Krisenmanagement nicht nur Routine!

Ein internationales Pfadfinderlager in einer Kleinstadt in Deutschland. Erste Fälle einer Durchfallerkrankung werden bekannt. Die Ursachensuche gestaltet sich kompliziert. Nur durch das Zusammenspiel aller Behörden des Kreises wird der Urheber der Erkrankungsreihe erkannt. So oder so ähnlich kann eine Übung während der Krisenmanagementausbildung aussehen.

Vorbereitet sein auf das Unmögliche

Der Lehrbereich IV.3., wie er an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) genannt wird, bewegt die Themen Nationales und internationales Krisenmanagement und Zivil Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) und deckt damit diesen wichtigen Kernbereich der Akademie ab. Das Ziel aller Seminare des Lehrbereichs ist nicht nur die Wissensvermittlung sondern auch die Schaffung eines Bewusstseins der eigenen Anfälligkeit gegenüber bekannten aber auch unbekannten Gefahren, immer getreu dem Motto „Vorbereitet sein auf das Unmögliche“, oder „think and act outside the box“.

Krisenmanagement

Hierunter zu verstehen sind alle Maßnahmen zur Vermeidung von, Vorbereitung auf, Erkennung und Bewältigung sowie Nachbereitung von Krisen: „Krisenmanagement beinhaltet die Schaffung von konzeptionellen, organisatorischen und verfahrensmäßigen Voraussetzungen, die eine schnellstmögliche Zurückführung der eingetretenen außergewöhnlichen Situation in den Normalzustand unterstützen durch staatliche und nichtstaatliche Akteure. Operatives und kommunikatives Krisenmanagement umfassen alle Maßnahmen zur Vermeidung, Erkennung, Bewältigung und Nachbereitung von Krisenfällen“ (BMI, Auskunftsunterlage Krisenmanagement (2011), S. 222).
Diese aus dem Glossar des BBK’s entnommene kurze sachliche Erklärung des Wortes Krisenmanagement lässt schon nach kurzem Nachdenken die weit reichende Bedeutung des Terminus erkennen. Ein umfassendes Krisenmanagement erstreckt sich über die Tätigkeiten aller Akteure staatlichen Handelns. Nur durch eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure der nationalen Sicherheitsvorsorge in Deutschland können immer neue Krisen bewältigt werden (Abb. 1).

Der Ansatz des Lehrbereiches berücksichtigt die Vielfalt der an der Krisenbewältigung teilnehmenden Mitspieler. Dabei werden keine Individuallösung präsentiert, sondern Fähigkeiten vermittelt, jede Krise erneut bewältigen zu können.

Das akademieweit geltende pädagogische Konzept der Bildungseinrichtung sorgt für Kontinuität in der Ausbildung. Der handlungsorientierter Ansatz erlaubt den Teilnehmern eigene Erfahrungen und eigenes Wissen zu bündeln, zu reflektieren und für einen möglichen Ernstfall zu festigen.

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt bei der Vermittlung von Fähigkeiten wie dem Kennenlernen von Werkzeugen zur Analyse von Krisensituationen zur Entscheidungsfindung und Krisenkommunikation. Aber auch die Schaffung eines Krisenbewusstseins wird gefördert. Die Erfahrung zeigt, dass gerade das fehlende Bewusstsein der eigenen Anfälligkeit dafür sorgt, dass Krisenbewältigung neben den alltäglich zu bewältigenden Aufgaben eher zweitrangig betrachtet wird.

Nationales Krisenmanagement

Zur Zielgruppe des Bereichs „Nationales Krisenmanagement“ gehören sämtliche Akteure der Verwaltungen aller Ebenen. Das heißt von der Kreis- bzw. Stadt-Ebene bis hinein in die Ressorts auf Länder- und Bundesebene. Alle Seminare haben eines gemein: Sie werden im Vorfeld mit den Organisatoren besprochen und den individuellen Bedürfnissen angepasst.
Die Ausbildung von administrativ-organisatorischen Komponenten in der Seminarreihe „Krisenmanagement“ erfolgt in Stufen.

In der ersten Stufe trainieren Verwaltungsstäbe noch alleine. Schon zur zweiten Stufe des jeweils drei Tage andauernden Seminars wird zusätzlich noch die Koordinierungsgruppe hinzugezogen. Die Koordinierungsgruppe (KGS) sichert die Arbeitsfähigkeit des Verwaltungsstabes, stellt die aktuelle und voraussichtliche Lage dar und dokumentiert die Ergebnisse.

In enger Zusammenarbeit mit dem Lehrbereich „Zivilschutzausbildung der Führungskräfte im Katastrophenschutz“ werden in der höchsten Stufe sowohl die operativen als auch die administrativ-organisatorischen Komponente gleichzeitig beübt.

Die Experten der Akademie unterstützen gerne auch bei Inhouse-Schulungen oder führen Seminare für besondere Zielgruppen, wie beispielsweise „Krisenmanagement Obere Bundesbehörden“, durch.
Im Zuge des Projektes „Bausteine für die Sicherheit bei Großveranstaltungen (BaSiGo)“ ist der Lehrbereich involviert durch die Erarbeitung von Schulungskonzepten und Übungsszenarien in Zusammenarbeit mit insgesamt 14 nationalen Verbundpartnern.

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Krisenkommunikation

Eines der wichtigsten Instrumente im modernen Bevölkerungsschutz ist Krisenkommunikation. Das ist auch der Grund, warum dieses Thema einen besonderen Stellenwert einnimmt. Hierzu zählen:

  • Bevölkerungsschutz und Medienarbeit (z. B. Workshop für Pressesprecher),
  • Krisenkommunikation für Führungskräfte (z. B. Kommunikations-Crash-Kurs für politisch Verantwortliche),
  • Workshop für hauptamtliche Pressesprecher.

Auch neue Themen, wie beispielsweise „Nutzung neuer Medien“, werden in Seminaren angesprochen. Eine enge Verknüpfung mit der Wissenschaft (Universität Duisburg-Essen, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) und den eigenen Fachreferaten des Hauses BBK verschafft dafür die nötige Expertise.

Die Nutzung der so genannten virtuellen Akademie verschafft auch zeitlich eingeschränkten Teilnehmer die Gelegenheit an den Seminaren teilzunehmen. Aktuell wird in einem Seminar „Bevölkerungsschutz und Medienarbeiten (BUMA)“ dieses neue Medium seitens des Lehrbereichs genutzt (Abb. 2).

Zivil Militärische Zusammenarbeit

Wie schon eingangs erwähnt, stützt sich ein funktionierendes System der nationalen Sicherheitsvorsorge auf fünf Säulen. Die Säule der Streitkräfte in das System Krisenmanagement einzubinden, ist eine weitere Aufgabe des Lehrbereichs. Das Ziel der Seminare aus dem Bereich Zivil Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) Inland könnte der Leitgedanke „Gegenseitig Potentiale nutzen“ am Besten umschreiben. In den Seminaren treffen Zivilisten auf

Soldaten, um die Möglichkeiten und Grenzen der jeweils anderen Seite kennen zulernen.

Da im gleichen Lehrbereich auch internationale Themen behandelt werden, gehört zu diesem Themenkomplex ebenfalls die Zivil-Militärische Zusammenarbeit im Ausland (CIMIC – Civil-Military Coordination), die sich aber fundamental von ZMZ Inland unterscheidet.

Internationales Krisenmanagement

Die globale Vernetzung von Wirtschaft, kritischer Infrastruktur, internationalem Terrorismus und die damit immer schwieriger zu durchschauenden Bedrohungsszenarien zwingen die Krisenmanager zur integrierten, globaleren Denkweise und Vorbereitung auf die Krisenmanagementarbeit in einem supranationalen Umfeld.

Der Lehrbereich bearbeitet drei große Bereiche:<

  • Es werden eine Reihe von Seminaren angeboten, die Mitarbeiter von nationalen und internationalen Hilfsorganisationen auf einen humanitären Einsatz, insbesondere in Krisenländern, theoretisch und praktisch vorbereiten (Humanitäre Aspekte des internationalen Krisenmanagements, Safety and Security in Auslandseinsätzen).
  • Durchführung von Lehrgängen für die Europäische Kommission im Rahmen des so genannten EU Civil Protection Mechanism. In Zusammenarbeit mit der polnischen Feuerwehrschule in Warschau, dem Bundesministerium für Inneres in Österreich und dem Netherlands Institute of Safety (NIFV) werden Experten aus ganz Europa ausgebildet, die im Falle einer Krisensituation in einem europäischen Staat, unter besonderen Umständen aber auch weltweit, die Hilfe der Europäischen Mitgliedstaaten koordinieren können. Der Lehrbereich führt dabei die höchsten Ausbildungskurse in diesem Trainingsprogramm, den High Level Coordination Course, den High Level Coordination Refresher Course und den Head of Team Course durch.
  • Die weite Expertise im Bereich des nationalen Krisenmanagements im Zusammenhang mit internationaler Erfahrung wird in weiteren Projekten, z. B. China zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), angefragt (Abb. 3).

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Fazit

Krisen lassen sich nicht durch einen Koffer voller Standardprozeduren bewältigen. Vielmehr müssen Mitarbeiter aus Verwaltungen aller Ebenen darauf vorbereitet sein, sich immer neuen Herausforderungen zustellen und immer neue Lösungen zur Krisenbewältigung zu finden. Die Werkzeuge lassen sich antrainieren. Die Akademie des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe kann als Excellenz-Schmiede für Führungskräfte im Krisenmanagement hierbei unterstützen. Die individuellen Voraussetzungen der teilnehmenden Stäbe stehen bei der Planung im Vordergrund. Dennoch kostet die Teilnahme an einem Seminar Zeit – Zeit die in den Führungsebenen der Verwaltungen knapp ist. Prioritätenverlagerung von Aufgaben kann hier die Lösung sein. Dafür ist aber ein Umdenken erforderlich.
Elf Mitarbeiter des Lehrbereichs und eine Reihe exzellenter Honorarkräfte mit breiter, vielfältiger Expertise aus Verwaltung, Militär, Feuerwehr und Polizei mit jahrelanger internationaler Erfahrung in der humanitären Hilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit unterstützen bei dieser wertvollen Aufgabe.

Anschrift des Verfassers:
Uwe Becker M.Sc.
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz
Ramersbacher Straße 95
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: 0228 / 99 550-5302
E-Mail: uwe.becker@bbk.bund.de

Uwe Becker
geb. am 4. September 1959 in Duisburg
Ausbildung

  • Feuerwehrausbildung
  • Masterstudium zum Master of Science in “Resourcemanagement in the tropics and subtropics” am Institute for Technology and Resources Management in the Tropics and Subtropics (ITT) in Köln
  • EU Experte (High Level Coordination) im Bereich Civil Protection bei der European Commission Civil Protection Mechanism

Berufliche Tätigkeit

  • 1980 – 2007: Berufsfeuerwehr Duisburg, zuletzt stellvertretender Schulleiter der Feuerwehrschule
  • 2007 – 2009: Abordnung an die AKNZ Lehrbereich „Zivilschutzausbildung der Führungskräfte im Katastrophenschutz“
  • 2009 – 2012: Referent im Lehrbereich „Ressort- und länderübergreifende Krisenmanagementübungen“
  • Seit 2012: Dozent im Lehrbereich „Nationales und Internationales Krisenmanagement, Zivil-Militärische-Zusammenarbeit“ an der AKNZ