Maßnahmen des Katastrophenschutzes bei der FIFA Frauenfußball-WM 2011

Nach der Fußballweltmeisterschaft der Männer im Jahr 2006 und der U-20-Weltmeisterschaft der Frauen im Jahr 2010 wurde in ­Deutschland in diesem Jahr erneut ein Fußball-Groß­event ausgetragen.

Die FIFA Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 begeisterte tausende Menschen und war ein gelungener Event, der die Internationalität und Gastfreundschaft Deutschlands wiederholt unterstrich. Neben dem Eröffnungsspiel in Berlin und dem Endspiel in Frankfurt am Main fanden Spiele auch in den Stadien in Augsburg, Bochum, Dresden, Leverkusen, Mönchengladbach, Sinsheim und Wolfsburg statt.

Bereits die Fußballweltmeisterschaft der Männer 2006 war für die Schutz- und Rettungsorganisationen eine besondere Herausforderung. Aufgrund der hohen Besucherzahlen in den Stadien und bei den Public-Viewing-Events in den Innenstädten wurden umfangreiche präventive Maßnahmen umgesetzt. Die Planungen hierzu basierten insbesondere auf der polizeilichen Lageeinschätzung und der erwarteten Besucherstruktur bei Fußballspielen der Männer. Das Besucherverhalten im Männerfußball unterscheidet sich wesentlich von dem bei Frauenfußballspielen zu beobachtenden Besucherverhalten. Bei den Fangruppierungen im Männerfußball ist oftmals ein latent vorhandenes Gewaltpotenzial (Hooliganismus) zu beobachten, das nicht nur in den Stadien, sondern auch rund um die Public-Viewing-Events in Erscheinung tritt.

Erfahrungsgemäß sind beim Frauenfußball keine extremen Fangruppierungen zu beobachten und die Besucherstruktur umfasst oft viele Familien. Die Erkenntnisse der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 bestätigen wiederholt diese Einschätzung. Die Frauen-WM 2011 hatte vielmehr der Charakter eines großen Familienevents. Eine Gefährdung durch Hooliganismus war zu keiner Zeit zu beobachten.

Aufgrund dieser veränderten Ausgangsbedingungen und der ebenfalls reduzierten polizeilichen Gefährdungseinschätzung basierten die Planungen der Schutz- und Rettungsorganisationen für die Sicherheit in den Stadien zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 auf den üblichen Sicherheitsstandards der DFB-Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesligaspielen. Im Gegensatz zur Fußballweltmeisterschaft der Männer 2006 wurden die Katastrophenschutzplanungen nicht danach ausgerichtet, Behandlungskapazitäten für 2 Prozent der Stadionbesucher vor Ort vorzuhalten.

Das Muster-Einsatzkonzept ­Katastrophenschutz

Da es sich bei der FIFA Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 um ein Event von nationaler Bedeutung handelte, war es erforderlich, die Katastrophenschutzplanungen in den Austragungsstädten der verschiedenen Bundesländer aufeinander abzustimmen.  Ziel muss in einem solchen Fall stets ein einheitliches Sicherheitsniveau sein, unabhängig von Austragungsstadt und Bundesland. Als Basis für ein einheitliches Sicherheitsniveau verabschiedete der Ausschuss „Feuerwehrangelegenheiten, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung“ des Arbeitskreises V der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder ein Muster-Einsatzkonzept Katastrophenschutz. Innerhalb dessen Rahmen nahmen die Schutz- und Rettungsorganisationen in den Austragungsorten der Frauenfußball-Weltmeisterschaft ihre Planungen vor. Eine weitere Koordinierung der Planungen in den einzelnen Austragungsorten erfolgte im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF-Bund) bei Abstimmungsgesprächen in Frankfurt am Main. Die Schutz- und Rettungsorganisationen der Austragungsorte verständigten sich dabei auf eine einheitliche Sichtweise des Muster-Einsatzkonzepts Katastrophenschutz. Der Umfang des für die Gewährleistung der Sicherheit in den Stadien erforderlichen Brandsicherheitsdienstes und öffentlichen Rettungsdienstes sollte demnach grundsätzlich dem bei Bundesligaspielen entsprechen. Rückblickend betrachtet war diese Bemessung der Einsatzkräfte jederzeit ausreichend.

FIFA WM-Stadion Frankfurt am Main

FIFA WM-Stadion Frankfurt am Main

Neben den Kräften der öffentlichen Gefahrenabwehr standen für die medizinische Hilfeleistung in den Stadien auch die Einheiten des Sanitätsdienstes zur Verfügung. Dieser wurde durch die FIFA privatrechtlich beauftragt. Die Bemessung des Sanitätsdienstes entsprach mindestens dem für Bundesligaspiele üblichen Standard im jeweiligen Stadion. Darüber hinaus waren in der Beauftragung durch die FIFA zusätzliche Kräfte, unter anderem für den VIP-Bereich, vorgesehen.

Da die Kräfte des Sanitätsdienstes üblicherweise aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Hilfsorganisation auch im Katastrophenschutz mitwirken, kann bei einer (Groß-)Schadenslage auf diese Ressourcen zurückgegriffen werden. In der Vorplanung war es daher wichtig, die Weisungsbefugnis der Einsatzleiter der Feuerwehr bzw. der Organisatorischen Leiter Rettungsdienst (OLRD) und Leitenden Notärzte (LNA) der Öffentlichen Gefahrenabwehr gegenüber den Kräften eines privatrechtlich beauftragten Sanitätsdienstes im Schadenfall zu regeln. Hierbei sind entsprechende landesrechtliche Vorgaben zu beachten.

Da die Spiele und Veranstaltungen in den Stadien wie erwartet ruhig verliefen, mussten die vorgeplanten Strukturen für eine (Groß-)Schadenslage nicht aktiviert werden. Die Bemessung der Einheiten des Sanitätsdienstes war aus Sicht der öffentlichen Gefahrenabwehr jederzeit ausreichend.

 

Individuelle Maßnahmen aufgrund unterschiedlicher Strukturen

Zur Absicherung des regulären Verlaufs der Veranstaltungen in den Stadien standen, wie bereits erwähnt, Brandsicherheitsdienste und Sanitätsdienste zur Verfügung. Darüber hinaus verständigten sich die Schutz- und Rettungsorganisationen der Austragungsorte darauf, dass sie Vorkehrungen treffen, innerhalb von 30 Minuten nach einer möglichen (Groß-)Schadenslage Behandlungskapazitäten für 50 Patienten pro Stunde zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Strukturen in den Städten wurden die dafür erforderlichen Maßnahmen individuell festgelegt. Viele Städte mit Berufsfeuerwehr haben bereits erprobte Konzepte für Großschadenslagen mit einem Massenanfall von Verletzten, die unabhängig von der Frauenfußball-Weltmeisterschaft aufgestellt wurden. Die Einsatzpläne müssen mit den Krankenhauseinsatzplänen der umliegenden Krankenhäuser abgestimmt sein und können dann im Schadensfall ad hoc umgesetzt werden. Wie die Ereignisse der vergangenen Jahre zeigten, kann ein Massenanfall von Verletzten letztlich jederzeit auftreten. Die Schutz- und Rettungsorganisationen sollten daher generell auf einen solchen Fall vorbereitet sein. Diese grundsätzlichen Konzepte können dann bei Erfordernis auf individuelle Ereignisse wie die Frauenfußball-Weltmeisterschaft angepasst werden.

Sofern entsprechende Konzepte in den Austragungsorten noch nicht vorhanden waren, wurden diese individuell für die Frauenfußball-Weltmeisterschaft aufgestellt. Dies beinhaltete dann zum Teil auch die prophylaktische Bereitstellung von Behandlungskapazitäten durch Behandlungsplätze vor Ort, da die gemeinsam definierte Behandlungskapazität nicht ad hoc zur Verfügung gestellt werden konnte.

Darüber hinaus wurden grundsätzlich keine Kräfte der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes vor Ort einsatzbereit vorgehalten. Die kommunalen Kräfte und die Kräfte der Katastrophenschutzeinheiten des Bundes und der Länder standen im Rahmen der üblichen Rufbereitschaft (z. B. Alarmierung Freiwilliger Feuerwehren, des Technischen Hilfswerks oder Katas­trophenschutzeinheiten der Hilfsorganisationen über Funkmeldeempfänger) im Bedarfsfall zur Verfügung. Sie wurden jedoch nicht benötigt.

Zur Eröffnungsshow anlässlich der FIFA-Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 kamen nach Veranstalterangaben über 100.000 Besucher an das Frankfurter Mainufer.

Zur Eröffnungsshow anlässlich der FIFA-Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 kamen nach Veranstalterangaben über 100.000 Besucher an das Frankfurter Mainufer.

Einige Austragungsorte nutzten den Anlass der FIFA Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011, um ihre Konzepte zur überörtlichen Hilfeleistung bei Großschadensfällen, Katastrophen und Lagen mit einem Massenanfall von Verletzten (MANV-Lagen) zu überprüfen. Das Land Nordrhein-Westfalen verlegte beispielsweise während der WM-Spiele überörtliche Einheiten zur Unterstützung bei Großschadensfällen (Einheiten gemäß der Landeskonzepte Nordrhein-Westfalen) im Rahmen einer Übung in Bereitstellungsräume in oder in die Nähe der Austragungsstädte. Da die Einheiten nicht real eingesetzt werden mussten, konnten die Helfer die Zeit nutzen, sich gegenseitig kennenzulernen und gemeinsam den Event der FIFA Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 zu erleben.

Neben den eigentlichen WM-Spielen fanden in vielen Austragungsstädten auch Begleitveranstaltungen

(Public-Viewing, Konzerte,…) statt. Da diese Veranstaltungen jedoch sehr individuell sind, wurden die Vorplanungen hierfür in jeder Austragungsstadt eigenverantwortlich durchgeführt.

Eines der größten Public-Viewing-Events waren die „Frankfurter Fußballgärten“ in Frankfurt am Main. Nach Angaben des Veranstalters besuchten während der Weltmeisterschaft mehr als 450.000 Menschen das Veranstaltungsgelände am Mainufer. Dort wurden neben der Übertragung der WM-Spiele auf Großleinwänden auch Konzerte namhafter Künstler und andere künstlerische Events angeboten. Zur Absicherung der Veranstaltungen waren wiederum Brandsicherheitsdienste und Sanitätsdienste vor Ort. Ihre Stärke wurde entsprechend der polizeilichen Lageeinschätzung, der erwarteten Besucherzahlen und der individuellen Gefahrenpotenziale, z. B. beim Abbrennen von Pyrotechnik (Feuerwerk), festgelegt. Insbesondere beim Abbrennen von Pyrotechnik kommt es immer wieder zu Brandverletzungen von Zuschauern durch Querschläger oder vermehrte Augenverletzungen durch Aschepartikel. Eine solche Schadenslage kann auch schnell die Kapazität eines Sanitätsdienstes übersteigen und das Eingreifen der öffentlichen Gefahrenabwehr erforderlich machen. Hierfür müssen die Konzepte für einen Massenanfall von Verletzten ebenfalls grundsätzlich vorhanden sein.

 

Gemeinsame Befehlsstelle von feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt (Stadtpolizei) und Wasserrettung in einem Abrollbehälter beim Public-Viewing-Event "Frankfurter Fußballgärten" am Mainufer.

Gemeinsame Befehlsstelle von feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt (Stadtpolizei) und Wasserrettung in einem Abrollbehälter beim Public-Viewing-Event „Frankfurter Fußballgärten“ am Mainufer.

Reibungslose Zusammenarbeit auf kurzen Wegen

Ein besonders wichtiger Aspekt bei der Vorbereitung auf (Groß-)Schadenslagen im Zusammenhang mit Großveranstaltungen wie der Fußballfrauen-Weltmeisterschaft 2011 ist die Führungsstruktur der öffentlichen Gefahrenabwehr. Im Schadensfall ist es notwendig, dass alle Behörden und Institutionen, die ihren Beitrag zur Sicherheit eines solchen Events leisten, auf kurzem Wege reibungslos zusammenarbeiten. Um dies sicherzustellen, sollten sich die jeweils Verantwortlichen bereits im Vorfeld kennenlernen und schon während des regulären Verlaufs der Veranstaltung zusammenarbeiten. Die beste Möglichkeit dazu bietet eine gemeinsame Führungseinrichtung, in der die Verantwortlichen von Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt, Rettungsdienst, Wasserrettungsdienst (wenn erforderlich), Veranstalter, Sanitätsdienst und Ordnerdienst (Security) räumlich zusammenarbeiten. Bei Veranstaltungen im Freien kann hierfür beispielsweise eine mobile Containerlösung eingesetzt werden. Ist es nicht möglich, alle Verantwortlichen in einem Gebäude/einer Einrichtung gemeinsam unterzubringen, sollten die jeweiligen Führungseinrichtungen (z. B. Einsatzleitfahrzeuge) zumindest in räumlicher Nähe zueinander positioniert werden, um auf kurzem Wege persönliche Gespräche führen zu können.

In den Sportstadien ist es mittlerweile Stand der Technik, dass den Sicherheitsbehörden entsprechende Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe zueinander zur Verfügung gestellt werden. Von dort hat man meist Einblick auf den Stadioninnenraum und kann ein gemeinsames Lagebild erstellen.

Eine persönliche Zusammenarbeit auf kurzem Wege ist nicht nur im Schadensfall unabdingbar, sondern auch zur Abwendung eines drohenden Schadensfalls zwingend erforderlich. Die Ereignisse in jüngster Vergangenheit, beispielsweise bei dem Pukkelpop-Musikfestival in Hasselt/Belgien, zeigten, dass die Verantwortlichen für die Sicherheit eines Großevents insbesondere die Wettersituation jederzeit im Blick haben müssen. Bei aufziehenden Unwettern können so rechtzeitig adäquate Maßnahmen abgestimmt und prophylaktisch eingeleitet werden. Bei direkt absehbaren, lokal begrenzten Unwetterereignissen kann es auch erforderlich werden, dass der Veranstalter ein im Vorfeld definiertes Show-Stop-Szenario einleitet. Die Veranstaltung kann damit vor Eintritt eines Schadens geordnet beendet, oder zumindest unterbrochen werden, bis eine weitere Gefährdung ausgeschlossen werden kann.

Der Deutsche Wetterdienst bietet mit dem Informationssystem FeWIS, neben seinen aktuellen Warnmeldungen, ein gutes Instrument, die Wettersituation vor Ort in der Führungseinrichtung zu beobachten.

Beim Public-Viewing-Event „Frankfurter Fußballgärten“ am Frankfurter Mainufer wurde für die gemeinsame Führungseinrichtung von Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt (Stadtpolizei) und Wasserrettung die mobile Befehlsstelle (Abrollbehälter) der Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main genutzt. Die Führungsstellen des Sanitätsdienstes und des Veranstalters befanden sich in unmittelbarer Nähe zur gemeinsamen Führungseinrichtung der öffentlichen Gefahrenabwehr. Die Erfahrung zeigte, dass bereits während des regulären Betriebs der Veranstaltung die räumliche Nähe vorteilhaft bei der Bearbeitung von kleineren Ereignissen war. Glücklicherweise traten keine größeren Schadenfälle ein, so dass die Zusammenarbeit in diesem Fall nicht auf die Probe gestellt werden musste.

Insgesamt war die FIFA Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 für die Schutz- und Rettungsorganisationen ein entspanntes, friedlich-freundliches Großereignis. Die Vorplanungen haben sich grundsätzlich bewährt und die Konzepte für (Groß-)Schadenslagen mussten nicht aktiviert werden.

Verfasser:

Veith P. BosenbeckerM.Sc. Dipl.-Ing. (FH) Veith P. Bosenbecker

Zuständig für die Gefahrenabwehrplanung und den Katastrophenschutz bei der Branddirektion Frankfurt am Main.

 

Kontakt über www.feuerwehr-frankfurt.de