Auf gleich zwei Jubiläen blickt Dirk Aschenbrenner in diesem Jahr zurück. Vor fünf Jahren wurde er zum Amtschef der Dortmunder Feuerwehr berufen, vor einem Jahr zum Präsidenten der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb e. V.) gewählt. Über die vielfältigen Herausforderungen im Feuerwehralltag und künftige Aufgaben sprach er mit CP. Das Gespräch führten Peter C. Franz, Objektleitung CP, und Sarah Heggen, Redaktion CP.

CP: Sehr geehrter Herr Aschenbrenner, können Sie uns und unseren Lesern einen kurzen Überblick über Ihre Dienststelle geben?

Aschenbrenner: Die Dortmunder Feuerwehr feiert ihr 112-jähriges Jubiläum. Das Datum wird zwar auf die Gründung der Berufsfeuerwehr 1901 zurückgeführt, doch ist dies ein Jubiläum, das man als gemeinsame Feuerwehr gut feiern kann – schließlich kann man nach wie vor nicht intensiv genug auf die 112 hinweisen.

Wir sind ein relativ großes Unternehmen, das vielfältigen Anforderungen gerecht werden muss. Bei der Dortmunder Feuerwehr arbeiten 850 hauptberufliche und 750 ehrenamtliche Kameraden, unsere Jugendfeuerwehr zählt fast 300 Mitglieder. Wir haben acht Feuerwachen der Berufsfeuerwehr und 19 Standorte der Freiwilligen Feuerwehr.

Die Feuerwehr nimmt die Aufgaben des Brand-, Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes sowie des Rettungsdienstes wahr. Zudem sind wir einer von insgesamt sieben ATF-Standorten in Deutschland.

CP: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr?

Aschenbrenner: Es beginnt bei der Ausbildung: Wir haben eine Einsatzkonzeption, die ab der Alarmstufe 2 ein integriertes Konzept vorsieht. Unsere Löschzüge werden dann aus Kräften der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr gebildet. Realbrandübungen am Brandhaus werden deshalb mit diesen integrierten Löschzügen gefahren. Im Arbeitsalltag verfahren wir nach dem SSV-System. Dies meint die Bereiche Schnelligkeit, Spezialisten und Verstärkung, die die Freiwillige Feuerwehr aufgrund ihrer geographischen Ansiedlung und spezifischen Materialvorhaltung sowie bei der Einsatzunterstützung etwa bei Unwettern, Sturm- oder Wassereinsätzen leistet.

CP: Wie spiegelt sich das in den Einsatzzahlen wieder?

Aschenbrenner: 2013 hatten die Feuerwehr Dortmund und der Rettungsdienst insgesamt 124 000 Einsätze, davon 10 000 Einsätze aus dem Bereich Brandschutz und Hilfeleistung, bei denen die Freiwillige Feuerwehr bei 2 000 Einsätzen beteiligt war. Das Gros der Einsätze, etwa 114 000, bildeten Notfallrettung und Krankentransport, die wir gemeinsam mit den Hilfsorganisationen leisten.

CP: Eine weitere Besonderheit neben der ATF gibt es an Ihrem Dienstort: Das Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR). Was hat es damit auf sich?

Aschenbrenner: Es gibt nicht viele forschende Feuerwehren. Neben uns sind es z. B. noch die Berliner, Kölner, Münchener und die Frankfurter Feuerwehr. In Dortmund haben wir bereits Ende der 1990er Jahre erste Überlegung für solch ein Institut geführt. Es gibt einen großen Bedarf an anwenderorientierter Forschung. Inzwischen ist das IFR eine eigene Organisationseinheit, die in der Ausbildungsabteilung etabliert und mit eigenem Personal ausgestattet ist. Das IFR ist regelmäßig bei drittmittelfinanzierten Forschungsprojekten dabei, sowohl auf deutscher als auch auf europaweiter Ebene.

CP: Gibt es Szenarien, für die Sie speziellen Forschungsbedarf sehen?

Aschenbrenner: Wetterextreme wie große Hitze über einen längeren Zeitraum, extreme Schneefälle oder lang anhaltende Regenfälle haben uns in den letzten Jahren schon erhebliche Probleme bereitet. Hier muss man meiner Meinung einen Forschungsschwerpunkt setzen.

CP: Vor diesem Hintergrund muss man sich strategisch weiterentwickeln, um den künftigen Anforderungen gerecht zu werden. Wie sind Sie hier aufgestellt?

Aschenbrenner: Ein Kernpunkt ist die Ausbildung. Unser neues Ausbildungszentrum hat den Schwerpunkt auf die praktische Ausbildung gesetzt. Wir haben mit unserem Brandhaus eine große Übungsarena, um die Feuerwehrleute praktisch auf ihre Aufgaben vorbereiten zu können.

CP: Sie sehen zu Beginn dieses Jahres auf Ihr fünfjähriges Bestehen in Ihrer Funktion als Leiter der Dortmunder Feuerwehr zurück. Gibt es aus Ihrer Sicht Veränderungen in der Feuerwehrarbeit in den zurückliegenden Jahren?

Aschenbrenner: In der Feuerwehrarbeit wird der an die Feuerwehr gerichtete Anspruch immer größer. Ziel ist es, grundsätzlich Schäden zu vermeiden oder abzuwenden. In Dortmund ist die Zahl der Brandtoten in den letzten Jahrzehnten gesunken, im Schnitt auf zwei Opfer pro Jahr in den vergangenen acht Jahren. Das ist ein sehr gutes Ergebnis.

CP: Verhalten sich die Zahlen bei den Bränden und Brandschäden ähnlich?

Aschenbrenner: Die Zahl der Brände nimmt leicht zu, ebenso die der Brandschäden pro Ereignis, bedingt durch den gestiegenen Sachwert in den betroffenen Gebäude. Um dem entgegenzuwirken, muss sich die Bevölkerung brandsicherer verhalten. Hier gibt es in Deutschland ein großes Aufklärungsdefizit. In Schulen ist dies beispielsweise kein Pflichtthema. Mit unseren Brandschutzunterweisungen erreichen wir lediglich 4 500 von knapp 600 000 Einwohnern in Dortmund. Hier sehe ich dringenden Nachholbedarf.

CP: Welchen Herausforderungen in der Feuerwehrarbeit sehen Sie gegenübergestellt?

Aschenbrenner: Die Rahmenbedingungen, nicht nur für die Feuerwehr, werden in vielerlei Hinsicht schwieriger. Das EU-Vergaberecht ist ein äußerst komplexes und zeitintensives Thema geworden. Die entscheidende Frage dabei ist, ob dieser Aufwand unsere Arbeit wirklich besser macht.

CP: Wie sieht die materielle Ausstattung der Feuerwehr Dortmund aus? Gibt es Dinge, die sich fortentwickeln müssen?

Aschenbrenner: Generell ist die materielle Ausstattung gut und auf dem aktuellen Stand der Technik. Natürlich gibt es immer wieder Innovationen, bei denen man den Einsatzbedarf und -nutzen evaluieren muss. Eine wichtige Fortentwicklung wird es im Bereich der Verbreitung von IT im Einsatzbereich der Feuerwehren geben. Bezüglich der Einsatzunterlagen und der Kommunikation untereinander auf Stabs- wie auf den unteren Ebenen sehe ich noch Nachholbedarf.

CP: Gibt es für den Dortmunder Standort besondere geografische oder veranstaltungstechnische Herausforderungen?

Aschenbrenner: Dortmund bietet von allem etwas. Es gibt einen Flughafen, ein ausgeprägtes Infrastrukturnetz in der Stadt und in den angrenzenden Regionen in Bezug für den Personen- sowie Gefahrguttransport. Wir haben ein großes Messegelände, U-Bahn- und Straßentunnel sowie Europas größten Kanalhafen. Und natürlich das Stadion als eines der größten in Europa mit 86 000 Plätzen.

CP: Sie sprachen gerade von Ihrem Stadion, dem Signal Iduna Park. In welchen Bereichen liegen die Aufgaben Ihrer Behörde?

Aschenbrenner: Es gibt drei Bereiche: Zum einen der vorbeugende Brandschutz, der schon beim Genehmigungsverfahren ansetzt und aufgrund der bautechnischen Veränderungen seit der Errichtung in den 70ern eine stete Aufgabedarstellt.

Der zweite Bereich ist der abwehrende Brandschutz während der Fußballspiele. Hier leisten wir Sicherheitswachen innerhalb eines sehr detailliert festgelegten Systems und verfügen über eine umfangreiche, operative Planung.

Der dritte Bereich ist die Einbeziehung des Stadions in größere Veranstaltung.

CP: Gibt es Unterschiede im Einsatz nationaler und internationaler Fußballspiele?

Aschenbrenner: Unsere Brandsicherheitswache variiert nicht bei den unterschiedlichen Spielen. Im Stadion selber herrschen sehr geordnete Verhältnisse. Einzig bei europaweiten und DFB-Spielen sind in der Regel weniger Zuschauer im Stadion aufgrund der geringeren Besucheranzahl bedingt durch die Sitzplatzpflicht.

CP: Wie gestaltet sich hier die Zusammenarbeit mit der Polizei und anderen BOS-Kräften?

Aschenbrenner: Es hat sich eine Struktur etabliert, die sich in dem entsprechenden Erlass zu Großveranstaltungen in Nordrhein Westfalen wiederfindet. Ein wesentliches Element ist immer die Arbeitsgruppe Sicherheit. Hier erarbeiten alle Beteiligten sicherheitstechnische Konzepte, die einvernehmlich mitgetragen werden.

CP: Welche Fragestellungen liegen der Planung solcher Konzepte in Dortmund zugrunde?

Aschenbrenner: Schlussendlich ist es immer eine Frage von Sicherheit, Vernetzung und Informationsfluss. Unsere Koordinierungsstelle muss immer für alle Beteiligten erreichbar sein. Es ist ein offenes Konzept, das von einer Vielzahl beteiligter Akteure gestaltet wird. Mit einbezogen werden die Dortmunder Schausteller und die ansässigen Wirte, das Tiefbau- und das Ordnungsamt, die Bundespolizei sowie weitere BOS-Instanzen und die Deutsche Bahn.

CP: Welche Aspekte zählen zu Ihren Sicherheitsschutzkonzepten?

Aschenbrenner: Im Prinzip werden die einzelnen Aspekte von den Organisationen beigesteuert und mit dem Sicherheitskonzept verzahnt. Das Sicherheitskonzept selber beschreibt die Veranstaltung und den Veranstaltungsraum: Welche Plätze nehme ich in Anspruch? Was wird vor Ort installiert? Mit welchem Personenaufkommen rechne ich? Wie erfolgt der Zu- und Abstrom? Wie reagiere ich auf bestimmte Phänomene, wie z. B. Unwetter? An welchen Stellen errichte ich Absperrungen?

CP: Wie unterscheiden sich die Konzepte zwischen öffentlichen Veranstaltungen im Freien und im Stadion?

Aschenbrenner: Im Stadion kann ich ein einheitliches Konzept abarbeiten und habe den Vorteil vieler feststehender und wiederkehrender Parameter, nach denen das Konzept sehr detailliert erarbeitet werden kann. Hier sind die Variablen klein, während im öffentlichen Raum theoretisch eine Vielzahl von Möglichkeiten und Eventualitäten auftreten können.

CP: Neben Ihrem fünfjährigen Dienstjubiläum als Dortmunder Feuerwehrchef feiern Sie in diesem Jahr auch Ihr erstes Dienstjubiläum als Präsident der vfdb. Was hat Sie in diesem Jahr beschäftigt?

Aschenbrenner: Im Schwerpunkt hat sich die vfdb um die ­INTERSCHUTZ 2015, Anpassungen der Struktur an die neue personelle Konstellation und die Weiterentwicklung des Geschäftsbereichs Forschung gekümmert.

Wir müssen nun schauen, wie die vfdb zukünftig agieren will, weil sie in meinen Augen noch eine Menge Potential hat, welche für seine Vereinszwecke aktiviert werden kann. Sie profitiert sehr von ihrer großen fachlichen und thematischen Breite, schöpft ihr Potential jedoch bei Weitem noch nicht aus. Ich halte es für förderlich für den Verein, wenn er sich hier hinterfragt und weiterentwickelt.

CP: Welche sind Ihre Themen und Aufgaben für die vor Ihnen liegenden Jahre als Präsident der vfdb?

Aschenbrenner: Eines meiner Themen ist die Etablierung einer bundesweit einheitlichen Brandschadenstatistik, die mein Vorgänger bereits angestoßen hat. Zudem hat die vfdb einen interessanten Bereich aufgenommen: die Beteiligung an Forschungsprojekten – diesen Bereich möchte ich weiter ausbauen und breiter aufstellen, um so die brandschutztechnische Sicherheit in Zahlen messbar zu machen und gezielt weiter zu entwickeln.

CP: Auf welche Parameter greifen Sie hier zurück?

Aschenbrenner: Mit vier ganz einfachen Kennzahlen kann man sich die Frage stellen, ob die Feuerwehr das Richtige tut: Die Zahl der Brandtoten, die erfreulicherweise sinkt. Die Zahl der Großbrände, die ebenfalls rückläufig ist. Die Zahl der Brände und Brandschäden, die leider wieder leicht ansteigt. Und zu guter Letzt die Anstrengungen, die der Deutscher Brandschutz wahrnimmt, um den Brandschutz weiter zu entwickeln.

Einen wichtigen Beitrag kann die vfdb mit der Einbindung in besagte Forschungsvorhaben leisten, um damit eine einheitliche und auch verbindliche Informationsplattform für alle Akteure des Brandschutzes zur Verfügung zu stellen.

CP: Wir wünschen Ihnen bei Ihren Projekten und Zielen viel Erfolg – sowohl für den Standort Dortmund als auch für Ihre Arbeit in der vfdb.

Bild: Redaktion CRISIS PREVENTION