Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der Aus- und Fortbildung von Führungskräften und Spezialisten im psychosozialen Krisenmanagement im Fachbereich Wissenschaft, Technik und Gesundheit der AKNZ (Fortsetzung, Teil 4).

Psychosoziales Krisenmanagement ist ein Bestandteil des Krisenmanagements im Rahmen der polizeilichen und nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr. Es integriert wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Psychologie, der Soziologie und Pädagogik in die Maßnahmen zur Vermeidung von, Vorbereitung auf, Erkennung und Bewältigung sowie der Nachbereitung von Krisen. Krisen sind in den meisten Fällen multifaktoriell bedingt und haben mehrdimensionale Auswirkungen. Entsprechend erfordert die Vorbereitung auf solche Krisen und ihre Bewältigung den Einsatz verschiedener Maßnahmen und Mittel sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen.

Natürlich waren psychosoziale Erkenntnisse und ihre Anwendung immer schon Bestandteil des Meisterns von Krisen. Die wissenschaftliche Absicherung und konzeptionelle Ausarbeitung dieses häufig intuitiv zu Rate gezogenen Wissens jedoch ist ein relativ junges Feld. Seit die Bedeutung psychosozialer Konzepte und diverser psychosozialer Handlungsfelder für ein erfolgreiches Krisenmanagement zunehmend anerkannt wird, ist eine stetige Zunahme an Forschungs- und Lehrtätigkeit zu den vielfältigen Themen zu beobachten.

Auch im Bevölkerungsschutz des Bundes haben die unter dem Oberbegriff „Psychosoziales Krisenmanagement“ zusammengefassten Themen seit 2002 einen festen Platz, so auch im Lehrangebot der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Angesiedelt ist es dort im interdisziplinären Fachbereich „Wissenschaft, Technik und Gesundheit“. Das Themengebiet wird durch Fachpersonal aus den Bereichen Pädagogik, Sozialwissenschaften und Psychologie vertreten.

Durch eine enge, fachliche und personelle Verknüpfung der Lehre mit dem Referat „Psychosoziale Notfallversorgung“ (PSNV) der Abteilung Krisenmanagement des BBK wird gewährleistet, dass die vermittelten Inhalte dem aktuellen Forschungsstand und den daraus abgeleiteten Konzepten entsprechen. Auch der Bezug zum Einsatzgeschehen ist dadurch gesichert. Die Betreuungserfahrungen aus mittlerweile 217 Einsätzen der Koordinierungsstelle Nachsorge-, Opfer- und Angehörigenhilfe (NOAH), die zum Referat PSNV gehört und die seit rund zehn Jahren Bundesbürgern, die im Ausland bei komplexen Gefahren- und Schadenslagen zu Schaden kommen, psychosoziale Unterstützung bietet, fließen in die Lehrveranstaltungen zum psychosozialen Krisenmanagement ein. Die AKNZ dient dabei nicht nur der Vermittlung von fachlich fundiertem Wissen und dem Training spezifischer Kompetenzen, sondern fungiert auch als Dreh- und Angelpunkt für den bundesweiten Fach- und Erfahrungsaustausch sowie die Bildung neuer bzw. den Ausbau bestehender Netzwerke und Kooperationen.

Seminarangebot aus dem Bereich ­„Psychosoziales Krisenmanagement“

Training, CBRN-Lage, ABC-Lage, Psychosoziales Krsienmanagement, Katastrophenschutz, BBK, AKNZ

Abb. 1: Veröffentlichung des BBK zur Qualitätssicherung in der PSNV „Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien Teil I undII“ – 3. Aufl., 2012. (Quelle: BBK)

Ein zentrales, unter dem Gesichtspunkt der Qualitätssicherung inzwischen schon relativ umfassend bearbeitetes Aufgaben- und Forschungsfeld des Psychosozialen Krisenmanagements ist die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV). Die Entwicklung und Vorhaltung von Maßnahmen der PSNV für Überlebende, Angehörige, Hinterbliebene und Vermissende, aber auch für Einsatzkräfte, gehört inzwischen zum Versorgungsstandard und ist damit integraler Bestandteil des Krisenmanagements. Nicht erst seit der Moderation des so genannten Konsensus-Prozesses zur Entwicklung von bundeseinheitlichen Standards und Leitlinien durch das Referat PSNV des BBK im Zeitraum 2007 – 2010, dessen Ergebnisse einen Meilenstein in der Qualitätssicherung der PSNV bedeuten, sind die Inhalte des Lehrangebots aus dem Bereich Psychosoziales Krisenmanagement richtungweisend für die in dem Bereich Tätigen und ein stetiger Beitrag zur Qualitätssicherung der PSNV in Deutschland (s. Abb. 1).

Das Seminarangebot hat sich bisher insbesondere an psychosoziale Führungskräfte als Zielgruppe gerichtet.

Neu ist die schwerpunktmäßige Einführung von Multiplikatorenseminaren. Das Seminar für die Ausbilder von PSNV-Führungsfunktionen in Bildungseinrichtungen der Feuerwehren, Hilfsorganisationen und anderer Träger, das in diesem Jahr erstmalig stattfand, ist in diesem Zusammenhang ein Schritt in die konsensual verabschiedete Richtung zur Etablierung bundeseinheitlicher Standards in der Aus- und Fortbildung. Diese Multiplikatorenseminare dienen der Vorbereitung der Dozenten bzw. Ausbildungsverantwortlichen, die in ihren eigenen Strukturen die PSNV-Führungskräfte, PSNV-Leiter und PSNV-Fachberater fortbilden. Die jeweiligen Schulungskonzepte und -inhalte wurden durch das Referat PSNV des BBK unter Einbeziehung einer Facharbeitsgruppe, die sich aus den Experten und Verantwortlichen der Länder und Organisationen der Gefahrenabwehr zusammensetzt, erarbeitet. Wissenschaftlich begleitet wird diese Führungskräftefortbildung über einen Zeitraum von drei Jahren durch die Universität Jena unter der Gesamtleitung von Prof. Dr. Stefan Strohschneider und der fachlichen Leitung von Diplom-Psychologin Dr. Gesine Hofinger. So wird eine abgestimmte, fachlich fundierte und wissenschaftlich abgesicherte bundeseinheitliche Umsetzung der Fortbildungen und der Fortbildungsinhalte für die PSNV-Führungsfunktionen garantiert.

Ebenfalls als Multiplikatorenseminar konzipiert ist das Seminar „Interkulturelle Kompetenz im Bevölkerungsschutz“ zur Qualifizierung von Fachverantwortlichen und Lehrkräften für die Vermittlung von Interkultureller Kompetenz im Katastrophenschutz in Bildungseinrichtungen des Bundes, der Länder und anderer Träger. Diskutiert werden im Rahmen des Seminars vor allem Möglichkeiten der Sensibilisierung für das inzwischen stark nachgefragte Thema sowie die methodische Umsetzung der Unterrichtsinhalte. Auch dieses Seminar wird wissenschaftlich evaluiert, und zwar durch die Universität Greifswald unter Leitung von Diplom-Psychologin Prof. Dr. Silke Schmidt.

Ein Instrument des psychosozialen Krisenmanagements, das während der Krise einsetzt, aber grundsätzlich vorzuhalten und vorzubereiten ist, ist die Krisenhotline. Eine solche Hotline stellt einen wichtigen Baustein der Krisenkommunikation in komplexen Gefahren- und Schadenslagen dar. Sie ist idealiter die kompetente und zuverlässige Antwort auf das Bedürfnis der Bevölkerung nach Information und Hilfestellung in einer unsicheren Situation. Das zu diesem Thema konzipierte Seminar „Hotline als Instrument des psychosozialen Krisenmanagements“ richtet sich an für die Einrichtung einer Krisenhotline fachlich und/oder organisatorisch Verantwortliche, die Mitarbeiter in den eigenen Strukturen für den Einsatz an der Hotline schulen oder schulen lassen.

Die Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe von direkt Betroffenen einer Großschadenslage, aber auch von Einsatzkräften, wandeln sich im Zeit- und Bewältigungsverlauf. Um Versorgungskontinuität und nahtlose Übergänge gewährleisten zu können, müssen die mittel- und langfristigen psychosozialen Hilfen frühzeitig, d. h. bereits während des laufenden Einsatzes lageangepasst vorbereitet werden. Alle mit diesem Themenkomplex verbundenen Fragestellungen und Maßnahmen werden in dem Seminar „Mittel- und langfristige Nachsorge nach Großschadenslagen“ thematisiert und bearbeitet.

In sämtlichen Seminaren wird durch die Einbindung von externen Experten gewährleistet, dass Praxisberichte die theoretisch erörterten Problemstellungen von Großschadenslagen anschaulich ergänzen. Viele der Seminare weisen darüber hinaus einen großen Übungsanteil auf, um die nicht alltäglichen Besonderheiten und Erfordernisse in komplexen Gefahrens- und Schadenlagen erfahrbar zu machen. Das Seminar „Psychosoziale Notfallversorgung in CBRN-Gefahrenlagen“, dessen Konzeption im Referat PSNV als EU-Projekt gefördert wurde, nutzt z. B. die Methode des Rollenspiels und setzt professionelle Schauspieler ein, um die psychosoziale Handlungssicherheit im Umgang mit Betroffenen und bei der eigenen Stressbewältigung in CBRN-Lagen zu fördern (s. Abb. 2).

Der Umgang mit den besonderen Belastungsfaktoren und Anforderungen, die mit Führungsaufgaben in komplexen Einsatzsituationen generell verbunden sind, ist das Thema der Seminarreihe „Führen und Leiten unter hoher psychischer Belastung“. Dabei geht es nicht nur um den Einfluss von Stress auf den Führungsstil, sondern z. B. auch auf die Wahrnehmungs-, Kommunikations- und die Gruppenprozesse.

Neben den regelmäßig angebotenen Seminaren werden bei Bedarf Auswertungen aktueller Schadenslagen durchgeführt oder für einen Expertenkreis Workshops, Tagungen und nationale und internationale Sonderveranstaltungen zu zentralen psychosozialen Fragestellungen angeboten.

Aufmacherbild: Training „Psychosoziale Notfallversorgung in CBRN-Lagen“ – AKNZ, September 2010. (Bild: K. Albert/BBK)

Dr. Dorothee Friedrich, Annika Fritsche

Friedrich_PassbildAnschrift für die Verfasser:
Dr. rer. nat. Dorothee Friedrich
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz
Lehrbereichsleiterin IV.4
Wissenschaft, Technik und Gesundheit
Ramersbacher Str. 95
53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
URL: www.bbk.bund.de

1973 – 1979: Studium der Lebensmittelchemie und Hauptprüfung für Lebensmittelchemiker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU)
1980 – 1986: Promotionsstudium Biochemie / Tätigkeit als Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Biochemie der WWU
1986: Promotion zum Dr. rer. nat. im Hauptfach Biochemie, Nebenfächer Lebensmittelchemie/Mikrobiologie
1983: Erste Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe II in den Fächern Lebensmittelchemie/Chemie
1986: Zweite Staatsprüfung
Seit 1986: Lehrbereichsleiterin ABC-/Veterinärwesen an der Katastrophenschutzschule des Bundes in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Seit 2002 Leiterin des Lehrbereiches „Spezialwissenschaften im Bevölkerungsschutz“ des jetzigen Fachbereich Wissenschaft, Technik und Gesundheit, an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ), der die Fachgebiete CBRN-Gefahrenmanagement, Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz, Psychosoziales Krisenmanagement, Veterinärmedizin, Informations- und Kommunika­tionsmanagement sowie Kulturgutschutz umfasst