Mit welchen Herausforderungen sind Einsatzkräfte konfrontiert, und was hilft ihnen, mit diesen umzugehen? Einsatzkräfte des Bevölkerungsschutzes in Deutschland erleben zahlreiche belastende Herausforderungen während ihrer Tätigkeit. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekts REBEKA (Resilienz von Einsatzkräften bei eigener Betroffenheit in Krisenlagen) wurden Interviews mit Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz darüber geführt, wie belastende Ereignisse im Einsatz wahrgenommen und wie diese verarbeitet werden.

Bewältigung der Einsatzerlebnisse

Einsatzkräfte des Bevölkerungsschutzes sind bei ihrer Arbeit, je nach Art und Ausmaß des Einsatzes, mit den unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Die Psychologie spricht hierbei von Stressoren, die erfolgreich bewältigt werden müssen, damit sie keine nachhaltigen negativen Auswirkungen für die Einsatzkräfte haben. Psychologische Theorien erklären den Umgang mit Stressoren, indem sie Stressoren, mögliche Folgen sowie Bewältigungsmechanismen und Ressourcen in Beziehung setzen. Ein etabliertes Modell ist das Transaktionale Stressmodell[1]. Es erfasst, warum manche Menschen eine Situation als stressreich erleben und andere nicht. Dies hängt im Wesent­lichen von den persönlichen Ressourcen und Fähigkeiten ab, die jemand hat, um mit Stressoren umzugehen. Reichen die eigenen Ressourcen nicht zur Bewältigung aus, können Stressreaktionen entstehen. Ziel der Studie ist es, zu untersuchen, wie man Einsatzkräfte bei der Bewältigung von Stressoren unterstützen kann. Dafür wird ermittelt, welche Stressoren für Einsatzkräfte relevant sind und was bei der Bewältigung dieser hilft.

Insgesamt wurden 26 Personen (19 Männer und 7 Frauen; Durchschnittsalter: ca. 40 Jahre) zwischen Februar bis Juni 2017 in ganz Deutschland interviewt, die im Bevölkerungsschutz tätig sind. Dabei handelt es sich u. a. um haupt- und ehrenamtliche Einsatzkräfte der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., der Freiwilligen Feuerwehr sowie des Technischen Hilfswerks (THW) mit einer durchschnittlichen Einsatzerfahrung von ca. 20 Jahren. Unter den Interviewten befinden sich auch Experten auf dem Gebiet der Einsatznachsorge.

Die ersten Ergebnisse zeigen die Vielseitigkeit von Stressoren für die Einsatzkräfte. Die berichteten Ereignisse, die als stressreich erlebt werden, reichen von Großschadenslagen über Aggressionen gegenüber Einsatzkräften bis hin zu betroffenen Kindern. Ein immer wiederkehrendes Thema in den berichteten Einsatzerfahrungen ist die Betroffenheit von Kindern oder Menschen mit schweren Verletzungen. Dabei spielt die emotionale Nähe zu den Betroffenen eine wichtige Rolle. Hat die Einsatzkraft z. B. selbst Kinder, werden Parallelen zum eigenen Leben gezogen und die Situation als Herausforderung bewertet.

Abb. 1: Einsatzkräfte des THW beim Hochwasserschutz. (Bild: THW)

Abb. 1: Einsatzkräfte des THW beim Hochwasserschutz. (Bild: THW)

Ein Stressor, welcher im Forschungsprojekt REBEKA besonders betrachtet wird, ist die Alarmierung zu einem Einsatz bei gleichzeitiger Betroffenheit des eigenen Hab und Guts oder der eigenen Familie. Die Einsatzkräfte sehen sich einem besonderen Dilemma ausgesetzt. Den Einsatzauftrag auszuführen, bedeutet mitunter, sich gegen die Hilfe für die eigene Familie zu entscheiden. Die interviewten Einsatzkräfte berichten, dass sie individuell abwägen und verschiedene situative Faktoren, wie z. B. die Art des Ereignisses und das Ausmaß der eigenen Betroffenheit, eine Rolle bei der Bewertung spielen:

Interviewte Person, THW: Jeder, der mit Herzblut dabei ist, denke ich mal, der wird vorrangig auf seinen Dienstherren eingehen, bevor man sein eigenes Gut dann schützt. Ich meine, beim Hochwasser ist es wahrscheinlich anders. Wenn mir da selber der Keller voll laufen würde, würde ich auch nicht rausfahren. Dann würde ich versuchen, mein eigenes Haus zu schützen.

Im Umgang mit diesem Dilemma wurde aus eigenen Erfahrungen von konkreten Ressourcen berichtet, die bei der Bewältigung eine Rolle spielen:

Interviewte Person, Freiwillige Feuerwehr: Also wenn ich jetzt zum Beispiel mit diesem Keller – mit diesem Wasser – wenn ich jetzt gewusst hätte, die Nachbarn sind alle total dösig und wissen nicht, was sie machen sollen, dann wäre ich nicht gefahren. Da hätte ich mich um meinen Keller gekümmert. […] Aber da ich weiß, dass dieses System Nachbarschaft hier gut funktioniert, konnte ich mich darauf verlassen und sagen: Ja, ich weiß, da brauche ich mir keine Sorgen machen.

Soziale Ressourcen – das eigene familiäre, freundschaftliche und nachbarschaftliche Umfeld – helfen der Einsatzkraft bei der schwierigen Entscheidung, in den Einsatz zu fahren. Als Möglichkeit einer Verbesserung der strukturellen Unterstützung nennen die Einsatzkräfte auch Absprachen und Versorgungspläne für Familien der Einsatzkräfte. Die Hilfsorganisationen könnten im Vorfeld dafür Sorge tragen, dass die Familien eine Anlaufstelle haben, so dass die betroffenen Einsatzkräfte ihre Familien versorgt wissen. Eine weitere Möglichkeit wäre es, Einsatzkräfte verstärkt aus anderen Gebieten anzufordern, deren Wohnbereich nicht betroffen ist. Dadurch würde die Gefahr ausfallender Kräfte sowie ein zusätzlicher Stressor durch die Sorge um die Familie minimiert werden.

Des Weiteren werden soziale Ressourcen in Gesprächen für die erfolgreiche Bewältigung von diversen Stressoren der Einsätze genutzt. Allerdings findet eine klare Trennung statt: KollegInnen in den Hilfsorganisationen sind die ersten Ansprechpartner, wenn es um die Verarbeitung der Ereignisse geht, nicht zuletzt, weil diese Erzählungen besser bewerten und einschätzen können. Familienangehörige, die nicht selbst als Einsatzkraft tätig sind, werden hingegen nicht zur Verarbeitung der konkreten Erlebnisse herangezogen, sondern erfüllen vielmehr eine Funktion des emotionalen Ausgleichs:

Interviewte Person, Notarzt, DRK: Also am besten hilft mir direkt danach das Gespräch mit meinen Kollegen, mit den Rettungsassistenten, Feuerwehrleuten, dann anschließend mit meinen ärztlichen Kollegen. Ich bin jemand, der das erzählt und auch gerne immer wieder erzählt, bis es für mich dann irgendwann abgehakt ist. Mit meinem Mann bespreche ich es eher nicht.[…] Das ist kein Mediziner, ich kann mit ihm jetzt nicht so die Einsätze auseinandernehmen und besprechen, wie ich es mit Kollegen kann, die genau wissen, von was ich rede. Ich würde es ihm schon erzählen – einmal –, aber das war es dann auch. Ich habe eine intakte, super Familie, ich habe zwei Kinder. Und das ist bestimmt auch ein Faktum, das mir sehr viel hilft, Stabilität zu haben.

Die Interviewten gaben weiterhin an, dass interne Nachbesprechungen der Einsätze innerhalb eines Löschzugs bzw. innerhalb einer Mannschaft regelmäßig durchgeführt und als sehr hilfreich angesehen werden. Nicht eindeutig bestimmbar bleibt allerdings, ob diese Nachbesprechungen auf Probleme im Einsatz (z. B. welche Fehler wurden gemacht, welches Material hat gefehlt, was hat gut funktioniert), oder eher auf Emotionen (z. B. war der Einsatz in irgendeiner Weise tragisch, wie kann mit Trauer und Mitleid umgegangen werden) ausgerichtet sind bzw. sein sollten. Die erforderliche Offenheit und Akzeptanz für eher emotionsorientierte Gespräche hat sich in einigen Hilfsorganisationen erst seit einigen Jahren entwickelt, da heutzutage mögliche Folgen von belastenden Einsatzsituationen bekannter sind und präventiv vermieden werden sollen. Dazu wird in Schulungen, die jedoch nicht in allen Organisationen Bestandteil der Grundausbildung sind, darüber informiert, welche Reaktionen auftreten können sowie die Selbstreflektion gefördert. Auch externe Nachsorgeangebote stehen häufig zur Verfügung, müssen aber meistens vom Führungspersonal angefordert werden.

Ressourcen und Nachsorgeangebote fördern

Abb. 2: Das Projekt REBEKA adressiert u. a. die Widerstandsfähigkeit und  Anpassungsfähigkeit der Einsatzkräfte.

Abb. 2: Das Projekt REBEKA adressiert u. a. die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit der Einsatzkräfte.

Die bisherigen Studienergebnisse bestätigen bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Anwendungsfeldern dahingehend, dass Ressourcen wie die Ausbildung der Einsatzkräfte, ein offenes Arbeitsklima sowie bisherige Erfahrungen zur erfolgreichen Bewältigung von Stressoren im Einsatz notwendig sind. Eine große Rolle spielt die soziale Unterstützung innerhalb der Organisation. Auch ein offener Umgang mit dem Thema „Psychische Reaktionen“ ist bedeutsam. Die Präventions- und Nachsorgeangebote in den Hilfsorganisationen sind verstärkt vorhanden, unterscheiden sich aber in Verfügbarkeit und Akzeptanz.

Im weiteren Verlauf des Forschungsprojektes werden bis Ende 2018 die bisherigen Erkenntnisse anhand einer Online-Befragung ausführlicher analysiert und eine größere Anzahl an Einsatzkräften zum Thema Bewältigungsmöglichkeiten befragt. Abschließend sollen Maßnahmen identifiziert und erprobt werden, mit deren Hilfe die Einsatzkräfte die Stressoren besser bewältigen können.

Wenn Sie an der Online-Befragung teilnehmen möchten oder an weiteren Informationen zur Studie interessiert sind, melden Sie sich bitte bei:

Sophie Kröling, M. Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
im Projekt REBEKA

AG Interdisziplinäre Sicherheitsforschung
Freie Universität Berlin
Carl-Heinrich-Becker-Weg 6 – 10
12165 Berlin
+49 (0) 30 838 63198
sophie.kroeling@fu-berlin.de

Agnetha Schuchardt, M. A.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
im Projekt REBEKA

Prof. Dr. Lars Gerhold
Universitätsprofessor für Interdisziplinäre
Sicherheitsforschung an der Freien
Universität Berlin und Leiter des
Forschungsforum Öffentliche Sicherheit

 

[1]  Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal and Coping. New York: Springer.