Tunnel sind – unfallstatistisch betrachtet – grundsätzlich sicherer als offene Straßen. Kommt es jedoch zu einem Brand, so sind die möglichen Tragweiten in unterirdischen Verkehrsanlagen weitaus größer. Sie können zu einer Vielzahl von Toten führen. Anschließende Tunnelausfallzeiten sind mit enormen (volks-)wirtschaftlichen Schäden verbunden. Feuerwehren können heute sehr viel dazu beitragen, diese Risiken zu reduzieren. Welche Bedeutung dabei die Einsatzvorbereitung hat, wird an der International Fire Academy in der Schweiz deutlich.

Im Taktikzentrum der International Fire Academy stehen drei Räume für PlanspielÜbungen zur Tunnel-Ausbildung.

Im Taktikzentrum der International Fire Academy stehen drei Räume für PlanspielÜbungen zur Tunnel-Ausbildung.

Die Brände im Mont-Blanc Tunnel und im Tauern Tunnel 1999 mit 39 und 12 Toten waren Auslöser für die Gründung der International Fire Academy. Das Projekt startete 2001 mit einem Didaktikteam, das parallel zur Entwicklung einer speziellen Tunneleinsatzlehre die weltweit einzigartigen Übungsanlagen in Balsthal und Lungern konzipierte. 2009 gingen sie in Betrieb. Seither haben rund 8 300 Feuerwehrangehörige die Ausbildungs- und Trainingsangebote der International Fire Academy genutzt. Gestartet wurde mit einer intensiven taktischen und technischen Schulung der für Autobahntunnel zuständigen Schweizer Feuerwehren. Nach der Genehmigung der in Kooperation mit vielen Feuerwehren entwickelten Tunneleinsatzlehre durch die Schweizerische Feuerwehrinspektoren Konferenz im Herbst 2012 gibt es seit 2013 auch für nicht-schweizerische Feuerwehren ein differenziertes Kursangebot. Möglich ist insbesondere die individuelle Unterstützung einzelner Feuerwehren bei der Entwicklung und Erprobung ihrer auf den jeweiligen Bahn- oder Straßentunnel abgestimmten Einsatztaktik. Außerdem bieten erste Landesfeuerwehrschulen (etwa Thüringen und Baden-Württemberg) in Kooperation mit der International Fire Academy Kurse auf den Schweizer Anlagen an.

Löschen um zu retten

Unter dem Namen „Schweizer Tunneltaktik“ oder „Schweizer Tunneleinsatzlehre“ ist das Ausbildungskonzept der International Fire Academy inzwischen vielen Feuerwehren in Europa bekannt. „Löschen um zu retten“ ist dabei der zentrale Grundsatz. Der Grund für dieses Vorgehen liegt in der Besonderheit von Tunneln und unterirdischen Verkehrsanlagen. Nicht nur die Temperaturen, sondern vor allem die großen Brandabschnitte, verbunden mit langen Wegen, erhöhen das Risiko für Tunnelnutzer und Einsatzkräfte erheblich. Bei einem Fahrzeugbrand entstehen extrem große Mengen Rauch, der sich rasch in der gesamten Tunnelröhre ausbreitet. Daher ist es das primäre Ziel, die Rauchentwicklung schnellstmöglich zu unterbinden, um sowohl die Bedingungen für die Selbst- als auch für die unterstützende Fremdrettung und insgesamt für die Einsatzkräfte zu verbessern.

Um möglichst schnell den Einsatzort zu erreichen, gilt als weiterer Grundsatz der Schweizer Tunneltaktik, stets von beiden Portalen her anzurücken. Selbst bei als „klein“ gemeldeten Brandereignissen oder einer Unfallrettung fahren die Feuerwehren von beiden Seiten an. Denn im Moment der Alarmierung ist in der Regel noch nicht absehbar, von welcher Seite der Brand je nach Verkehrsbedingungen und Rauchausbreitungsrichtung am schnellsten und auf dem am wenigsten riskanten Weg zu erreichen ist.

Der Löschangriff erfolgt – soweit nur irgend möglich – stets mit dem Wind, also von der Anströmseite her. Hier sind die Temperaturen und in der Regel auch die Sichtbedingungen deutlich günstiger als auf der Abströmseite, wo unter Umständen tatsächlich sehr hohe Temperaturen herrschen können.

Mechanische Rückwegsicherungen (beispielsweise mit Leinen) haben sich im Tunneleinsatz nicht bewährt, da sie die Einsatzkräfte mehr behindern als ihnen nutzen. Der Verzicht auf die mechanische Sicherung wird durch ein Bündel von taktischen, technischen und Ausbildungsmaßnahmen kompensiert, beispielsweise durch den Einsatz von Wärmebildkameras und Markierleuchten (LED-Technik). Besonders wichtig ist: Die Einsatzkräfte müssen „ihren“ Tunnel genau kennen; dann dient die Tunnelwand als sichere Orientierung.

Lange Wege, zum Teil hohe Temperaturen und schwierige Sichtbedingungen erleben die Feuerwehrangehörigen einsatznah. Dies ermöglicht ihnen wesentlichen Erfahrungen für die Einschätzung von Gefahren und Interventionsmöglichkeiten.

Lange Wege, zum Teil hohe Temperaturen und schwierige Sichtbedingungen erleben die Feuerwehrangehörigen einsatznah. Dies ermöglicht ihnen wesentlichen Erfahrungen für die Einschätzung von Gefahren und Interventionsmöglichkeiten.

Ausbildung soll Risiken für die Einsatzkräfte reduzieren

Ziel der Ausbildung an der International Fire Academy ist es, die größeren Risiken der hohen Eindringtiefe zu kompensieren, so dass das Risiko-Niveau letztlich in etwa dem von Einsätzen in gewöhnlichen Bauwerken entspricht. Schnellere Zugriffszeiten und ein rascher Löscherfolg werden durch die Einsatzplanung und eine Beschleunigung der Entscheidungsfindungen erreicht. Damit steigen die Chancen auf erfolgreiche Einsätze. Die Fremdrettung kann optimiert, Bauwerksschäden können begrenzt werden.

Durch das intensive Training unter realistischen Bedingungen erleben die Feuerwehrangehörigen die hohen körperlichen Belastungen während eines Tunneleinsatzes und können im Ernstfall ihre Grenzen besser einschätzen. Erleichterung bringen Hilfsmittel, die die 40 Instruktoren der International Fire Academy einsetzen und die sich inzwischen auch in der weiteren Einsatzpraxis bewähren. Dies gilt für die erwähnten LED-Markierleuchten ebenso wie für Blindenstöcke zum Absuchen großer Flächen, die Absolventen der International Fire Academy bei Ereignissen unter schwierigen Sichtverhältnissen verwenden. Für die Personenrettung kommen Schleifkorbtragen mit Rollen zum Einsatz, mit denen ein Transport auch schwerer Patienten über lange Strecken möglich wird.

Lange Wege, zum Teil hohe Temperaturen und schwierige Sichtbedingungen erleben die Feuerwehrangehörigen einsatznah. Dies ermöglicht ihnen wesentlichen Erfahrungen für die Einschätzung von Gefahren und Interventionsmöglichkeiten. (Bilder: International Fire Academy)

Lange Wege, zum Teil hohe Temperaturen und schwierige Sichtbedingungen erleben die Feuerwehrangehörigen einsatznah. Dies ermöglicht ihnen wesentlichen Erfahrungen für die Einschätzung von Gefahren und Interventionsmöglichkeiten. (Bilder: International Fire Academy)

Jahrzehntelange Erfahrung verkürzt ­Entwicklungsprozesse

Für Instanzen und Feuerwehren liegt ein zentraler Nutzen der Ausbildung – neben dem Gewinn an Sicherheit für die Einsatzkräfte – in der Zeitersparnis für eigene Entwicklungsarbeit. Die Schweizer Tunneleinsatzlehre bietet eine umfassende Lösung für die Tunnel-Einsatzproblematik, die individuell auf die jeweilige Tunnelsituation angepasst werden kann. So ist auf der Basis der Schweizer Taktik u. a. das Einsatzkonzept der Flughafenfeuerwehr Berlin-Brandenburg für den Bahnhofsbereich unter dem neuen Terminal entstanden oder auch das Rettungswehr-Konzept der Feuerwehr Reutlingen für die Bauphase des Scheibengipfeltunnels.

Im Taktikzentrum in Balsthal kann nahezu jede nur denkbare Einsatzsituation in Tunneln simuliert und eine geeignete Vorgehensweise systematisch entwickelt werden, die dann vor Ort in den Übungsanlagen einsatznah erprobt wird. Erfahrene Instruktoren begleiten den gesamten Prozess und nehmen auch an Übungen der Feuerwehr in deren Tunnelanlagen teil. Hinzu kommen der Austausch und die kontinuierliche Reflexion sowie die Fortentwicklung der Lehre auf Basis der Rückmeldungen aus der Praxis und dem umfangreichen Netzwerk, in das die International Fire Academy eingebunden ist.

Mit der Schaffung und Verbreitung der Schweizer Tunneltaktik will die Internation Fire Academy auch die Rechtssicherheit insbesondere für Einsatzleiter erhöhen: Auf Basis erprobter und immer wieder reflektierter Taktik entsteht in enger Abstimmung mit den Instanzen ein im Kern einheitliches Vorgehen, das der besten Praxis und dem Stand der Technik entspricht und sich gleichzeitig optimal an die örtlich teils sehr unterschiedlichen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Feuerwehren anpassen lässt.

Fazit

Auf den Übungsanlagen und im Taktikzentrum der International Fire Academy können Ereignisdienste praktisch alle nur denkbaren Ereignisszenarien in Tunneln und weiteren unterirdischen Verkehrsanlagen (UVA) wie Bahnhöfen simulieren und einsatznah trainieren. Sie gewinnen dadurch bislang nicht verfügbare Erfahrungswerte für ihre Einsatzvorbereitung. Auf dieser Basis können die speziell ausgebildeten Feuerwehren einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion der Tragweiten von Ereignissen in UVA leisten.

Markus Vogt

ifa crisis prevention Markus VogtAnschrift des Verfassers:
International Fire Academy
Markus Vogt
Industriezone Klus
CH-4710 Balsthal
Tel. +41 62 386 11 11
Fax +41 62 386 11 12
URL: www.ifa-swiss.ch

geb. am 25. Juni 1963
Gelernter Maschinenschlosser
1994 – 2000: Zivilschutzinstruktor mit eidg. Ausweis
1995 – 2000: Offizier, Rettungstruppen im Katastrophenhilferegiment
2000 – 2004: Abteilungsleiter ­Sicherheit der Gemeinde Allschwil
Seit 2009: Hauptamtlicher Instruktor der International Fire Academy
25 Jahre Feuerwehr-Erfahrung, davon zwölf Jahre als Kommandant (u. a. Milizfeuerwehr Allschwill bis Ende 2011) und 20 Jahre Instruktor (u. a. Instruktor Feuerwehrverband beider Basel, Leiter Ausbildungsbereich, Offizierskurse, Kommandantenkurse)

(Aufmacherbild: Die Übungsanlagen in Balsthal und Lungern wurden speziell für das Training von Einsätzen in Tunneln konzipiert und gebaut. Hier sind Übungen für Straßen- und Bahntunnel sowie für alle erdenklichen Einsatzszenarien möglich. (Bild: International Fire Academy))