Der Masterstudiengang Katastrophenvorsorge und Katastrophenmanagement, kurz KaVoMa, ist ein Studiengang im Bereich der akademischen Weiterbildung. Er wird von der Universität Bonn in Kooperation mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) berufsbegleitend angeboten (Abschluss „Master in Disaster Management and Risk Governance“). KaVoMa richtet sich an Fach- und Führungskräfte der strategischen Ebene. Studierende und Alumni sind in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (auch Hilfsorganisationen), in Unternehmen, im Gesundheitssektor und in der öffentlichen Verwaltung tätig.

Hintergrund, Motivation und Ziel

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Der Begriff „Katastrophe“ wird unterschiedlich definiert und verwendet (vgl. z. B. Geenen, E.M. (2008): Katastrophenvorsorge – Katastrophenmanagement. In: Felgentreff, C. und T. Glade (Hrsg.). Naturrisiken und Sozialkatastrophen. Spektrum Verlag.,S. 225-239). Die Unterbrechung der Produktionskette oder der Serviceleistung kann für ein Unternehmen katastrophale Folgen haben; ein lokal begrenztes Sturzflutereignis kann für eine Kleinstadt eine Katastrophe bedeuten. Auch wenn Katastrophen gemeinhin als plötzliche und unerwartete Ereignisse wahrgenommen werden, sind sie überwiegend das Resultat von Prozessen, die bereits seit Jahrzehnten oder Jahren ablaufen: sei es die gestiegene Vernetzung und Abhängigkeit von Kritischen Infrastrukturen (KRITIS), das sich verändernde Klima, eine unangepasste Flächennutzung, der Verlust der Selbsthilfefähigkeit oder das Altern der Gesellschaft. Neue Katastrophenpotenziale entstehen. In diesem Kontext sind heute besonders systemische („gekoppelte“ oder „kaskadierende“) Risiken von Bedeutung. Systemische Risiken sind charakteristisch für lokal, regional und global vernetzte Lebens- und Wirtschaftswelten. Die dreifache Katastrophe in Japan ist ein Beispiel dafür, welche Katastrophenpotenziale systemische Risiken entwickeln können. Nicht nur für Deutschland als Industrieland und Informationsgesellschaft gilt: Wir müssen uns stärker auf neue Risiken und wachsenden Unsicherheiten einstellen. Einzelbetrachtungen von Risiken stoßen an ihre Grenzen.

Vor diesem Hintergrund kommt der Katastrophenvorsorge, die neben der Katastrophenbewältigung eine Teilaufgabe des Katastrophenmanagements ist, eine besondere Bedeutung zu. Die Risikoanalyse bildet eine zentrale Grundlage der Katastrophenvorsorge. Eine ganzheitliche, vernetzte Sichtweise ist dabei in mehrfacher Hinsicht erforderlich: für die Erkenntnis von Risikoursachen und für die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen zur Risikoreduzierung. Zudem muss eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Risikowahrnehmungen und Interessen berücksichtigt werden. Der International Risk Governance Council (IRGC) hat daher in seinem „White Paper on Risk Governance – an integrated approach“ ein umfassendes Konzept der Risikoregulierung (Risk Governance) vorgelegt (Renn 2005, 2006). Dieses Konzept betont, dass nur eine vernetzte Sichtweise dauerhaft erfolgreich sein kann, um Risiken zu erkennen, zu kommunizieren und ggf. zu regulieren. Denn auch die Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen wird durch einen integrativen Ansatz gefördert.

Die Konzeption des Studiengangs KaVoMa entspricht einer solchen Sicht- und Herangehensweise. Sie beruht auf dem Zusammenwirken unterschiedlicher Disziplinen und der Verzahnung von Wissenschaft und Praxis, die politische Entscheidungsprozesse einschließt. KaVoMa zielt darauf ab, dass die Studierenden fachübergreifend denken, ihre Wissensbasis erweitern und mit ihrer fachspezifischen Ausbildung und Berufserfahrung verknüpfen. Seit dem Start im Wintersemester 2006/2007 haben sich die Konzeption und Zielsetzung des Studiengangs bewährt. Denn das Echo des Arbeitsmarktes zeigt, dass eine solche Sicht- und Herangehensweise neue Wege der Problemerkennung und strategischen Problemlösung ermöglicht. Auch die Ergebnisse der Absolventen- und Absolventinnen-Befragung machen deutlich, dass die Konzeption und Zielsetzung des Studiengangs erfolgreich sind. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass die Vermittlung der Fähigkeit, vorhandenes Wissen auf neue Probleme anzuwenden, erreicht wird. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen bestätigen darüber hinaus, dass sie ihr Wissen erweitern und gleichzeitig vertiefen konnten und dass ihnen fachübergreifendes Denken vermittelt wurde.

Profil des Studiengangs und Curriculum

Das Ziel des Studiengangs spiegelt sich in seinem Profil wider. KaVoMa vertritt eine gleiche Gewichtung der natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen (vgl. z. B. multiple Risikosichten nach Banse und Bechmann (1998): „Interdisziplinäre Risikoforschung“, Opladen, Wiesbaden). Dabei wird deren Verknüpfung nicht nur untereinander, sondern auch mit der operativen Ebene herausgestellt. Dementsprechend stammen die 35 Dozentinnen und Dozenten aus unterschiedlichen Disziplinen und sind in Universitäten und Fachhochschulen, Behörden, Organisationen und der freien Wirtschaft tätig.

Das Curriculum beginnt mit einem Grundlagenbereich, dem ein Vertiefungs- und ein Spezialisierungsbereich folgen (Abb. 1). Im Rahmen des Grundlagenbereiches ist die Struktur des Bevölkerungsschutzes in Deutschland, d. h. die rechtlichen Vorgaben, Verantwortlichkeiten und Ressourcen im Rahmen des föderalen Systems, ein wichtiger Lehrinhalt, der auch in den Kontext des europäischen Bevölkerungsschutzes gesetzt wird. Außerdem erlernen und festigen die Studierenden Inhalte aus den Natur-, Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften, die ihnen nicht nur helfen, die potenziell negativen Auswirkungen von Risiken, sondern auch die menschliche Reaktion auf diese Risiken zu verstehen. Weiterhin wird deutlich, welche Informationen von den zuständigen Experten und Expertinnen, wie schnell und in welcher Qualität geliefert werden können. Dies ist entscheidend für die Entwicklung von Szenarien und Prognosen.

Im Rahmen der Grundlagenmodule wird großer Wert darauf gelegt, die vielfältigen Bezüge zum übergeordneten Thema „Risiko“ aufzuzeigen, sodass sie in das pluralistische Verständnis dieses Themas eingeflochten werden. Die Studierenden sollen darüber hinaus die Grenzen ihrer eigenen Disziplinen erkennen, ein Verständnis für die Sicht- und Herangehensweisen anderer Disziplinen entwickeln und Schnittstellen entdecken. Dazu gehört, sich für bisher unbekannte Denkweisen zu öffnen, sich auf Nichtwissen und Lernen einzulassen, Verknüpfungen herzustellen, die Chancen des Neuen zu erkennen und mit Bekanntem zu verbinden. Dass dies gelingt, zeigen auch die Ergebnisse der Modulevaluationen, die von den Studierenden regelmäßig ausgefüllt werden.

Der Vertiefungsbereich umfasst einzelne Komponenten des Katastrophenmanagements, z. B. Methoden der Gefahren-, Vulnerabilitäts- und der Risikoanalyse oder mögliche Maßnahmen der Vorsorge und der Vorbereitung auf den Ernstfall. Der Risiko- und Krisenkommunikation kommt hierbei als Bestandteil und Maßnahme der Vorsorge und Bewältigung eine Querschnittsfunktion zu. Nationale und internationale Beispiele aus der Praxis verdeutlichen den Anwendungsbezug der Studieninhalte.

Der Wahlpflichtbereich ermöglicht die Spezialisierung im Umgang mit verschiedenen Risiken, wie Hochwasser, Erdbeben und Amoklauf oder hinsichtlich bestimmter Regionen und Objekte, wie Metropolen und Megacities oder KRITIS. Ein Modul zum Krisen- und Sicherheitsmanagement verbindet Theorie und Praxis mithilfe einer mehrtägigen Stabsrahmenübung. Schließlich ermöglicht die Masterarbeit die eigenständige, wissenschaftliche Bearbeitung einer Fragestellung, die häufig aus dem eigenen und/oder beruflichen Interesse heraus entwickelt wird.

Das Lehr- und Lernkonzept des Studienganges beruht auf dem „blended learning“-Ansatz, der sowohl den Austausch mit den Dozierenden im Seminar, als auch das individuelle und flexible Lernen zuhause ermöglicht. Im Rahmen der Präsenzseminare führen die Dozierenden anhand von Vorlesungen, Gruppenarbeit und Übungen in die Thematik ein. Diese Wochenendseminare finden in der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des BBK in Bad Neuenahr-Ahrweiler statt.

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Profil der Studierenden und Alumni

Die interdisziplinäre Konzeption des Studiengangs spiegelt sich im Profil der Studierenden und Alumni. Sie kommen aus verschiedenen Disziplinen und Berufsfeldern. Somit wird das vernetzte Lernen und Denken nicht nur durch das Curriculum, sondern auch durch den Austausch untereinander gefördert.

Vergleichsweise stark vertreten sind die Ingenieurwissenschaften (31 %) mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie Nachrichtentechnik, Bauingenieurwesen oder Rettungsingenieurwesen. Mit 12 % sind die Verwaltungswirte und Verwaltungswirtinnen vertreten, gefolgt von Medizinern und Medizinerinnen mit 9 %. Die Fächer Geographie (5 %), Jura (3 %) und Erziehungswissenschaften (3 %) folgen. Schließlich ist der vergleichsweise große Anteil weiterer Abschlüsse zu nennen, die in eine Kategorie zusammengefasst werden  können (37 %). Hier sind z. B. Fächer wie Betriebswirtschaft, Informatik, Geologie, Journalistik, Chemie und Politikwissenschaft vertreten.

Die Altersstruktur der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zeigt, dass KaVoMa nicht nur für diejenigen interessant ist, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Teilnehmer und Teilnehmerinnen zwischen 35 bis 44 Jahren sind kontinuierlich vertreten und auch die Altersgruppe 45 bis 56 Jahre ist präsent. Es ist als Erfolg des Studiengangs zu werten, dass sehr erfahrene Fach- und Führungskräfte das akademische Weiterbildungsangebot nutzen.

Blick in die Zukunft

Während die anfängliche Konzeption und Zielsetzung des Studiengangs künftig beibehalten wird, haben die Entwicklungen des Themenfeldes verschiedene Anpassungen des Curriculums notwendig gemacht. So wurden Themen, wie der Umgang mit Extremen oder die Entwicklungen auf EU-Ebene, stärker als bisher im Curriculum berücksichtigt. Auch wurde das Thema „Risiko- und Krisenkommunikation“ aufgrund seiner Querschnittsfunktion gestärkt.

Um außerhalb des Curriculums aktuelle und interessante Themen aufgreifen zu können, werden auch künftig Gastreferenten eingeladen, die über spezielle Themen referieren und mit den Studierenden diskutieren. Das außercurriculare Engagement von KaVoMa schließt die aktive Mitgestaltung von Konferenzen, wie das im November stattfindende 12. Forum Katastrophenvorsorge des Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge DKKV („Risiko Lernen-Lehren-Leben“), mit ein. Schließlich werden die jährlichen Alumni-Treffen auch künftig ein wichtiger Bestandteil des Studiengangs sein. Denn das Alumni-Netzwerk ist ein Experten-Netzwerk und wächst mit jedem neuen Jahrgang. Es bietet den Absolventen und Absolventinnen die Möglichkeit, sich auch nach Abschluss ihres Studiums auszutauschen.

Die Universität Bonn, das BBK und die mitwirkenden Dozenten und Dozentinnen werden mit KaVoMa auch weiterhin einen Beitrag zu einer interdisziplinären, vernetzten akademischen Weiterbildung anbieten. Alle Partner sind sich einig, dass Bildung einen eigenen, nicht zu unterschätzenden Beitrag in der Katastrophenvorsorge leistet. Die steigenden Bewerberzahlen zeigen, dass dieses Angebot wahr- und angenommen wird.

Anschrift der Verfasser:

Prof. Dr. Richard Dikau
Wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs Katastrophenvorsorge
und -management (KaVoMa), Universität Bonn
Dr. Gabriele Hufschmidt
Wissenschaftliche Koordinatorin des Studiengangs Katastrophenvorsorge
und -management (KaVoMa), Universität Bonn
Universität Bonn
Meckenheimer Allee 166
53115 Bonn
www.kavoma.de

Ansprechpartner des BBK für den
Studiengang KaVoMa:

Dr. Dirk Freudenberg

Dr. Gabriele Hufschmidt
geb. am 28. März 1976 in Schleiden

  • 1995 – 2002: Studium der Geographie mit Auslandsaufenthalten, Universität Bonn, Abschluss: Diplom
  • 2002 – 2004: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (DFG-Projekt zu Naturgefahren im Alpenraum), Geographisches Institut, Universität Bonn
  • 2004 – 2008: Promotionsstipendiatin und Dozentin an der Victoria University Wellington, School of Geography, Environment and  Earth Sciences, Neuseeland. Themen: Naturgefahren, Vulnerabilität, Resilienz, Risiko
  • 2008: Promotion an der Victoria University Wellington zur zeitlichen Variabilität von Risiko
  • 2009 – 2010: Referentin für Internationalisierung, Hochschulrektorenkonferenz, Bonn
  • Seit 2010: Wissenschaftliche Koordinatorin des Studiengangs Katastrophenvorsorge und -management (KaVoMa), Geographisches Institut, Universität Bonn