Das Jahrhunderthochwasser 2013 und einige seiner Folgen

„Jahrhundertflut“, so bezeichnen Naturwissenschaftler, Medien, Politiker und Verwaltung großflächige Überschwemmungen vergangener Jahre. Und versäumen nicht darauf hinzuweisen, dass die „Jahrhunderte“ immer kürzer werden. Rheinhochwasser 1983, Oderflut 1997, Donauhochwasser 1999, Elbehochwasser 2002, Juniflut 2013.

Dabei wird übersehen, dass viele Ereignisse nur lokale und regionale Auswirkungen haben oder ganz einfach der Flussverlauf mehrere Staaten und Bundesländer in Mitleidenschaft zieht. 2013 waren, bei einer ausschließlichen Betrachtung der BR Deutschland, daher die Schwerpunkte entlang der Elbe Sachsen und Sachsen-Anhalt und im Verlauf der Donau Bayern.
Die personellen und materiellen Dimensionen des Einsatzes sind dennoch beeindruckend: Der Bund half mit rund 20 000 Bw-Soldaten und Reservisten sowohl bei der Deichverstärkung als auch im Luft- und Wassertransport; über 8 000 THW-Helfer unterstützten die örtlichen Einsatzkräfte mit Lastkraftwagen, Baggern, Radladern, Booten und Pumpen bei der logistischen und technischen Hilfe. Weitere 300 Angehörige der Bundespolizei-Fliegergruppe wurden mit 15 Hubschraubern zunächst in Bayern, dann in Sachsen und Sachsen-Anhalt eingesetzt.
Die Hauptlast trugen dennoch die gemeindlichen Feuerwehren, die überwiegend mit freiwilligen Kräften und bis zu 75 000 Männern und Frauen vor Ort unverzichtbare Hilfe leisteten.
Weitere Hilfsorganisationen, so das DRK und die JUH, sorgten für Verpflegung und medizinische Versorgung.
Eine neue Welle der Hilfsbereitschaft besorgten Facebook-Aufrufe. Freiwillige aus allen Schichten und aller Altersgruppen strömten zu den betroffenen Gemeinden und Schadensorten und zeigten Solidarität mit Geschädigten und Helfern.
Mitte Juli deutete sich auch eine „schadensmäßige Entwarnung“ ab. Ging man zunächst mit 12 Mrd. Euro von einer höheren Schadenssumme als 2002 aus, ergeben die Meldungen aus den Bundesländern additiv unter 7 Mrd. Euro.
Damit ist der von Bund und Ländern beschlossene Hochwasserfonds über 8 Mrd. Euro als Soforthilfeprogramm ausreichend alimentiert.
Die Europäische Union stellt bis zu 360 Mio. Euro aus dem EU-Solidaritätsfonds zur Beseitigung der Flutschäden bereit.
Eine abschließende Schadensschätzung der Deutschen Bahn (DB) wird noch Monate dauern. Bahnchef Grube spricht von bis zu 500 Mio. und verhandelt mit dem Bund, so wie 2002, über die Übernahme der Schäden an der Infrastruktur. Umsatzeinbußen, allein wegen verspäteter 32 700 plus 1 600 gänzlicher ausgefallener Züge seien zwar bedauerlich, würden sich aber nicht auf das Betriebsergebnis niederschlagen, jedoch unter gleichzeitigem Verweis auf nicht lieferbare neue ICE’s dem Zuwachs im Personenverkehr massiv schaden.
Immerhin wirken sich ein Viertel der hochwasserbedingten Verspätungen auf den Fernverkehr aus (s. a. die Strecke Hannover-Berlin).
Die 2002 betroffenen Gemeinden und ihre Einwohner haben, so der sächsische Umweltminister Frank Kupfer, nur teilweise gelernt. „Viele Leute verlässt das Gespür für die Gefahr, sobald das Wasser wieder weg ist.“ Bürgerproteste gegen Schutzeinrichtungen, Gerichtsverfahren gegen Flutmauern oder Deicherhöhungen, Einsprüche und Klagen gegen die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten oder den Bau von Poldern, das alles hat die technische Hochwasservorsorge in den vergangenen elf Jahren zwar punktuell oder lokal gestärkt aber nicht linien-/ flächendeckend vorangebracht.

Abb. 2: Das Katastrophenschutz-Boot der Freiwilligen Feuerwehr Prien war beim Chiemsee-Hochwasser "unerreichbar".

Abb. 2: Das Katastrophenschutz-Boot der Freiwilligen Feuerwehr Prien war beim Chiemsee-Hochwasser „unerreichbar“.

Doch auch besondere Ereignisse – Extrema – verzeichnet der Juni 2013.
So stieg die Donau, verursacht durch eine Scheitelwelle des Inn, am 3. Juni 2013 in Passau auf 12,89 m und erreichte nach Aufzeichnungen einen seit 500 Jahren nicht erreichten Höchststand. Und die Abdichtung eines Deichbruchs bei Fischbeck fand besondere Aufmerksamkeit: Dort wurden am 17. Juni auf Initiative des Leiters Landeskommando Sachsen-Anhalt in die Deichlücke drei alte Frachtkähne mittels Sprengung durch die Bundeswehr versenkt und mithilfe von aus Transporthubschraubern abgeworfenen Sandsäcken (Big Packs), Betonröhren sowie Panzersperren stabilisiert. Das Experiment gelang. Landesinnenminister Stahlknecht als Leiter des Krisenstabes nannte die Aktion eine „operative Meisterleistung“.
Zurück bleibt die Frage nach einer ausreichenden Versicherung: Rund 2 Mrd. Euro seien durch Elementarschadenversicherungen abgedeckt, meinten sowohl Rückversicherer wie MunichRe oder SwissRe als auch der der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Insgesamt sei die Zahl der Versicherten seit 2002 von rund 3 Mio. auf 5,5 Mio. Policen gestiegen. Das ist dennoch kein Grund zur Zufriedenheit: Während in den östlichen Bundesländern rund 40 % aller Hausbesitzer versichert sind, liegt die Versicherungsdichte in den westlichen Ländern nur zwischen 12 und 21 %.
Unter dem Eindruck der bevorstehenden Bundestags- und Landtagswahlen fragte man zudem nach der politischen Resonanz: In Bayern orakelte die Tagespresse, wer denn bei der Flut Pluspunkte gesammelt habe: Horst Seehofer oder sein Herausforderer Christian Ude. Eindeutig Seehofer sagen die Journalisten, da selbst dessen potentielle Koalitionäre – Grüne und Freie Wähler – mit Gummistiefeln zu den Opfern aber deutlich auf Distanz zu Ude (Münchens SPD-OB) gingen. Der blieb nämlich im trockenen München.
Und noch mehr „Land unter“ hat gewiss der Oberbürgermeister von Schönebeck an der Elbe. Der Erste Bürger der 30 000-Einwohner Stadt befand sich während der Überflutung auf Kreuzfahrt und weigerte sich, den Urlaub abzubrechen. Nun hat der Stadtrat fast einstimmig ein Abwahlverfahren gegen den parteilosen Hans-Jürgen Haase eingeleitet. Am 22. September 2013 entscheiden die Bürger über eine Verlängerung seiner „Wasserferien“.