Die meisten Menschen halten Luftfracht wahrscheinlich nicht für eine besonders spannende Angelegenheit. Es werden eben Güter in Flugzeuge verladen und an ein Ziel geflogen. Das geschieht meistens nachts, die Flugzeuge sind sehr groß und spärlich mit Personal besetzt. Da einzige, was der Normalbürger darüber hinaus noch mit dem Begriff Air Cargo verbindet, ist vielleicht, dass man wegen des nächtlichen Fluglärms besser nicht in der Nähe eines Fracht-Drehkreuzes wohnt.

Für die Air Cargo-Marktführer treffen diese mageren Fakten sicher irgendwie zu. Aber es gibt auch auf diesem Gebiet Arbeit jenseits der Routine, exotische Herausforderungen und außergewöhnliche Lösungen, und es gibt eine Gesellschaft, die für so etwas zuständig ist.

Sie heißt National Air Cargo und wurde 1991 von dem Amerikaner Chis Alf gegründet. Das Unternehmen entstand aus der Idee heraus, dass es zahlreiche Problemstellungen bei der Luftfracht gibt, die die Möglichkeiten herkömmlicher Carrier sprengen. Naturgemäß kommen solche heiklen Aufträge oft aus dem militärischen Bereich, und dort nahm das Unternehmen auch seinen Anfang. Sehr schnell hatte der Gründer in US Air Force-Kreisen den Ruf, Sendungen schneller, besser und ideenreicher zu transportieren als andere.

Das Unternehmen hatte schon die Antonow AN-225 im Einsatz – das größte Flugzeug der Welt. (Bild: Wikipedia Commons, Dmitry A. Mottl)

Das Unternehmen hatte schon die Antonow AN-225 im Einsatz – das größte Flugzeug der Welt. (Bild: Wikipedia Commons, Dmitry A. Mottl)

Dirk Verheijden ist der Geschäftsführer von National Air Cargo Deutschland-Büro in Frankfurt. Er beschreibt das Geschäftsgeheimnis des Unternehmens so: „Wir gehen nicht mit einer großen Produktpalette an den Kunden heran, sondern fragen, was genau seine Bedürfnisse im heutigen Markt sind und richten uns dann komplett darauf ein. Ein gutes Beispiel für dieses Vorgehen ist die Betreuung des Medical Material Centers Europe der US-Armee in Pirmasens, die die Versorgung aus Europa weltweit, also für Afrika, den Mittleren Osten und Asien verantwortet und in Krisengebieten auch für das rote Kreuz oder sonstige Organisationen unterstützend tätig ist. Wir sorgten federführend für die nötige Logistik, indem wir vor Ort schon Güter mit dem Militär zusammen verpackt hatten. Unsere Leute, die z. B. im Handling von Gefahrgut geschult sind, arbeiten mit im Logistikprozess bis hin zur Auslieferung von sogenannten Dead or Alive-Sendungen, bei denen es innerhalb eines 24-Stunden-­Rahmens darum geht, Medikamente auch noch an den abgelegensten Punkt der Erde zu bringen, wo halt gerade ein spezielles Medikament oder Operationsmaterial benötigt wird, um Leben zu retten.“

Der Alltag bei einem solchen Unternehmen kann nicht von Routine bestimmt sein. Jeder Auftrag ist anders. Diese Beweglichkeit drückt sich auch in der Flugzeug-Flotte aus. Das Rückgrat besteht aus Boeing 747 – 400. Dazu werden je nach Anforderung kleinere oder größere Maschinen dazu gechartert. NAC kann über einen Pool verfügen aus Boeing B 747, Airbus A-300, ­Lockheed L-100, Iljuschin IL-76s, Antonow AN-26, AN-12, AN-225, AN-124s und sogar Antonow AN-225 – größtes Flugzeug der Welt, das bereits eingesetzt wurde.

Das gesamte Konzept des Carriers ist auf möglichst große Flexibilität ausgerichtet. Nicht nur die Flotte wird vollkommen auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet, sondern auch das eigene Personal. Dirk Verheijden beschreibt das so: „Wenn ein Kunde in einem unserer Büros weltweit anruft, ist unsere Maxime, dass jeder Mitarbeiter, der ans Telefon geht, ihn sofort kompetent beraten kann, gleichgültig um welche Problemstellung es sich handelt. Wir sehen das als Herausforderung, die wir mit großem Ehrgeiz umsetzen. Das ist sicher auch ein Grund für unseren Erfolg. Dieser Aufwand ist hoch, denn die Basis dafür ist natürlich permanente Schulung jederzeit und überall. Aber was nützt es, wenn ein Luftfrachtunternehmen eine riesige Flugzeugflotte hat, und niemand kann Ihnen zeitnah garantieren, dass das Flugzeug, das Sie brauchen, auch wirklich in zwei Stunden startbereit ist?“

NAC ist in Orlando/USA beheimatet und verfügt über fünf Niederlassungen weltweit, unter anderem in Amsterdam, Frankfurt und Dubai. Man ist bewusst davon abgerückt, möglichst zahlreiche Büros in jedem Winkel des Planeten einzurichten, denn es hat sich erwiesen, dass man wirklich schnell und erfolgreich sämtliche Probleme der lokalen Besonderheiten wie Zollbestimmungen u. ä. nur mit einheimischen Kräften lösen kann. Europäer oder Amerikaner können jahrelang z. B. in afrikanischen oder asiatischen Ländern leben und arbeiten, aber sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit schwierige Situationen bei Ein-oder Ausfuhr nicht so geschmeidig lösen können wie ein Einheimischer. Deshalb unterhält NAC ein Netz von über 2 000 nach Aussage Verheijdens „handselektierter“ Agenten vor Ort.

Der Kunde selbst merkt von diesem weitverzweigten komplizierten Netzwerk nichts. Er wendet sich an eines der großen Büros in seiner Nähe, schildert sein Problem und bleibt während der gesamten Abwicklung sozusagen in einer Hand, nämlich im Kontakt mit seinem zuständigen Bearbeiter, der den Rest regelt bis der Auftrag zu Ende abgewickelt ist.

Zu diesem Komplett-Service gehört natürlich auch die Lösung aller Sicherheitsfragen.

NAC befördert jedoch nicht ausschließlich Güter. Wenn Passagiere mit ungewöhnlichen Anforderungen reisen wollen, findet man auch dafür die entsprechenden Lösungen. Beispielsweise werden häufiger ganze Symphonieorchester mit ihren Instrumenten transportiert. Auch Fußballnationalmannschaften oder NHL Profiteams sind Kunden ebenso wie Task Forces der US Streitkräfte.

Um die Zukunft macht sich bei NAC niemand Sorgen. Das Geschäft mit internationaler Luftfracht ist weiterhin ein Wachstumssegment, und auch die damit verbundenen Herausforderungen werden nicht geringer. Das Know-how zur Lösung dagegen wächst bei den National-Experten für schwierige Fälle.

Heinz Neumann