Das Jahr 2015 beginnt mit einer terroristischen Gewaltoffensive von Paris über Tunis bis in den Jemen. Die Terrorakte zeigen in aller Brutalität, zu welch grausamen Taten Terroristen in der Lage sind, nicht nur in den Kriegsgebieten im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch mitten im Herzen von Europa und in anderen Teilen der Welt.

Sie sind ein deutliches Signal an die weltweite Gemeinschaft, dass sich die „Methode Terrorismus“ als gewalttätiges Mittel zur Errichtung totalitärer, rechtloser Machträume unter dem Deckmantel politischer, religiöser oder weltanschaulicher Ideologien epidemisch ausbreitet. Die gewalttätigen Entwicklungen in Asien und in Afrika, im Nahen Osten und zunehmend in Europa, Amerika und Australien indizieren deutlich die anschwellende Gefahr, dass sich Terror und Terrorismus im Sinne einer „sozialen Epidemie“ ausbreiten und weitere gesellschaftliche, politische, kulturelle und zivilisatorische Räume und die darin lebenden Menschen infizieren. Es wäre fatal, vor dieser aktuellen Herausforderung die Augen zu verschließen und nicht jetzt mit aller Entschlossenheit nach klugen Wegen zu suchen, diese zu überwinden.

Ein Blick zurück

Die aktuellen Hauptakteure terroristischer Gewalt sind Anhänger radikal-islamistischer Terrorgruppen sunnitischer Prägung. Unbeschadet der Entstehung dieser religiös verbrämten, gewalttätigen Ideologie in muslimisch geprägten Ländern des Orients zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der sowjetisch-afghanische Krieg von 1979 bis 1989 eine wichtige historische Wegmarke zum Verständnis des heutigen sunnitisch-islamistischen Terrorismus.

Spätestens mit dem Aktionsbündnis islamistischer Gruppierungen als „Internationale Front für Dschihad gegen Juden und Kreuzfahrer“ unter Führung von Usama Bin Laden und Al-Qaida im Jahre 1998 in London waren neben den muslimischen Schiiten, vor allem die USA und der Westen der hauptsächliche Feind, den es zu bekämpfen und zu besiegen galt.

Der 11. September 2001 und der Angriff islamistischer Selbstmordattentäter auf die USA mittels vier gekaperten Passagierflugzeugen legten dramatisches Zeugnis ab über die organisatorische Fähigkeit und die fanatische, gewaltbereite Einsatzbereitschaft von Al-Qaida-Terroristen.

Auf diesen Angriff folgten unter Führung der USA 2001 der militärische Feldzug „Operation Enduring Freedom“ der NATO in Afghanistan und 2003 der Irakkrieg, auch als dritter Golfkrieg bezeichnet. Parallel gab es eine Vielzahl von militärischen, geheimdienstlichen und polizeilichen Interventionen gegen islamistische Terrorgruppen.

Aus heutiger Sicht haben die militärischen Expeditionen nicht nur keinen durchschlagenden Erfolg erbracht, sondern sie haben vielmehr weitere Instabilitäten, unüberschaubare Machtkonstellationen und einen rasanten Anstieg der terroristischen Aktivitäten in den betroffenen Krisenregionen mit steigenden Opferzahlen und Flüchtlingsbewegungen bewirkt.

Die Spirale terroristischer Gewalt

Im Fadenkreuz. (Bild: arkadius neumann/pixelio.de)

Im Fadenkreuz. (Bild: arkadius neumann/pixelio.de)

Seit 2000 fordern terroristische Gewaltakte von Jahr zu Jahr mehr Opfer: Nach einer aktuellen Veröffentlichung des Global Terrorismus Index (GTI) stieg die Zahl der von Terroranschlägen getöteten Menschen bis 2013 weltweit von 3 361 auf fast 18 000 Menschen. Für 2014 wird eine noch höhere Anzahl von Todesopfern befürchtet. Leid und Elend der Millionen von Terrorflüchtlingen in den betroffenen Ländern finden in diesen nackten Zahlen keine Berücksichtigung.

Die Ereignisse zu Beginn dieses Jahres lassen befürchten, dass sich diese Tendenz noch rapide und massiv verstärkt.

Die blutigen Terrorakte von Paris sollten gleichwohl nicht den Blick verstellen für die geographischen Schwerpunkte terroristischer Gewalttaten: In lediglich fünf Ländern sind alleine 82 % der Opfer zu beklagen. Die meisten davon im Irak, gefolgt von Afghanistan und Pakistan, Nigeria und Syrien.

Weitere Regionen sind massiv von extremen Terrorakten bedroht: Die gemäßigten Kräfte des „Arabischen Frühlings“ scheiterten mit ihren Versuchen, stabile Machträume und Regierungssysteme zu etablieren. Vielmehr gewannen in vielen Staaten radikal-islamistische Bewegungen einen erheblichen Machtzuwachs. Diese Entwicklung führt zu immer komplexeren Bedrohungslagen in den betroffenen Regionen.

Der GTI wertete in seiner zweiten Ausgabe für den Zeitraum von 2000 bis 2013 die in der Global Terrorism Database (GTD) des „National Consortiums for the Study of Terrorism and Responses to Terrorisme“ (START) aufgezeichneten 125 000 terroristischen Ereignisse aus.

Danach konzentrieren sich die gewalttätigen Ereignisse mit terroristischer Motivation nicht nur auf die fünf genannten Länder, sondern wurden 2013 auch in 66 % aller Fälle ausschließlich vier Gruppierungen angelastet: dem „Islamischen Staat“ (IS) im Irak und Syrien, „Boko Haram“ (Westliche Bildung ist Sünde) in Afrika, den „Taliban“ in Afghanistan und Pakistan sowie „Al-Qaida“ und deren Tochterorganisationen mit eher wechselnden Operationsräumen. Die sich immer schneller drehende Spirale terroristischer Gewalt ist somit hauptsächlich Gruppierungen zuzurechnen, deren religiös-ideologische Gemeinsamkeit in variierenden Interpretationen des wahabitisch geprägten Islam zu finden ist.

Neben der blitzartigen Entwicklung des „IS“ mit seinen territorialen Ansprüchen, hat eine ähnliche Situation in Sub-Sahara-Afrika die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit alarmiert. Die radikal-islamistische Bewegung „Boko Haram“ hat in Nigeria einen nicht minder großen Bedeutungssprung mit brutalen Angriffen auf die zivile Bevölkerung vollzogen und große Landstriche unter ihren unmittelbaren Gewalteinfluss gebracht.

„Boko Haram“ und der „Islamische Staat“ sind jedoch nur die international wahrgenommenen Extreme in einem „Terror-Raum“, der sich von Asien über den Nahen Osten und die Arabische Halbinsel bis nach Afrika erstreckt. In den Herrschaftsgebieten dieser Terrorgruppierungen wachsen sowohl die ideologischen Ambitionen hin zu einem islamistischen Kalifat, wie auch die tägliche Anwendung brutalster Gewalt zur Aufrechterhaltung ihrer Machtansprüche in den eroberten Landstrichen.

Allerdings wäre es verfehlt, die „Methode Terrorismus“ auf die gewalttätigen Aktivitäten islamistischer Gruppen zu verengen. Der religiös motivierte Terrorismus ist nur Teil eines weltweit ansteigenden, epidemisch anmutenden Gewaltphänomens mit den geographischen Schwerpunkten Südasien, Nordafrika und der Mittlerer Osten sowie Subsahara-Afrika.

In anderen, von Terrorismus betroffenen Ländern dominieren ebenso radikalpolitische oder nationalistische und separatistische Bewegungen. Beispielsweise zeigen die Entwicklungen in der Ukraine nur allzu deutlich, wie dynamisch sich demonstrative Aktionen politischer Bewegungen zu extrem gewalttätigen Konflikten mit dem ungebremsten Einsatz terroristischer Methoden ausweiten können. Und auch die Erkenntnisse in Deutschland, die bei der Aufklärung der unfassbaren Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gemacht wurden, indizieren, dass es fatal wäre, die Aufmerksamkeit auf nur einen Phänomenbereich terroristischen Handelns zu verengen: Beispielhaft belegen diese beiden sehr unterschiedlich dimensionierten Konfliktlagen die Aussage der GTI-Studie über den Zeitraum von 14 Jahren, wonach terroristische Gewalt, die „Methode Terrorismus“, konstant von unterschiedlichen politischen, ethnischen und sprachlichen Konflikten in den untersuchten 162 Ländern gespeist wird.

Allerdings stellt die Studie hinsichtlich der ideologischen Beweggründe für Terrorismus auch fest, dass Jahr für Jahr ein stetiger Anstieg von religiöser Motivation für Terrorakte signifikant ist.

Gefahrenraum Europa und Deutschland

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Explosion beim Boston Marathon 2013. (Bild: russavia/Wikimedia Commons)

Die Anschläge von Paris und die propagandistischen Aktivitäten der islamistischen Organisationen „Al-Qaida“ und „Islamischer Staat“ verdeutlichen, dass die Europäische Union und Deutschland nach wie vor im Spektrum radikal-islamistischer Zielprojektionen liegen. Denn die Propaganda des „Islamischen Staates“ richtet sich ebenso gegen die USA und deren Verbündete, wie die Aufrufe von „Al-Qaida“ zur Durchführung von weltweiten Terrorakten. Der „Islamische Staat“ übertrifft dabei mit seiner Gewaltpropaganda noch die menschenverachtenden Aktionen von „Al-Qaida“ aus der Zeit des Irakkriegs, wie 2014 die gefilmte Enthauptung eines französischen Staatsbürgers kurz nach seiner Entführung in der algerischen Kabylei dramatisch belegt.

Offenkundig entwickelt der „IS“ damit eine beängstigende Anziehungskraft auf Sympathisanten und Unterstützer in Europa und Deutschland. Der Umstand, das der „IS“ sich nach erheblichen militärischen Anfangserfolgen bereits in kurzer Zeit als ein „islamistisches Kalifat“, also ein quasistaatlichen Gebildes im Zweistromland präsentierte, mit eigenen finanziellen Mitteln und einem eigenen, rudimentären Verwaltungsapparat, führte sowohl zu einem Anschwellen des Unterstützerstrom aus den westlichen Staaten, als auch zum Übertritt von Al-Qaida-nahen Kräften in der nahöstlichen Krisenregion zum „IS“.

Die „Spirale der Gewalt“ wandert also deutlich erkennbar weiter in Richtung Europa und Deutschland, sowohl geographisch, aber auch was das Bewusstsein der dort lebenden Menschen betrifft: In Europa leben Millionen von Menschen aus diesen geographischen und kulturellen Räumen und haben hier aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat gefunden.

Alleine in Deutschland rechnet mittlerweile der Verfassungsschutz mehr als 43 000 Menschen zur islamistischen Szene. Diese hat in den vergangenen Jahren konstant zugenommen, vor allem durch ein Erstarken der Salafisten, einer besonders konservativen Bewegung innerhalb des Islam. Ihr werden alleine 7 000 Anhänger zugerechnet, ein Anstieg von 100 Prozent gegenüber 2011. Besonders in Nordrhein-Westfalen hat sich ein regionaler Schwerpunkt dieser Gruppierung herausgebildet.

In das Kampfgebiet des „Islamischen Staates“, also nach Syrien und in den Irak, sollen nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden bereits mehr als 550 Islamisten aus Deutschland ausgereist sein. Und diese Spirale dreht sich kontinuierlich aufwärts. Nach offiziellen Angaben sollen etwa 180 dieser terroristischen Aktivisten wieder nach Deutschland zurückgekommen sein, wovon bei 30 Personen die Beteiligung an Gewalttaten bekannt geworden ist. Doch handelt sich hierbei um ein nur spärlich ausgeleuchtetes Kriminalitätsfeld mit hohen Ungewissheiten, geht man doch davon aus, dass bereits über 60 ausgereisten Aktivisten im Kampfgebiet verstorben sind. Auch sollen sich zehn aus Deutschland stammende Terroristen bei Selbstmordattentaten in die Luft gesprengt und unbeteiligter Opfer mit in den Tod gerissen haben.

Die Sicherheitsbehörden stufen viele Islamisten als gefährlich ein. Etwa 1 000 Menschen werden der „islamistisch-terroristischen“ Szene zugerechnet. Dazu zählen 260 so genannte Gefährder, denen die Polizei Terrorakte zutraut. Die Zahl ist so hoch wie nie zuvor. Darunter sind auch Rückkehrer aus den dschihadistischen Kampfgebieten; ausgebildet, gewaltbereit und teilweise traumatisiert.

Dabei steht das islamistische Gefahrenpotential in Deutschland keineswegs alleine, wenn wir die „Methode Terrorismus“ umfassend betrachten. Nach dem Verfassungsschutzbericht von 2013 rechnen die Sicherheitsbehörden 21 700 Personen dem rechtsextremistischen Bereich zu, wovon bei 9 600 Menschen mit Gewaltbereitschaft zu rechnen ist. Die Zahlen im linksextremistischen Sektor liegen in ähnlichen Dimensionen, hier schätzen die Sicherheitsbehörden 27 700 Personen als aktiv und 6 900 davon als gewaltbereit ein.

Deutschland ist somit von einer trilaterale Gefahrenkomposition aus dem rechten, linken und dem dschihadistischen Milieu betroffen, die wechselseitig wirkt mit komplexen Rückkopplungseffekten. Dies zeigen aktuelle Ereignisse insbesondere seit dem Herbst 2014, als die rechte Szene den Anstieg des islamistischen Milieus zum Anlass für gewaltgesättigte Demonstrationen nimmt, wie beispielsweise in Köln im Oktober 2014, während die linksextremistische Szene Ereignisse wie den tragischen Tod eines farbigen Asylbewerbers nutzt, um massive Angriffe gegen Polizeistationen durchzuführen, wie beispielsweise in Leipzig im Januar 2015.

Bei allen ideologischen Unterschieden dieser Milieus sind ähnliche Verhaltensmuster deutlich zu identifizieren: Hohe Gewaltbereitschaft, Demokratiefeindlichkeit, Intoleranz und Machtstreben.

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in Ausgabe 3/15 von CP.

Das Thema Terrorismus greift CP in seinem 2. CP-Forum auf, das am 8. Oktober in Berlin stattfindet. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.crisis-prevention-froum.de.

Aufmacherbild: Gedenken an die Ermordeten Angestellten der Pariser Satire Zeitschrift Charlie Hebdo. (Bild: Claude Truong-Ngoc/Wikimedia Commons)

Wolfgang L. Würz

PassbildAnschrift des Verfassers:
Wolfgang L. Würz
Köpenickerstraße 10 a
10997 Berlin

geb. am 8. Februar 1952 in Frankfurt am Main
1973 – 1981: Eintritt in das Bundeskriminalamt; Kriminalpolizeiliche Sachbearbeitung
1981 – 1983: Studium an der Polizeiführungsakademie
1983 – 1988: Führungsverwendung im Bundeskriminalamt
1989 – 1992: Leitung von Ermittlungsreferaten in der Terrorismus­bekämpfung; Leiter der Projekt­gruppe „Organisationsanalyse“ der Abteilung TE
1992 – 1998: Leitung des Bereichs „International organisierter Drogenhandel aus Südamerika“; Polizeiführung in ad hoc – Lagen „Entführungen und Geiselnahmen deutscher Staatsangehöriger im Ausland“
1998 – 2000: Leitung des Organisa­tionsprojektes „Aufgabenkritik und Personaleinsatz im Bundeskriminalamt (BKA)“
2000 – 2003: „Inspekteur der ­Verbindungsbeamten“ des Bundes­kriminalamtes
2003 – 2012: Aufbau und Leitung des Bereichs „Internationaler Islamis­tischer Terrorismus im „Gemein­samen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ)“ in Berlin
Seit Mai 2012: Freiberuflicher ­Publizist in Berlin