Das Bundeskriminalamt (BKA) beging sein 60-jähriges Jubiläum mit mehreren Veranstaltungen, beginnend im März 2011 mit einem Empfang für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, endend im Dezember 2011 mit der traditionellen Herbsttagung des BKA. Ein Jubiläum zu feiern heißt, sich  seiner Traditionen und Herkunft bewusst zu sein. Identität und Selbstverständnis brauchen Traditionen, denn nur wer seine Wurzeln kennt, kann verantwortlich in Gegenwart und Zukunft handeln.

BKA Gebäude historisch

BKA Gebäude historisch

Zu Beginn des Jubiläumsjahres war die Verunsicherung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BKA groß. Der am 9.12.2010 von der Werthebach-Kommission vorgelegte Bericht zur Evaluierung der Sicherheitsbehörden empfahl eine Fusion von BKA und Bundespolizei zu einer „Bundespolizei neu“. Hiermit wäre eine Auflösung der etablierten und erfolgreichen Strukturen des BKA einhergegangen.
Wie stark das BKA von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen beeinflusst wird, zeigte sich auch im Jahr seines 60-jährigen Bestehens: Von der Frage, ob es „nach Werthebach“ noch einen Geburtstag zu feiern gibt, bis hin zu den Ereignissen um die Terrorzelle des NSU, die kurzfristig zur Erweiterung der Tagesordnung der Herbsttagung führten, gilt es stets sachlich angemessen zu reagieren und flexibel zu sein.
Unter dem Eindruck der Werthebach-Diskussion feierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BKA den 60. Geburtstag ihrer Behörde mit einem gemeinsamen Empfang an den drei Standorten des Amtes: den 8. März 1951. Damals unterzeichnete Bundespräsident Heuss das „Gesetz über die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes (Bundeskriminalamtes)“ und schuf somit die gesetzliche Grundlage für die Aufgabenerfüllung des BKA. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Behörde gestalten und prägen diese und deshalb ist das 60-jährige Jubiläum des BKA „nicht nur ein Jubiläum der Organisation, sondern auch und vor allem ein Jubiläum der Beschäftigten!“, so der Präsident des BKA Jörg Ziercke.
In seiner Ansprache richtete er den Blick zurück auf gemeisterte Herausforderungen und nach vorn auf zukünftige Aufgaben. Für bisher Geleistetes und Gelungenes sprach Ziercke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, auch den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, sein Lob und seine Anerkennung aus. Er betonte: „In Zukunft wird es entscheidend darauf ankommen, das aus der Geschichte gewachsene Selbstverständnis zu bewahren und zugleich immer wieder neu zu finden. Innovation und Tradition, Fortschritt und Erinnerung, Ändern und Bewahren müssen Hand in Hand gehen.“

Aufarbeitung der Vergangenheit des BKA

Mit der Vorstellung der Forschungsergebnisse des Projekts zur Aufarbeitung der Geschichte des BKA am 6. April 2011 folgte die Auseinandersetzung mit den eigenen Anfängen, den Ursprüngen und bisherigen Entwicklungen. Zentrales Ziel des 2008 an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vergebenen Forschungsauftrags war es, Antworten auf die Frage zu finden: Wie haben sich personelle Kontinuitäten auf Konzeption und Praxis der Kriminalitätsbekämpfung und auf die Organisation und die Binnenkultur des BKA ausgewirkt? Die Forschungsgruppe um den Zeithistoriker Prof. Dr. Patrick Wagner konnte belegen, dass sich Kontinuitäten zur NS-Zeit zunächst auf Einzelpersonen beschränkten. Von 1949 bis Ende der 50er Jahre prägten mehrheitlich solche Führungskräfte das BKA, die in der Polizei des NS-Staates beruflich sozialisiert worden waren. Die Führungsriege des BKA war damals bemüht, sich an die normativen Regeln des demokratischen Rechtsstaates anzupassen.
In der „Phase prekärer Normalität“ und Stagnation in den 60er Jahren wurden die älteren Kriminalbeamten sowohl von den jüngeren Kollegen als auch von Öffentlichkeit und Politik kritisch beobachtet. Hinzu kam, dass die Politik zunehmend die Modernisierung des Amtes analog zur fortschreitenden Modernisierung der Gesellschaft forderte.
Mit der Phase der Reformen ab 1969 setzten Veränderungen auf vielen Ebenen ein: Die Aufgaben des Amtes, seine Position im Institutionengefüge der Inneren Sicherheit, Konzeptionen und Methoden der Kriminalitätsbekämpfung, das „Leitbild“ des BKA-Beamten änderten sich grundlegend. Ursachen dieser Entwicklung waren die Novelle des BKA-Gesetzes im Jahr 1969 und die damit einher gehende Zunahme originärer Ermittlungszuständigkeiten, gleichzeitig der Trend einer zunehmenden Technisierung und Verwissenschaftlichung. Hinzu kam, dass sich die Gruppe der „alten“ Kriminalbeamten aufgrund von Pensionierungen verkleinerte. Der enorme personelle Zuwachs in den Jahren 1969 bis 1979 führte zusätzlich zu einem schwindenden Einfluss der älteren Beamten im Gefüge des BKA. Für den Rückgang der Einflüsse aus der Zeit des Nationalsozialismus sind mehrere Faktoren verantwortlich: Die Strafverfolgung von Tätern – auch von Mitarbeitern des BKA – in den 50er und 60er Jahren ging mit einem Prozess der internen Beobachtung einher. Der Ende der 60er Jahre einsetzende Generationenwechsel verjüngte das Amt. Mit Präsident Dr. Herold wurden Arbeitsabläufe mithilfe der elektronischen Datenverarbeitung neu organisiert und das Leitbild der Polizei als Dienstleisterin der Gesellschaft und ihrer Bürger gefördert.
Mit Zeitzeugen, ehemaligen sowie aktuell in der Verantwortung stehenden Führungskräften des BKA, Experten der Polizeigeschichte, dem Publizisten Dr. Ralph Giordano, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose, dem ständigen Vertreter des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof Rainer Griesbaum sowie zahlreichen derzeitigen und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde die Außensicht der Historiker auf die Binnensicht ehemaliger und aktueller BKA-Beschäftigter, Experten und Zeitzeugen reflektiert. Es gilt, so Zierckes Fazit, auch weiterhin in der Diskussion zu bleiben, denn die Auseinandersetzung miteinander ist unabdingbar für einen kritischen und offenen Umgang mit der eigenen Geschichte.

Aktivitäten und Aufgaben in ­Vergangenheit und Zukunft

Die Geschichte des BKA war und ist eng verbunden mit den jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Gegebenheiten: Die Rote Armee Fraktion in den 70er und 80er Jahren, die Organisierte Kriminalität in den 1990er Jahren, der islamistische Terrorismus seit 2001 sind einige der prägenden Marksteine in der Geschichte des Bundeskriminalamtes. Auf zahlreichen Gebieten hat das BKA Pionierarbeit geleistet, z. B. im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung, in der Kriminaltechnik, in der kriminalistisch-kriminologischen Forschung, aber auch in den operativen Bereichen und in der Einsatz- und Ermittlungsunterstützung.
Die Abteilungen Staatsschutz und Schwere und Organisierte Kriminalität nahmen das 60-jährige Jubiläum des BKA zum Anlass, auf eine bewegte Geschichte zurück- und künftige Herausforderungen vorauszublicken – wohl wissend, dass manche Entwicklung in der Kriminalitätsbekämpfung nur schwer vorhersehbar ist. Mit der Wahl des „Haus der Geschichte“ in Bonn als Veranstaltungsort für das Fachsymposium der Abteilung Polizeilicher Staatsschutz am 17. Juni 2011 kehrte das BKA in die Stadt zurück, in der 1951 die Sicherungsgruppe Bonn und somit die Anfänge des BKA ihre Tätigkeit aufnahmen. Der Polizeiliche Staatsschutz hat einen besonderen Stellenwert innerhalb der polizeilichen Aufgabenbereiche, er dient dem Schutz des Bestandes und der Funktionsfähigkeit der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Der Rückblick auf die Geschichte des Staatsschutzes im BKA durch ehemalige herausragende Akteure des Staatsschutzes wie dem ehemaligen Präsidenten des BKA Prof. Hans-Ludwig Zachert, dem ehemaligen Abteilungsleiter des BKA Günther Scheicher, dem ehemaligen Ersten Direktor beim BKA Manfred Klink und dem ehemaligen Bundesanwalt Joachim Lampe zeigte: Die Bekämpfung der Staatsschutzkriminalität in den vergangenen 60 Jahren war oft Gegenstand von zum Teil heftigen politischen, justiziablen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um „den richtigen Weg“. Die enge Verbindung der bundesrepublikanischen Geschichte mit der Geschichte des polizeilichen Staatsschutzes verdeutlicht sich auch anhand der Tatsache, dass wesentliche Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, zum Beispiel zur Reichweite der Presse- und der Versammlungsfreiheit sowie des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts, stets auch auf dem Gebiet des polizeilichen Staatsschutzes getroffen wurden. Der amtierende Abteilungsleiter Polizeilicher Staatsschutz, Direktor beim BKA Klaus Wittling, referierte zu neuen Bekämpfungsansätzen gegen den internationalen religiös motivierten Terrorismus und schlug so den Bogen zur Gegenwart, um im Anschluss mit dem Vizepräsidenten des BKA Jürgen Maurer, dem ständigen Vertreter des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof Rainer Griesbaum, Holger Schmidt vom Südwestrundfunk und Dr. Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik den historischen Erfahrungsschatz in die Analyse und Diskussion zukünftiger Entwicklungen und Herausforderungen einfließen zu lassen.

BKA 28 1999 06 Berlin-Treptow 2

BKA 28 1999 06 Berlin-Treptow 2

Die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beleuchtete im Rahmen eines Fachsymposiums am 28. September 2011 die Entstehung und Entwicklung der Organisierten Kriminalität mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Auf der Basis einer interdisziplinären Situationsbewertung konnten Schlussfolgerungen gerade im Hinblick auf eine verbesserte Bekämpfung dieses facettenreichen und das BKA in den vergangenen Dekaden wesentlich prägenden Kriminalitätsbereiches abgeleitet werden. Wolfgang Sielaff, ehemaliger Polizeivizepräsident Hamburgs, gab am Beispiel der Hansestadt Einblicke in Erscheinungsformen, polizeiliche und justiziable Strategien der Rotlicht- und Milieukriminalität. Den internationalen Kontext des Phänomens beleuchtete Dr. Pietro Grasso, Leiter der nationalen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft in Italien, mit einem Vortrag zur Geschichte und aktuellen Erscheinungsformen der italienischen Mafia und deren gesellschaftlichen Verflechtungen. Die rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen der Bekämpfung Organisierter Kriminalität lotete Oberstaatsanwalt David Ryan Kirkpatrick von der Generalstaatsanwaltschaft Franfurt/Main aus, wobei er die Organisierte Kriminalität als „das illegale Spiegelbild legaler Ökonomie“ bezeichnete. Zur Überwindung der Grenzen des Föderalismus seien eine Harmonisierung von Bundes- und Landesrecht sowie eine Neuorganisation der Staatsanwaltschaften notwendig. Mit der Frage, ob Strafverfolgungsbehörden und Journalisten vom Gleichen sprechen, wenn sie über Organisierte Kriminalität berichten, brachte Oliver Bendixen, Journalist beim Bayerischen Rundfunk, den Blick von außen auf die Arbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei in die Diskussion ein. Er gab kritisch zu bedenken, dass womöglich vor allem derjenige verfolgt würde, der noch nicht etabliert genug sei, um sich mit wirtschaftlicher Macht oder politischem Einfluss gegen Ermittlungen von Justiz und Polizei zu wehren. Doch wie wirkt sich Organisierte Kriminalität auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung aus? Dr. Dina Hummelheim vom Max-Planck-Institut in Freiburg ging dieser Fragestellung mit Hilfe eines Ländervergleichs nach. Kritisch hinterfragte auch der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Arndt Sinn, ob der Rechtsrahmen der Europäischen Union als Ursache für kriminogenes Verhalten angesehen werden könne und die Organisierte Kriminalität somit von europäischen Entwicklungen profitiere. Der Leiter der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität, Direktor beim BKA Peter Henzler, richtete den Blick auf zukünftige Entwicklungen: „Gegenwärtig sehe ich die aufkommende Cyberkriminalität als den thematischen Schwerpunkt an, der unserer vollen Aufmerksamkeit bedarf.“

Festakt

Einer der Höhepunkte der Jubiläumsveranstaltungen war der Festakt am 18. August 2011, zu dem die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, der Bundesminister des Innern Dr. Hans-Peter Friedrich, der Innenminister des Landes Hessen Boris Rhein und mehr als 300 Gäste aus Politik, Polizei, Justiz und Wirtschaft aus dem In- und Ausland dem BKA die Ehre gaben. Alle Redner sprachen dem BKA und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Dank und Anerkennung für ihr Engagement und ihre hervorragende Arbeit in den vergangenen sechs Jahrzehnten aus.
Die Bundeskanzlerin betonte: Das BKA bewege sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit, Werte, die sich nur in einer freiheitlichen Demokratie und im demokratischen Rechtsstaat zum Wohle des Einzelnen und zum Wohle der Gemeinschaft verbinden.

BKA Außenaufnahme des Haupthauses und des Großen Saals

BKA Außenaufnahme des Haupthauses und des Großen Saals

Die Grundrechte entfalteten ihre Wirkung nicht nur als Abwehrrechte gegen staatliche Gewalt, sondern sie erteilten dieser staatlichen Gewalt gleichzeitig einen Schutzauftrag und gewährten somit Sicherheit vor dem Staat und Sicherheit durch den Staat. „Polizistinnen und Polizisten bewegen sich stets genau in diesem Spannungsfeld. Sie kennen das Abwägen zwischen Übermaß- und Untermaßverbot. Sich in jedem Einzelfall dieser Aufgabe zu stellen, also der Wahrung der Verhältnismäßigkeit, genau das heißt im Alltag verantwortlich handeln. Dass dies geschieht, darauf vertrauen die Menschen in unserem Land, ganz gleich, um welche konkrete Situation es geht. Dass die Menschen darauf vertrauen, dass ist vielleicht das größte Lob, das man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes […] machen kann.“ Mit Blick auf die Zukunft sei eindeutig, dass der Staat bei Veränderungen der modi operandi, der technischen Rahmenbedingungen von Straftaten entsprechend reagieren müsse. Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis, wie die Kanzlerin feststellte: „Der Staat tut dies, wie es auch schon in der Vergangenheit der Fall war. Und davon zeugt die Geschichte des BKA in besonderer Weise.“

Der Bundesminister des Innern Dr. Hans-Peter Friedrich legte den Fokus nicht nur auf die bisherigen Leistungen des BKA, sondern sprach auch von den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, vor denen das BKA insbesondere im Bereich der Cybercrime stehe. Als Vertreter der Bundesländer und aktueller Vorsitzender der Innenministerkonferenz lobte Boris Rhein, Innenminister des Landes Hessen, die langjährige und gute Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern.
Die durchweg anerkennenden Worte der Bundeskanzlerin und der anderen Redner im Rahmen des feierlichen Festaktes haben bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Herbsttagung

Unter dem Motto „60 Jahre Bundeskriminalamt im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit“ kamen zur 57. Herbsttagung des BKA am 6. und 7. Dezember 2011 über 500 Gäste aus Polizei, Justiz, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft aus dem In- und Ausland in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen zusammen.
Die aktuellen Ereignisse um die politisch rechts motivierten Mordtaten des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) erforderten kurzfristig eine erweiterte Tagesordnung der Herbsttagung.
Dies sei für das BKA nicht ungewöhnlich, betonte der Präsident des BKA, Jörg Ziercke, in seiner Begrüßungsansprache: Die Geschichte des BKA sei seit jeher von neuen Kriminalitätsphänomenen geprägt, die sich direkt auf Strukturen und Arbeit des BKA auswirken. Wie kaum eine andere Behörde müsse sich das BKA stets neuen Herausforderungen stellen, immer begleitet von der Frage nach dem richtigen Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Das BKA sei in seiner Historie häufig Symbol und Kristallisationspunkt für die fortwährende Aufgabe gewesen, eine „Balance im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Übermaß- und Untermaßverbot, zwischen Abwehrrechten und Schutzpflichten herzustellen“. Eine der größten Herausforderungen und neben den Ermittlungen dringendste Aufgabe sei, das Vertrauen der Bevölkerung, das Legitimationsgrundlage allen staatlichen Handelns sei, stets aufs Neue zu gewinnen.
Der Festredner Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, verwies auf den eigentlichen Zweck des modernen Verfassungs- und Rechtsstaates: Die Gewährleistung der Freiheit seiner Bürger und der Schutz ihrer Sicherheit. Dies sei dabei niemals Selbstzweck, sondern bestehe um der Sicherung der Freiheit willen, denn ohne staatliche Sicherheitsgewährleistung sind die Freiheitsverbürgungen für den Bürger wertlos. In seinen Schlussworten lobte Papier das BKA, dem es bei den wichtigen Aufgabenveränderungen und bedeutenden Aufgabenzuwächsen in beispielloser Weise gelungen sei, dem „rechtsstaatliche[n] Grundanliegen einer Gewährleistung von Freiheit und Sicherheit, ja einer Freiheit durch Sicherheit, zu entsprechen“. Karsten D. Voigt, früherer Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, erläuterte: Das Streben nach Sicherheit sei in der Geschichte des Bundesrepublik Deutschland immer wieder in ein Spannungsverhältnis zu Freiheitsrechten geraten und dies werde auch zukünftig so sein. Dabei sei der Vorrang der Freiheitsrechte vor Sicherheitsbedürfnissen eindeutig, diene der Schutz des Bürgers vor Gewalt doch der Entfaltung seiner Freiheit. Dies verdeutliche die Grenzen der Sicherheit im Verhältnis zur Freiheit: „Die Freiheit ist der Zweck, die Sicherheit das Mittel.“
Hessens Innenminister Rhein und zum Zeitpunkt der Herbsttagung Vorsitzender der Innenministerkonferenz betonte die Bedeutsamkeit von Austausch und Kooperation angesichts zunehmender Internationalität von Kriminalität. „Nur ein intensiver Informationsaustausch, die Bündelung von Ressourcen und koordiniertes Vorgehen sind ein Garant für eine effektive und effiziente Bekämpfung der internationalen Kriminalität.“
In seiner Ansprache wies der Bundesminister des Innern Dr. Hans-Peter Friedrich auf die derzeit für die Sicherheitsbehörden des Bundes dringendsten Themen hin: Die Straftaten des NSU und seines Umfeldes und die neuen Möglichkeiten und Gefahren einer zunehmenden Technisierung unserer Gesellschaft. Beide Bereiche wirkten sich unmittelbar auf die Kriminalitätsbekämpfung – und somit auch auf das BKA – aus. Auf keinen Fall – hier schlug er den Bogen zur Frage des Verhältnisses von Freiheit und Sicherheit – dürfe der Staat zulassen, dass Ermittlungsbehörden an ihrer Arbeit gehindert würden. Bezogen auf die Frage nach der richtigen Balance von Freiheit und Sicherheit betonte Friedrich: Wer den Staat im Kampf gegen Kriminalität allein lasse, schaffe nicht mehr, sondern weniger Freiheit, denn Freiheit sei auch von Sicherheit abhängig.
Mehrere Referenten aus Wissenschaft und Justiz zeigten im Rückblick auf erfolgreich bewältigte „Lagen“ im Bereich des Terrorismus, aber auch anhand der Schilderung aktueller Herausforderungen, wie beispielsweise durch Organisierte Kriminalität und Mafia-Organisationen, wie erfolgreich die Arbeit des BKA gerade auch in der Kooperation mit anderen Sicherheitsbehörden, der Justiz und der Politik ist. Auch der Publizist Dr. Ralph Giordano lobte im Rahmen der Vorstellung zweier Publikationen zum Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte des BKA1 das Amt: In einer bewegenden Ansprache dankte er für die Offenheit und Klarheit, mit der das BKA den Prozess der Aufarbeitung seiner Geschichte begangen habe.
Am zweiten Tag richtete sich der Fokus auf die aktuellen Ereignisse um den NSU, Prof. Dr. Hajo Funke, Politologe und ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Rechtsextremismusforschung, brachte die Perspektive der Wissenschaft insbesondere zur Frage der Gewalteskalation im Bereich des Rechtsextremismus in die Diskussion ein. Die Erkenntnisse um die Zwickauer Zelle bewertete Funke als Chance. Es gelte, die Gelegenheit zu nutzen, um konkret vor Ort die repressive Prävention zu forcieren, die Debatte über den bedingenden Resonanzraum, also den Alltagsrassismus, zu führen, die alltägliche Demokratiearbeit mit Kindern zu stärken und ein eventuelles NPD-Verbot sorgfältig zu prüfen. Diese Zäsur – er nannte es „unser 9/11“ – enthalte erhebliches Potential, erstmals seit 20 Jahren den Rechtsextremismus in Deutschland erfolgreich anzugehen. Fälle wie der um den NSU, das steht bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen fest, zeigen deutlich, vor welchen aktuellen Herausforderungen die Sicherheitsbehörden auch – aber nicht nur – durch den Extremismus und Terrorismus stehen. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion (Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen a. D. Dr. Ingo Wolf, Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages Wolfgang Bosbach, Journalist Hans Leyendecker, Geschäftsführerin des Vereins „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ Rebecca Weis, Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts a. D., Prof. Dr. Winfried Hassemer) waren sich einig, dass Rechtsextremismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, das alle angeht. Aus diesem Grund müssen zivilgesellschaftliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Rechtsextremismus entwickelt bzw. wo bereits vorhanden deutlich gestärkt werden.

Fazit

„60 Jahre BKA – Eine Zeitreise“, so der Titel des Veranstaltungsreigens zum 60-jährigen Bestehen des BKA, griff thematische, politische und personelle Höhepunkte der BKA-Geschichte auf und ließ diese Revue passieren. Bei den Veranstaltungen der einzelnen Abteilungen, wie des Kriminaltechnischen Institutes, des Kriminalistischen Institutes und der Abteilung Internationale Koordinierung, wurden Schwerpunkte der täglichen Arbeit herausgegriffen, vorgestellt und mit Fachkollegen intensiv diskutiert. Der Blick zurück in die eigene Geschichte ging einher mit dem Blick in die Zukunft auf kommende Entwicklungen und Herausforderungen. Diese werden das BKA und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicherlich nicht geringer fordern als die vergangenen 60 Jahre, immer mit dem Ziel, gemeinsam mit anderen Sicherheitsbehörden in Bund, Ländern und international die Sicherheit und Freiheit unserer Gesellschaft zu schützen.

  1. [1]Baumann, Imanuel/Reinke, Herbert/Stephan, Andrej/Wagner, Patrick: Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik. Köln, 2011. BKA (Hg.): Der Nationalsozialismus und die Geschichte des BKA. Spurensuche in eigener Sache. Köln, 2011.

Anschrift der Verfasserin:

Sonja Kock M. A.
Bundeskriminalamt, Stab der Amtsleitung – LS 2
Vorträge und Publikationen
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