Die Schweiz kennt drei Verwaltungsebenen: Bund, Kantone und Gemeinden. Die Kantone haben in der Schweiz eine dominante Stellung und sind grundsätzlich auch für die Katastrophenbewältigung zuständig. Für Ereignisse, welche selten zu erwarten sind, die jedoch spezifisches, oft nicht vorhandenes Fachwissen erfordern, bedarf es einer engen Abstimmung mit dem Bund. Dies gilt in besonderem Maße für die Bewältigung von ABC-Ereignissen, bei denen sowohl Bund und Kantone (und auch größere Städte) als auch zivile und militärische Stellen involviert sind. Für eine effiziente Prävention und Ereignisbewältigung wurden die Ereignisdienste im „Verbundsystem Bevölkerungsschutz“ zusammengefasst. Dieses umfasst Polizei, Feuerwehr, Sanitätsdienst, Zivilschutz und die technischen Werke als Partnerorganisationen.

Als beratendes Organ für Bund und Kantone ist die „Eidgenössische Kommission für ABC-Schutz“ (Kommission) etabliert. Ihr zur Seite steht eine „Geschäftsstelle Nationaler ABC-Schutz“, welche ihre Arbeiten koordiniert und alle relevanten Partner in der Vorsorge unterstützt. Auf kantonaler Stufe gibt es die „Koordinationsplattform ABC der Kantone“, auf der Stufe des Bundes den „Bundesstab ABCN“. Dieser umfasst alle entscheidungsrelevanten Amtsdirektoren und die Armee für alle ABC- und N (Natur)-Ereignisse und bereitet die Entscheide für den Bundesrat vor.

Strategie und ABC-Schutz Schweiz

Bei der Beurteilung der Gefährdung durch ABC-Ereignisse war in den 1960er Jahren die Angst vor den Auswirkungen beim Einsatz einer Atomwaffe oder eines Angriffs mit chemischen Kampfstoffen im Fokus. Neben der Armee wurde auch der Zivilschutz mit Strahlenmess- und Kampfstoffnachweisgeräten ausgerüstet und in deren Handhabung ausgebildet. Bei einem solchen Ereignis (insbesondere bei einer A-Explosion mit Sprengpunkt 0 gefolgt von einer massiven Geländeverstrahlung [Fallout]) wäre wohl ein Großteil des Gebietes der Schweiz betroffen, weshalb die Verantwortlichkeiten für diese Ereignisbewältigung auf Stufe des Bundes angesiedelt wurde. In den 1970er Jahren wurden zudem KKW-Unfälle in Betracht gezogen. Auch hier machte es Sinn, dass der Bund die Verantwortung für die Anordnung von Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung übernahm. Mit dem aktuellen Sicherheitspolitischen Bericht der Schweiz, welcher die Lage in Bezug auf die Sicherheit analysiert, treten verstärkt terroristische Aktionen mit eher geringen, aber rasch einsetzenden (lokalen bis regionalen) Auswirkungen in den Vordergrund. Bei solchen Ereignissen sind deshalb zuerst die Kantone/Gemeinden gefordert. Da die Prävention für ABC-Ereignisse sowohl durch das Militär als auch durch den Zivilschutz und sowohl bei Bund als auch bei Kantonen und Gemeinden bearbeitet wurde, war es erforderlich, eine einheitliche Strategie „ABC-Schutz Schweiz“ festzulegen. Die Kommis­sion hat diese Strategie im Auftrag des Bundesrates erarbeitet und im Juni 2007 veröffentlicht. Seither stützen sich alle Vorbereitungen für ABC-Ereignisse hierauf. Als wichtiges Element listet die Strategie die ABC Referenzszenarien auf, für welche eine detaillierte Vorbereitung als erforderlich betrachtet wird. Das LABOR SPIEZ – die ABC-Fachstelle der Schweiz und Teil des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz – hat für die Referenzszenarien die jeweils typischen Auswirkungen berechnet. Im Folgenden werden einige Charakteristiken von ausgewählten Szenarien dargelegt.

Unfall in einem KKW

Man geht davon aus, dass wesentliche Indikatoren wie Dosisleistung im Containment ansprechen, bevor ein Release mit Auswirkungen auf die Umgebung stattfindet. Die wichtigsten Anlagedaten für die Beurteilung der Situation im Werk werden an die Aufsichtsbehörde online übermittelt. Diese wiederum stellt ihre Beurteilung in Bezug auf die mögliche Gefährdung der Bevölkerung der Nationalen Alarmzentrale zur Verfügung, welche die Notfallmaßnahmen für die Bevölkerung in Gang setzt:

    • Warnung der Behörden und Alarmierung der Bevölkerung,
    • Anordnung erster Schutzmaßnahmen wie Verbleiben im Haus, Aufsuchen von Kellern/Schutzräumen,
    • Einnahme von Jodtabletten, vorsorgliche Evakuierungen.

Die Kantone und Gemeinden sind hier auf rasche und verständliche Informationen durch den Bund angewiesen, denn sie haben keine Experten für KKW-Belange und haben deshalb auch keinen Zugriff auf die oben erwähnten Anlagedaten. Bei Störfällen in Nebensystemen wie etwa bei Brennelementhandhabungsstörfällen sind Abläufe denkbar, bei denen es zu einem raschen, allerdings begrenzten Release kommen kann. Für solche Spezialfälle ist eine direkte Alarmierung der Polizeidienststelle des betroffenen Kantons durch das KKW institutionalisiert. Der Kanton alarmiert anschließend die Bevölkerung und setzt eine – vordefinierte – Radiomeldung ab. Beide Ereignisabläufe wurden schon mehrmals mit allen KKW und betroffenen Kantonen beübt. Die Abläufe sind eingespielt.

Vorsorge_Abb_1_ABC-Referenzszenarien

Dirty Bomb

Im Gegensatz zum KKW-Fall gibt es hier in aller Regel keine Vorwarnung und der Ereignisort kann in der ganzen Schweiz sein. Bei solchen Fällen müssen die Schutzmaßnahmen vor Ort entschieden und möglichst rasch umgesetzt werden, um eine Kontaminationsverschleppung zu begrenzen.

Da der Zivilschutz grundsätzlich unter kantonaler Hoheit steht, verfügen einige kantonale Zivilschutzorganisationen zwar über ausgebildete AC-Spürer mit dafür geeigneten Messgeräten. Allerdings ist der Zivilschutz generell nicht als Ersteinsatzelement konzipiert. Bei einem Sprengstoffanschlag (mit oder ohne Radioaktivität) sind primär Polizei, Feuerwehr und Sanität im Einsatz. Die Kommission hat eine Strategie für den Einsatz von Strahlenwehren erarbeitet. Diese zeigt, dass mit ca. 20 dezentralen Strahlenwehren ein Einsatz im ganzen Gebiet der Schweiz binnen spätestens 60 Minuten möglich wäre. Diese Strahlenwehren sind jedoch noch nicht operationell.

Terroristischer Anschlag mit Anthrax

Die im Nachgang zu 9/11 erfolgten Anthrax-Anschläge in den USA („Amerithrax“) haben – leider bis heute – zu Nachahmern auch in der Schweiz geführt. Bisher hatten sich diese Alarme immer als Fehlalarme herausgestellt. Um eine rasche und regional klar zugeordnete Analyse solcher und weiterer B-Fälle zu gewährleisten, haben sich sechs Speziallabors der Stufe B3 zum „Regionallabornetzwerk B“ zusammengeschlossen. Das war eine wesentliche Verbesserung in der B-Ereignisbewältigung, denn beim ersten Anthrax-Verdacht war lange nicht klar, wer die Analyse des Pulvers durchführen sollte. Mit dem Regionallabornetzwerk B ist nun für solche Fälle landesweit eine rasche Analyse sichergestellt. Was noch fehlt, ist ein einheitliches Vorgehen bei der Probenerhebung und den Notfallmaßnahmen vor Ort (vor dem Vorliegen der Analyseergebnisse). Die Bewältigung von B-Ereignissen liegt in der Verantwortung der Kantone, was zu unterschiedlichen Lösungen führt. Ab Ende 2013 ist im LABOR SPIEZ auch ein B4 Labor operationell, welches seine Dienste für die ganze Schweiz anbietet.

C-Terror Anschlag mit Sarin

Die Ereignisse von 1995 in Tokio haben vor Augen geführt, dass Terroristen auch in der Lage sind, mit C-Kampfstoffen Anschläge durchzuführen. Ein solches Szenario wurde deshalb auch in die Strategie übernommen. Bei einem solchen Anschlag erfolgt die Wirkung unmittelbar, weshalb auch hier, wie beim Einsatz einer Dirty Bomb, der Kanton die ersten Abklärungs- und Notfallmaßnahmen für die Bevölkerung einleiten muss. Hier gibt es die gleiche Diskrepanz wie im A-Fall. Kampfstoffnachweisgeräte sind zwar gesamtschweizerisch vorhanden, aber in der Regel dem Zivilschutz zugeteilt und nicht den Stützpunktfeuerwehren. Diese und die Profifeuerwehren der Städte müssten damit ausgerüstet und darin ausgebildet werden.

Für weitergehende Abklärungen gibt es auf Stufe Bund die „Einsatzequipe VBS“ (EEVBS), welche alarmmäßig aufgeboten werden kann und binnen ca. zwei Stunden in der Lage ist, vor Ort Proben zu nehmen und allenfalls weitere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu empfehlen. Die EEVBS ist ein Einsatzelement, welches gemeinsam vom Kompetenzzentrum ABC-KAMIR der Armee und dem LABOR SPIEZ unterhalten wird. Das Einsatzelement ist derzeit für A- und C-Fälle operationell. Der Kompetenzerwerb für B-Fälle ist in der Etablierungsphase.

Ziele des ABC-Schutzes Schweiz

Vorsorge_Abb_2_Regionallabornetzwerk-B

Neben der Festlegung der Szenarien, gegen deren Auswirkungen sich die Schweiz vorbereiten soll, hat die Strategie auch übergeordnete Ziele definiert.
Die Strategie will, dass:

  • eine Gefährdung durch ABC-Stoffe möglichst unwahrscheinlich ist, indem sehr hohe Sicherheitsanforderungen an die Betreiber von Anlagen im ABC-Bereich gestellt werden (Produktion, Transport und Lagerung).
  • In diesem Sinne finden vermehrt Kontrollen in sensiblen Orten wie Flughäfen, Bahnhöfen, und Grenzübergängen statt, denn auch in die Schweiz wurden schon radioaktive Quellen unerkannt „importiert“, welche erst später entdeckt wurden. Speziell wichtig ist, dass nicht nur die Sicherheitsanforderungen, sondern auch jene an die Sicherung einen hohen Stellenwert haben. Die KomABC hat dem Bundesrat diesbezüglich Empfehlungen abgegeben, wie z. B. eine stärkere Sensibilisierung der Strahlenschutzverantwortlichen für die Thematik der Sicherung.
  • ein ABC-Ereignis, sollte es trotzdem stattfinden, rasch als solches erkannt wird.

Dazu wird bei stationären Anlagen, wie z. B. einem KKW, eine Emissionsüberwachung mit Fernabfrage durch die Aufsichtsbehörde verlangt. Zudem müssen die Einsatzorgane der Kantone mittels Schnellanalytik einen raschen Nachweis machen können. Falls ein Ereignis als ABC-Ereignis erkannt wird, muss – vor Ort – eine rasche Beurteilung der Auswirkungen stattfinden und eine effiziente Intervention eingeleitet werden. Dies verlangt einerseits nach gut ausgebildeten Einsatzkräften und andererseits nach rasch (dezentral) verfügbaren Mitteln, wie z. B. Dekontaminationsmaterial.

Konsenserarbeitung Bund/Kantone

Im Rahmen der Strategieerarbeitung war rasch klar, dass – wegen der auf verschiedenen Stufen angesiedelten Zuständigkeiten – eine wirkungsvolle Bewältigung von ABC-Ereignissen nur möglich ist, wenn ein Konsens mit allen Partnern im Katastrophenschutz erreicht werden kann. Im Auftrag des Bundesrates hat die Kommission einen Vorschlag für diesen Konsens erarbeitet, wobei die Geschäftsstelle Nationaler ABC-Schutz die dazu erforderlichen technischen und organisatorischen Elemente geliefert hat. Die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen soll parallel zur Umsetzung der Strategie Bevölkerungsschutz und Zivilschutz 2015+ und zur Umsetzung der Maßnahmen zur Verbesserung des Notfallschutzes bei Extremereignissen (dies als Konsequenz auf die Ereignisse in Japan 2011) erfolgen.

Fazit

Der Schutz gegen ABC-Bedrohungen in der Schweiz hat heute einen guten Stand erreicht. Sehr gut sind die Vorbereitungen zur Bewältigung von Ereignissen, welche schon länger im „Repertoire“ sind, wie etwa eine A-Explosion und ein KKW-Unfall, und welche intensiv beübt wurden und werden.

Der Bevölkerungsschutz als Verbundsystem von Polizei, Feuerwehr, Sanität, Zivilschutz und Technischen Betrieben ist noch relativ jung. Die Idee des Bevölkerungsschutzes, wonach bei einer Katastrophe jeder im Verbund diejenigen Aufgaben übernimmt, welche er schon im „Courant Normal“ hat, ist noch nicht überall umgesetzt. Insbesondere bei ABC-Ereignissen, welche spezifische Fachkenntnisse und Messmittel erfordern, ist eine klare und gesamtschweizerische Lösung wichtig. Der Föderalismus unserer 26 Kantone macht hier wenig Sinn.

Atorin:
Martin Baggenstos, Dr. Marc Kenzelmann

Anschrift der Verfasser:
Eidgenössisches Departement für Verteidigung
Bevölkerungsschutz und Sport VBS
Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS
LABOR SPIEZ
3700 Spiez, Schweiz
Tel: +41 (0)33/228-1636
Fax: +41 (0)33/228-1404

Martin Baggenstos
Physikstudium in Zürich und Basel

  • 1970 – 1980: Reaktorchef am Forschungs­reaktor SAPHIR Würenlingen
  • 1980 – 2006: Chef Sektion Störfallauswirkungen und Notfallschutz bei der KKW-Aufsichtsbehörde (HSK)
  • Experte der IAEA in verschiedenen OSART Missionen (Deutschland, Pakistan, Ukraine)
  • 2004/2005: Präsident des Deutsch- Schweizerischen Fachverbandes für Strahlenschutz
  • 2006 – 2011: Präsident der Eidgenössischen Kommission für ABC-Schutz