Retten und Schützen ist das Motto der meisten Organisationen, über die CP berichtet. Es gibt aber auch Kräfte, die mehr im Verborgenen wirken, an die man nicht sofort denkt, wenn Unfälle oder Katastrophen geschehen. Deren Arbeit ist wahrscheinlich genauso wichtig, steht aber meist nicht so stark im Fokus. Wer ist bei den Betroffenen, den Hinterbliebenen, wenn das schreckliche Ereignis vorüber ist? Wir konnten darüber mit Oliver Hinrichs sprechen, der sich seit vielen Jahren in der Notfallseelsorge engagiert.

Crisis Prevention: Herr Hinrichs, unsere Leser interessiert auch Ihre Person – wer ist Oliver Hinrichs privat?

Oliver Hinrichs: Ich bin gerade 53 Jahre alt jetzt geworden, bin ledig, lebe aber mit einer Partnerin zusammen, also in einer festen Bindung ohne Kinder. Seit 20 Jahren arbeite ich für die Firma Weinmann, und da gibt es auch eine Verbindung zu meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Mein Unternehmen beschäftigt sich mit Notfallmedizin. Ich bin verantwortlich für Key Account Management and Sales Services, also für Vertrieb.

Die Notfallmedizin ist ein Sektor, in dem ich schon als Jugendlicher tätig war. Ich war damals nach dem Abitur acht Jahre im Sanitätsdienst der Bundeswehr, habe dann diverse Ausbildungen gemacht wie Krankenpfleger, Rettungsassistent, Ausbilder Erste Hilfe und so weiter. Das habe ich immer fortgesetzt und kann es heute im Beruf und im Ehrenamt anwenden. Jetzt bin ich seit 35 Jahren Mitglied des Malteser Hilfsdienstes und bin u.a. in ehrenamtlicher Funktion Stadtbeauftragter hier in Leverkusen, d.h. ich steuere den Bereich für den MHD, der das Ehrenamt betrifft, nehme Repräsentationsaufgaben wahr, führe notwendige Gespräche mit der Stadt. Der MHD verfügt in Leverkusen immerhin über 130 Ehrenamtliche. Auf der Dienststelle kommen mehr als 50 Hauptamtliche dazu, weil wir hier im Rettungsdienst eingebunden sind, dazu noch den Hausnotruf verantworten etc. Unterstützt werde ich von einem hauptamtlichen Geschäftsstellenleiter, wir beide führen den MHD hier zusammen.

CP: Bleibt da noch Zeit für Hobbys?

OH: Schwierig… Ich versuche mich fit zu halten durch Sport. Aber das ist für mich nicht so wichtig. Vor vielen Jahren habe ich erkannt, wie wichtig es ist, dass Einsatzkräfte betreut werden. Rettungsdienstpersonal, Feuerwehr, Polizei erleben schlimme Dinge, die auch verarbeitet werden müssen. Heute weiß man, dass es Menschen gibt, die das ewig in sich getragen haben und teilweise darüber berufsunfähig geworden sind. Aufgrund meiner Vorbildung auch im sozialpädagogischen Bereich kann ich in einem sogenannten PSU-Team mitarbeiten, das heißt: Psychosoziale Unterstützung für Einsatzkräfte. Es gehört heute zum Arbeitsschutz, dass Menschen nach belastenden Situationen professionell betreut werden.

In Leverkusen haben wir das schon länger installiert und stehen mit einer Handvoll Leute dem Personal im Rettungsdienst, zur Verfügung. Diese Menschen können auf uns zurückgreifen, in Einzelgesprächen um Hilfe bitten. Die zweite Aufgabe, die ich jetzt seit vielen Jahren wahrnehme, ist die Notfallseelsorge. Da stehe ich sozusagen aktiv an der Front. Hier in Leverkusen gibt es ein gemischtes PSU-Team, das für Feuerwehr, Malteser, auch Deutsches Rotes Kreuz, quasi für alle Einsatzkräfte zuständig ist.

CP: Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

OH: Wir hatten z.B. einen Großbrand hier in Leverkusen, wo acht Feuerwehrleute verletzt wurden. In so einem Fall wird das PSU-Team alarmiert. Das heißt, wir sind dann für alle Einsatzkräfte da, für alle, die es erlebt haben, dabei standen, wo die Kameraden verletzt wurden, für die Betroffenen selber. Ergänzend kommt die Notfallseelsorge dazu. Die Notfallseelsorge kümmert sich um Angehörige, um Hinterbliebene, das trennen wir sehr stark. Wir versuchen alles mit auf den Weg zu geben, damit es später zu einer vernünftigen Betreuung kommt, ev. auch durch Psychotherapeuten. Wir sind keine Therapeuten, begreifen uns als Mittelsmänner, erste Ansprechpartner und haben durch unsere Ausbildung die Möglichkeit, die Geschehnisse differenzierter zu betrachten und auch zu bewerten.

CP: Wie vollzieht sich die Ausbildung?

OH: Es gibt eine spezielle Ausbildungen, um PSU-Assistent zu werden. Die findet z.B. an Feuerwehrschulen oder bei den Hilfsorganisationen statt in Form eines Basis-Lehrgangs, der als PSU-Assistent abgeschlossen werden kann. Im Unterricht referieren Fachkräfte, u.a. auch Psychotherapeuten.

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Abb. 2: Dieser Schriftzug symbolisiert Mitgefühl. (Bild: HN)

CP: Hat Notfallseelsorge immer einen kirchlichen Hintergrund?

OH: Notfallseelsorge ist grundsätzlich bei den Kirchen aufgehängt. Es ist auch heute noch so, dass das in vielen Regionen ausschließlich durch Geistliche wahrgenommen wird. Es hat allerdings ein Wandel stattgefunden. In Leverkusen ist z.B. ein System entstanden, in dem auch Nicht-Pfarrer und -Pfarrerinnen ausgebildet werden. Es beinhaltet schon noch eine kirchliche Grundlage, weil wir ja in den Einsätzen konfrontiert werden mit Dingen wie Verabschiedung und Nottaufen. Das wird von der katholischen und evangelischen Kirche getragen und mitfinanziert zusammen mit der Stadt Leverkusen. Deshalb sind wir in der Lage, einen Koordinator zu beschäftigen, der quasi die Notfallseelsorge und das Team steuert, denn wir sind 365 Tage 24 Stunden rund um die Uhr erreichbar. Das heißt, wir haben einen Dienstplan und jeder trägt sich in diesen Dienstplan ein und ist in einem Rechner bei der Feuerwehr hinterlegt mit Kontaktdaten. Das bedeutet für uns, wenn beispielsweise ein Rettungswagenteam im Einsatz ist, und man stellt bei der Reanimation fest: Das sieht nicht gut aus, die Angehörigen sind vor Ort, dann wird über die Leitstelle ein Notfallseelsorger angefordert. Wir kommen dann dazu, um rechtzeitig für die Angehörigen da zu sein. Oft wendet sich auch die Polizei an die Leitstelle der Feuerwehr, um einen Notfallseelsorger anzufordern, wenn eine Todesnachricht zu überbringen ist. Dann fahren wir gemeinsam zu den Angehörigen. Nach der Überbringung der Todesnachricht und der Schilderung der Geschehnisse durch die Polizei bleibe ich dann meist dort und versuche zu trösten, ein Netzwerk aufzubauen, Informationen zu geben und einfach für die Menschen da zu sein. Wenn die Arbeit des Rettungsdienstes und der Polizei aufhört oder aufhören muss, dann sollte jemand vor Ort sein, der das weiter übernimmt.

CP: Das heißt wahrscheinlich auch, jeder Einsatz ist anders. Ich wollte Sie nach einem typischen Einsatz fragen, aber merke schon, den gibt es gar nicht.

OH: Nein, den gibt es nicht. Es gibt vielleicht Dinge, die sich gleichen von den Einsatzszenarien her wie etwa Suizid, aber selbst der kann vollkommen unterschiedlich ausgeführt worden sein, irgendwo im Stillen oder in der Öffentlichkeit, wo plötzlich ganz viele andere Leute betroffen sind, die es mitbekommen haben. Jetzt kommt die dunkle Jahreszeit, und die Fälle nehmen zu. Ich hatte vor vier Jahren Weihnachten Dienst und gleich zwei Suizide an Heiligabend. Da spürt man, das sind die Zeiten, wo manche Menschen sehr einsam sind, sich ihrer Situation bewusst werden und glauben, keinen Ausweg mehr zu sehen. Und Todesnachrichten zu überbringen ist immer schlimm, vor allen Dingen dann, wenn Kinder im Spiel sind oder Kinder die Betroffenen waren. Das sind belastende Situationen, auch für uns.

CP: Wie lange arbeiten Sie jetzt in der Notfallseelsorge?

OH: Die Notfallseelsorge mache ich jetzt seit sieben Jahren.

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Abb. 3: Unser Gesprächspartner Oliver Hinrichs arbeitet seit sieben Jahren für die Notfallseelsorge des Malteser Hilfsdienstes. (Bild: HN)

CP: Wie reagiert Ihr Umfeld darauf?

OH: Mir widerfährt oft Hochachtung, manchmal aber auch Unverständnis mit dem Tenor: Ich weiß nicht, warum du dir das antust. Du hast so einen stressigen Job, warum belastest du dich noch zusätzlich? Andere machen sich Freude in der Freizeit, du hast Bereitschaft oder einen Einsatz…

Aber ich sehe einfach auch, dass man Menschen dadurch sehr viel geben kann.

CP: Das ist Ihre Antwort auf diese Frage?

OH: Ja – ich kann ja wohl schlecht sagen, Notfallseelsorge macht mir Spaß. Ich sage aber, ich finde es sehr wichtig und fühle mich dort richtig platziert. Ich glaube, dass ich vielen Menschen schon helfen konnte, und das gibt mir auch ein gutes Gefühl, wenn ich da rausgehe. Menschen in der schlimmsten Situation, nämlich, einen Menschen zu verlieren, mit dem Tod konfrontiert zu werden, trotzdem noch helfen zu können, das ist mir viel Wert.

CP: Ich könnte mir denken, dass es ein Gegenpol ist zu Ihrer Vertriebstätigkeit, zu diesem modernen kapitalistischen Leben, das wir jeden Tag leben müssen, das sich orientiert an Geld und Macht. Da zeigt der Tod plötzlich eine ganz andere Dimension auf, relativiert unseren normalen Job und das Alltagsleben.

OH: In der Tat ist es ist eine Art Ausgleich. Im Beruflichen stehe ich klar im Business, da geht es um Fakten, Zahlen. Die Notfallfürsorge bietet mir eine andere Warte, erlaubt mir, z.B. Menschen, die sehr gestresst sind und tief in ihren Job-Sorgen stecken, auch mal auf den Boden der Tatsachen zu holen, ihnen zu zeigen: Vergiss nicht zu leben. Leben heißt, das alles auf Erden begrenzt ist. Man muss auch an die Mitmenschen denken und nicht zuletzt an sich selbst und sich fragen: Wo stehe ich eigentlich?

Natürlich muss der Job gemacht werden, gut gemacht werden, denn davon leben wir, aber die andere Seite meiner Existenz lehrt mich, Mensch zu bleiben, trotzdem froh zu leben und auch achtsam zu sein zu sich selbst und anderen gegenüber, diese Kombination finde ich wichtig.

CP: Wie werden Sie persönlich mit den Belastungen fertig?

OH: Vom Naturell her bin ich Rheinländer, eher ein lustiger Typ. Ich mache gern Blödsinn z.B. mit meinen Patenkindern. So kennt man mich, und ich habe mir immer vorgenommen, so lange ich das nicht verliere, mache ich weiter.

Dazu kommt heute eine gewisse Erfahrung. Die Einsätze sind zwar immer unterschiedlich, aber nach ein paar Jahren kann man mit vielen Gegebenheiten anders umgehen. Wenn man neu in der Notfallseelsorge tätig ist, wirkt jeder Einsatz ganz, ganz schwierig. Ich habe heute eine andere Haltung und ahne, was mich in einem Einsatz erwartet. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen man versucht, selbst sehr stark zu sein und anschließend merkt, dass einem der berühmte Kloß im Hals sitzt ist. Ich habe glücklicherweise eine Partnerin, mit der ich darüber reden kann, das ist wichtig. Und es steht auch das Team im Hintergrund. Man kann zu jeder Zeit ein Teammitglied anrufen, und das gilt auch umgekehrt. Wir treffen uns und tauschen uns aus.

CP: Vielen Dank für das Gespräch.

(Interview: Heinz Neumann)