Im Durchschnitt erleben Menschen in Deutschland jedes Jahr einen Stromausfall von 15 – 20 Minuten. Dabei handelt es sich in der Regel um lokale Ausfälle von wenigen Minuten oder Stunden, verursacht durch Tiefbauarbeiten, Gewitterereignisse oder dergleichen. Meist ist die Stromversorgung rasch wieder hergestellt, der Ausfall nur eine kurze Störung im Alltag. Betroffene bewerten Stromausfälle rückblickend sogar als Chance, einmal zur Ruhe zu kommen – sie lesen in friedlicher Atmosphäre bei Kerzenschein ein Buch oder trinken Wein mit den Nachbarn.

So lange ein Ausfall kurz und kleinräumig bleibt, hält sich der Schaden in Grenzen. Dass ein flächendeckender Ausfall über einen längeren Zeitraum hingegen katastrophale Folgen mit sich bringen würde, ist spätestens mit dem Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung aus dem Jahr 2010 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt (oft wird darauf unter dem Titel „TAB-Bericht“ Bezug genommen).

Wie sind wir für einen solchen Ausfall aufgestellt – unsere Stromversorgung, unsere Gesellschaft, unsere Infrastrukturen? Wie verwundbar sind wir? Können wir flexibel reagieren, sind wir, um es mit einem aktuellen Fachbegriff zu sagen, resilient?

Ausfälle in einem starken Versorgungssystem

Unser Stromversorgungssystem ist stark aufgestellt: Mittel- und Niederspannungsnetze sind großteils unterirdisch verlegt, der Kraftwerkspark ist eine Mischung verschiedener Erzeugungsformen, die jährlichen Unterbrechungszeiten sind im internationalen Vergleich gering. Jedes Unternehmen – ob Stromerzeuger, Händler oder Netzbetreiber – hat für seinen eigenen Zuständigkeitsbereich Vorschriften einzuhalten und Regeln der Technik zu befolgen, die nicht nur eine preisgünstige und umweltverträgliche, sondern auch eine sichere Stromversorgung zum Ziel haben. Neben verbindlichen Regelungen gibt es weit verbreitete Standards und Zertifizierungen; die Verbände geben Empfehlungen heraus, die vom Risiko- und Krisenmanagement für Netzbetreiber bis zu Handlungsanleitungen für Großstörungen reichen. Die privaten Unternehmen kommen damit ihrer gesetzlich verankerten Betreiberverantwortung nach. Der Gesetzgeber seinerseits erlässt Verordnungen und passt Gesetze an, um auch unter sich ändernden Rahmenbedingungen eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Derzeit sind die großen Trends, an die es sich anzupassen gilt, die fortschreitende Liberalisierung im europäischen Strommarkt sowie die unter dem Schlagwort „Energiewende“ zusammengefasste Umstellung des Stromversorgungssystems auf Erneuerbare Energien.

Obgleich die Wahrscheinlichkeit äußerst gering ist und die privaten und öffentlichen Akteure mit großer Expertise an einer sicheren Versorgung arbeiten, kann ein großflächiger und langanhaltender Stromausfall nicht ausgeschlossen werden. Es sind vier derartige Fälle denkbar, die die Belastungsgrenzen des im Normalfall widerstandsfähigen Versorgungssystems übersteigen:

1. Flächenhafte physische Zerstörung (z. B. durch Extremwetterereignisse),
2. Physische Zerstörung neuralgischer Punkte (z. B. durch Terrorismus),
3. Ausfälle durch mangelnde Erzeugung (z. B. wegen Brennstoffknappheit durch Krieg oder Katastrophen andernorts/zerstörte Lieferbeziehungen),
4. Ausfälle durch temporäre Netzausfälle (z. B. durch Systemversagen).

Jeder dieser Fälle bringt andere Eintrittswahrscheinlichkeiten mit sich, trifft auf andere Anfälligkeiten und Bewältigungskapazitäten. So ist zum Beispiel ein Sturm, der seiner Größenordnung nach weite Teile des Freileitungsnetzes zerstören kann, extrem unwahrscheinlich. Neuralgische Punkte sind immer in einer gewissen Redundanz vorhanden. Importbeschränkungen können durch Brennstoffvorräte und alternative Erzeugungsmöglichkeiten abgefedert werden und der Netzwiederaufbau nach einem Systemversagen ist innerhalb einer festgelegten Zeitspanne möglich. Jeder Fall ist damit aus anderen Gründen unwahrscheinlich, gleichzeitig aber realistisch möglich. Nicht zuletzt sind auch Kombinationen denkbar. Sich mit den Folgen und Handlungsmöglichkeiten in einem Stromausfall auseinanderzusetzen, ist daher keine bloße Theorieübung, sondern ernstgenommene Verantwortung.

Wirkung von Gefahren/Einwirkungsszenarien auf Kritische Infrastrukturen und die Bevölkerung. (BBK 2013, Wissenschaftsforum Band 11, S. 16)

Wirkung von Gefahren/Einwirkungsszenarien auf Kritische Infrastrukturen und die Bevölkerung. (BBK 2013, Wissenschaftsforum Band 11, S. 16)

Stromabhängige Infrastrukturen, stromabhängige ­Bevölkerung

Wenn es zu einem großflächigen Stromausfall kommt, ist in Folge eine Vielzahl von Infrastrukturen direkt und indirekt betroffen und fällt schließlich aus. Der TAB-Bericht listet hier dramatische Folgen in der Informationstechnik und Telekommunikation, eine weitgehende Einschränkung von Transport und Verkehr, katastrophale Folgen für die Wasserversorgung, ungenügende Verteilmöglichkeiten für Lebensmittellieferungen und ein weitgehendes Zusammenbrechen der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung. Darüber hinaus werden aggressive Auseinandersetzungen der Bürger erwartet, unter anderem wegen fehlender Zahlungsmöglichkeiten. Die wechselseitigen Abhängigkeiten der Kritischen Infrastrukturen im Bevölkerungsschutz sind in Abb. 1 dargestellt.

Wenn es tatsächlich zu einem Ausfall über mehrere Tage und weite Flächen des Bundesgebietes kommt, liegen also die meisten Versorgungseinrichtungen brach. Kritische Infrastrukturen sind in vielfacher Weise betroffen und können die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr gewährleisten. Die Katastrophenschutzeinheiten sind überfordert, Notstromaggregate stehen nur begrenzt zur Verfügung und wenn es sie gibt, ist zumeist der Treibstoffnachschub nicht sichergestellt. Alternative Energiequellen, wie sie häufig auch bei Privathäusern vorhanden sind, können nicht ohne weiteres zur Eigenversorgung genutzt werden.

Lebensmittelbevorratung der Bevölkerung. (BBK 2013, Praxis im Bevölkerungsschutz Band 12, S. 32)

Lebensmittelbevorratung der Bevölkerung. (BBK 2013, Praxis im Bevölkerungsschutz Band 12, S. 32)

Da eine Ersatzversorgung durch den Staat (zum Beispiel im Lebensmittelbereich durch die „Zivile Notfallreserve“ und die „Bundesreserve Getreide“) nicht vollständig sein kann und zudem eine gewisse Vorlaufzeit im Aufbau benötigt, ist die Eigenvorsorge der Bürger entscheidend. Da ein Stromausfall – schon gar ein dauerhafter – von den meisten nicht erwartet wird, findet eine gezielte Vorbereitung darauf jedoch nur in begrenztem Ausmaß statt. Dennoch verfügt gut die Hälfte der Bürger nach eigenen Angaben über Lebensmittelvorräte für mindestens eine Woche (s. Abb. 2). Die empfohlenen zwei Wochen erreichen knapp 30 Prozent der Bevölkerung. Bei Trinkwasser sieht es ähnlich aus.

Die Bevorratung von Lebensmitteln stärkt die Resilienz der Bevölkerung, erhöht also ihre Anpassungsfähigkeit und Flexibilität und ermöglicht ihr, auf unerwartete extreme Ereignisse zu reagieren. Durch die aus unterschiedlichen Gründen vorhandenen Vorräte an Lebensmitteln, Hygiene- und Medizinartikeln können die Menschen auf Ereignisse flexibel reagieren, auch wenn sie sich nicht konkret darauf vorbereitet haben. Wenngleich einschlägige Erfahrungen für Deutschland fehlen, legen Forschungsergebnisse nahe, dass die meisten Menschen in einem Katastrophenfall sozial und unterstützend reagieren. Dieses enorme Potential erfolgreich in die Krisenbewältigung einzubinden ist eine der großen Herausforderungen für den Bevölkerungsschutz.

Handlungsmöglichkeiten für Behörden, Bürger und Betreiber

Da die gesellschaftliche Abhängigkeit von der Stromversorgung im Laufe der Jahre stark zugenommen hat und immer mehr Lebensbereiche ohne Elektrizität nicht denkbar sind, muss auch der Bevölkerungsschutz reagieren, indem er einerseits dem Eintreten eines Stromausfalles entgegenwirkt, andererseits Mechanismen entwickelt und stärkt, um die Folgen abzuschwächen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Initiativen, Arbeitskreise und Gesprächsplattformen, Forschungsprojekte und Studien, die sich mit dem Thema befassen und technische sowie organisatorische Lösungen erarbeiten, wie mit den neuen Abhängigkeiten umzugehen ist. Ein Beispiel ist das Projekt KritisNOTSTROM, das die vorhandenen Aktivitäten zum Thema bündelt, eine Plattform für den Austausch zwischen den Akteuren etabliert und fachliche Lücken bearbeitet (s. Kasten).

Der Ausfall der Kritischen Infrastrukturen infolge eines Stromausfalles gefährdet Menschenleben und führt zu enormen Schäden. Das Wegbrechen gewohnter Kommunikationsmittel wird zu einem massiven Problem in der Krisenbewältigung. Alternative Informationswege müssen vorbereitet sein, um im Krisenfall genutzt werden zu können.

Um auch bei einem großen Stromausfall handlungsfähig zu bleiben und flächendeckende Standards zu etablieren, haben einige Kommunen, Kreise und Bundesländer bereits individuelle Konzepte erarbeitet und umgesetzt, in denen beispielsweise Feuerwehrgerätehäuser als notversorgte Anlaufstellen für die Bevölkerung dienen oder Empfehlungen für die Ausrufung des Katastrophenfalls gegeben werden.

2004 haben Bund und Länder eine Länderübergreifende Krisenmanagementübung (LÜKEX) zum Thema Stromausfall durchgeführt, in deren Folge ein Krisenhandbuch mit umfangreichen Planungshilfen für Behörden, Energieversorgungsunternehmen und Betreiber anderer Versorgungsunternehmen erarbeitet wurde. Die Langfassung kann beim BBK bestellt werden und für die Vorbereitung genutzt werden.

Um einem möglichen Stromausfall etwas entgegenzusetzen, sind verschiedene Maßnahmen in den unterschiedlichen Phasen des Risiko- und Krisenmanagements zu empfehlen. Von hoher Bedeutung sind ein systematisches Risikomanagement, das dazu dient, Zusammenhänge im Vorfeld zu erkennen und Anfälligkeiten zu reduzieren, sowie Übungen, die die für das Krisenmanagement erarbeiteten Abläufe praktisch überprüfen. Gerade im Bereich der Notstromversorgung zeigt häufig erst eine praktische Übung, ob die geplanten Vorgehensweisen auch in der Praxis funktionieren. Darüber hinaus ist die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung zum Beispiel durch die Bevorratung von Lebensmitteln (s. o.) eine zentrale Variable für eine widerstandsfähige und damit resiliente Gesellschaft.

Da Stromausfälle oft als Konsequenz anderer Ereignisse eintreten, so zum Beispiel bei Sturm oder Hochwasser, und da die Bewältigung von Stromausfällen auch zur Bewältigung anderer Ereignisse befähigt, bedeutet eine Vorbereitung auf Stromausfälle gleichzeitig einen Gewinn für viele andere Szenarien. Zudem werden in der Vorbereitung auf große Ausfälle auch kleinere Ereignisse abgedeckt. Die Auseinandersetzung mit Stromausfällen liegt damit in einer Linie mit dem Allgefahrenansatz des Bundes und führt ganz allgemein zu einer Steigerung der Resilienz. Ein wirksamer Schutz gegen Stromausfall macht uns sicherer – über den Einzelfall hinaus.

KritisNOTSTROM

Entwicklung eines Gesamtkonzeptes zur Versorgung der Bevölkerung bei einem langanhaltenden und ­großflächigen Stromausfall

Mit dem Projekt KritisNOTSTROM reagiert das Bundesministerium des Innern (BMI) auf die Ergebnisse des TAB-Berichtes, indem es das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katas­trophenhilfe (BBK) mit der Entwicklung eines Gesamtkonzeptes für die Notstromversorgung zur Gewährleistung einer Mindestversorgung der Bevölkerung bei langandauernden und großflächigen Stromausfällen beauftragt.

Auf zwei unterschiedlichen Ebenen trägt KritisNOTSTROM so zur Notfallplanung und damit zum Aufbau von Resilienz bei.

a) Strategisch-politische Plattform mit Vernetzungsaufgaben

Ganzheitliche Ansätze des Risiko- und Krisenmanagements beziehen sich nicht nur auf die unterschiedlichen Phasen – Prävention, Vorbeugung und Reaktion –, sondern umfassen ebenfalls die verschiedenen Akteure staatliche Notfallvorsorge, Betreiber Kritischer Infrastrukturen und die Bevölkerung. Durch heterogene Ausgangsbedingungen hinsichtlich technischer, organisatorischer und rechtlicher Grundlagen in der Notfallplanung bedarf es einer Plattform für horizontalen und vertikalen Austausch. KritisNOTSTROM hat den Anspruch, Ergebnisse aus Wissenschaft, Forschung und Anwendung zu bündeln und Lücken im Bearbeitungsstand zu identifizieren. Eine dieser Lücken ist beispielsweise die verbindliche Vereinbarung von Schutzzielen für die Stromversorgung und in Bereichen der lebensnotwendigen Versorgung der Bevölkerung. Quantitative und qualitative Schutzzielaussagen sind als Grundlage für Entscheidungen über Maßnahmen der Notfallplanung notwendig.

b) Erarbeitung eines Mindeststandards von lebens­notwendigen Gütern und Dienstleistungen und Hinterlegung mit Notstromkapazitäten

Ein langanhaltender großflächiger Stromausfall betrifft nicht nur die verschiedenen Ebenen der Notfallplanung und die Bevölkerung, sondern hat aufgrund von Kaskadeneffekten und komplexen Interdependenzen Einfluss auf alle Kritischen Infrastrukturen. Die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen ist bei einem langfristigen Ausfall der Stromversorgung nicht mehr gesichert. Die Herausforderung besteht in der Verteilung der knappen Ressourcen lebensnotwendiger Versorgungsleistungen und der Planung der Sicherstellung dieser durch eine effektive Notstromversorgung. Ziel ist die einvernehmliche Priorisierung der Notstromversorgung, mit dem Ziel, eine größtmögliche Anzahl von Menschen über einen möglichst langen Zeitraum versorgen zu können. Hierbei sind rechtliche, organisatorische, technische und ethische Aspekte zu berücksichtigen.

Das Projekt KritisNOTSTROM wird von 2013 bis 2015 im BBK vom Referat Gefährdungskataster, Schutzkonzepte Kritischer Infrastrukturen durchgeführt.

Aufmacherbild: Lebensmittelbevorratung der Bevölkerung. (BBK 2013, Praxis im Bevölkerungsschutz Band 12, S. 32)

Anschrift der Verfasser:

IMG_0892_webDipl.-Geogr. Christine Eismann
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)
Referat II.4 – Gefährdungskataster, Schutzkonzepte Kritischer Infrastrukturen
Provinzialstraße 93
53127 Bonn
Tel.: 0228/99550-0

geb. 1983
2005 – 2010: Studium der Geographie, Volkswirtschaftslehre und ­Politischen Wissenschaft
2011 – 2012: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geographischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Seit 2012: Referentin im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katas­trophen­hilfe