Beispiele für die Festlegung einsatztaktischer Maßnahmen

Bei der Bewältigung von Einsätzen der Feuerwehren und des Katastrophenschutzes ist in Deutschland mittlerweile ein vierstufiges Schema etabliert, in dem die Strategien für die Abwehr von CBRN-Gefahren für die vier Themengebiete Gefahrstoffnachweis, Informationsbeschaffung, Ausbreitungsprognose und Qualifikation der Einsatzkräfte grundsätzlich beschrieben sind (vfdb-Richtlinie 10/05, Teil 3).
Zwei Beispiele zeigen, dass es derzeit nicht an der verfügbaren Ausstattung für den Gefahrstoffnachweis mangelt, sondern dass es weiterer lokaler und überregionaler Konzepte bedarf, durch deren einheitliche taktische Festlegungen ein Einsatzerfolg erzielt werden kann.

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Kohlenstoffmonoxid

Aufgrund mehrerer Ereignisse und einer Multimomenthäufigkeitsstudie der Feuerwehr Wiesbaden („Gefährdung durch Kohlenstoffmonoxid an der Einsatzstelle“) wird die Gefährdung von Einsatzkräften durch Kohlenstoffmonoxid (CO) in geschlossenen Räumen aktuell in Fachkreisen intensiv diskutiert und neu bewertet.

Davon ausgehend, dass es bei Einsätzen in geschlossenen Räumen aufgrund unterschiedlicher Ursachen (z. B. defekte Lüftung oder Heizung, Suizidversuche mit glühender Holzkohle, Wasserpfeifen) in der Anfangsphase des Einsatzes zu CO-Konzentrationen kommen kann, die den Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) um ein Vielfaches überschreiten, besteht der Bedarf an sofort anzeigenden, permanent messenden Warngeräten. So können primär die ersteintreffenden Einsatzkräfte vor der Gefahr durch ein schon in geringen Konzentrationen wirkendes Atemgift gewarnt werden.

Die Besonderheit bei den denkbaren Szenarien liegt insbesondere darin, dass es sich bei den ersteintreffenden Einheiten häufig um Kräfte des Rettungsdienstes handelt, die ohne Feuerwehr an einer Einsatzstelle tätig werden.

Diese Personengruppe war in den bisherigen Regelwerken der Feuerwehren für die Festlegung konkreter Ausrüstungsdetails und einsatztaktischer Verhaltensregeln nicht Gegenstand der Betrachtungen. Allenfalls die „GAMS-Regel“ (Gefahr erkennen, Absperren, Menschenrettung, Spezialkräfte anfordern) sollte als Merkhilfe bei der Ausbildung die Einsatzkräfte für CBRN-Gefahren sensibilisieren.
Bei der Gefährdung von Einsatzkräften durch Kohlenstoffmonoxid sind die Verantwortlichen der Feuerwehren, der Rettungsdienstträger sowie der Leistungserbringer in den Rettungsdienstbereichen vor ganz neue Herausforderungen in der organisations- und gebietsübergreifenden konzeptionellen Zusammenarbeit gestellt.

Das Rettungsdienstpersonal beherrscht den Umgang mit Medizinprodukten. Neu ist, dass zum Eigenschutz des rettungsdienstlichen Personals permanent messende Eingaswarngeräte am Körper ständig mitgeführt werden sollten. Die Notwendigkeit für und der Umgang mit Gerätetechnik, die jeweils beim Schichtwechsel zusammen mit Piepser, Handy und Schlüssel persönlich weiter zu geben ist, bedarf der gesonderten Aus- und Fortbildung.

Neben der organisationsübergreifenden Einigung über die Auswahl und Beschaffung eines einheitlichen Gerätetyps muss besonderer Wert auf die Festlegung einheitlicher Alarmschwellen gelegt werden. Daraus resultiert dann die Beschreibung der einsatztaktischen Maßnahmen, die nach dem Überschreiten der eingestellten Alarmschwellen einzuleiten sind.

Es ist naheliegend, die Folgemaßnahmen nach der Auslösung eines CO-Alarms in einer speziellen Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) sowohl für den Rettungsdienst als auch für die Feuerwehr zu beschreiben. Aus Feuerwehrsicht steht im Vordergrund, dass ausreichend Atemschutzgeräteträger, Be- und Entlüftungsgeräte sowie zusätzliche Geräte für den Gefahrstoffnachweis an der Einsatzstelle zur Verfügung stehen.

Großräumige Gefahrstoffausbreitung

Das zweite Beispiel behandelt Strategien, die die Strukturen der zweiten und dritten Stufe des vierstufigen Schemas bei der Gefahrenabwehr von großräumigen Gefahrstoffausbreitungen betreffen.
Bundesweit verfügen die Kreise und kreisfreien Städte fast flächendeckend über Messfahrzeuge, die der Bund und teilweise auch die Länder den Feuerwehren zur Verfügung gestellt haben. Die geplante Indienststellung von Messleitkomponenten des Bundes soll diese Strukturen weiter verbessern.

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Es mangelt weniger an einer einheitlichen Ausrüstung, sondern vielmehr an einheitlichen, kreisübergreifenden Konzepten. Die Erarbeitung dieser Konzepte erscheint schwierig, aber nicht unmöglich. Nach und nach veröffentlichten einzelne Bundesländer Konzepte oder Handlungsanweisungen, die die Grundlage für die landeseinheitliche Ausbildung der Einsatzkräfte bilden und den Einsatzleitern auch Entscheidungskriterien für die Warnung der Bevölkerung und Führung von mehreren Messfahrzeugen geben. Stellvertretend sei hier das im Jahr 2009 von Nordrhein-Westfalen veröffentlichte ABC-Schutz-Konzept „Messzug NRW“ genannt. In Hessen erarbeitet eine Arbeitsgruppe derzeit eine Handlungsempfehlung „Gefahrstoffnachweis und Notfallprobenahme“, mit deren Veröffentlichung vermutlich Anfang 2013 gerechnet werden kann.

Eines der zentralen Themen bei der Bewältigung einer großräumigen Gefahrstofffreisetzung ist das Heranziehen von geeigneten Beurteilungswerten, auf deren Grundlage die Technische Einsatzleitung schnellstmöglich die einsatztaktischen Maßnahmen festzulegen hat.

Hierbei gestaltet es sich schwierig, die Zusammenhänge zwischen Beurteilungswert, Messwert und Einsatztaktik anschaulich in der Aus- und Fortbildung und bei der Lagedarstellung im Ereignisfall für die handelnden Personen darzustellen.

Zunehmend setzt sich der Störfall-Konzentrationsleitwert (AEGL) als Beurteilungswert neben dem bisher meistens verwendeten Einsatztoleranzwert (ETW) und dem AGW bei der Lagebeurteilung durch.

Die Einteilung der AEGL-Werte in drei Effekt-Schweregrade (siehe Abb. 2) erleichtert die Darstellung der Effektgrenzen und der damit in Verbindung stehenden Einsatztaktik ganz erheblich. Die in den Abbildungen drei und vier genannten Stichworte ermöglichen es, sich die Folgen der Über- oder Unterschreitung von Effektgrenzen leicht zu merken. Die Begriffe sind dabei teilweise bewusst sehr drastisch gewählt.

Für die Darstellung einer Ausbreitungsprognose auf einer Lagekarte muss zwingend erkennbar sein, in welchem Bereich die Effektgrenzen vermutet werden. Die Kontrolle dieser Effektgrenzen muss daher Schwerpunkt bei der Disposition von Messfahrzeugen sein.

Großräumige Gefahrstofffreisetzungen sind hochdynamische, zeitkritische Einsatzlagen, die auf großes öffentliches Interesse stoßen und daher von den Medien intensiv begleitet werden. Die besondere Herausforderung für eine Technische Einsatzleitung (TEL) und deren nachgeordnete Einsatzabschnitte besteht deshalb nicht nur in der zeitnahen Disposition der Messfahrzeuge, sondern auch in der Aufbereitung der ermittelten Messwerte und dem Abgleich mit den von außen in die TEL über das Bürgertelefon oder soziale Netzwerke einfließenden Informationen.

Die Verwendung des Vierfach-Nachrichtenvordrucks kann diesen komplexen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden. Als Lösungsansätze bieten sich die Datenfernübertragung der Messdaten und die Nutzung von Führungsunterstützungssoftware zur Nachrichtenübermittlung und elektronischen Lagekartendarstellung an.

Häufig kommen bei großräumigen Gefahrstofffreisetzungen auch überörtliche Messkomponenten zum Einsatz, welche die GPS-Navigationstechnik mittlerweile als Standard nutzen, um fehlende Ortskenntnis auszugleichen. Hierbei ist aber zu beachten, dass diese externen Einheiten unter Umständen unwissentlich in das gefährdete Gebiet fahren. Dies zu verhindern, stellt eine zusätzliche Herausforderung für das Personal in der Einsatzabschnittsleitung Messen dar.

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Zusammenfassung

Für die in den beiden Beispielen genannten Einsatzlagen sind mittlerweile für die Abwehr von CBRN-Gefahren grundsätzlich Hard- und Softwarelösungen unterschiedlicher Hersteller in ausreichender Vielfalt am Markt verfügbar. Doch nach welchen Kriterien soll die Auswahl der erforderlichen Komponenten erfolgen? Hierfür sind die Anwender zwingend auf Konzepte angewiesen, die eine möglichst flächendeckende Strategie vorgeben und auch Hinweise und Kriterien für die Beschaffung beinhalten. Je großräumiger der Geltungsbereich dieser Konzepte definiert ist, desto einfacher wird eine einheitliche Aus- und Fortbildung sowie die Durchführung überörtlicher Übungen unter Verwendung einheitlicher Einsatzunterlagen und Messprotokolle.

Auch die zu erwartende positive Auswirkung auf die ereignisbezogene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sollte nicht unterschätzt werden, wenn bei der Darstellung von Informationen und Ergebnissen auf Verfahren verwiesen werden kann, die auf einer einheitlichen Strategie basieren.

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Anschrift des Verfassers:
Dipl.-Ing. Jens Rönnfeldt
Master in Disaster Management and Risk Governance
Brandoberamtsrat
Feuerwehr Darmstadt
Bismarckstraße 86
64293 Darmstadt
Tel.: 06151 / 780 – 1100
E-Mail: jens.roennfeldt@darmstadt.de

Jens Rönnfeldt
geb. am 14. April 1961 in Darmstadt

  • 1988: Abschluss Elektrotechnikstudium, Schwerpunkt Automatisierungstechnik an der Fachhochschule in Darmstadt
  • 1989: Anerkennung zum Rettungsassistenten
  • 5/1988 – 5/1990: Ausbildung gehobener feuerwehrtechnischer Dienst
  • 5/1990 – 4/2010: Branddirektion Frankfurt am Main
  • 5/2010 bis heute: Feuerwehr Darmstadt, stellvertretender Amtsleiter; Abteilungsleiter Einsatz
  • 10/2010 – 05/2012: berufsbegleitendes ­Masterstudium KaVoMa an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • Seit 1996: Gastdozent an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz in Bad Neuenahr-Ahrweiler