Von Hochwassereinsätzen ausgehende Herausforderungen sind von weitaus höherer Komplexität als nur das Planen technischer und organisatorischer Voraussetzungen zu bewirken. Zum Schutz der Einsatzkräfte und Helfer müssen ebenfalls gesundheitliche Risiken angenommen und weitestgehend minimiert werden. Während alltägliche Einsatzszenarien routiniertes Handeln zumindest theoretisch zulassen, sind Naturkatastrophen eine nahezu unberechenbare Herausforderung. Es gibt in jeder Notfallsituation nicht planbare Größen, die vor allem durch den Betroffenen und das Umfeld bestimmt werden. Die Umweltfaktoren, wie Einsatzstelle, Witterungsbedingungen und etwaige Beeinflussung durch Dritte, lassen sich nicht steuern. Jeder Notfalleinsatz gestaltet sich unterschiedlich und beim Eintreffen am Unfallort wird Genaueres erst erkennbar.

Die größte Infektionsgefahr geht vom Wasser aus. (Bild: Heiko Hahnenstein)

Die größte Infektionsgefahr geht vom Wasser aus. (Bild: Heiko Hahnenstein)

Bei umweltbedingten Einsatzszenarien sind viele Einsatzkräfte zu beteiligen. Die Koordinierung durch die Einsatzleitung ist ebenso wichtig wie auch das Abwägen etwaiger Infektionsrisiken und anzupassender Schutzmaßnahmen. Hochwassereinsätze erfordern Hilfeleistungen jeglicher Art und damit auch die Zusammenarbeit verschiedener Organisationen. Dabei ist auffällig, dass bereits die Schutzkleidung nicht den gleichen Kriterien entspricht und unterschiedliche Funktionen hat. Feuerwehrschutzkleidung besteht aus einem Schutzanzug mit Schutzhelm sowie geeigneten Schutzstiefeln und Handschuhen, ähnlich ist das Personal aus dem Katastrophenschutz ausgestattet. Rettungsdienstpersonal hingegen verfügt über weniger strapazierfähige Dienstkleidung und kann sich vor Infektionsgefahren bei feuchten Witterungsbedingungen nicht ideal schützen. Darüber hinaus sind ehrenamtliche Helfer unverzichtbar und müssen auch die geeigneten Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, sich bei ihrer Hilfs­tätigkeit vor sämtlichen Risiken schützen zu können.

Als die Primärpräventionsmaßnahme schlechthin gilt die Schutz­impfung. Mit der vorsorglichen Immunisierung können bestimmte Infektionskrankheiten nahezu ausgeschlossen werden. Für Einsätze im Zusammenhang mit Umweltkatastrophen müssen Beteiligte sich insbesondere gegen Tetanus und Hepatitis A impfen lassen. Das Tetanus-Bakterium kommt in sämtlichen Umweltmedien, vor allem im Boden, vor und löst bei nicht vorhandenen Antikörpern den tödlichen Wundstarrkrampf aus. Hepatitis A-Viren befinden sich in kontaminiertem Trinkwasser und können so auch in Lebensmittel gelangen. Sie verursachen die allgemeinsprachlich „Leberentzündung“ genannten Symptome mit typischen Anzeichen einer Gelbsucht, die das Organ u. U. nachhaltig schädigen können. Ohne die Schutzimpfung sind beide Infektionen eine bedeutende Gefahr für Einsatzkräfte und ein sehr hohes Risiko für Helfer, die weder geimpft sind, noch eine ausreichende Schutzkleidung tragen.

Anhand der Aufgaben im Hochwassereinsatz ergeben sich weitere Infektionsrisiken durch orale Aufnahme und Einatmen von krankmachenden Mikroorganismen. Vor allem bei Pumparbeiten muss für ausreichend Schutz gesorgt werden. Aber auch direkte und indirekte Kontakte mit infektiösem Material wie Abwasser, Schlämme oder anderen kontaminierten Umweltmedien können zur Infektionsübertragung führen.

Grafik_Infektionsgefahr_bei_Hochwasser_KadenBakterien, bestimmte Einzeller und Mehrzeller, aber auch Viren, Sporen und Pilze können sehr umweltresistent sein und auch bei niedrigen Temperaturen infektiös bleiben bzw. sich sogar vermehren. Die größte Gefahr beim Auftreten von Hochwasser besteht darin, dass Kanalsysteme überlastet sind bzw. dem Druck nicht standhalten und zerstört werden. In Abwässern befinden sich in hohen Mengen Darmbakterien, die bei Aufnahme in den menschlichen Körper symptomatisch werden. Enterokokken und Helicobacter sind einige von ihnen. Bei andauernden Regenfällen kommt es zusätzlich zum Eintrag von Düngemitteln wie Chemikalien und Fäkalien aus der umliegenden Landwirtschaft. Regnet es über viele Tage sehr stark, kann außerdem die natürliche Filtration des Bodens die Schadstoffe nicht ausreichend abbauen. E. Coli kann so ebenfalls ins Leitungsnetz gelangen und verursacht durch Toxinbildung eine enterohämorrhagische Durchfallerkrankung mit z. T. schwerwiegenden Komplikationen: EHEC. Dabei sterben die Patienten u. U. an ihren auftretenden Darmblutungen. Noch infektiöser sind Abwässer und Klärschlämme, die aus Gemeinschaftseinrichtungen, insbesondere der Pflege und Altenpflege bzw. aus Krankenhäusern stammen. Diese sind stark mit kritischen Infektionserregern belastet, die teilweise hochinfektiös sind. Clostridium difficile ist ein häufig auftretender Erreger, der z. B. in Altenpflegeheimen für Durchfallerkrankungen sorgt. Das sporenbildende Bakterium ist hitzestabil und bleibt auch bei ungünstigeren Bedingungen außerhalb des Darms einige Zeit aktiv. Weiterhin enthalten diese Abwässer große Mengen an Antibiotikarückständen sowie andere Medikamentenbestandteile und ausgeschiedene Hormonpräparate. Die Auswirkungen auf die Umwelt könnten drastische Folgen haben. Sobald diese Rückstände in das Trinkwasser gelangen, besteht eine Infektionsgefahr für die gesamte Bevölkerung. Andauernde Seuchengeschehen in Krisengebieten verdeutlichen das Ausmaß der Problematik kontaminierten Wassers. In Afrika sterben noch immer Tausende Menschen an der Cholera, weil ihnen nicht ausreichend aufbereitetes Trinkwasser zur Verfügung steht und Kanalsysteme gar nicht oder unzureichend vorhanden sind, sodass die Infektionserreger sich schnell verbreiten können. Auch in Deutschland könnte sich der Cholera-Erreger bei Eintrag ins Wassernetz theoretisch ausbreiten. Typischer ist aber das Auftreten der Bakterienruhr, ausgelöst durch Shigellen, von denen bereits eine kleine Infektionsdosis ausreicht, heftige Symptome auszulösen. Die Patienten sind während der enteritischen Symptomatik hochinfektiös, sodass eine schnelle Weiterverbreitung möglich ist. Gelangen antibiotikaresistente Erreger sowie Antibiotikarückstände ins Wasserleitungsnetz, verstärkt das die Resistenzentwicklung insgesamt. Einerseits nehmen Personen so die Medikamente auch auf, ohne einen Behandlungsbedarf zu haben. Zum anderen gibt es den Mikroorganismen die Gelegenheit, ihre Resistenzmechanismen weiter anzupassen. Die Ausbreitung multiresistenter Keime wird so begünstigt.

kastenDas Einsatzgeschehen wird bestimmt durch die Rückhaltung und -drängung von Wassermassen und den damit verbundenen Infektionsrisiken der oralen Aufnahme und Inhalation von Mikroorganismen. Die Bergung von Fahrzeugen und Gegenständen kann auch mit gefährlichen direkten Kontakten von Klärschlämmen verbunden sein, sodass dann eine effektive und dichte Schutzkleidung unerlässlich ist. Weitere Risiken ergeben sich bspw. bei der Personensuche von Vermissten. In Waldgebieten und Landschaften besteht die Möglichkeit, dass Zecken übertragen werden. Bleiben diese unbemerkt, kann es zur Übertragung von Borrelien oder der Früh-Sommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) kommen. Ein Impfschutz ist gegen FSME möglich und sollte bei potentiellen Einsätzen in Risikogebieten in Betracht gezogen werden.

Die Zusammenarbeit von verschiedenen Organisationen erfordert eine koordinierte Einsatzleitung. Während die Feuerwehr witterungsbeständige Einsatzkleidung trägt und technische Hilfsmittel zur Verfügung hat, ist der Rettungsdienst im gleichen Szenario den direkten Gefahren vor Ort mehr ausgesetzt. Eine reibungslose Zusammenarbeit, Unterstützung und Rücksichtnahme ist dabei unerlässlich. Die unterschiedlichen Voraussetzungen müssen an die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Vor allem ist ehrenamtlichen Helfern das gleiche Maß an Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen wie hauptamtlichen Kräften. Hilfeleistung ist in derartigen Dimensionen sonst nicht sicher umsetzbar. Weiterhin erhöht sich die Infektionsgefahr dadurch, dass Einsatzkräfte aus dem Ehrenamt im Alltag ggf. weitere Kontaktpersonen infizieren. Für freiwillige Helfer aus der Bevölkerung ist abzuwägen, welche Tätigkeiten übertragen werden können, ohne ein Infektionsrisiko einzugehen. Hochwassereinsätze sind eben nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch verbunden mit gesundheitlichen Gefahren.

Alle Helfer sollten über geeignete Schutzkleidung verfügen. (Bild: Helen Kaden)

Alle Helfer sollten über geeignete Schutzkleidung verfügen.
(Bild: Helen Kaden)

Die Unberechenbarkeit von Umweltkatastrophen lässt die Mitwirkung dritter Beteiligter, insbesondere Betroffener, oft nicht verhindern. Dennoch ist Aufgabe der Einsatzkräfte auch, mögliche bevölkerungsrelevante Infektionsrisiken möglichst schnell zu identifizieren und zu beseitigen. Dabei gilt es zunächst eine gefahrenfreie Bergung sicherzustellen. Anschließend werden Gebäude und Straßen ausgepumpt, Vermisste geborgen. Dabei kann es auch zum Auffinden von Leichen und tierischen Kadavern kommen. In Vorbereitung der Einsätze ist eine Personalplanung in Abwägung etwaiger Ausmaße und Bedarfe voranzustellen. Ebenso sind geeignete Arbeitsmaterialien wie Schutzkleidung, Versorgungsmaterialien und Desinfektionsmittel zur Verfügung zu stellen. Während der Katastrophenschutzeinsätze müssen für die Einsatzkräfte ausreichend Trinkwasser in verpackten Flaschen sowie vor Verunreinigungen geschützte Nahrungsmittel bereitgestellt werden. Vom Flutwasser betroffene Lebensmittel sind zu verwerfen. Nach dem Einsatz sind sämtliche Arbeitsmaterialien, Schläuche und Tanks entsprechend vorliegender Gefährdungsbeurteilung desinfizierend zu reinigen. Einsatzkleidung ist sorgfältig aufzubereiten bzw. Einweg-Schutzkleidung kontaminationsgeschützt zu entsorgen.

Maßnahmen müssen nachhaltig geplant werden. Auch Tage und Wochen nach Hochwasserszenarien ist der Boden ggf. noch so mit Wasser getränkt, dass er Fäkalien, Düngemittel und Schadstoffe nicht aufnehmen kann und weiterhin die Gefahr besteht, diese in Trinkwasserschutzzonen zu überspülen. Für die Einsatzkräfte sind regelmäßige Übungen und Anpassung von vorliegenden Arbeitsabläufen eine Aufgabe der Nachbereitung. Regelmäßige Schulungen und organisationsübergreifende Übungen erleichtern die Kommunikation, die Koordination und das Handling im Einsatzfall. Erfahrungen und diesbezüglicher Austausch können zu Verbesserung der Reaktionsfähigkeit beitragen. Dabei sollte vermieden werden, zu routiniert zu handeln und neue Einsatzszenarien dabei zu unterschätzen. Die Gefahr, die von Hochwasser ausgeht und die Infektionsrisiken, die es mit sich bringt, sind ständig neu kritisch zu bewerten und ernst zu nehmen.

Helen Kaden (B.Sc.)
Schulleitung
Staatlich Anerkannte Desinfektorenschule
Kelsterbach
h.kaden@ConVivendum.de
www.ConVivendum.de