Videotechnologien finden in allen Bereichen des Sicherheitsprozesses Anwendung. Nicht erst seit dem Anschlag beim Boston-Marathon im April dieses Jahres wird der Ruf nach einem Mehr an Überwachung lauter. Gleichzeitig sorgt sich ein Teil der Bevölkerung um datenschutzrechtliche Verletzungen. Die Industrie steht vor der Herausforderung, Systeme zu entwickeln, die beides leisten – Detektion und Aufklärung sowie Schutz und Immunität. In Deutschland ist die hiesige Elektrotechnik- und Elektronikindustrie innerhalb eines Verbandes organisiert – dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e. V. (ZVEI). Als größte Vertretung dieses Industriezweiges in Europa gliedert er sich in 25 Fachverbände – einer davon ist der Fachverband Sicherheit. CP sprach mit René Kiefer, Vorsitzender des Arbeitskreises Videosysteme im Fachverband Sicherheit und Mitarbeiter von Siemens Deutschland Infrastructure & Cities Sector/Building Technologies Division, über die zivile Sicherheitslage in Deutschland und Aufgaben und Herausforderungen der Sicherheitsbranche.

CP Der ZVEI ist ein europaweit agierender Verband mit vielen namenhaften Firmen der Elektronikbranche aber auch kleineren Unternehmen. Welche Aufgaben verfolgt er und wie ist er organisiert?

ZVEI. Der ZVEI fungiert mit seinen 1 600 Mitgliedsfirmen, sechs Korporativorganisationen und mehr als 5 000 ehrenamtlichen Experten als Kompetenznetzwerk und Vermittler zwischen Industrie und Endanwender. Die gesamte Elektroindustrie Deutschlands ist hier in 25 Fachverbänden organisiert, denn der ZVEI ist einer der mitgliederstärksten Verbände dieser Industrie weltweit.

CP. Wie ist der Fachverband Sicherheit aufgestellt?

ZVEI. Er gliedert sich in die Leitmärkte „Safety“, „Security“ und „Defense“. Ersterer widmet sich den Belangen des Schutzes von Menschenleben und Vermögenswerten, der zweite der Inneren und Öffentlichen Sicherheit, letzterer der Äußeren Sicherheit und Verteidigung. Videotechnologien haben Berührungs- und Überschneidungspunkte mit vielen Anwendungsgebieten und finden sich in jedem Prozessbestandteil Prävention, Schutz, Reaktion und Dokumentation/Wiederherstellung des Sicherheitsprozesses.

CP Wie sind die Größenordnungen im deutschen zivilen Sicherheitsmarkt und was sind dessen Herausforderungen?

ZVEI. Es gibt eine konstante Nachfrage mit einer starken positiven Dynamik. Das wird gestützt von 15 000 öffentlichen Auftraggebern, 500 000 Firmen und ca. 40 Mio. Privathaushalten. Jeder möchte bildgebende Informations- und Aufklärungstechniken nutzen, um nachvollziehen zu können, warum ein Ereignis und in welchem Umfang es eingetreten ist. Die bloße Information reicht nicht mehr aus. Solide Schätzungen besagen, das dieser gesamte zivile deutsche Sicherheitsmarkt jährlich mehr als 20 Mrd € für Sicherheit ausgibt. Unsere Aufgabe ist es, die zivile Innere Sicherheit durch technologische und prozessuale Themen beratend zu unterstützen.

CP Wodurch bedingt steigt der Umsatz so kontinuierlich an – aufgrund aktueller Geschehnisse wie in Bonn, Boston oder Brüssel?
ZVEI. Es kommen viele Einflüsse und Interessen zusammen. Häufig sind solche punktuellen Ereignisse Treiber, jedoch nur mit lokaler Bedeutung, und an diesen Stellen fehlt es häufig an langfristiger Planung und Umsetzung. Ereignisse wie 09/11 haben tatsächlich globale Auswirkungen. Die Globalisierung und ihre wirtschaftlichen Prozesse sind sehr anfällig – häufig mit fatalen Folgen gemäß dem Prinzip “kleine Ursache, große Wirkung“. Die weltweite Nachfrage an Sicherheitstechnik, physikalische und IT-Sicherheit, stieg um 30 % in der ganzen Welt an, da man erkannte, wie viele Prozesse vollkommen schutzlos sind. Die Schutzziele haben sich verändert und vervielfältigt, technische Innovationen haben die Anwendungen von Sicherheitstechnik ausgeweitet.

 

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CP Entwickelt sich der Markt – auch in Zeiten der Finanzkrise – konstant?

ZVEI. Sicherlich sind die Länder in Europa von der Finanzkrise unterschiedlich stark betroffen. Aber der Markt für Videotechnik in Deutschland ist, trotz zweier schwacher Jahre der Finanzkrise, von 2008 bis 2011 um 15 % gewachsen und verzeichnet auch für 2012 deutlich positve Wachstumsraten. Allerdings ist die Nachfrage nach Video- und Zutrittskontrollsystemen positiver als zum Beispiel nach Einbruchmeldetechnik. Auch erwiesen sich in der unternehmerischen Wertschöpfungskette die Services als deutlich resistenter als die Nachfrage nach Neuinstallationen.

CP Wie definieren Sie Sicherheit?

ZVEI. Die einfachste mir bekannte Definition lautet: Sicherheit ist die Abwesenheit von Unsicherheit. Folglich bedeuten 100 % Sicherheit die vollständige Abwesenheit von Unsicherheit und umgekehrt. Zwischen den zwei Polen bewegt sich der Umgang mit Freiheit. Was ist akzeptabel, zulässig in unserer Gesellschaft? Wie beeinflusst eine veränderte Sicherheitslage unsere Einstellung dazu, ohne oder in welchem Maße die individuelle Freiheit zu beeinflussen? Für mich ist die Frage nach Sicherheit auch immer eine Frage der Freiheit. Darüberhinaus ist Sicherheit aber auch ein wichtiger Standort- und Wettbewerbsfaktor und eine Voraussetzung für effiziente globale Wirtschaftsprozesse. Letztlich ist Sicherheit auch auf politischer Ebene elementar bei der Frage nach der Gestaltung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.

CPWas sind die Arbeitsschwerpunkte im Fachkreis Video, dem Sie vorstehen?

ZVEI. Im Rahmen der Ziele des Fachverbands Sicherheit im ZVEI will der Fachkreis Video die gemeinsamen Interessen seiner Mitgliedsfirmen vertreten und insbesondere mit allen Elementen des Verbandsmarketings dazu beitragen, die relevanten Märkte weiter zu entwickeln. Dazu will der Fachkreis über die vielfältigen Möglichkeiten moderner Videotechnik informieren und zu einer positiven Meinungsbildung in der Öffentlichkeit beitragen. Er will weiterhin unter Einbeziehung von Politik und Datenschutz über den sinnvollen Beitrag der Videotechnik für die Innere Sicherheit Deutschlands aufklären. Zusammengefasst sind die Verankerung eines positiven Images, der Abbau von Hemmnissen, die Förderung von Innovationen und die Reduktion von Komplexitäten unsere Arbeitsschwerpunkte.

CP Was sind die Herausforderungen im Videosegment?

ZVEI. Die Frage nach der Qualität ist nicht mehr das Problem dank steigender Auflösungen durch MegaPixel-Technologien sowie einer deutlich verbesserten Verfügbarkeit der Information durch zunehmende Netzwerkkapazitäten. Der sichere und schnelle Transport, die Anzeige, die Bedienbarkeit sowie das Management der Datenmengen und die Informationsverdichtung sind die großen Herausforderungen. Hilfreich sind hierbei modernste Komprimierungstechniken zur Reduzierung des Datenvolumens sowie Sicherheitstechnologien für die Verschlüsselung von und den Zugriff auf Daten und Infrastruktur.

CP Gibt es hierbei datenschutzrechtliche Bedenken?

ZVEI: Moderne Videotechnik erfüllt die Forderungen des Datenschutzes und stellt keinen Widerspruch dar. Bei Beachtung der entsprechenden Gesetze und Regelungen unter Einbeziehung von Geschäftsleitung, Sicherheitsabteilung und Betriebsrat birgt der Einsatz von Videosystemen keine datenschutzrechtlichen Probleme.

CP.  Wie sieht es mit der Akzeptanz seitens der Bürger aus?

ZVEI. Die deutliche und zunehmende Akzeptanz von Videotechnik steigt seit vielen Jahren stetig an und wird auch durch aktuelle Umfragen belegt. Eine aktuelle FORSA-Studie fordert als Konsequenz ihrer Erhebung den ergänzenden Einsatz von Videoüberwachung z. B. bei ÖPNV und DB AG. Laut Forsa-Umfrage rangieren Videoüberwachung und mitfahrendes uniformiertes Personal bei den Befragten mit 79 % Zustimmung gleichermaßen auf Platz eins der befürworteten Maßnahmen.

CP: Welches sind die Aufgaben und Herausforderungen im Bereich der Zutrittskontrolle?

ZVEI. Hier geht es darum, die Unternehmensprozesse zu verstehen und zu vermitteln, wie Technologie hilft, die Unternehmensprozesse sicherer, transparenter zu machen und zu optimieren. Dabei helfen auch hier diverse Technologien, zum Beispiel Smart Cards zur Zugangs- und Zutrittskontrolle, Authentifizierung bei Netzwerk- und Rechnerzugängen und Unterstützung von Mehrwertprozessen wie Bezahlprozesse. Damit kann ein Unternehmen eine Durchgängigkeit des Rechtemanagements unabhängig von der jeweiligen Organisationsform sicherstellen. Neben der hohen Sicherheit bieten solche Systeme auch immense Einsparpotentiale für Unternehmen oder Organisationen. Eine weitere Herausforderung ist die Zusammenarbeit der Komponenten, insbesondere die Integrationsfähigkeit solcher Lösungen in existierende Infrastrukturen und Lösungen.

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CP: Solch ein System bietet eine große Vereinfachung, Zeitersparnis und mehr Nutzungsmöglichkeiten. Zugleich steigt damit aber auch das Risiko von Datenverlusten. Wie begegnet man dem und wie beugt man dem Datenverlust vor?

ZVEI. Ja, solche Risiken gibt es. Man begegnet dem durch geeignete IT-Technologien und Verschlüsselungsmechanismen. Hier sind Richtlinien des BSI sehr hilfreich, um solchen Risiken zu begegnen, so etwa der IT-Grundschutzkatalog.

CP: Wie entwickelt sich dieser Markt? Welche Neuerungen gibt es zu beachten?

ZVEI. Wie bereits zuvor beschrieben, entwickelt sich auch der Markt für elektronische Zutrittskontrollsysteme sehr positiv, getrieben durch eine zunehmende Bedeutung von weltweiter Standardisierung, wie zum Beispiel der aktuellen IEC 60839 – 11 ff (Definition und Anwendungsrichtlinien von elektronischen Zutrittskontrollsystemen).

CP Mit Ausblick auf das laufende Jahr: Was hat der ZVEI noch auf der Agenda?

ZVEI. Aktuell sind das Themen zur Verbesserung der Sicherheit in Fußballstadien. Hier unterstützen wir aktuell den DFB bei Fragen nach zukunftsträchtigen Konzeptionen. Ein weiteres Thema ist die Sicherheit im ÖPNV: Wie kann man mit geeigneten technischen Konzepten den besonderen Anforderungen in diesem kritischen Umfeld gerecht werden und diese weiter entwickeln? Herausforderungen sind dabei der demographische und soziale Wandel sowie städtische Integration und Intermodalität. Darüber hinaus stehen Kommentierungen zu Standardisierungen und Normungsarbeiten auf der Tagesordnung. Aktuell sind es Kommentierungen in Richtung EU zu der in Kürze veröffentlichten DIN EN 50132-7 (VDE 0830-7-7) Alarmanlagen – CCTV-Überwachungsanlagen für Sicherungsanwendungen – Teil 7: Anwendungsregeln.

CP Wir danken Ihnen für die Zeit, die Sie sich für dieses informative Gespräch genommen haben. Dem ZVEI wünschen wir für die Zukunft weiterhin viel Erfolg.