Neuorganisa­tion des ­Zentralen Sanitätsdiens­tes der Bundeswehr

Erst seit der Wiedervereinigung wird die Bundeswehr auch in der Bevölkerung zunehmend als Armee im Einsatz wahrgenommen. Dabei ist nur Wenigen bewusst, dass der Sanitätsdienst der Bundeswehr bereits seit mehr als 50 Jahren im Einsatz ist und damit zu Recht als Säule der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr bezeichnet werden kann. Erneute, umfassende Neugestaltungen der Bundeswehr betreffen insbesondere auch die Struktur des Sanitätsdienstes. Wie könnte eine Neustrukturierung aussehen und was bedeutet das für die Einsatzfähigkeit des Sanitätsdienstes?

Der erste Auslandseinsatz des Sanitätsdienstes erfolgte bereits 1960 nach dem schweren Erdbeben in Agadir, Marokko. Seitdem befinden sich die Angehörigen des Sanitätsdienstes regelmäßig im Auslandseinsatz. Die daraus gewonnenen Erfahrungswerte werden konsequent zur Verbesserung der Einsatzbedingungen genutzt. Beispielsweise folgte aus diesen Erfahrungen die Festlegung einer einheitlichen Führung aller eingesetzten Truppenteile. Außerdem ging die Bundeswehr dazu über, Material und Ausrüstung auch für andere Klimazonen und für unterschiedliche Transportmöglichkeiten auf Vorrat zu halten. Parallel zu den internationalen Einsätzen leistet die Bundeswehr auch in Deutschland subsidiär Hilfe bei Katastrophen und Notfällen.

Herausforderung: Neugestaltung der Bundeswehr 2011

Auch 2011 erlebt die Bundeswehr wieder eine umfassende Neugestaltung. Der Sanitätsdienst steht dabei vor der besonderen Herausforderung, bei immer kleiner werdendem Personalumfang die gleichzeitige Versorgung der Soldatinnen und Soldaten sowohl im Inland wie im Auslandseinsatz weiterhin auf hohem Niveau zu gewährleisten.

Abb. 1: Das Einsatzspektrum des Sanitätsdienstes im Wandel der Zeit

Abb. 1: Das Einsatzspektrum des Sanitätsdienstes im Wandel der Zeit

Wie kaum ein anderer Bereich der Bundeswehr wird der Sanitätsdienst gleichermaßen von militärischen wie zivilen Rahmenbedingungen beeinflusst. Das bedeutet, dass bei der Neuausrichtung neben den militärischen Anforderungen auch die Veränderungen im zivilen Gesundheitswesen berücksichtigt werden müs­sen. Ebenso muss den Vorgaben der Standesorganisationen und Fachgesellschaften Folge geleistet werden. Schnittstellen mit dem zivilen Gesundheitssystem sind ausdrücklich erwünscht und stellenweise sogar unabdingbar. Denn zum Beispiel die Behandlung auch von zivilen Patienten in den Bundeswehrkrankenhäusern kann den Sanitätsoffizieren eine umfassende Ausbildung und Inübunghaltung ermöglichen.

Die in den 90er Jahren formulierte Maxime des Sanitätsdienstes, dass der Soldat im Falle einer Erkrankung, Verletzung oder Verwundung eine medizinische Versorgung erhält, die im Ergebnis dem Standard in Deutschland entspricht, ist die fachliche Leitlinie und damit das entscheidende Qualitätsmerkmal einer zeitgemäßen medizinischen Versorgung. Um diesem Anspruch unter dem Druck häufiger werdender Auslandseinsätze gerecht zu werden, entstand 2001 der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr. Konkret heißt das, dass der Großteil der sanitätsdienstlichen Kräfte und Mittel aus den Teilstreitkräften zusammengeführt wurde. Damit wurden bei gleichzeitiger Reduzierung der Gesamtstärke Redundanzen abgeschafft und die seit langem bestehende Forderung nach Bündelung der Sanitätskräfte in einem Behandlungs-, Ausbildungs- und Einsatzverbund umgesetzt. Zwar haben die Teilstreitkräfte einen Rest Sanitätsdienst in ihrem Organisationsbereich behalten, z.B. die Schiffsärzte der Marine, doch das entscheidende Wirkprinzip der Neustrukturierung liegt darin, dass der Inspekteur Gesamtverantwortlicher für die sanitätsdienstliche Unterstützung sowohl im Inland wie im Auslandseinsatz ist.

„The German Rettungskette“

Abb. 2: "The German Rettungskette" erfährt höchste internationale Anerkennung.

Abb. 2: „The German Rettungskette“ erfährt höchste internationale Anerkennung.

Grundlage für die Einsatzplanung sind stets die Erkenntnisse aus den Einsatzgebieten und die medizinisch-wissenschaftlichen Aspekte. Aufgrund der oftmals komplexen Krankheitsbilder stellen Erkrankungen aus der Traumatologie eine besondere Anforderung an die sanitätsdienstliche Unterstützungsleistung. Die hochkomplexen Abläufe von Stoffwechselprozessen nach schweren Verletzungen bedürfen ­einer Erstversorgung sowie einer Anschlussbehandlung innerhalb enger Zeitgrenzen, deren Ziel es ist,  die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich zu erhöhen.

Diese zeitlichen Handlungszwänge müssen den Einsatzplanern als Grundlage jeder sanitätsdienstlichen Versorgung bekannt sein. Auf operativer Ebene ergeben sich daraus die sogenannten Zeitlinien, die bei der sanitätsdienstlichen Planung als Standard einzuhalten sind und mittlerweile auch durch die NATO vorgegeben werden.

Dabei ist innerhalb einer Stunde nach einer Verletzung bzw. Verwundung die erste ärztliche, notfallmedizinische Versorgung einzuleiten.

Da aber in den Einsatzgebieten das zivile Gesundheits- und Rettungssystem nicht kopiert werden kann, wird aus einzelnen sanitätsdienstlichen Wirkelementen ein Verbundsystem aufgebaut, das als Rettungskette bezeichnet wird. Diese Rettungskette setzt sich aus vier verschiedenen Versorgungsebenen, den sogenannten Role 1 bis 4 zusammen (s. Abb. 2). Sie verbindet die unmittelbar nach einer Verwundung durchgeführten ersten lebensrettenden Sofortmaßnahmen mit den mobilen und stationären Elementen der notfallmedizinischen und nachfolgenden akutklinischen Versorgung im Einsatz. Hinzu kommen speziell für den qualifizierten Verwundetentransport nach Deutschland ausgestattete Luftfahrzeuge, um dort die weitere Behandlung und Rehabilitation in den Bundeswehrkrankenhäusern und/oder zivilen Kliniken sicherzustellen.

„The German Rettungskette“ erfährt höchste internationale Anerkennung und ist mittlerweile ein Qualitätsbegriff und Markenzeichen geworden.

Je nach Einsatzdauer und Reaktionszeit im Vorfeld kommen neben den mobilen Sanitätselementen unterschiedliche Sanitätseinrichtungen zum Einsatz. Für schnell ablaufende Operationen gibt es luftverlegbare, zeltgestützte Einrichtungen (LSE), die nur kurzzeitig eingesetzt werden und gegebenenfalls durch Elemente der containerisierten modularen Einrichtungen (MSE) ersetzt werden. Diese Container sind für einen Einsatz von bis zu 12 Monaten konzipiert. Ab einer Einsatzdauer von mehr als einem Jahr sind grundsätzlich feste Infrastrukturen vorgesehen, um dem Verschleiß der modularen Einsatzelemente vorzubeugen. Sowohl in Mazar-e-Sharif als auch in Prizren wurden daher feste Infrastrukturen eingerichtet, die dem medizinischen und hygienischen Standard in Deutschland entsprechen.

Abb. 3: Sanitätsdienstliche Logistik: Planungshorizont für Sanitätseinrichtungen

Abb. 3: Sanitätsdienstliche Logistik: Planungshorizont für Sanitätseinrichtungen

Die zukünftige Struktur des ­Zentralen Sanitätsdienstes

Der sicherlich markanteste Punkt bei der Umstrukturierung der Bundeswehr war die Aussetzung der Wehrpflicht. Aber auch die weiteren Äußerungen des damaligen Ministers zu Guttenberg ließen weitreichende Veränderungen für die Streitkräfte erwarten, u. a. die Erarbeitung einer daraus abgeleiteten Kozeption der Bundeswehr. Das Bundesministerium für Verteidigung soll innerhalb von zwei Jahren erheblich verkleinert werden.

Im Gegenzug dazu soll der Generalinspekteur gestärkt werden. Das heißt, dass dieser in Zukunft dem Minister für die Führung, Einsatzfähigkeit und Einsatzbereitschaft der Streitkräfte sowie dem Einsatz der Bundeswehr unmittelbar verantwortlich sein soll. Die Inspekteure sollen dem Generalinspekteur der Bundeswehr wiederum für die Einsatzbereitschaft, d. h. vor allem Ausbildung und Personalgestellung, ihrer Organisationsbereiche direkt verantwortlich sein.

Im Zusammenhang mit der Notwendigkeit für ein teilstreitkraft- und organisationsübergreifendes Zusammenwirken führte der Generalinspekteur der Bundeswehr die sanitätsdienstliche Rettungskette als beispielgebend in seiner Rede auf der Bundeswehrtagung 2010 in Dresden an.

Auch die Struktur des Zentralen Sanitätsdienstes wird zukünftig erhebliche Änderungen erfahren. Es ist davon auszugehen, dass der Sanitätsdienst als eigenständiger Organisationsbereich erhalten bleibt. Sicher ist, dass einzelne Systemfähigkeitsträger, wie z. B. Bundeswehrkrankenhäuser, erhalten bleiben werden.

Die Führungsstruktur des Sanitätsdienstes wird umfangreiche Umstrukturierungen erfahren. So werden nach bisheriger Planung die vier Sanitätskommandos sowie das Sanitätsamt in München aufgegeben. Ein zukünftiges Kommando Sanitätsdienst wird sich aus Teilen des jetzigen Führungsstabes des Sanitätsdienstes im Ministerium, des Sanitätsamts in München und des Sanitätsführungskommandos zusammensetzen. Ferner werden zwei Fähigkeitskommandos für die Einsatzunterstützung und die sanitätsdienstliche Versorgung zuständig sein. Die Bundeswehrkrankenhäuser werden zentral im Kommando mit einem eigenen Führungselement geführt. Insgesamt wird hierdurch eine erhebliche Steigerung der Führungskompetenz erwartet. Die Sanitätsakademie in München bleibt bestehen, allerdings wird sie durch die Übernahme des Bereichs Forschung und Ausbildung vom Sanitätsamt ein deutlich verändertes Erscheinungsbild erhalten.

Mit der künftigen Strukturierung des Sanitätsdienstes sollen vier „Unternehmensziele“ grundsätzlich erfüllt werden. Die Ziele sind die Optimierung der Einsatzfähigkeit, eine weitestmögliche Präsenz in der Fläche – vor allem auch in der Ausbildungsunterstützung – eine deutlichere Stärkung des kurativen Bereiches und damit verbunden die verbesserten Personalentwicklungsmöglichkeiten für Angehörige des kurativen Bereiches.

Für die Planung der zukünftigen Struktur wurden deshalb einige Eckpunkte definiert:

  1. Die Qualität der sänitätsdienstlichen Versorgung bleibt unverändert.
  2. Der Unterstützungsbedarf der Bedarfsträger (Heer, Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis) muss weiterhin erfüllt werden.
  3. Der Systemverbund der sanitätstdienstlichen Fähigkeiten muss erhalten bleiben.
  4. Durch eine Fokussierung auf sanitätsdienstliche Unterstützungsprozesse kann und soll die notwendige Effizienz- und Effektivitätssteigerung bei reduziertem Personalumfang erreicht werden.

Derzeit werden diese Ziele und Eckpunkte sowie die daraus abgeleiteten Strukturvorschläge geprüft. Das Ergebnis ist in Kürze zu erwarten.

Eines steht jedoch fest: Der Sanitätsdienst der Zukunft wird ein völlig anderes Gesicht haben. Doch wie auch immer diese Neustrukturierung aussehen wird, der Sanitätsdienst wird seiner Maxime treu bleiben.

Anschrift des Verfassers:

Büttner_webHerr Admiralstabsarzt a.D.
Dr. med. Christoph Büttner
Valldergasse 43
53381 Euskirchen

 

Admiralstabsarzt a. D.
Dr. med. Christoph Büttner
geboren 1949

1968 – 1972: Truppenoffizier Marine
1973 – 1980: Studium der Humanmedizin in Mainz
1982 – 1983: Truppenarzt Marinefliegergeschwader 5, Kiel
1983 – 1986: Staffelchef/Fliegerarzt, Marinefliegersanitätsstaffel, Marinefliegergeschwader 5, dabei: 6 Monate Kommandierung Naval Aerospace Medical Institute, US Naval Flight Surgeon Pensacola, Florida
1986 – 1991: Personalreferent in der Personalabteilung des BMVg PV 6, Beratender Arzt BMVg Abteilung Personal
1991 – 1997: Referatsleiter BMVg In San II 5, Bonn – Sanitätsinfrastruktur der Bundeswehrkrankenhäuser und Bundeswehrinstitute
1997 – 2001: Abteilungsleiter IV im Personalamt der Bundeswehr in Köln
2001 – 2006: Admiralarzt der Marine und Abteilungsleiter San im Flottenkommando Glücksburg und Inspizient für Tauch- und Überdruckmedizin der Bundeswehr
2001 Kernseminar, Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Berlin
2006 – 2007: Kommandeur Sanitätskommando II, Diez
2008 – 2011: Stellvertreter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes der Bundeswehr und Chef des Stabes Führungsstab des Sanitätsdienstes
Träger des  Ehrenkreuzes der Bundeswehr in Gold
Seit Juni 2011: Chefredakteur der Medical Corps International ­Forum – MCIF