Herkunft & Wesen eines geflügelten Begriffs

Der Begriff der Sicherheitskultur ist längst vom politischen Wortschatz in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Das Management steuert die Unternehmenskultur top-down über Unternehmensleitbilder und Handlungsanweisungen. Die Unternehmenssicherheitskultur ist ein Teil der Unternehmenskultur. Doch was ist das eigentlich genau? Ist sie nur ein Programm? Oder lebt sie tatsächlich? Neben den eigentlichen wertschöpfenden (Kern-) Prozessen sind Sicherheitsprozesse wohl die wichtigsten gerichteten Abläufe, die eine Wirtschaftsorganisation am Leben erhalten. Diese Abläufe sind ganz besonders auf die Wahrnehmung und das Handlungsverständnis aller Mitarbeiter angewiesen. Der Beitrag setzt sich im Allgemeinen mit dem Kulturbegriff auseinander und spezifiziert anhand des aktuellen Diskurses den Begriff der Sicherheitskultur.

Begriff der Kultur

In diesem Abschnitt soll ein Verständnis für Begriff und Wesen der Kultur entwickelt werden, um sie in Zusammenhang mit Sicherheitskultur korrekt gebrauchen zu können. Der Begriff der Kultur wird in den wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich interpretiert. Der Autor möchte lediglich einen kurzen Überblick über die verschiedenen Auslegungen geben.

Im Lexikon der Soziologie und Sozialtheorie wird Kultur als das bezeichnet, was „die ideelle Dimension sozialer Praxis, die die Merkmale der Welt und des Handels definiert und klassifiziert. Kultur schafft ein spezifisches, sozial verbindliches Verständnis der Wirklichkeit und macht damit bestimmtes Handeln möglich.“[1] Kultur ist nach dieser Definition also die Begründung für bestimmtes Handeln und verleiht Praktiken einen Namen. Diese Definition ist recht allgemeingültig.

Rauer, Junk & Daase verweisen auf Reckwitz, wonach in den Sozialwissenschaften vier verschiedene Verwendungsweisen für den Kulturbegriff unterschieden werden:

  1. Kultur als Werte, Sitten Tugenden […,]
  2. Kultur als holistische Totalität (Gesellschaften, Ethnien, Nation) […,]
  3. Kultur als funktionales Subsystem neben bzw. jenseits von Politik, Ökonomie etc. […,]
  4. Kultur als bedeutungsorientierte Praxis: geteilte Orientierungen zur Interpretation und Produktion sozialer Situationen, Diskursen […,].

Kultur dient also erstens zur Bezeichnung von Werten und Normen, zweitens zur Charakterisierung von Gesellschaften als Ganzes D. h. im Sinne von Nationen und Ethnien, drittens zur Abgrenzung eines Funktionszusammenhangs und viertens zur Bezeichnung von sozialen Bedeutungsmustern und Praktiken.“[2] Diese vier Deutungen des Kulturellen sind spezifischer, als es die einleitende allgemeine Definition leisten kann. Kultur dient also zur Beschreibung des Gelebten, zur Zusammenfassung gleichartig lebender Individuen zu einer Gesellschaft, als gesellschaftliche Funktion zur Ausstattung des Lebensalltags und zur praktischen Deutung und Gestaltung des Sozialen.

Kettner & Sturmeit verweisen auf einen älteren, jedoch sehr anschaulichen Bestimmungsversuch des Kulturellen von Kroeber & Kluckhohn (1967): Demnach sei Kultur verstanden als Ausstattung von Interaktionsprozessen mit Sinn, die allgemein fünf Charakteristika aufwiesen: Normalisierungsarbeit, Gemeinschaftsbezug, Geschichtlichkeit, Integrationstendenz und schwache Normativität.[3]

Im Human-Factors-Kontext[4] nach Starke „meint Kultur vor allem Routinen, Regeln und Standards für Wahrnehmung, Interpretation Entscheiden und Handeln. Kultur ist […] ein Lernprozess, in dem wir Verhalten er- oder verlernen, um irgendwann automatisch zu wissen, welche Handlungen in bestimmen Alltags- und Krisensituationen sinnvoll sind.“[5] Diese Definition ist sehr spezifisch und dürfte kaum über den Bereich der Human Factors hinaus Gültigkeit haben – gleichzeitig wird jedoch sehr anschaulich gezeigt, wie durch den Kulturbegriff ‚sonst schwer zu Fassendes oder disziplinär nicht zu Verortendes‘ gefasst werden kann: Nämlich als ‚so wie die Dinge eben getan werden, weil sie sich eingebürgert und bewährt haben.‘ Kultur ist im Human-Factors-Kontext also vor allem Erklärung für menschliches Handeln.

Begriff der Sicherheit

In diesem Abschnitt soll ein Verständnis für den Begriff der Sicherheit entwickelt werden, um ihn in Zusammenhang mit der Kultur korrekt gebrauchen zu können. Sicherheit wird in der aktuellen Literatur interdisziplinär betrachtet. U. a. werden dem Begriff Schnittmengen mit der Soziologie, Psychologie, Politologie und den Ingenieurwissenschaften zugeschrieben. In der Sicherheitspsychologie wird der Mensch im Zusammenhang mit seiner Umwelt gesehen; diese Zusammenhänge werden als soziotechnische Systeme bzw. Mensch-Maschine-Systeme bezeichnet.

Historisch geht der Begriff der Sicherheit auf lateinisch sēcūritās zurück und meint ‚sorglos‘. Sicherheit ist teleologisch das „höchstmögliche Freisein von Gefährdungen.“[6] In technischem Kontext mit einem Risikoniveau versehen, was als ‚sicher‘ gelte, reicht diese Definition aus: Entscheidungen können binär an klaren Grenzen getroffen werden; Stände der Technik und technische Regeln leiten den Ingenieur auf die ‚sichere Seite‘. Wo jedoch in sozialtheoretischem oder gar praxeologischem Kontext die Grenzen zwischen Sicherheit und Unsicherheit gezogen werden, ist ungleich schwerer zu beantworten.

„Weick und Sutcliffe (2001) bezeichnen Sicherheit lakonisch als dynamisches Nichtereignis.“[7] Sicherheit herrscht also immer dann, wenn nicht passiert, was Unsicherheit generiert. Sicherheit als Zustand ist nie statisch, sondern stets dynamisch. Dies erklärt, warum Sicherheit Konjunktur haben kann – nämlich immer dann, wenn das Nichtereignis nicht stattfindet, entsteht ein Bedürfnis nach Sicherheit. Der in der Literatur oft zu findende Hinweis, dass Sicherheit ohne Unsicherheit nicht existieren kann, gilt auch in Bezug auf das ‚Nichtereignis‘.

Endreß & Feißt verweisen auf Gusy (2010), der zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit unterscheidet: „Eine Diskussion über Sicherheit und Sicherheitskultur ist nur dann sinnvoll, wenn es Subjekte gibt, die sich nicht sicher fühlen. Konstruktivistisch gedacht, ist Sicherheit damit sozial konstruiert. Das bedeutet, dass Unsicherheit als Zustand von einer oder mehreren Personen erkannt werden muss, sonst existiert sie nicht. Diese Unsicherheit ist zunächst nur eine empfundene, die nicht notwendigerweise an eine tatsächlich bestehende Gefahr [oder eine konkrete Gefahr oder eine sichtbare Gefährdung] gekoppelt sein muss.“[8] Nach Gusy konstituieren sich Sicherheit und Unsicherheit also gegenseitig; als Antagonisten sind sie hinreichend-notwendig füreinander. Die soziale Konstruktion von Sicherheit erklärt, weswegen Sicherheit subjektiv ist: Der Zustand muss vom Einzelnen oder einem Kollektiv erkannt und kommuniziert werden, wobei der Zustand sich anhand der Lebenswelt der Akteure bemisst.

Zusammengefasst ist Sicherheit also ein Wahrnehmungserlebnis eines Individuums oder eines Kollektivs. Sicherheit und Unsicherheit konstituieren sich wechselnd; Beide Zustände müssen festgestellt werden, damit sie existieren. Sicherheit ist eine soziale Konstruktion zur Erklärung eines Gefühls. Der Begriff ist politisch konnotiert und wird heutzutage in vielen Zusammenhängen gebraucht – sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich. Die Ingenieurwissenschaft hat Sicherheit quantifiziert.

Herkunft der Sicherheitskultur

Daase versteht Sicherheitskultur interdisziplinär, konstruktivistisch und zeitdiagnostisch. Er verweist darauf, dass der Begriff der Sicherheitskultur aus der politischen Praxis komme und ursprünglich auf die Expertengruppe zurückgehe, die im Auftrag der Internationalen Atomenergiebehörde 1986 den Reaktorunfall von Tschernobyl untersuchte; Im Anschluss daran wurden in der technischen Sicherheitsforschung die institutionellen Grundlagen des Sicherheitsmanagements und des Sicherheitsbewusstsseins des Personals von Organisationen und Betrieben als Sicherheitskultur bezeichnet; Er schließt nach einem Diskurs, dass Sicherheitskultur diejenige „Summe der Überzeugungen, Werte und Praktiken von Institutionen und Individuen [sei] die darüber entscheiden, was als eine Gefahr anzusehen ist und mit welchen Mitteln dieser Gefahr begegnet werden soll.“[9] Die Definition der Sicherheitskultur von Daase ist allgemeingültig. Das Handeln zur Herstellung von Sicherheit von Individuen über Organisationen bis zu Nationen kann mit diesem Begriff erklärt werden.

Rauer, Junk & Daase sehen die Sicherheitskultur (Bedeutungsorientierung) eingebettet zwischen politischer Kultur (Wertorientierung) und strategischer Kultur (Handlungsorientierung):[10]

  • Die politische Kultur als Konzept entstand in der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Der Begriff entspringt der Politikwissenschaft, die den Sinnhorizont des Zweiten Weltkriegs verstehen wollte: Wie konnte es sein, dass in vergleichbar hochtechnisierten und entwickelten Nationen derart unterschiedliche Einstellungen zur Demokratie existierten? Almond & Verba (1963) verstehen die politische Kultur als hybrides Kulturverständnis, welches aus dem zweiten und dritten Kulturkonzept nach Reckwitz hervorgeht: vergleichend-holistisch und differenzierungstheoretisch-sektoral. Gabriel (2009) schlussfolgert, dass ein politisches System stabil sei, wenn die politische Kultur zur politischen Struktur passen würde.
  •  Das Konzept der strategischen Kultur tauchte Ende der 70er Jahre auf und erlebte seinen Höhepunkt zu Beginn der 90er Jahre. Es folgt zwar der politischen Kultur, bezieht sich inhaltlich aber wenig auf sie, sodass nicht von einer Ablösung gesprochen werden kann, sondern eher von einem Aufeinanderfolgen. Die strategische Kultur rückte die Problemlösefähigkeit der politischen Exekutive in den Mittelpunkt: Nach Meyer (2005) stellt die strategische Kultur auf Verhaltensmuster einer außen- und sicherheitspolitischen Elite ab. Strategie als Kosten-Nutzenabwägung am Handeln und Gegenhandeln ist rational. Strategische Kultur verweist bei rationalem Handeln auf leitende Normen, Werte, historische Erfahrungen sowie Sozialisierungsprozesse zwischen den Entscheidenden.
  •  Mit dem Ende des kalten Krieges wurden Gefahren diffuser und ungenauer und der Sicherheitsbegriff erfuhr eine Erweiterung. Münkler (2010) formuliert das in der Sicherheitsforschung oft beschriebene Sicherheitsparadox als größer werdendes Unsicherheitsgefühl, je größer die Anstrengungen sind, Bedrohungen und Unsicherheiten zu vermeiden; hierin liegt die Unmöglichkeit des Unterfangens der strategischen Kultur – denn diese operiert mit dem Ziel, Bedrohungen vollständig auszuräumen. Die Natur der Bedrohungen hat sich in eine Kultur kontingenter Risiken verwandelt, in der niemand sagen kann, was ihn morgen bedroht (Daase / Kessler 2007). Dieser strukturellen Ungewissheit kann mit rationalem Kalkül strategischen Handelns und Gegenhandeln nicht mehr begegnet werden. Deswegen fokussiert Sicherheitskultur bedeutungsorientierte Praktiken, die sich an Sinnhorizonten orientieren, deren Spannbreite von Narrationen bis statistischen Handlungsgrundlagen reicht.

Zusammengefasst entstammt der Begriff der Sicherheitskultur der Makroebene. Diese Sicherheitskultur ist deutlich stärker politisch konnotiert als der Teilbegriff der Sicherheit. Heute eingebettet zwischen politischer und strategischer Kultur deutet und liefert Sicherheitskultur Praktiken, die sich an einem Sinnhorizont von Narration bis stringenter Beweisführung orientieren können.

Sicherheit als Kultur in Wirtschaftsorganisationen

Sicherheitskultur zielt deutlich auf ‚Sicherheit auf nationaler und transnationaler Ebene‘: Der Staat als Garant der Sicherheit in Deutschland; Die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Kultur, welche die Sozialwissenschaften auf Staatenebene den Kulturwissenschaften entleihen – und nicht zuletzt die pyramidale Einbettung der Sicherheitskultur zwischen die unbestritten national verstandene strategische und politische Kultur machen deutlich, dass die bekannte Auseinandersetzung mit Inhalt, Bedeutung und Begriff der Sicherheitskultur hinsichtlich der Herkunft und Belegung des Konzepts an die Makroebene geknüpft ist. Es stellt sich die Frage, ob auch in Unternehmen als Wirtschaftsorganisationen von ‚Sicherheitskultur‘ gesprochen werden kann.

Die Entwicklung der Sprache lässt viele Begriffe im Lauf der Zeit eine andere Bedeutung erfahren. Im aktuellen Sprachgebrauch von Fachzeitschriften wird Sicherheitskultur nach Auffassung des Autors öfters auf Organisationen bezogen, die eben nicht der Staat sind: Wirtschaftsunternehmen befassen sich mit ihrer Sicherheitskultur, obwohl sie vom Typus her niemals den Sozial- und Kulturwissenschaften zugeschlagen würden sondern der Betriebswirtschaftslehre und somit eher ein Risikomanagement z. B. nach Basel II, GmbHG oder AktG bräuchten. Dem gegenüber steht der Gebrauch des Begriffs im aktuellen literarischen Diskurs, der Sicherheitskultur eben fast ausschließlich auf den staatlichen Akteur bezieht. Ob der Begriff einen Bedeutungswandel erfahren hat oder sein Gebrauch zwischen den Disziplinen divergiert, soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Vielmehr soll der beobachteten Praxis entsprechend geklärt werden, weswegen es Sicherheitskultur auch in Wirtschaftsorganisationen geben kann.

Die Herkunft des Begriffs aus der Untersuchung des Unglücks von Tschernobyl durch die IAEO belegt die an eine Wirtschaftsorganisation gekoppelte Wortschöpfung, deren Semantik jedoch deutlich aufgeweitet wurde: „Im Anschluss [an den Untersuchungsbericht] wurden in der technischen Sicherheitsforschung die institutionellen Grundlagen des Sicherheitsmanagements und das Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Organisationen und Betrieben als Sicherheitskultur bezeichnet […]. Von hier verbreitete sich der Begriff sprunghaft im politischen Diskurs […] und in der Wissenschaft […].“[11] Dass der Begriff seinen Ursprung im Kontext einer nichtstaatlichen Organisation hat, rechtfertigt jedoch nicht den gleichen Gebrauch rund 30 Jahre später. Ein weiteres Indiz für die heutige Gültigkeit liefert der Kulturbegriff: Kultur besteht autokatalytisch in jeder Gesellschaft. Zwar ist Kultur bezogen auf den Nationalstaat ungleich schwerer zu verstehen als Kultur bezogen auf ein Unternehmen; die Bedeutung des Sets ist jedoch in beiden Fällen gleich: Unternehmenssicherheitskultur möchte Deutungs- und Handlungsmuster liefern, die bedeutungsstiftende Objekte und Technologien begreifbar machen; Sie möchte dabei weder nur rational noch relational sein – das Gros diese Merkmale will auch Sicherheitskultur erfüllen.[12] Da sich Unternehmen in komplexen und hochkomplexen Umgebungen bewegen bzw. selbst solche Systeme sind, hat Sicherheitskultur in Unternehmen oft den Anspruch der Ganzheitlichkeit. Dieser Ansatz darf jedoch nicht alles zum Sicherheitsthema machen: „Die Erkenntnis [aus der Komplexität] darf auch nicht bloß sein, dass alles mit allem zusammenhängt und als Antwort darauf alles mit allem vernetzt werden muss. Dies würde suggerieren, auf immer komplexere Fragen mit immer komplexeren Antworten angemessen reagieren zu können und vernachlässigt die Tatsache, dass es Gefahren und Bedrohungen gibt, denen wir prinzipiell nicht Herr werden können.“[13] Ob ‚Kultur des Wegsehens‘ | ‚Voyeuristische Kultur‘ oder ‚schlechte Lernkultur‘ – Kultur wird immer dann bemüht, wenn Massenmedien und Einzelne an Verständnisgrenzen stoßen: Abstraktes und der Alltagssprache Entgrenztes soll so in ein Wort gepackt werden. Deswegen und auch trotz der uneinheitlichen Auslegung der Kultur in den Disziplinen darf sie nicht Erklärung für alles sein. Schlussendlich dürfte der inflationäre und teils wenig überlegte Gebrauch der Sicherheit, der Kultur und ihrer thematisch verwandten Begriffe seit 9/11 unbewusst das Konzept der Versicherheitlichung[14] befördert haben und so indirekt der Sicherheitskultur in den fachsprachlichen Alltag verholfen haben.

Unternehmenssicherheitskultur kann, wie Sicherheitskultur auch, als Risikokultur verstanden werden; also mit der Frage nach dem Umgang mit Unsicherheiten. Die Schweizer Nationale Plattform Naturgefahren hat 1998 unter dem Titel ‚Von der Gefahrenabwehr zur Risikokultur‘ deutlich machen wollen, dass „Unsicherheit mit risikoorientiertem Denken begegnet werden soll.“[15] Der Schritt vom Sicherheitsdenken zum Risikodenken markiert das Verlassen des Absoluten hin zum Kalkulierten und Bewussten.[16] „Risiken haben Ursachen. Diese Ursachen können u. a. im technischen, sozialen oder organisatorischen Bereich eines Systems liegen. Risiko ist – anders als die Chance als Gegenteil – negativ behaftet. Dies hängt mit den gängigen Wertevorstellungen der Menschen zusammen. [Es] sei definiert, dass Risiko eine Prognose ist, mit der die Schwere und die Eintrittswahrscheinlichkeit eines als negativ empfundenen Ereignisses angegeben wird.“[17] Kox & Gerhold weisen auf Luhmann und Bonß hin, wonach Risiken immer Entscheidungen implizieren und somit immer bewusst geschähen: „Risiken setzen [der Gefahr gegenüber] stets die subjektbezogene Entscheidung für eine Unsicherheit voraus;“ Kox & Gerhold fassen zusammen, dass unter (Natur-)Gefahr eher ein verborgenes Unheil zu verstehen ist, während der Risikobegriff klar auf die Eigenverantwortung des handelnden Menschen zielt; damit wird Risiko vom Menschen de facto selbst hergestellt.[18] Unternehmen sind Mensch-Maschine-Umwelt-Systeme. Aus den inhärenten Interaktionen entstehen systemische Risiken, die ohne die unternehmerische Tätigkeit nicht entstehen würden. Kox & Gerhold verweisen auf Renn et. al, die systemische Risiken definieren als „hochgradig vernetzte Problemzusammenhänge, mit schwer abschätzbaren Breiten- und Langzeitwirkungen, deren Beschreibung, Kategorisierung und Bewältigung mit erheblichen Wissens- und Bewertungsproblemen verbunden sind“ wobei diese systemischen Risiken an folgenden Kriterien festgemacht werden:[19]

  • Entgrenzung in Raum-, Zeit- und Schadenskategorie,
  • Hohes Maß an Komplexität und oft nicht mehr nachzuvollziehende Ursache-Wirkungs-Beziehungen,
  • Hohes Maß an Unsicherheit, das sich oft nicht qualifizieren lässt; diese Unsicherheit kann Nicht-Wissen wie auch Ver-Unsicherung sein,
  • Hohe Ambiguität hinsichtlich zu erwartender Konsequenzen und deren Bewertung.

Übertragung: Sicherheit im unternehmerischen Kontext

Der Sicherheitsbegriff an sich soll an dieser Stelle nicht definiert werden; es sei jedoch auf Kox & Gerhold verwiesen, die auf eine gute Unterscheidung in der englischen Sprache hinweisen: „Während sich security auf […] den Schutz des Systems vor der Umwelt [bezieht], wird mit safety die Verhinderung von Schäden [verstanden], die durch technische Unfälle oder Naturereignisse verursacht werden, also der Schutz der Umwelt vor dem System.“[20] Diese Unterscheidung hält sich derzeit noch; es wird jedoch ein umfassender Diskurs über Sinn und Nicht-Sinn der Trennung der Sicherheit in Security und Safety im Deutschen beobachtet.

Unternehmenssicherheitskultur muss einen Umgang mit ubiquitären Naturrisiken finden und mit den erzeugten systemischen Risiken umgehen. Der Ansatz hierzu sollte, insb. wegen der beschriebenen Komplexität, ganzzeitlich[21] sein. Im Gegensatz zur Sicherheitskultur, wo in nationalen Kontexten schwerlich in absoluten Zuständen gesprochen werden kann, ist es in der Unternehmenssicherheitskultur möglich, Unsicherheit in die messbare Form des Risikos zu transferieren: Der Umgang mit Risiken in Unternehmen wird als Bewältigung bezeichnet. Der Autor unterteilt die Risikobewältigung in zwei Phasen: Die Prä-Phase des Verstehens und die Aktive Phase des Handelns, wobei das gesamte Vorgehen als remontant und inkrementell angelegt ist. In der Risikobeurteilung verschafft sich der Handelnde ein Verständnis für das Risiko, wobei diese „der Gesamtprozess der Risikoermittlung, Risikoanalyse und Risikobewertung [ist]. […] Durch eine Risikobeurteilung erhält man ein Verständnis für die Risiken, deren Ursachen und Folgen und deren Wahrscheinlichkeiten“.[22] Risikobeurteilung bezeichnet also den gesamten Prozess, unter dem Ermittlung, Analyse und Bewertung stattfinden. „Risikoermittlung ist der Prozess des Suchens, Erkennens und Aufzeichnens von Risiken. […]Die Risikoanalyse stellt eine Eingangsgröße für die Risikobeurteilung dar […]. Bei einer Risikoanalyse werden die Folgen und die dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten ermittelter und erkannter Risikoereignisse bestimmt.“[23] Nach dem Erkennen der Ursache-Wirkungs-Beziehungen folgt ein diskursiver Prozess: Das ermittelte Risiko wird an den angestrebten Schutzzielen gemessen; der sich ergebende Vergleich ist die Risikobewertung.[24] Der am Ende der Risikobeurteilung stehenden Abhandlung, meist in Form eines Gutachtens oder einer Stellungnahme, folgt das „Risikomanagement im engeren Sinne“[25] als Aktive Phase: Hierunter wird die Gesamtheit aller Operationen verstanden, mit denen dem Risiko nach seinem Verstehen schlussendlich begegnet (nicht: bewältigt) werden soll. Renn unterscheidet vier Grundstrategien, mit denen dem Risiko begegnet werden kann: Risikovermeidung, Risikoübertragung, Risikoakzeptanz und Risikoreduktion.[26] Vermeidung meint, die Substitution der Ursache und somit auch des Risikos insbesondere im technischen Bereich. Übertragung meint die Weitergabe der Zielsetzung an eine andere Partei, insbesondere durch Versicherung. Akzeptanz meint den Verzicht von Maßnahmen und die Hinnahme aller Auswirkungen, insbesondere bei Naturrisiken. Reduktion meint tatsächlich wirksame Maßnahmen, um der Risikoquelle zu begegnen und die erkannten Auswirkungen zu bewältigen: Hierin werden präventive und reaktive Maßnahmen unterschieden.

Maßnahmen mit präventivem Charakter mangelt es an der Legitimation durch das Schadereignis selbst;“ Kox & Gerhold verweisen auf Kuhlicke & Drünkler, welche Prävention als ein Nichtereignis bezeichnen, welches zu einem Ereignis gemacht werden müsse, um sie zu legitimieren.[27] Prävention kann dreifach unterschieden werden: Strategien zur Reduktion der Gefahr, der Empfindlichkeit und zur Reduktion der Exposition. Das Vorgehen der Bewältigung von Natur-Risiken kann als ‚standardisiert‘ und deswegen als ‚notwendigerweise nicht kreativ‘ bezeichnet werden: Dieses „folgte in den letzten Jahrzehnten dem Paradigma der Gefahrenabwehr indem versucht wurde, innerhalb der sektoriellen Zuständigkeitsbereiche einzelne Schutzgüter vor bestimmten Gefahren zu schützen und mit den verfügbaren Mitteln ein Maximum an Sicherheit zu schaffen. Diese Denkweise folgt einem äußerst technisch-naturwissenschaftlichen Risikoverständnis, indem versucht wird die Wahrscheinlichkeit eines Schadens gemittelt über die Zeit möglichst objektiv zu bestimmen.“[28] Der Autor versteht hierin Kritik an einem zu fokussierten Vorgehen, das durch das Vorherrschen standardisierter Ingenieurmethoden zu wenig die Rahmenbedingungen berücksichtig. Folglich sollte Risikobewältigung ganzheitlich sein.

Definition: Unternehmenssicherheitskultur als Erklärung ganzheitlicher Risikobewältigung

Der Autor trifft folgende Definition: Unternehmenssicherheitskultur ist die Erklärung ganzheitlicher Risikobewältigung einer Wirtschaftsorganisation. Sie hat das Ziel, Unsicherheit in Form einzelner Risiken zu minimieren und hierdurch Sicherheit zu produzieren. Indem sie nach dem Sinn fragt, erklärt sie Praktiken durch Deutungs- und Handlungsmuster, verleiht Handlungen Verbindlichkeit und eröffnet durch Entwicklungsvorstellungen Steuerungsmöglichkeiten. Ihr Erscheinungsbild ist die Kommunikation. Sie ist zweckrational. Sie ist zeitabhängig und konstituiert sich an dem, was als sicher gilt. Sicherheit sind Nichtereignisse unerwünschter Phänomene; sie erfährt durch Schutzziele eine quantifizierte Form. Unternehmenssicherheitskultur reproduziert sich in der Wirtschaftsorganisation als soziales System, wobei diese Autokatalyse direkt vom Selbstbezug der Wahrnehmung abhängt. Unternehmenssicherheitskultur und Unternehmenskrisenmanagement werden im unternehmerischen Resilienzmanagement zusammengeführt.

Quellangaben:

[1] (Farizin & Jordan, 2008, S. 162 – 165)
[2] (Rauer, Junk, & Daase, 2014, S. 36)
[3] Nach (Kettner & Sturmeit, 2014)
[4] Human Factors werden synonym als menschliche Einflussgrößen, menschlicher Faktor oder Humanfaktor bezeichnet. Sie fassen psychische, kognitive und soziale Einflussfaktoren in diesen Systemen zusammen. Der verwendete Plural soll die Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität dieser Einflussfaktoren betonen.
[5] (Starke, 2010, S. 28)
[6] (Duden, 2013)
[7] (Ritz, 2011, S. 2)
[8] (Endreß & Feißt, 2014, S. 26-27)
[9] (Masius, 2012, S. 183)
[10] Nach: (Rauer, Junk, & Daase, 2014, S. 38-47)
[11] (Daase, 2012, S. 32)
[12] Vgl. (Rauer, Junk, & Daase, 2014, S. 46)
[13] Münkler, 2010 nach (Endreß & Feißt, 2014, S. 21)
[14] vgl. Kopenhagener Schule.
[15] Schweizer Nationale Plattform Naturgefahren nach (Kox & Gerhold, 2014, S. 133)
[16] Im Jahr 2014 wird davon gesprochen, dass sich die Risikogesellschaft als Präventionsstaat zur Sicherheitsgesellschaft als Überwachungsstaat wandelt. Dieses Verständnis steht dem zitierten Ausdruck entgegen; Dennoch hat sich der Autor entschieden, die Auffassung von 1998 zu zitieren – nicht zuletzt um deutlich zu machen, dass jede Begriffsverwendung eine nicht anders als gemeint zu interpretierende Definition voraussetzt.
[17] (Gißler, 2013)
[18] (Kox & Gerhold, 2014, S. 128)
[19] Nach (Kox & Gerhold, 2014, S. 130)
[20] (Kox & Gerhold, 2014, S. 133)
[21] Ganzheitlichkeit betrachtet eine Sache oder ein System vom Ursprung bis zum Ziel bzw. vom Input zum Output und möglichen eigendynamischen Initialen. Es werden alle (auch scheinbar nicht relevanten) Eigenschaften betrachtet. Alle Quer- und Wechselverbindungen der Elemente müssen ebenso betrachtet werden wie alle vernünftigerweise nicht auszuschließenden Rahmen- und Umweltbedingungen. Die Erfassung von schwer Qualifizierbarem wie im System herrschende Werte, Normen und Kulturen muss ebenso erfolgen wie die Vorsehung aller Systemreaktionen, Wechsel- und Nebenwirkungen.
[22] (DIN EN 31010, 2010)
[23] (DIN EN 31010, 2010)
[24] Vgl. auch (Kox & Gerhold, 2014, S. 135)
[25] Gottschalk-Mauz, 2007 nach: (Kox & Gerhold, 2014)
[26] Nach: (Kox & Gerhold, 2014, S. 135)
[27] (Kox & Gerhold, 2014, S. 137)
[28] (Kox & Gerhold, 2014, S. 139)

Literaturverzeichnis:

  • Daase, C. (2012). Sicherheitskultur als interdisziplinäres Forschungsprogramm. In C. Daase, P. Offermann, & V. Rauer (Hrsg.), Sicherheitskultur – Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr (S. 24-44). Frankfurt am Main: Campus Verlag.
  • DIN EN 31010. (November 2010). Risikomanagement – Verfahren zur Risikobewertung.
  • Duden. (25. März 2013). Von http://www.duden.de/rechtschreibung/Sicherheit#Bedeutung1 abgerufen
  • Endreß, C., & Feißt, M. (2014). Von der Sicherheit zur Sicherheitskultur. In H.-J. Lange, M. Wendekamm, & C. Endreß (Hrsg.), Dimensionen der Sicherheitskultur (S. 19-31). Wiesbaden: Springer VS.
  • Farizin, S., & Jordan, S. (Hrsg.). (2008). Lexikon Soziologie und Sozialtheorie – 100 Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam-Verlag.
  • Gißler, D. (06. Juni 2013). Dreidimensionale Risikoanalyse. Friesenheim.
  • Kettner, M., & Sturmeit, R. (2014). Posttraumatische Belastungsstörung als Gesellschaftsdiagnose? In H.-J. Lange, M. Wendekam, & C. Endreß (Hrsg.), Dimensionen der Sicherheitskultur (S. 59-77). Wiesbaden: Springer VS.
  • Kox, T., & Gerhold, L. (2014). Bewältigung systemischer Risiken am Beispiel extremer Naturereignisse. In H.-J. Lange, M. Wendekamm, & C. Endreß (Hrsg.), Dimensionen der Sicherheitskultur (S. 127-144). Springer VS.
  • Masius, P. (2012). Natur und Kultur als Quellen der Gefahr – Zum historischen Wandel der Sicherheitskultur. In C. Daase, P. Offermann, & V. Rauer (Hrsg.), Sicherheitskultur – Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr (S. 183-204). Frankfurt am Main: Campus Verlag.
  • Rauer, V., Junk, J., & Daase, C. (2014). Kunjukturen des Kulturbegriffs. In H.-J. Lange, M. Wendekamm, & C. Endreß (Hrsg.), Dimensionen der Sicherheitskultur (S. 33-56). Wiesbaden: Springer VS.
  • Ritz, F. (2011). Sicherheit in Einrichtungen hohen Gefährdungspotentials – „Safety Interaction Patterns“ in Teams zur Gestaltung komplexer Mensch-Maschine-Interaktionen.
  • Starke, S. (2010). Führungskultur in High Risk Environments. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft

Bild: Not-Stopp. (Quelle: Hans-Jörg Deggert/pixelio.de)

Autor: Autor: Dominic Gißler B.Sc. Sicherheitsingenieur, Absolvent Security & Safety Engineering der Hochschule Furtwangen