Sicherheitsvorsorge und das damit verbundene Sicherheitstraining sind essentielle Bereiche in der Ausbildung von Polizeibeamten. Das aufgabenspezifische Fahrsicherheitstraining nimmt neben dem allgemeinen Verkehrssicherheitstraining eine besondere Stellung ein, um den sicheren Umgang mit Einsatzfahrzeugen in Gefahrensituationen zu beherrschen. Ziel ist es, Einsatzsituationen bei möglichst geringer Gefährdung aller Beteiligten realitätsnah zu trainieren.

Unterschiedliche Einsatzszenarien lassen sich zwar durch virtuelle Simulationen darstellen, das Reaktionsvermögen im Ernstfall kommt dabei aufgrund des fehlenden situativen Erlebens jedoch im Zweifel zu kurz. Personengebundenes physiologisches Empfinden und Reagieren bei plötzlich einsetzenden Ereignissen, panisches und realitätsfernes Verhalten oder mangelnde Gefahrenwahrnehmung in Folge eines Unfalls sind nur einige Parameter, die solch eine Extremsituation hervorruft.

Selbst- und Fremdrettung

Erprobtes Material ist bei der Selbst- und Fremdrettung ebenso wichtig wie das angemessene Verhalten in Gefahren- und Extremsituationen. Fertigkeiten und Verhaltensweisen lassen sich durch das Üben innerhalb spezieller Vorrichtungen trainieren. Dadurch lässt sich der Überraschungseffekt in Notsituationen minimieren. In Stress- und Paniksituationen erfolgen Entscheidungs- und Handlungsprozesse oftmals nicht situationsgerecht. Die generelle Bedrohungs- bzw. Gefahrensituation, in der sich Polizeibeamte im Einsatz befinden, verstärkt irreales Verhalten zudem.

Eine realitätsnahe Vorbereitung auf solch eine Situation beinhaltet dabei neben dem Kompetenzerwerb die Sensibilisierung für ein verantwortungsbewusstes und realitätsangemessenes Handeln. Räumliche Enge oder Desorientierung können durch Trainings in entsprechenden Fahrzeugvorrichtungen nicht nur simuliert, sondern aktiv erlebt werden. Auch die Gefahrenabwehr sowie die Personenrettung aus verunfallten, auf dem Dach oder der Seite liegenden PKW gehört zum Einsatzrepertoire von Polizeibeamten. Zur Vorbereitung auf solche Einsätze für einen vertrauten Umgang mit der Problematik der Selbst- bzw. Fremdrettung aus verunfallten Fahrzeugen bedarf es spezieller Schulungen.

Überschlag- und Unfallrettungssimulator

Abb. 2: Seit 2006 ist der Unfallrettungssimulator „System Landmann“ Bestandteil im Einsatzfahrtraining des Bildungszentrums der Thüringer Polizei. (Bild: Bildungszentrum Polizei Thüringen)

Abb. 2: Seit 2006 ist der Unfallrettungssimulator „System Landmann“ Bestandteil im Einsatzfahrtraining des Bildungszentrums der Thüringer Polizei. (Bild: Bildungszentrum Polizei Thüringen)

Es gilt, dynamische Vorgänge und deren physische und psychische Folgen auf die Fahrzeuginsassen während und nach einem Überschlag zu simulieren, um die sich aus der physischen Belastung ergebenden Entscheidungs- und Handlungskonsequenzen der Beteiligten zu vermitteln. Durch gezieltes und wiederholtes Training von Überschlagereignissen und Rettungsverhalten kann das Gehirn das Erlebte zu einem Erfahrungs- und Handlungskonzept zusammen fassen, das im Einsatz- bzw. Unglücksfall abgerufen werden kann. Selbst- und Fremdrettungsmaßnahmen lassen sich dann leichter und situationsbezogener durchführen. Erfolgreich absolvierte Trainings am Unfallrettungs- und Überschlag­simulator führen neben neu gewonnener Kompetenzen auch zu einem der jeweiligen Situation angepassten Gefahren- und Risikobewusstsein.

Die beim Bildungszentrum der Thüringer Polizei und im Bundeskriminalamt in Berlin erprobten patentierten Unfallrettungs- und Überschlagsimulatoren „System Landmann“ sind Bestandteil im Einsatzfahrtraining und in der Laufbahnausbildung. Sie ermöglichen das Trainieren von Selbst- und Fremdrettungsmaßnahmen nach simulierten Fahrzeugunfällen aus allen erdenklichen Positionen. In der Fortbildung der Thüringer Polizei wird auch behördenübergreifend das Selbst- und Fremdrettungsverhalten nach einem Unfall am Bildungszentrum trainiert, zum Beispiel durch den Zoll, die Feuerwehr und andere professionelle Retter.

Realitätsnaher Einsatz

Bei den Unfallrettungs- und Überschlagsimulatoren „System Landmann“ ist eine Pkw-Karosserie in ein Rollgestell mit zwei Drehkränzen eingebracht. Das Rollgestell wird auf einer Vorrichtung mit von Elektromotoren angetriebenen Laufrollen bewegt. Es kann mit variabler Rotationsgeschwindigkeit in beide Richtungen einmal oder – mit einem Mehrfachüberschlag vergleichbar – mehrmals hintereinander gedreht und in jeder beliebigen Lage angehalten und arretiert werden. Eine Dach- oder Seitenlage nach relativ hoher Rotationsgeschwindigkeit, mit der ein Mehrfachüberschlag eines Fahrzeuges in der Realität nachgeahmt werden kann, führt bei den Insassen zur Desorientierung und realitätsfremden Verhalten. Von dieser Erkenntnis ausgehend, werden die Selbst- und Fremdrettung aus der Dachlage, einer Seiten- oder Schräglage intensiv und realitätsnah geübt. Durch die konstruktionsbedingte freie Sicht nach vorne ist auch die Darstellung bildgestützter Szenarien und somit ein interaktives Training möglich. Die visuellen und akustischen Informationen aus den einzelnen Szenarien tragen dazu bei, dass die Fahrzeuginsassen die dargestellten gefahrenrelevanten Umfeldereignisse und -bedingungen bewusst wahrnehmen und dementsprechend handeln. Diese führt zu einem nachhaltigen Trainingserfolg. Ein unter dem Dach der Fahrzeugkarosserie angebrachter aufblasbarer Luftsack oder eine entsprechende mechanische Vorrichtung , durch die das Eindrücken des Dachs bei einem Überschlag simuliert wird, bildet ein zusätzliches Erschwernis bei der Selbst- oder Fremdrettung aus der Dachlage. Durch diese Vorrichtung werden die Folgen einer nach innen gerichteten Deformierung des Fahrzeugdachs im Hinblick auf die Selbst- oder Fremdrettung aus der Dachlage unmittelbar erfahr- und begreifbar gemacht.

Fazit

Das Erlebbarmachen eines dysfunktionalen Stresszustandes, wie er bei Überschlagsituationen bei den Fahrzeuginsassen üblicherweise auftritt, zeichnet den hohen Trainingserfolg für die Selbst- und Fremdrettung am Überschlagsimulator aus. Schock- und Panikzustände können erzeugt sowie situationsgebundenes Agieren bzw. Reagieren trainiert werden. Durch vielfaches Üben lassen sich Handlungsmuster erarbeiten und Gefahrensituationen mindern.

Lesen Sie demnächst mehr zum Thema realitätsnahe Fahrausbildung. Der Prototyp eines Trainingsfahrzeuges mit einlenkbaren Hinterrädern und ausfahrbaren Auslegern mit Stützrädern zur Verhinderung des Kippens oder Überschlagens in fahrdynamischen Grenzbereichssituationen wird in einer der nächsten Ausgaben der CP vorgestellt.

Aufmacherbild: Im Unfallrettungssimulator „System Landmann“ werden realitätsnahe Überschläge simuliert, die audio-visuelle Komponenten mit einbeziehen. (Bild: BKA)

Reinhard Landmann

PassbildAnschrift des Verfassers:
Reinhard Landmann
Postfach 200931
53139 Bonn
Tel.: 0228/321532

 

Jahrgang 1934
1954: Beginn der polizeilichen Laufbahn beim Bundesgrenzschutz
ab 1959: verschiedene Verwendungen bei der Schutzpolizei sowie Sacharbeiter, Kommissariatsleiter und Fachlehrer für Kriminalistik und Strafrecht bei der Kriminalpolizei NRW
1972: Sachbearbeiter, Fachlehrer für Kriminalistik beim BKA
1974: Ausbildungsleiter in der Spezialausbildung für den Personenschutz/BKA
Initiator für die 1976 im BKA eingeführte personenspezifische Fahrausbildung
Unterstützer der Spezialeinheiten der Thüringer Polizei in der aufgabenbezogenen Fahrausbildung
Seitdem: Sicherheitsberater und -ausbilder sowie Gefahrensensibilisierungs- und Verhaltenstrainer