Clemens Harten

Die Vorbereitung von Entscheidern auf kritische Ereignisse ist eine Herausforderung für Organisationen. Simulationen können helfen, die Ausbildung praxisnah und problemorientiert zu gestalten. Damit die Simulation gelingt, müssen jedoch einige Grundregeln beachtet werden.

Früher oder später kommt es für jede Organisation zu kritischen Ereignissen. Für ein Wirtschaftsunternehmen kann das der Markteintritt eines Konkurrenten sein, für die Feuerwehr ein ungewöhnlicher Großeinsatz, für eine Behörde sich schnell ändernde Rahmenbedingungen, im Herbst 2015 etwa die steigenden Flüchtlingszahlen. In solchen Situationen ist es wichtig, dass Entscheidungsträger möglichst gut vorbereitet sind. Mit kühlem Kopf müssen sie sich auf die neue Situation einstellen und schnell die richtigen Maßnahmen ergreifen.
Aber wie können sich Entscheidungsträger auf solche Situationen vorbereiten? Nicht jede kritische Entwicklung lässt sich vorhersehen, so dass ein detaillierter Krisenplan verfügbar wäre. Es ist ja gerade das Unerwartete, das die Krisensituation zu so einem Risiko werden lässt.
Eine Möglichkeit, um Entscheidungsträger auf kritische Situa­tionen vorzubereiten, sind Simulationen. Bei einer solchen Simulation werden die handelnden Akteure einer Organisation in einem spielerischen Umfeld gezielt in schwierige Entscheidungssituationen versetzt, die sie in begrenzter Zeit und mit begrenzten Informationen meistern müssen. Durch dieses Erleben werden die Voraussetzungen geschaffen, schnell auf Änderungen reagieren zu können – individuell und als Team.
Hinter der Ausbildung mit Simulationen realitätsnaher Krisen­situationen steht das Prinzip des Action Learning. Dabei sollen kleine Teams in einem spielerischen Umfeld gemeinsam Probleme lösen und anschließend über ihr Verhalten, ihre Entscheidungen und Resultate reflektieren und diskutieren. Oftmals werden die Teams dabei von einem erfahrenen Simulationsleiter dazu ermutigt, kreativen oder ungewöhnlichen Lösungsstrategien gegenüber offen zu sein. So können in einem geschützten Umfeld ohne Risiko neue Ideen entwickelt und gleichzeitig die Entscheidungsprozesse für den Ernstfall geprobt werden.
Eine solche Simulationsmethode, die erfolgreich in der Ausbildung eingesetzt wird, ist das Wargaming. Der Name weist auf den militärischen Ursprung dieser Methode hin. Schon vor mehr als 5 000 Jahren befassten sich Befehlshaber in China vor wichtigen Schlachten mit ihren strategischen Möglichkeiten. Dabei galt es nicht nur die eigenen Handlungen zu planen, sondern auch die Reaktionen des Gegners zu antizipieren und in die Planung mit einzubeziehen. Eine kluge Auseinandersetzung mit der Perspektive des Gegners konnte über Sieg oder Niederlage entscheiden. Seit dieser Zeit gibt es Hinweise auf die Verbindung von strategischen Überlegungen mit spielerischen Konzepten. Das heutige Schachspiel trägt unverkennbar die Spuren alter strategischer Planspiele. Spätestens ab dem neunzehnten Jahrhundert wurden militärische Strategien mit formalisierten Kriegsspielen studiert und in der Ausbildung von Befehlshabern eingesetzt.
Noch immer setzt das Militär in der Ausbildung von Führungskräften auf Wargames. Diese sind heute deutlich ausgefeilter. Ganze Gruppen werden in realistische Krisensituationen versetzt, um alle Aspekte einer erfolgreichen Krisenbewältigung durchzuspielen: von der Truppenbewegung bis zur Pressearbeit.
Aber auch außerhalb des Militärs kommt Wargaming heute zum Einsatz. Organisationen aller Art nutzen diese Technik, um das Zusammenspiel von Aktion und Reaktion spielerisch auszutesten. Dabei ist nicht entscheidend, ob der Gegenspieler in der Simulation ein anderer Marktteilnehmer, eine Terror-Gruppe oder eine Hacker-Truppe ist. In jedem Wargame wird nicht nur die Perspektive der eigenen Organisation, sondern auch die des Gegenspielers von einer Gruppe interner Entscheidungsträger übernommen. Am Ende einer Simulation steht der Austausch über die Erfahrungen und Eindrücke, die man in der jeweiligen Rolle als Team oder Individuum gesammelt hat.
Dieses Prinzip soll an einem Business Wargame verdeutlicht werden, mit dem Organisationen ihre Entscheidungsträger auf den Umgang mit Risiken vorbereiten können. Kern eines erfolgreichen Risikomanagements ist es, die Risikolage richtig einzuschätzen und bewusst nur solche Risiken einzugehen, die für die Organisation vertretbar sind. Dafür muss kontinuierlich abgewogen werden: Welche Risiken könnten sich in der nächsten Zeit manifestieren? Wie groß ist meine Risikobereitschaft? Und was unternehme ich, wenn der Ernstfall eintritt?
Die Teilnehmer werden in mehrere kleine Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe vertritt dabei ein anderes Unternehmen, das auf einem virtuellen Markt gegen die anderen Teilnehmer antritt. Wie bei einem klassischen Brettspiel versammeln sich alle Teilnehmer um einen großen Tisch, auf dem sich ein Spielplan befindet. Reihum würfeln die Teams und ziehen Ihren Spielstein auf dem Spielplan weiter. Von dem erreichten Spielfeld hängt ab, welche Aktionen das Team in der aktuellen Runde durchführen kann. Meist hat es die Wahl zwischen verschiedenen Investitionen oder anderen Transaktionen. Es kann aber auch ein Krisenszenario eintreten, welches das Risikomanagement des Teams meistern muss. So wird die Unsicherheit über die Zukunft, die im Umgang mit Risiken entscheidend ist, nachgebildet – ohne dass dem Zufall ein zu starkes Gewicht zukommt.
Bei jedem Zug muss sich ein Team entscheiden, wie es auf den Spielverlauf reagieren will und wie es sich für die kommenden Züge wappnet. Möglich ist etwa die Investition in Versicherungen, in Mitarbeiter oder in Berater. Dabei gilt es, nicht nur die eigene Situation im Auge zu behalten, sondern auch das Verhalten der anderen Teams. Sind sie besser oder schlechter auf mögliche Krisen vorbereitet? Welche Strategie ist aufgegangen, welche nicht?

Zunächst kommt es auf die Kommunikation innerhalb des Teams an. Wie vermittelt man zwischen unterschiedlichen Risikobereitschaften? Wie geht man mit Fehlentscheidungen um? Jedes Team-Mitglied kann sich so mit der eigenen Einstellung zum Risiko auseinandersetzen und lernt gleichzeitig, über Risiken zu diskutieren und gemeinsam abzuwägen.
Um voneinander zu lernen, finden diese Diskussionen in Gegenwart der anderen Teams statt. So kann am Ende jeder Spielrunde auch in der großen Gruppe aller Teilnehmer Resümee gezogen werden. Der Spielleiter hilft dabei, gemeinsam erfolgreiche Strategien und Verhaltensweisen herauszuarbeiten und zu diskutieren, wie sich diese Erkenntnisse im Arbeitsalltag verwenden lassen. Das Wargame kann mehrfach hintereinander mit gleichen oder angepassten Rahmenbedingungen durchgeführt werden, um verschiedene Ansätze probieren und vergleichen zu können.
Natürlich können auch weitere Simulationstechniken erfolgreich in der Ausbildung genutzt werden. Die Möglichkeiten reichen von der IT-gestützten Simulation eines Marktumfeldes bis zur fotorealistischen Umweltsimulation, etwa in der Pilotenausbildung. Der zugrundeliegende Ansatz ist stets der gleiche: Die Lernenden sollen in die Lage versetzt werden, in einem sicheren Umfeld, das Fehler zulässt, mit unbekannten Situationen umzugehen und so Erfahrungen zu sammeln.
Drei Aspekte sind entscheidend, damit Simulationen erfolgreich zur Ausbildung von Entscheidern beitragen können:
Zunächst ist wichtig, ein Szenario und eine Simulationsmethode zu wählen, das zu den Ausbildungszielen passt. Je besser die Simulation auf den tatsächlichen Bedarf angepasst ist, desto nützlicher sind die Erfahrungen der Teilnehmer im späteren Ernstfall.
Ebenso wichtig sind die richtigen Rahmenbedingungen. Die Simulation muss von den Teilnehmern ernst genommen werden – trotzdem ist das erfolgreiche Absolvieren der gestellten Aufgaben oft nur zweitrangig. Ein Scheitern mit einer innovativen Lösung kann ebenso lehrreich sein wie ein Erfolg durch eine besonders vorsichtige Strategie.
Zuletzt kommt es auf die individuelle und gemeinsame Refle­xion an – denn erst im Gespräch mit den anderen Teilnehmern und dem Simulationsleiter kann herausgearbeitet werden, wie sich aus der Simulation für die Realität lernen lässt.
Kommen diese drei Faktoren zusammen, bieten Simulationen eine sehr gut geeignete Methode der praxisnahen Aus- und Weiterbildung aller Berufsgruppen, die schnell auf Neues reagieren können müssen.

Titelbild: Abb. 1: Risiko-Planspiel. (Quelle: Risk Academy)


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Clemens Harten
Berater bei Spitzner Consulting GmbH
Technische Universität Hamburg
Institut für Controlling und Simulation
Am Schwarzenberg-Campus 4
21073 Hamburg
E-Mail: c.harten@tuhh.de
www.tuhh.de/maccs