Ein Industriegebiet im Stadtteil Binhai der chinesischen Hafenstadt Tianjin: Am späten Abend des 12. August erschüttern zwei kurz aufeinander folgende Explosionen das Gebiet. Knapp 45 Minuten zuvor wurden Feuerwehrleute der Hafenfeuerwehr Binhai zum Lagerhaus gerufen. Ihr Auftrag: Einen registrierten Brand löschen.

Beim Eintreffen der ausrückenden Mannschaften stehen mehrere Container und eine Fläche von knapp 70 m² in Flammen. Diese züngeln etwa 10 m hoch in den Himmel. Sofort beginnen die Einsatzkräfte, die Brände mit Wasser zu löschen. Zahlreiche Feuerwehrleute näheren sich dem Feuer bis auf 30 m. Kurz vor Mitternacht ereignet sich eine Explosion. Nur 30 Sekunden später folgt eine zweite, deutlich stärkere mit einer Wucht 21 Tonnen TNT. Die Druckwelle ist mehrere Kilometer weit spürbar und beschädigt insgesamt 17 000 Wohnungen, 1 700 Betriebe und 675 Geschäfte. Fenster in den Hochhäusern im Umkreis von drei Kilometern zerbersten, umherfliegende Scherbenstücke verletzen zahlreiche Menschen. 797 Personen werden durch Verbrennungen und Folgen der Druckwelle verletzt und in Krankenhäusern behandelt, 71 davon schweben in Lebensgefahr. 116 Menschen sterben, 60 werden zum Zeitpunkt der Drucklegung noch in den Trümmern vermisst. Unter den Toten befinden sich 96 Feuerwehrleute, 11 Polizisten und 54 Zivilisten. Mehr als 6 300 Menschen werden durch die Explosion obdachlos.

Auch drei Tage nach den Detonationen ist der Großbrand auf dem Gelände der chinesischen Logistikfirma Dongjiang Port Rui Hai nicht unter Kontrolle. Schwächere Detonationen sind zu hören, kleinere Feuer brechen aus. Die Anwohner werden zwischenzeitlich in einem Radius von drei Kilometer um den Hafen von Tianjin evakuiert – giftige Gase sind ausgetreten.

Verzögert bestätigen die chinesischen Behörden das Austreten von Natriumcyanid an der Unglücksstelle, von dem 700 Tonnen im Hafengebiet lagerten. Ein ranghoher Beamter spricht von 40 gefährlichen Substanzen in einer Gesamtmenge von insgesamt 3 000 Tonnen, die auf dem Gelände des Tianjin Port Container Logistics Center lagerten. Darunter befinden sich neben Natriumcyanid u. a. Ammoniumnitrat, Kalziumkarbid und Kaliumnitrat.

Mehr als 1 000 Feuerwehrleute sind zwischenzeitlich im Einsatz. Die Armeeeinheit für nukleare und chemische Zwischenfälle untersucht den Fall und hilft bei den Aufräumarbeiten.

Der Grund für die Detonationen ist zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser Ausgabe noch nicht bekannt, doch die enorme Wucht der Explosionen lässt vermuten, dass das Zusammenwirken mehrere Stoffe eine Kettenreaktion auslöste. Nach Angaben der chinesischen Staatsmedien sei die erste Explosion durch ein unbekanntes, gefährliches Material in Transportcon­tainern im Innern des Lagerhauses ausgelöst worden. Fatal: Die Unkenntnis der Feuerwehrleute darüber, welche Stoffe in den Depots lagerten, mag ein Grund für das Ausmaß der Zerstörung sein. Ob das Löschwasser Auslöser der Explosionen war, ist derzeit noch nicht geklärt. Die enorme Kraft der Detonation spricht nach Expertenangaben jedoch dafür, dass Ammoniumnitrat, eine Substanz zur Herstellung von Düngemittel und Sprengstoff, explodierte. Besonders gefährlich ist das Austreten von Natriumcyanid, das in Reaktion mit Wasser hochgiftige Blausäure freisetzt, sich in der Umwelt verteilt und durch Einatmen zum Erstickungstod führen kann.

Der Versicherungsschaden beläuft sich auf bis zu 1,5 Mrd. US-Dollar. Allein rund 8 000 PKW im Wert von 630 Mio. US-Dollar werden bei der Explosion zerstört.

Aufmacherbild: Ein „Voice of America“ – Journalist berichtet live Ort von der Explosion im Hafen von Tianjin. (Bild: Voice of America/wikimedia commons)

(SH)