Regionale Evakuierungen

Die Beachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse und insbesondere die Verwendung von computerbasierten Programmen für Evakuierungsszenarien sind mit ausschlaggebend für einen erfolgreichen (polizeilichen) Einsatzverlauf. Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten dieser Systeme (Übungen, Trainings, Planung, Einsatz in Echtzeit sowie Einsatznachbereitung) sind Grundlagen eines professionellen und zeitgemäßen Einsatzmanagements. Ein neues Denken muss in der (polizeilichen) Gefahrenabwehr Einzug halten.

Anschläge sowie deren Androhung, Großschadenslagen, Gefahrenlagen und Naturkatastrophen lösen bei Menschen einen wesentlichen Instinkt aus: Flucht.

Insbesondere wenn ein fluchtauslösendes Ereignis auf eine Vielzahl von Menschen wirkt, die sich an einem eng umgrenzten Ort befinden, stellt dies Verantwortliche, Rettungskräfte und Polizei vor die Herausforderung, die Entfluchtung der Örtlichkeit schnell und zuverlässig zu gewährleisten – ohne dass Panik oder eine gefährliche Verdichtung der Menschenmasse aufkommt.

Gerade durch besonders tragische Verläufe, meist verbunden mit vielen Todesopfern und Verletzten, haben sich einige Ereignisse in die Gedächtnisse der Menschen gebrannt, z. B. die Katastrophen in den Fußballstadion von Brüssel und Sheffield, die Terroranschläge von New York, London und Madrid, die Naturkatastrophen durch Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen, die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima sowie die tragischen Ereignisse anlässlich der Love-Parade in Duisburg. All diesen Ereignissen, unabhängig ob Veranstaltung, Terrorakt, technischer Großunfall oder Naturkatastrophe, ist neben dem menschlichen Leid und den wirtschaftlichen Schäden eines gemein, nämlich die Frage: Wie evakuiert man in kurzer Zeit eine große Anzahl von Menschen aus einer gesamten Region?

Projekt REPKA

Genau dieser Thematik der regionalen Evakuierung – hier die Situation, die sich ergibt, wenn eine große Menschenmenge ein Gebäude bereits verlassen hat und nun weiter in Sicherheit gebracht werden soll – hat sich das Projekt „REPKA – Regionale Evakuierung: Planung, Kontrolle und Anpassung“ (www.repka-evakuierung.de) angenommen.

Kern in diesem Projekt sind zwei computergestützte Programme:

  1. Im Personenstromsimulator von Siemens wird der Fokus auf individuelle Verhaltens- und Bewegungsmuster von Personen, die sich in der Masse bewegen, gelegt (Mikroskopisches Modell / Zellulärer Zustandsautomat). Eine Annäherung der Simulation an die Realität, unter anderem durch Einarbeitung von Ergebnissen der soziologischen Forschung, ist das Ziel (Abb. 1).
  2. Das mathematische Optimierungsmodell der Technischen Universität Kaiserslautern berechnet den Personenstrom als Ganzes. Ziel ist es unter anderem, für das gesamte Evakuierungsszenario eine mathematisch optimierte „untere Zeitschranke“ zu definieren (Makroskopisches Modell/dynamisches Netzwerkflussmodell), siehe Abb. 2.

 

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Der Transfer der im Projekt gewonnenen Erkenntnisse aus der (bloßen) Wissenschaft heraus in die polizeiliche Praxis – und auch wieder zurück – wurde vom Verfasser in seiner Masterarbeit „Realisierung und Potenzialanalyse von wissenschaftlichen Konzepten zur regionalen Evakuierung aus polizeilicher Sicht am Beispiel des Projektes REPKA – Regionale Evakuierung: Planung, Kontrolle und Anpassung“ an der Deutschen Hochschule der Polizei vollzogen.

Im Projekt REPKA ist es gelungen, einen Verbund von engagierten Projektpartnern zu schaffen, welche auf ihrem jeweiligen Fachgebiet über besondere Kompetenzen verfügen. Insbesondere durch die auch persönlich erlebte Zusammenarbeit von Wissenschaft und Polizei kommen „unterschiedliche Welten“ zusammen, die sich gegenseitig Impulse geben und so gemeinsam Entwicklungen forcieren und Lösungen für Probleme finden.

Ergebnisse

Inhaltlich ist zu resümieren, dass die im Projekt REPKA gewonnenen Erkenntnisse aus mathematischer und soziologischer Sicht, welche sich überwiegend in den computergestützten Berechnungs- und Simulationsprogrammen niederschlagen, für den polizeilichen Erfolg bei einer regionalen Evakuierung nicht nur förderlich sind, sondern als grundlegend für den Erfolg angesehen werden. Beginnend von der Einsatzplanung und -vorbereitung über den Einsatz in Echtzeit bis zur Einsatznachbereitung werden die Einsatzmöglichkeiten und der Nutzen der Programme durch die polizeilichen Experten, trotz manch kritischen Beitrages in Teilbereichen, als sehr hoch eingeschätzt. Diese Einschätzung gilt auch für Übungen und Trainings sowie die Aus- und Fortbildung, welche als Basis für eine polizeilich erfolgreiche Einsatzbewältigung deklariert werden.

Hier wird ein Handlungsbedarf offensichtlich, welcher an die polizeilichen und politischen Verantwortlichen und Entscheidungsträger herangetragen werden muss. Diesem Handlungsbedarf können sich diese Funktions- und Stelleninhaber alleine aufgrund ihrer Verantwortung – auch und gerade vor dem Hintergrund Duisburg – nicht grundsätzlich verwehren. Unter anderem werden in den „Neuen Strategien zum Schutz der Bevölkerung“ (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) eben solche neuen Wege aufgezeigt, indem darauf hingewiesen wird, dass „zur Realisierung dieser Aufgabe [gemeint ist hier ein effektiver Bevölkerungsschutz; Anm. d. Verf.] ein neues Denken in der Gefahrenabwehr, verbunden mit neuen Strategien für außergewöhnliche Gefahren- und Schadenlagen, auf allen politischen, administrativen und operativen Ebenen Einzug halten [muss].“ Auch vonseiten der Wissenschaft konstatiert Helbing in einem Interview nach der Love-Parade-Katastrophe, dass „generell […] die Möglichkeiten der Computersimulation und moderne Informations- und Kommunikationssysteme noch nicht so genutzt werden, wie es wünschenswert wäre.“ Darüber hinaus ist für ihn „ganz wichtig, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Entscheidungsprozess der Politik und des Veranstaltungsmanagements einfließen.“

Hinsichtlich der Fragestellung, in welcher Weise bestehende polizeiliche Planunterlagen und -entscheidungen auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus REPKA optimiert bzw. fortgeschrieben werden können, sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus REPKA, welche sich in den Berechnungs- und Simulationsprogrammen ausdrücken, nach Expertenaussagen eindeutig geeignet, dieses zu realisieren. Im Wesentlichen kann dies durch die Überprüfung der bisherigen Unterlagen und Entscheidungen erfolgen. Eine qualifizierte, auf wissenschaftlichen Grundlagen erfolgte Verifizierung oder Falsifizierung, aber auch das Aufzeigen möglicher Alternativen durch die Computersysteme, würde einen wesentlichen Nutzen für die polizeiliche Planung und Vorbereitung mit sich bringen.
Bei schlussfolgernder Betrachtung der weiteren in der Masterarbeit behandelten Fragestellung, welche zusätzlichen oder modifizierten Funktionen bezüglich der bestehenden Programme in REPKA aus polizeilicher Sicht wünschenswert wären, lässt sich zusammenfassen, dass vor allem die Experten ihr umfangreiches Erfahrungswissen mit der computerbasierten Innovation der Programme verknüpfen und so weitere Möglichkeiten und Funktionen der Berechnungs- und Simulationsprogramme aufzeigen konnten. Vor allem die Abbildung von gruppendynamischem Verhalten sowie Wetter und Tageszeit beeinflussen wesentlich den polizeilichen Einsatzverlauf und stellen sich als Entwicklungspotenzial für die Systeme dar. Die ebenfalls definierten Grenzen der Einsatzmöglichkeit der Programme, im wesentlichen durch den Faktor „Zeit“ beeinflusst, vervollständigen den analytischen Blick aus polizeilicher Sicht.

Abschließend ist festzustellen, dass die aktive Verwirklichung unmittelbar möglich ist. Vor allem ausweislich der Berechnungs- und Simulationsprogramme sind Produkte vorhanden, die hinsichtlich ihrer Entwicklung und Praktikabilität zeitnah in der Praxis eingesetzt werden könnten. Das Interesse an einer solchen Realisierung – zumindest aus polizeilicher Sicht – wird durch die Expertenbeiträge zur Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und zur Akzeptanz der in Rede stehenden Computersysteme eindrucksvoll belegt.

Aus polizeilicher Sicht ist für die Zukunft festzustellen, dass man sich – wie bereits viele andere – mit technischen Innovationen für die Einsatzunterstützung auseinandersetzten muss. Sich nur noch auf Routinen und Erfahrungswissen zu verlassen, ist nicht mehr zeitgemäß. Anlässlich immer komplexerer Einsatzlagen, welche schnelle, richtige sowie den medialen, politischen und öffentlichen Meinungen standhaltenden Entscheidungen verlangen, ist die Überforderung und sind auch Fehler von Entscheidungsträgern vorprogrammiert. Im Nachgang von Katastrophen, dies hat Duisburg gezeigt, bereiten dann vor allem Medien und Wissenschaft die Geschehnisse detailliert, fundiert und mit technischer Unterstützung nach. Ein besserer Weg wäre es, diese vorhandenen technischen Hilfsmittel bereits im Vorfeld und im Verlaufe des Einsatzes zu verwenden, damit die Medien dann vielleicht (nur) über einen erfolgreichen Einsatzverlauf berichten können.

Fazit

Die Polizei muss sich demnach zukünftig nicht nur an der Realisierung solcher wissenschaftlichen Konzepte wie REPKA, sondern auch an wissenschaftlichen Neu- und Weiterentwicklungen unmittelbar beteiligen und einbringen.

Die Kooperation mit anderen Behörden und Organisationen muss sparten- und grenzüberschreitend intensiviert werden, vor allen Dingen, wenn dort wissenschaftliche Konzepte, etwa in Form von Berechnungs- und Simulationsprogrammen, zum Übungs- oder Einsatzalltag gehören. Das polizeiliche Handeln kann speziell unter diesem Gesichtspunkt der Zusammenarbeit mit nicht-polizeilichen Akteuren durch das Erlernen und die kontinuierliche Anpassung von Handlungs- und Fachkompetenzen im Krisenmanagement fortlaufend verbessert werden. Durch diese Entwicklung können vielleicht Leben gerettet, eingetretene Schäden eingedämmt und Ursachen aufgeklärt werden. Eine Orientierung an dem technisch innovativen Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, der auch mit grenzüberschreitenden Projekten vertraut ist, scheint hier ein erster Ansatz.
Im Chinesischen steht ein und dasselbe Schriftzeichen für Krise und Chance. Daher sollte Krisenmanagement, welches im Falle von regionalen Evakuierungen greifen würde, im Vorfeld als Chancenmanagement verstanden werden. Denn gerade in der Planung, Vorbereitung und im Training besteht die Gelegenheit, die (noch) unkritische Situation und die Zeit zu nutzen, um sich für den Fall X vorbereiten. Diese Chance ist durch alle Verantwortlichen und Beteiligten zu ergreifen, damit im Ernstfall die Krise nicht zur Katastrophe wird.

Die Masterarbeit ist online abrufbar im Online-Bibliotheksbestand der DHPol (www.dhpol.de).

Anschrift des Verfassers:
Polizeirat Markus Oppenhäuser M.A.
Polizeipräsidium Koblenz
Moselring 10 – 12
56068 Koblenz

Markus Oppenhäuser
geb. am 22. August 1977 in Lahnstein

  • 1997: Einstellung in die Polizei Rheinland-Pfalz
  • 2001: Abschluss Diplomstudiengang an der FHöV – Fachbereich Polizei – der Polizei Rheinland-Pfalz; Ernennung zum Polizeikommissar
  • 2001 – 2008: Verwendungen in der Bereitschaftspolizei und den Polizeipräsidien Mainz und Koblenz (Stab und Linie)
  • 2008/2009: „Praxisbewährung“ für den Aufstieg in den höheren Dienst

– Sachbearbeiter im Innenministerium
– Leiter der PI Bad Kreuznach / PP Mainz

  • 2009 – 2011: Studium an der DHPol, Abschluss: M.A., Ernennung zum Polizeirat
  • Jetzige Position: Leiter des Stabsbereiches 2 (Technik) im Führungsstab des Polizeipräsidiums Koblenz