Das Technische Hilfswerk (THW) bereitet sich mit der Stärkung der Fachgruppen Elektroversorgung und mehreren kleinen Stromerzeugern für jeden Ortsverband auf neue Anforderungen vor. Denn unsere vernetzte Gesellschaft ist stark von einer ausreichenden und kontinuierlichen Stromversorgung abhängig: Krankenhäuser, Kommunikationsinfrastrukturen, Tankstellen, landwirtschaftliche Betriebe und viele mehr können ohne Strom kaum oder gar nicht funktionieren. Umso schwerwiegender wären die Folgen bei Ausfällen in der Stromversorgung oder -erzeugung. Das THW kann auf Anforderung der zuständigen Gefahrenabwehrbehörden bei Stromausfällen die Notstromversorgung aufbauen oder Infrastruktur wieder instand setzen. Und es ist im Begriff, seine Kompetenzen in diesem Bereich noch zu erweitern.

Stromerzeuger mit Lichtmast der Größenordnung 50 kVA soll es künftig in jedem Ortsverband geben. (Bild: THW/Walter Piechatzek)

Stromerzeuger mit Lichtmast der Größenordnung 50 kVA soll es künftig in jedem Ortsverband geben. (Bild: THW/Walter Piechatzek)

Aus dieser Abhängigkeit von der Stromversorgung geht eine hohe Verwundbarkeit der Gesellschaft hervor. Diese Erkenntnis fand auch Eingang in die Konzeption Zivile Verteidigung (KZV), die Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière im August 2016 verabschiedet hat. Hierin sind auch Anforderungen an das THW beschrieben. Diese hat das THW in seinem Rahmenkonzept ausgearbeitet, mit dem es sich in einem offenen Transformationsprozess konzeptionell an Anforderungen der Zukunft und komplexere Bedrohungslagen anpasst. Voraussetzung für ein zügiges Gelingen dieser Umstrukturierung ist, dass entsprechende Bundesmittel für die Aufgaben im Bevölkerungs- und Zivilschutz bereitstehen werden.

Stromversorgung im THW: Hier sind ­Fachleute am Werk

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Zu den Aufgaben zählen eben auch die Schwerpunkte der Notstromversorgung und die Notinstandsetzung der Netzinfrastruktur. Das THW hat mit seinen bundesweit 96 Fachgruppen Elektroversorgung ohnehin schon ausgeprägte Kompetenzen in diesem Bereich. Die Fachgruppen verfügen über Netzersatzanlagen (NEA) auf Zweiachs-Anhängern, die im Schnitt 200 Kilovoltampere (kVA) leisten und somit zur Stromeinspeisung an Krankenhäusern oder kleineren Knotenpunkten geeignet sind. Generatoren dieser Größenordnung haben im THW eine Synchronisierungsfunktion, sodass mehrere dieser NEA miteinander gekoppelt werden können und so gleichzeitig Strom einspeisen. Die Synchronisierung ist notwendig, um die Wechselstrom-Taktung mehrerer NEA anzugleichen. Ansonsten käme es zu Frequenzschwankungen und damit zu Beeinflussungen der Leistung im einzuspeisenden Stromnetz, die angeschlossene Geräte beschädigen können.

Das THW-Rahmenkonzept sieht die Stärkung der Fachgruppen Elektroversorgung und darüber hinaus einen flächendeckenden Ausbau von Fähigkeiten der Stromversorgung im THW vor. Perspektivisch sollen zusätzlich NEA in der Größenordnung von 500 kVA in die Fachgruppen Elektroversorgung eingeführt werden. Außerdem sollen alle Ortsverbände künftig im mittleren Ausmaß Strom einspeisen können. Das THW-Rahmenkonzept hat zum Ziel, die neue Fachgruppe Technik/Logistik flächendeckend in jedem der 668 THW-Ortsverbände einzuführen. Diese wird jeweils mit zwei 13 kVA-Anlagen und einer Anlage (circa 50 kVA) mit Lichtmast und Synchronisierungsfunktion ausgestattet werden. Das THW muss für diesen neuen Schwerpunkt nicht nur neue Geräte anschaffen, sondern benötigt darüber hinaus für die Elektroversorgung qualifizierte Ehrenamtliche. So dürfen die Synchronisierungsfunktion der NEA nur THW-Kräfte benutzen, die eine elektrotechnische Ausbildung haben.

Viele „Baustellen“ bei Unwetter und Sturm in Passau im Sommer 2017

Wie anspruchsvoll ein Stromausfall für Einsatzkräfte sein kann, zeigte exemplarisch ein Unwettereinsatz in Passau am 18. August 2017: Ein orkanartiger Sturm hatte Freileitungen beschädigt und Bäume entwurzelt, einige Straßen waren daraufhin unpassierbar. 40.000 Haushalte waren stromlos. Sogar die Kommunikationsinfrastruktur der Einsatzkräfte war teilweise betroffen, denn drei Digitalfunkmasten waren ausgefallen. Helferinnen und Helfer des THW setzten bei den Sendemasten tragbare Aggregate ein und ermöglichten so wieder den Digitalfunk im TMO-Betrieb.

Nachts, in den ersten Stunden des Einsatzes, war niemand vom örtlichen Energieversorger vor Ort, sodass die Angehörigen einer THW-Fachgruppe Elektroversorgung sich an Einspeisepunkten auf ihr Fachwissen verlassen mussten. Ferner brauchten einige landwirtschaftliche Betriebe dringend Unterstützung, vor allem die Milchbauern: Da Kühe auf regelmäßige Melkzeiten eingestellt sind, erleiden sie Schmerzen, wenn sie nicht rechtzeitig gemolken werden. Mit insgesamt zehn Notstromaggregaten versorgten THW-Kräfte die Betriebe, Melkmaschinen und Maschinen zur Milchbehandlung.

Prioritäten bei der Stromversorgung

Neue Netzersatzanlangen (200 kVA) für die THW-Fachgruppe Elektroversorgung bei Ihrer Auslieferung im August 2017. (Bild: AVS Aggregatebau GmbH)

Neue Netzersatzanlangen (200 kVA) für die THW-Fachgruppe Elektroversorgung bei Ihrer Auslieferung im August 2017. (Bild: AVS Aggregatebau GmbH)

Mehrere kleine Aggregate konnten in Passau bedarfsgerecht eingesetzt werden. Solch eine dezentrale Versorgung sieht das THW-Rahmenkonzept mit der Beschaffung von weiteren Stromerzeugern für jeden Ortsverband auch vor. „Jedoch fokussiert sich das THW nicht darauf, künftig kleine Betriebe oder einzelne Haushalte mit Strom zu versorgen“, erläutert Martin Zeidler, Leiter des Grundsatzreferates in der Einsatzabteilung der THW-Leitung in Bonn. „Viel wichtiger ist uns die Einspeisung in Knotenpunkte und die Versorgung von Kritischen Infrastrukturen“, so Zeidler.

Das THW hat daher für ein Blackout-Szenario in einer klaren Priorisierung festgelegt, wer beziehungsweise was zuerst mit Strom versorgt wird: Der Plan sieht vor, zuerst die Funktions- und Handlungsfähigkeit der eigenen Einheiten sicherzustellen, sodass diese in Notlagen helfen können. An zweiter Stelle folgt die Unterstützung beim Wiederaufbau oder die Versorgung von Kritischen Infrastrukturen, dazu zählen neben der Aufrecherhaltung von Staats- und Regierungsfunktionen unter anderem die Bereiche Ernährung, Energie, Wasser, Informationstechnik und Gesundheit[1]. Erst wenn das erfolgt ist, würden THW-Kräfte einzelne Wohngebiete oder Betriebe mit Strom versorgen.

Neben dem THW halten natürlich auch Feuerwehren, Krankenhäuser und Energieversorger Notstromaggregate vor. Für Zeidler liegt es auf der Hand, dass all diese Akteure sich aufeinander abstimmen sollten: „Nur so können wir eine effiziente Vorsorge treffen und im Einsatz wirkungsvoll miteinander arbeiten.“ Beim Einsatz in Passau beispielsweise war der Feuerwehr bewusst, was das THW im Bereich Stromversorgung zu leisten vermochte. Dieses Wissen hilft in Ernstfällen, Folgeschäden zu verhindern und sich im Vorfeld ressourcenschonend auszustatten.

Zusammenarbeit mit Stromversorgern und Netzbetreibern

Deutschland hat eines der stabilsten Stromnetze Europas mit einer durchschnittlichen Stromausfallzeit von nur 12,8 Minuten pro Person.[2] Das führt gewissermaßen zu einem Luxusproblem: Es gibt wenig praktische Erfahrungen der Einsatzkräfte mit großflächigen Stromausfällen. Das THW hat sich durch regelmäßige Übungen auf diese Szenarien vorbereitet. Dabei kooperiert es mit Netzbetreibern und Stromanbietern, sodass Einsatzkräfte und Betreiber sich und ihre Organisationen nicht erst im Einsatz gegenseitig kennenlernen.

Stromversorgern kann das THW mit seinen NEA unter Umständen gut weiter helfen, um lokal Strom einzuspeisen. Bei der Wiederinstandsetzung von Stromnetzen – also bei Problemen auf Seiten der Netzbetreiber – tauchen andere Herausforderungen auf. Reparaturen an der komplexen Infrastruktur würden Netzbetreiber mit ihrer Spezialausstattung und ihren Fachleuten voraussichtlich selber angehen, die THW-Kräfte könnten ihnen nicht bei allen Arbeiten helfen. Martin Zeidler hält auch die Kooperation und den Erfahrungsaustausch mit Netzbetreibern für essentiell: „Nur wenn man die Fähigkeiten und Aufgaben des anderen kennt, kann man sich im Einsatz gut ergänzen. Außerdem trägt das zu einem guten Informationsaustausch zwischen den Lagezentren der Netzbetreiber und der THW-Leitung im Einsatz bei.“

Richtige Rahmenbedingungen schaffen

Die Expertinnen und Experten der THW-Fachgruppen Elektroversorgung tragen schon jetzt ganz wesentlich zum Schutz Kritischer Infrastrukturen bei. Durch den Transformationsprozess im THW werden sie und darüber hinaus alle Ortsverbände in ihren Aufgaben gestärkt – dafür müssen Politik und Gesellschaft die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Hinzu kommt, dass das THW nach wie vor eine starke ehrenamtliche Basis benötigt – mit engagierten Fachleuten aller Art. Sie müssen sich in den Hilfsorganisationen einbringen und haben jetzt die Möglichkeit, an der Neuausrichtung des THW aktiv mitzuwirken.

Bilder: THW

Daniel Schriek, B.Sc.
THW-Leitung
Henning Zanetti, MBA
Pressesprecher, THW-Leitung

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 228 940 – 1777
presse@thw.de
www.thw.de

[1] Vgl.: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Stand: 2.11. 2017): http://www.bbk.bund.de/DE/AufgabenundAusstattung/KritischeInfrastrukturen/kritischeinfrastrukturen_node.html

[2] Vgl.: Droht der Blackout? Das deutsche Stromnetz vor dem Winterhärtetest, Mitschnitt der Radiosendung „Geld, Markt, Meinung. Das Wirtschaftsmagazin“. SWR 2, 30.09.2017