CBRN-Einsätze konfrontieren die Einsatzkräfte der Feuerwehren und Hilfsorganisationen oftmals mit ganz besonderen Herausforderungen. Für den Einsatzerfolg sind eine bedachte Einsatztaktik, sorgfältiges und ruhiges Vorgehen und eine ausgeprägte interdisziplinäre Zusammenarbeit unerlässlich.

Das lässt sich anhand eines Fallbeispiels, einer C-Schadenlage im Dezember 2011 in Bonn, sehr eindrucksvoll schildern. Wegen einer chemischen Reaktion entstand in einem Forschungslabor der Universität Bonn ein explosionsfähiges Gemisch. Mit einem Roboter des Landeskriminalamts und der Expertise der CBRN-Fachberater gelang es, die Situation zu entschärfen.

„Im Labor ist etwas gewaltig schief gelaufen. Es besteht Explosionsgefahr!“ Der Notruf erreichte am Vormittag des 9. Dezembers 2011 die Leitstelle der Feuerwehr Bonn. Aufgrund der detaillierten Angaben eines Labormitarbeiters eröffneten die Disponenten den Einsatz als CBRN-Einsatz. Um 9.42 Uhr alarmierte die Leitstelle gemäß der Alarm- und Ausrückordnung die Einsatzleitung, die Löscheinheit der örtlich zuständigen Hauptfeuerwache 1, die Umwelteinheit der Feuerwache 3 sowie weitere Einheiten der Berufs- und der freiwilligen Feuerwehr Bonn und der CBRN-Fachberater.

Vorbereitung und Expertise zahlen sich aus

Dafür dass die erste Phasen eines solchen Einsatzes – von der Alarmierung bis zur Erkundung der Einsatzsituation – routiniert ablaufen können, tragen die Gefahrenabwehrplanungen bei der Feuerwehr wesentlich bei. Das Alarmstichwort CBRN-Einsatz setzt automatisch eine in der Einsatzplanung vordefinierte Abfolge an Maßnahmen in Gang. So wurden nicht nur die zur Bewältigung der eigentlichen Gefahrensituation benötigten Einsatzkräfte an die Einsatzstelle beordert. Auch die Strukturierung und Organisation an der Einsatzstelle erfolgten initial nach allgemein gültigen und in der lokalen Einsatzplanung berücksichtigten Grundsätzen.

Abbildung 1 Manipulator

Der Roboter des LKA wird per Fernsteuerung ins Labor gelenkt. Sein Greifarm konnte wichtige Schritte zur Entschärfung der Situation ohne Gefährdung der Einsatzkräfte übernehmen. (Bild: Feuerwehr Bonn)

Die Einsatzleitung konnte zudem auf umfangreiche Hintergrundinformationen über das Schadenobjekt zurückgreifen. So lässt sich zum Beispiel aus dem Feuerwehr-Einsatzplan entnehmen, dass das sechsgeschossige freistehende chemische Institut über eine Feuerwehrumfahrt und großzügige Aufstellflächen verfügt. Im Regelbetrieb sind demnach bis zu 400 Personen im Institut für experimentelle Chemie anwesend.

Der Doktorand, der den qualifizierten Notruf abgesetzt hatte, stand während des gesamten Einsatzes als Ansprechpartner zur Verfügung. Er berichtete der Einsatzleitung die Details zur Gefahrensituation im vierten Obergeschoss. Wegen eines vorlesungsfreien Tages waren nur 110 Studenten und Angestellte im Gebäude. Die Räumung war eingeleitet. Gemeinsam mit den CBRN-Fachberatern konnte die Einsatzleitung daraufhin die weitere Einsatztaktik entwickeln.

Unkonventionelle Einsatzmaßnahmen

Dem Mitarbeiter zufolge sollte in einem Rückflusskühler, einer Apparatur zur Erzeugung von wasser- und sauerstofffreien Lösungsmitteln, Diethylether für Laborzwecke aufbereitet werden. Dies geschieht routinemäßig durch eine kontrollierte Reaktion mit einer flüssigen, metallenen Legierung.

Durch versehentliche Zugabe des Lösungsmittels Dichlormethan, welches bei Kontakt mit dem Metall eine heftige Spontanreaktion hervorruft, entstand in einem Glaskolben ein sensibles, explosionsfähiges Gemisch. Es war offensichtlich, dass die Heftigkeit der Reaktion nicht abschätzbar ist. Ein Ausbau der Apparatur kam nicht in Frage, da nach Einschätzung der Fachberater auch geringe Erschütterungen eine heftige Reaktion auslösen könnten. Nur durch Verdünnen und späteres Absaugen der Flüssigkeit durch Zugabe von Cyclohexan unter Berücksichtigung des Flüssigkeitsstandes konnte die Situation entschärft werden. Die Gefahrenbeseitigung mit den vorgehaltenen Mitteln war nur unter großer Eigengefährdung zu erzielen. Daher forderte die Einsatzleitung in Abstimmung mit der Polizei die Sondereinheit zur Entschärfung von unkonventionellen Brand- und Sprengvorrichtungen (USBV) des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen (LKA NRW) an.

Einsatz des „Manipulators“

Mithilfe des „Manipulators“, einem ferngesteuerten Roboter zur Kampfmittelbeseitigung, setzten die Mitarbeiter des LKA die geplanten Maßnahmen der Einsatzleitung in die Tat um. Weil die Fernlenkung des Roboters per Videoübertragung aus einem sicheren Bereich erfolgte, war die Eigengefährdung der Einsatzkräfte deutlich herabgesetzt. Erst nach dem mehrmaligen Durchspülen des Versuchsaufbaus durch den Manipulator betraten Feuerwehrkräfte den Laborbereich. Die Explosionsgefahr war bis dahin gebannt.

Die verbleibende Chemikalienmischung schätzten die Experten weiterhin als instabil und leichtentzündlich ein. Um auch dieses letzte Gefahrenmoment zu beseitigen, bauten die Einsatzkräfte den betroffenen Glaskolben aus dem Rückflusskühler aus und sicherten ihn in einem mit Sand gefüllten Eimer. Um eine Verlagerung des Gefahrenbereichs in weitere Gebäudeteile auszuschließen, entschloss sich die Einsatzleitung, den Eimer mehrfach über Seile gesichert über den Außenbalkon zur Erdgleiche abzuseilen. Endgültige Entspannung der Einsatzlage brachte die kontrollierte Reaktion des Gemischs unter Zuhilfenahme einer Wasserstrahlkanone des LKAs.

Fazit

Der C-Einsatz war nach rund acht Stunden ohne nennenswerte Schäden beendet. Mehrere glückliche Umstände trugen zum glimpflichen Ausgang bei. Der Doktorand schätzte die Gefahrensituation richtig ein, setzte den Notruf ab und veranlasste die Räumung des Gebäudes. Objektkenntnisse und Einsatzplanungen im Vorfeld trugen wesentlich dazu bei, die ersten Einsatzphasen mit ruhiger Umsicht und Sorgfalt zu begleiten und den Einsatz zu strukturieren.

Dennoch stellte die Einsatzsituation die beteiligten Organisationen vor Herausforderungen, die nur durch die intensive und kooperative interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten und unter Zuhilfenahme nicht alltäglicher Einsatzmittel bewerkstelligen konnten.

Aufmacherbild: Showdown vor dem Institutsgebäude: Mittels einer Wasserstrahlkanone provozierten Mitarbeiter des LKA die kontrollierte Reaktion des Chemikaliencocktails. (Bild: Feuerwehr Bonn)

Martin Hasselbauer

Anschrift des Verfassers:

Foto HaselbauerMartin Haselbauer
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Feuerwehr und Rettungsdienst
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Tel.: 0228 / 717769
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Martin Haselbauer
Jahrgang 1976
Studium der Medizintechnik an der Fachhochschule Ulm
Beamter der Berufsfeuerwehr Bonn
Stabstelle Koordinierungsaufgaben sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Einsatzführungsdienst