Vernetzte Sicherheit ist das Schlagwort dieser Zeit. Ursprünglich stammt der Begriff aus der zivil-militärischen Zusammenarbeit im Zusammenhang mit Konfliktsituationen im Ausland. Heute steht er zunehmend für die Zusammenarbeit bei Großschadenslagen und im zivilen Katastrophenschutz. Ergebnisse nationaler und europäischer Forschungsprojekte zeigen, wie Behörden, Einsatzorganisationen und Infrastrukturbetreiber Menschen, Umwelt und Infrastruktur noch besser schützen können.

Im Krisenfall sind Kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung, Verkehrsnetze, Telekommunikation und Internet essenziell. Ohne Strom liefern Tankstellen keinen Treibstoff und ohne IT-Infrastrukturen und Telekommunikation funktionieren weder Geldausgabeautomaten noch Verkehrskontrollsysteme. Dies erfordert eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wirtschaft und Einsatzorganisationen.

Die Digitalisierung von Geodaten aller Art stellt der öffentlichen Verwaltung unschätzbare Informationen zur Verfügung, die für kritische Entscheidungen im Katastrophenfall bestens geeignet sind. Beispiele sind Demographie-Daten, Firmenregister, Bebauungspläne und Lagepläne von lokalen Infrastrukturen, wie z. B. Abwassersystemen. Die INSPIRE Direktive (Infrastructure for Spatial Information in the European Community) der Europäischen Union hat auch bereits die Grundlagen geschaffen, um solche Daten auf technischer Ebene mit anderen Systemen in verständlicher Weise austauschen zu können.

Zahlreiche Nutzungserwartungen

Für Verantwortungsträger im Krisen- und Katastrophenschutzmanagement ergeben sich zahlreiche Nutzungserwartungen:

  • Eine verbesserte Informationsbasis für kritische Entscheidungen, umfassendere Informationen und bessere Übersichtlichkeit.
  • Eine verbesserte rechtliche Absicherung durch eine automatisierte Dokumentation, welche Entscheidungen aufgrund welcher Informationsbasis zum gegebenen Zeitpunkt getroffen wurden.
  • Die Möglichkeit wichtige Lageinformationen rasch mit anderen Organisationen austauschen zu können. Ein gemeinsames Echtzeit-Lagebild verbessert die Zusammenarbeit.
  • Werkzeuge und Kommunikationsmittel, um die Bevölkerung entsprechend einzubinden und ihr Verhalten zu steuern.

Offene und standardisierte Schnittstellen sind gefragt

Mit offenen und standardisierten Schnittstellen können die Nutzer alle relevanten Daten austauschen. In den vergangenen Jahren wurden solche Schnittstellenstandards für verschiedene Anwendungen entwickelt:

Das Common Alerting Protocol (CAP) ermöglicht bei­spielsweise den Austausch von Alarminformationen und detaillierten Vorfallsinformationen zwischen Einsatzleitsystemen von Feuerwehr, Rettung und Polizei. So kann ein von der Feuerwehr erfasster Notfall auf elektronischem Weg an Rettung und Polizei weitergegeben werden.
Die Emergency Data Exchange Language (EDXL) ermöglicht die Weiterleitung von Lageberichten oder Anfragen nach Einsatzmitteln. Damit ist ein gemeinsames Lageverständnis im Krisenfall möglich. Auch die Sicherheit der Einsatzkräfte kann so erhöht werden, da erkannte Gefahren rasch organisationsübergreifend an alle Betroffenen im Einsatzgebiet gemeldet werden.

In Bezug auf die Standardisierung der Schnittstellen kommt dem abhörsicheren BOS-Digitalfunk und der Leitstellen-Integration durch den Digitalfunk-Stecker eine immer größere Bedeutung zu. Hier können jegliche Informationen über ein und dasselbe Netz ausgetauscht, bearbeitet und dokumentiert werden. Mehr Infos unter www.pmev.de/standards/verfahren/digitalfunkstecker/

Internationale Forschungs­ergebnisse

SKKM Portal Austria des Österreichischen Innenministeriums. (Bild: Frequentis AG)

SKKM Portal Austria des Österreichischen Innenministeriums. (Bild: Frequentis AG)

2009 hat Frequentis mit dem Projekt „VKT-GÖPL“ (Validierung von Konzepten und Technologien für ein gemeinsames öffentlich-privates Lagebild) die erste Forschungsinitiative in Richtung vernetzte Sicherheit gestartet. Es wurde ein elektronischer, virtueller Lageraum entwickelt und erprobt, der die Zusammenführung und gemeinsame Analyse von Lageinformationen aus fünf österreichischen Ministerien und von ausgewählten Infrastrukturbetreibern zum Ziel hatte. In zwei Validierungsübungen mit den Szenarien Erdbeben und Pandemie wurden Entscheidungsprozesse auf Basis des gemeinsamen Lagebildes erprobt.

Im Jahr 2011 startete das europäische Forschungsprojekt „IDIRA“ (Interoperability of data and procedures in large scale multinational disaster response actions). 18 Partner aus verschiedenen europäischen Ländern haben Kollaborationswerkzeuge für Großschadenslagen und Katastrophenfälle erforscht und in internationalen Übungen erprobt. Solche Übungen fanden bisher in Deutschland, Österreich, Italien und Griechenland statt. Kernidee von IDIRA ist die Schaffung eines gemeinsamen, abgesicherten Informationsraumes für alle an einem Krisenereignis beteiligten Organisationen.

Im Jahr 2014 folgten zwei weitere Forschungsprojekte auf europäischer Ebene. EPISECC (Establish a Pan-European Informa­tion Space to Enhance SeCurity of Citizens) fokussiert sich auf die weitere Erforschung und Standardisierung des Informationsaustausches zwischen Einsatzleitzentralen. Und DRIVER (DRiving InnoVation in crisis management for European Resilience) ist das größte Krisen- und Katastrophenschutzmanagementprojekt, das es bisher in der europäischen Sicherheitsforschung gegeben hat. 37 Partner – Anwenderorganisationen, wie z. B. Zivilschutz, Rettung oder Feuerwehren, Forschungsinstitute und Firmen – aus 13 EU-Mitgliedsstaaten arbeiten gemeinsam daran, vorhandene Forschungsergebnisse europaweit in die Praxis umzusetzen.

Erstes Anwendungsprojekt in Österreich

Staatliches Krisen- und Katastrophenschutzmanagement Portal Austria
Seit August 2013 befindet sich das Echtzeit-Lagebildsystem des Österreichischen Innenministeriums für das Katastrophenschutzmanagement in Betrieb. Über 200 Datenquellen werden zusammengeführt und ermöglichen die kontinuierliche Überwachung sowie die Analyse von Schadensereignissen und Gefahren im Ereignisfall. Sie beinhalten statische Quellen (verschiedene Basiskarten, Verkehrsinfrastruktur, Gewässernetze, Hochwasserrisikozonen, Krankenhäuser, Seveso II Betriebe u. v. m.) sowie dynamische Quellen (Wetter, Pegelmesswerte für Gewässer, Straßenzustände, Verkehrskameras, Strahlenmesswerte, Einsatzdaten der Feuerwehren, Ereignismeldungen und andere).

safety lab

Forschungslabor für vernetzte Sicherheit
In Deutschland zeigt das safety lab von Fraunhofer FOKUS in Berlin vernetzte Lösungen, die aus der Sicht des Krisenmanagements und der betroffenen Bürger gedacht sind und den Menschen ins Zentrum stellen. Als Demonstrationsraum und Forschungslabor bietet das safety lab Experten, Entscheidern und Politikern einen unabhängigen Rahmen, um das Zusammenspiel neuer Technologien sowie die rechtlichen, organisatorischen, sozialwissenschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen für den Einsatz in der Praxis zu beleuchten. Die Partner des safety lab (Cisco, Conet, Frequentis, Hörmann und IBM) stellen dafür ihre Expertise und Technologien zur Verfügung.

Fokusthemen auf der PMRExpo

Die PMRExpo 2014 (25. bis 27. November in Köln) ist eine der wichtigsten und größten internationalen Veranstaltungen für Professionellen Mobilfunk und Leitstellen. In diesem Jahr wird den Themen Krisenmanagement, Kritische Infrastrukturen und öffentliche Sicherheit auf der PMR-Konferenz und dem Leitstellenkongress, welche im Rahmen der PMRExpo stattfinden, eine besondere Bedeutung beigemessen. Renommierte Referenten aus der Forschung, öffentlichen Verwaltung und Industrie berichten in zahlreichen Vorträgen über Erfahrungen im Krisenmanagement sowie Anforderungen an Informations- und Kommunikationssysteme. Auf der Fachmesse präsentieren namhafte Aussteller modernste Systeme, wie z. B. vernetzte Leitstellensysteme, Echtzeit-Lagebildsysteme und Krisenmanagementsysteme. Mehr Infos unter www.pmrexpo.de

Die Rolle des PMeV

Der Bundesverband Professioneller Mobilfunk e.V. (PMeV) beschäftigt sich innerhalb seines Fachbereichs Leitstellen mit sämtlichen Fragestellungen rund um die Leitstelle – das Thema Krisenmanagement ist dabei inbegriffen.

Im PMeV sind 66 führende Hersteller, System- und Applikationshäuser sowie Netzbetreiber und Nutzer von Kommunikationssystemen für den mobilen professionellen Einsatz zusammengeschlossen. Der PMeV ist ideeler Träger der PMRExpo.

Mehr Infos unter www.pmev.de

Aufmacherbild: Demonstrationsraum des safety lab von Fraunhofer FOKUS in Berlin. (Bild: C. Bach/Fraunhofer FOKUS)

Volker Hartwein, Dr. Christian Flachberger

Anschrift des Verfassers:
Volker Hartwein
FREQUENTIS Nachrichtentechnik GmbH
Ohmstraße 12
63225 Langen

 

Jahrgang 1955
Ausbildung zum Funk- und Nachrichtentechniker
Fernstudien Hard- und Software-Entwicklung
1986 – 2003: tätig bei EADS TELECOM Deutschland in verschiedenen Positionen
Seit 2004: tätig bei Frequentis Nachrichtentechnik GmbH in Langen
Seit 2014: Leiter des Fachbereichs Leitstellen des PMeV und Leiter des gemeinsamen Arbeitskreises BOS Leitstellen des PMeV und der BITKOM