction to the International CBRN Training Curriculum“ – COURSE FOR TRAINERS OF FIRST RESPONDERS TO CBRN INCIDENTS“ durchgeführt.

Auf der Basis eines „International CBRN Training Curriculum“ sollen das Verständnis und die Handlungskompetenz der verschiedenen Erst­einsatzkräfte („First Responder“, insbesondere Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei, Zivilschutz, Militär) in zehn Lernfeldern, die sich auf CBRN-Einsätze beziehen, verbessert werden. Ziel des Kurses ist es, ein gemeinsames Grundverständnis für CBRN-Gefahren sowie Kommunikation, Zusammenarbeit und Interoperabilität in nationalen und internationalen CBRN-Katastrophenhilfe-Einsätzen (CBRN Disaster Response) zu fördern. Um dieses Ziel zu erreichen, wird ein Programm aus theoretischen Vorträgen, praktischen Trainingssequenzen und Übungen zusammengestellt, das viel Raum für Diskussion und Erfahrungsaustausch lässt und die Teilnehmer in diversen praktischen Übungen aktiv fordert. In Übungsmodulen werden die Rettung von Betroffenen aus der Gefahrenzone, Maßnahmen der Ersten Hilfe und die Dekontamination von Verletzten trainiert (Abb. 2).

Abgerundet wird der Kurs durch eine komplexe Einsatzübung („Table Top Exercise“) mit einem großmaßstäblichen Chemie- Szenario und einem radiologischen Ereignis („dirty bomb“), die von den Teilnehmern nochmals die Anwendung allen erworbenen Wissens und der zuvor eingeübten Verfahren fordert (Abb. 3).

Fazit CBRN-Gefahrenmanagement

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Sowohl die praktischen Gruppenübungen an wechselnden Stationen, um im Umgang mit der Spezialausrüstung und den Probenahme- oder Messverfahren vertraut zu werden, als auch die anschließenden komplexeren praktischen Übungen zur Bewältigung von Szenarien haben sich im Seminarbetrieb sehr bewährt. Dieser methodisch-didaktische Ansatz des handlungsorientierten Lernens („Learning by doing“) soll fortgesetzt und weiterentwickelt werden.

Lesen Sie in Ausgabe 1/2013 in der Fortsetzung mehr zu den Fachdisziplinen Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz und Veterinärmedizin.

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Dorothee Friedrich
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz
Lehrbereichsleiterin IV.4 – Spezialwissenschaften im Bevölkerungsschutz
Ramersbacher Str. 95
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
E-Mail: dorothee.friedrich@bbk.bund.de
www.bbk.bund.de

Dr. rer. nat. Dorothee Friedrich

  • 1973 – 1979: Studium der Lebensmittelchemie und Hauptprüfung für Lebensmittelchemiker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU)
  • 1980 – 1986: Promotionsstudium Biochemie / Tätigkeit als Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Biochemie der WWU
  • 1986: Promotion zum Dr. rer. nat. im Hauptfach Biochemie, Nebenfächer Lebensmittelchemie/Mikrobiologie
  • 1983: Erste Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe II in den Fächern Lebensmittelchemie/Chemie
  • 1986: Zweite Staatsprüfung
  • Seit 1986: Lehrbereichsleiterin ABC-/Veterinärwesen an der Katastrophenschutzschule des Bundes in Bad Neuenahr-Ahrweiler
  • Seit 2002 Leiterin des Lehrbereiches „Spezialwissenschaften im Bevölkerungsschutz“ an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ), der die Fachgebiete CBRN-Gefahrenmanagement, Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz, Psychosoziales Krisenmanagement, Veterinärmedizin, Informations- und Kommunikationsmanagement sowie Kulturgutschutz umfasst.