Feuerwehrthemen sind naturgemäß immer aktuell für CP. Im Jahr 2017 gab es allerdings mit dem Londoner Hochhausbrand eine besonders aufsehenerregende Brandkatastrophe, die weltweit Experten noch lange beschäftigen wird. Aber was leisten Feuerwehren darüber hinaus im ganz normalen Alltag, und wie wird ihre Zukunft aussehen? Wir sprachen mit Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, über Aufgaben und Organisation der Feuerwehren im In- und Ausland.

CP: Herr Ziebs, der Deutsche Feuerwehrverband e. V. vertritt als Dachorganisation die Interessen der 16 Landesfeuerwehrverbände sowie der beiden Bundesgruppen Werkfeuerwehr und Berufsfeuerwehr: Wie muss man sich die Interessenvertretung für diese heterogene Klientel vorstellen, und welche Einsatzaufgaben haben Sie?

Unser Interviewpartner Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (Bild: DFV/R. Thumser)

Unser Interviewpartner Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes
(Bild: DFV/R. Thumser)

Hartmut Ziebs: Das ist eine spannende, manchmal nicht einfache Aufgabe, da wir nur beratend und koordinierend tätig sind. In Einsätzen hat der Deutsche Feuerwehrverband überhaupt keine Aktien. Wir haben aber z. B. beim Hochwasser 2013 zwischen verschiedenen Landesministerien vermittelt, wer welche Einheit wo einsetzt, damit wir wirklich einen flächendeckenden Katastrophenschutz gewährleisten konnten.

Mit Bezug zu Einsätzen sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Gesprächspartner an einen Tisch zu bringen. Das sind z. B. die sog. Big Five, die großen fünf Berufsfeuerwehren in den Millionenstädten, das BKA, das THW, das BBK, also alle die Behörden, die irgendwo bei Katastrophen- oder Terrorlagen betroffen sein könnten, um im Vorfeld Informationen auszutauschen. Darüber hinaus sind wir als Dachorganisation Ansprechpartner für die Feuerwehrdienstvorschriften und gestalten mit den Ländern zum Beispiel die Ausbildungsvorschriften – eine spannende Herausforderung, die 16 Interessen unter einen Hut zu bekommen.

CP: Was sehen Sie derzeit als Ihre größte Herausforderung an?

Hartmut Ziebs: Eine der größten Herausforderungen der Zukunft wird wohl die Bewältigung der neuen Flüchtlingswellen sein. Eine wirksame Beeinflussung ist nur in den Herkunftsländern möglich. Dabei ist auch die Feuerwehr gefordert beim Aufbau sicherer Strukturen. In dem Zusammenhang hatten wir auch bereits einen engen Schulterschluss mit THW und Bundeswehr. Die Verbesserung der inneren Sicherheit in den Herkunftsländern ist ein wesentlicher Beitrag zur Verringerung der Flüchtlingszahlen.

CP: Die Gefährdungen der Sicherheit unserer Gesellschaften wachsen – sie reichen von Gewalttaten, größeren Unfällen, Naturkatastrophen bis zum Ausfall von lebenswichtigen Systemen, mit vielen gegenseitigen Abhängigkeiten. Wie stellen sich die deutschen Feuerwehren auf dieses tendenziell wachsende Aufgabengebiet ein?

Hartmut Ziebs: Zur Zeit haben wir den Allround-Feuerwehrmann bzw. die -frau, die alles können sollten. Das wird es zukünftig nicht mehr geben. Wir werden Spezialisten ausbilden müssen. Wir haben jetzt schon den Spezialisten im Bereich der ABC-Abwehr, also CBRN, das wird sich fortsetzen. Es wird nicht mehr jeder die zukünftige computergesteuerte Drehleiter bedienen können. Die Feuerwehren werden viel spezialisierter werden müssen, ähnlich wie die Bundeswehr. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

CP: Das bedeutet aber auch Personalzuwachs?

Hartmut Ziebs: Noch sind wir ja relativ gut mit einer Millionen Feuerwehrleuten ausgestattet. Den Personalstand zu halten, wird eine Herausforderung sein. Aber man wird zukünftig auch andere Gruppen erschließen müssen. Für uns kommt es z. B. jetzt darauf an, Computerspezialisten zu gewinnen. Deshalb gehen wir auch mit der Mitgliedergewinnung sowohl für das Ehrenamt wie für das Hauptamt zukünftig zur CeBIT oder zur Hannover-Messe. Darüber hinaus legen wir großen Wert darauf, dass wir auch die Menschen, die zu uns kommen, integrieren in die Feuerwehr. Wir werden nicht in jeder Kommune Migranten in die Freiwillige Feuerwehr be­kommen. Aber würde es bundesweit gelingen, 10 000 – 30 .000 zu bekommen, wäre das schon ein schöner Erfolg. Hinter jedem Migranten steht in der Regel irgendwo Familie, die damit auch erreicht würde, eine lohnende, spannende Herausforderung.

CP: Werfen wir mal einen Blick auf Kritische Infrastrukturen und die Gefährdungen durch vielfältige Abhängigkeiten. Unsere Gesellschaft müsste ja im Grunde autark und vor allem resilient sein, um zukünftigen Gefährdungen zu begegnen.

Hartmut Ziebs: Auf diesem Gebiet sind BBK, THW und wir im Grunde identisch unterwegs. Es muss jetzt zwingend etwas passieren. Wenn die Bevölkerung nicht vorbereitet ist, wird es schwierig. Wir werden nur sehr bedingt und vor allem nicht flächendeckend mit Wasser, Lebensmitteln und Energie helfen können.

Die wichtigste Aufgabe ist also im Augenblick, die Bevölkerung intensiv auf solche Notlagen vorzubereiten, also die Resilienz zu stärken. Geschieht das nicht, haben wir ein Problem, das ohne Vorbereitung fast nicht mehr lösbar ist.

CP: Betrachten wir das Gebiet CBRN, also chemische, bakteriologische, radiologische, nukleare Gefährdungen, womit würden Sie in Zukunft rechnen?

Hartmut Ziebs: Der Worst Case wäre natürlich ein GAU bei einem Atomkraftwerk, auch darauf müssen wir uns vorbereiten. Was die Feuerwehren aber dann noch machen können, ist sehr, sehr beschränkt, etwa Dekontamination bei einer Strahlenbelastung, also nicht viel, da muss man ganz ehrlich sein. Am besten wäre es, schnell zu evakuieren. Viel von dem, was dazu nötig wäre, wurde seit 1990 über Bord geworfen.

Aber auch, wenn wir nur eine Industrieanlage betrachten, die durch Explosion, Brand oder auch Terroranschlag Gefahrstoffe freisetzt, dann ist die Lage vielleicht lösbar mit massenhaftem Einsatz von Dekontaminationskräften. Das üben Feuerwehren immer wieder. Aber ein großflächigerer oder länger andauernder Einsatz zur Dekontamination ist schwierig. Feuerwehr ist für eine Einsatzdauer von 24 – 48 Stunden ausgelegt. Wir haben keine große Durchhaltefähigkeit anders als THW, Bundeswehr oder Polizei. Bei einem wirklich großen Schadensereignis aber wird die Durchhaltefähigkeit ein wesentlicher Faktor des Erfolges sein.

CP: Schauen wir auf die technische Ausstattung zur Gefahrenabwehr. Was fehlt denn in Ihren Augen, oder was ist unzureichend?

Hartmut Ziebs: Für unzureichend halte ich zurzeit die Flächenerkundung. Daher ist der Einsatz von Drohnen für mich unabdingbar. Nun ist ja Drohne ein Reizwort, aber wir brauchen sie, um sehr schnell ein gutes Lagebild zu bekommen oder über Stunden Veränderungen der Lage zu erkennen.

CP: Das bedeutet natürlich eine IT-Ausstattung, mit der man verzugslos in der Lagezentrale Auswertungen betreiben kann. Das gibt es ja wohl schon alles….

Hartmut Ziebs: In der Tat, im Moment noch unverschämt teuer, in größerer Stückzahl aber zukünftig wohl erschwinglich. Auch um Drohnen, die große Wassermengen transportieren können, werden wir nicht herumkommen. Drohnen zur Personenevakuierung sind für mich ebenso eine sinnvolle Forderung wie der Einsatz von Robotern zur Brandbekämpfung oder zum Feuerwehr- und Rettungseinsatz. Damit könnten wir auch einen kleinen Teil unseres Personaldefizites korrigieren.

CP: Und vor allen Dingen die Risiken vermindern für die eigenen Kräfte.

Hartmut Ziebs: Ja, und ein weiterer Aspekt der technischen Ausstattung besteht in der Notwendigkeit, alternative Fahrzeugantriebe auch im Feuerwehrbereich einzuführen, nicht zuletzt bedingt durch den Klimawandel. Elektroantriebe sind eine gute Möglichkeit, aber auch Wasserstoff oder die Brennstoffzelle, alles längst theoretisch verfügbar, aber nicht ausreichend genutzt. Wir sind auf diesem Gebiet intensiv unterwegs.

CP: Neben der Ausstattung ist der Erfolg auch von der Ausbildung abhängig. Sind die Ausbildungsmöglichkeiten der Feuerwehr ausreichend im Moment?

Hartmut Ziebs: Nein. Die Feuerwehrleute in der Grundausbildung werden relativ gut ausgebildet, aber m.E. nicht mehr zeitgemäß, z. B. noch oft im Frontalunterricht. Damit begeistern Sie keine jungen Menschen mehr. In der Führungsausbildung haben wir Defizite wegen zu geringer Ausbildungsplätze. Alternative Ausbildungsmethoden könnten ein Lösungsansatz sein und vor allem auch Simulation. Da gibt es noch ein Riesenpotential.

CP: Lassen Sie uns noch einen Blick auf die Organisation der Feuerwehren in den Nachbarländern werfen. Sind die Organisationsformen vergleichbar?

Hartmut Ziebs: Nein, oft vollkommen anders. Frankreich und Holland sind ähnlich, auch Kroatien und die Balkanländer. In vielen anderen Ländern, z. B. Russland oder Weißrussland, gehört die Feuerwehr zum Militär, und damit ist auch das Ansehen der Feuerwehrleute dort teilweise anders. Auch in der Türkei ist die Feuerwehr rein militärisch organisiert, in Griechenland dagegen bei der Polizei angedockt. Also das Ehrenamt, so wie wir es kennen, gibt es eigentlich nur in den deutschsprachigen Ländern, in Frankreich, evtl. in Holland noch, in Polen strecken­weise und darüber hinaus nicht.

CP: Angesichts der Bedeutung der Resilienz für die Zukunft unserer Gesellschaften ist das Ehrenamt ein ganz entscheidender Faktor. Denn wenn ich nur vom Staat immer etwas erwarte, ohne etwas zu geben, kann im Grunde die Gesellschaft nicht wirklich resilient sein.

Hartmut Ziebs: Ich glaube, wenn wir die Resilienz der deutschen Bevölkerung wieder stärken würden, wären wir wirklich durchhaltefähiger als andere Länder, insbesondere wegen des Ehrenamts. Ich tue etwas mit meinem Staat, für meinen Staat. Das sind Dinge, die sind hier in Deutschland noch sehr präsent, anders als in anderen Ländern.

CP: Dann sollten wir diese Einstellung ebenfalls bei unseren Neu-Bürgern fördern, auch um der teilweise vorhandenen Aggression gegen Einsatzkräfte entgegenzutreten.

Hartmut Ziebs: Ja, aber meiner Meinung nach hat die Zunahme der Gewalt gegen Einsatzkräfte auch etwas mit der Aussetzung der Wehrpflicht zu tun. Als Wehrpflichtiger hat man noch gelernt, wie der Staat funktioniert. Auch wenn es manchen nicht gepasst hat, Befehl und Gehorsam waren vertrauter als heute. Das haben wir mit der Aussetzung der Wehrpflicht mit einem Schlag verloren und keine Ersatzmöglichkeit geschaffen, um junge Menschen mit dem Staat vertraut zu machen. Gewalt gegen Einsatzkräfte, z. B. beim G20-Gipfel in Hamburg, wäre so 1990 nicht denkbar gewesen.

CP: Nun gibt es eine Gesetzesverschärfung, zu der Sie sich ja schon positiv geäußert hatten. Aber die Frage ist doch, was müsste darüber hinaus passieren?

Hartmut Ziebs: Die Gesetzesverschärfung allein wird das Problem nicht lösen, sondern es muss wieder gelingen, junge Menschen an den Staat heranzuführen. Ansonsten müssten wir die Wehrpflicht wiederaufleben lassen, worüber zurzeit ja niemand ernsthaft nachdenkt.

Aber es gibt ein Gedankenspiel für den Bundesfreiwilligendienst, nämlich eine zentrale Schule zu schaffen, in der junge Menschen drei Monate im Feuerwehrbereich ausgebildet werden. Das Gleiche sollte mit minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen geschehen, womit wir einen Beitrag zur Integration dieser Menschen leisten könnten. Und danach sollten die restlichen acht, neun Monate des Bundesfreiwilligendienstes in den Feuerwehren oder Berufsfeuerwehren abgeleistet werden. Das wäre noch mal eine kleine Chance, um Leute an uns zu binden.

CP: Wahrscheinlich ist Stärkung der Resilienz wie das Bohren dicker Bretter, man muss es einfach beharrlich versuchen. Herr Ziebs, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrer Aufgabe.

Interview: Hans-Herbert Schulz