IT ist sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich ein zunehmend unverzichtbarer Bestandteil des täglichen Arbeitens geworden und trägt entscheidend zur militärischen Auftragserfüllung bei. Alle sind betroffen. Die Spanne reicht vom Sachbearbeiter an einem Büroarbeitsplatz bis zum Soldaten im Einsatzgebiet. Dies geht mit sehr unterschiedlichen Interessen bzw. Anforderungen an die IT einher.

Die Durchdringung unseres Arbeitslebens mit IT nehmen wir ganz selbstverständlich hin – dennoch ist sie eine neuere Entwicklung der letzten 20 Jahre. Diese Tendenz wird sich ungebrochen fortsetzen und immer mehr dazu führen, dass die notwendige IT am Arbeitsplatz bereitgestellt und sachgerecht betrieben werden muss, um am Arbeitsleben erfolgreich und effizient teilnehmen zu können. Dies gilt auch für Streitkräfte, stellt dort aber aufgrund der im Vergleich zum zivilen Arbeitsleben durchaus besonderen Einsatzbedingungen komplexe Anforderungen an das zu verwendende System.

Das Ziel

Die weltweiten Einsätze der Bundeswehr in der Spanne zwischen Stabilisierungseinsätzen und Einsätzen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung sind bestimmendes Merkmal für die Bundeswehr und werden dies auch zukünftig sein. Die Ausrüstung und damit auch die IT muss sich daran ausrichten. Politische Vorgaben für die Einsätze sind u. a. eine multinationale Ausrichtung mit Schwerpunkt auf der NATO und der Anspruch, im Rahmen eingegangener Bündnisse als Framework Nation/Lead Nation agieren zu können. Damit einher geht die Vorgabe, multinationalen Partnern Leistungen der Bundeswehr zur Verfügung stellen zu können. Dies schließt IT-Leistungen ausdrücklich ein, was durch die grundsätzliche Absicht, im Rahmen der NATO-Initiative Federated Mission Networking (FMN) eine wichtige Rolle zu spielen, zum Ausdruck kommt. Die NATO-Initiative FMN bündelt alle Aktivitäten der NATO und der FMN-Partnernationen zum gemeinsamen Aufbau eines für Einsätze nutzbaren Netzwerkes. Ziel ist die Schaffung eines durchgängigen Informationsverbundes aller am Einsatz Beteiligter.

Erfahrungen aus den aktuellen Einsätzen der Bundeswehr zeigen, dass Leistungspakete im Bereich der Informationstechnik – wie im Übrigen in allen anderen Bereichen auch – modular aufgebaut, in weiten Bereichen skalierbar und darüber hinaus plattformunabhängig realisiert sein müssen, damit sie in rasch wechselnden Einsatzumgebungen bestehen können. Nichts Anderes verbirgt sich letzten Endes hinter dem Begriff der Service-Orien­tierung. IT-Services müssen in ein multinationales Umfeld eingebunden werden können; Informationsbereitstellung und Informationsaustausch müssen in und ­zwischen verschiedenen Informations- und Sicherheitsdomänen möglich sein. Die vorgenannten Forderungen stellen mit Blick auf die Informa­tionsübertragung und -verarbeitung von der obersten strate­gischen bis hin zur untersten ­taktischen Ebene besondere Anforderungen an die Architektur eines Missionsnetzwerkes (Mission Network) als einem wichtigen Bestandteil des IT-Systems der Bundeswehr (IT-SysBw).

Diese Leistungen werden durch das Leistungsportfolio der ­FüUstgBw erbracht, das sich in fünf große Bereiche, die sogenannten Funktionalen Bausteine der Führungsunterstützung Bundeswehr (FüUstgBw), gliedert: Die „Bereitstellung von IT Services“ als querschnittliche Aufgabe und in deren konkreter Ausformung die vier folgenden Bausteine: „FüUstg für Dienststellen im In- und Ausland“, „weitreichenden Anbindung und Vernetzung“, „FüUstg für stationäre und verlegefähige Einrichtungen“ sowie schließlich „FüUstg für mobile Elemente“.

Wie hat sich die Situation der FüUstg/IT in der Bundeswehr entwickelt?

IT für Bürofunktionalitäten wurde seit etwa Mitte der 90er Jahre verstärkt genutzt und durch die Dienststellen zunächst eigenständig beschafft. Dies führte zu einem „Wildwuchs“ im Bereich der Hard- und Software, der erst durch die Zusammenführung der Aufgaben im Rahmen des Public-Privat-Partnership Projektes HERKULES abgestellt werden konnte. Dem Nutzer wurde eine moderne, leistungsstarke und einheitliche IT-Arbeitsumgebung bereitstellt. Diese wird vielfach als „weiße IT“ bezeichnet, da sie regelmäßig nur für Bürofunktionalitäten in Liegenschaften in Deutschland und nicht für Übungen, Ausbildung und IT-Leistungen im Einsatz bereitsteht. IT für die letztgenannten, einsatzbezogenen Aufgaben wird als „grüne IT“ bezeichnet und über eigenständige Projekte realisiert.

Mit zunehmender technischer Entwicklung, steigenden Nutzerforderungen und dem Beispiel der Industrie und Streitkräften anderer Nationen folgend hielt auch die IT-gestützte Informationsverarbeitung „im Gefecht“ Einzug in die militärische Leistungserbringung. Die unterschiedlichen Systeme wurden in Verantwortung der jeweiligen Teilstreitkraft für bestimmte Aufgaben, Nutzergruppen oder Einsatzumgebungen gefordert, entwickelt und beschafft. Ergebnis waren proprietäre, untereinander nicht bzw. kaum interoperable, monolithische IT-Systeme.

Dieser „Wildwuchs“ im Bereich der „grünen“ IT wurde erkannt; in einem ersten Ansatz wurde versucht, die existierenden Führungsinformationssysteme (FüInfoSys) zur Zusammenarbeit zu befähigen. Aufgrund der stark unterschiedlichen Systemarchitekturen der bestehenden Systeme, nicht zuletzt aber auch wegen der stark divergierenden Nutzerforderungen, der verfügbaren Technik und der mit diesem Ansatz verbundenen hohen Kosten, konnte dieser Ansatz nicht zum Erfolg gebracht werden.

Erst mit der Forderung nach einem gemeinsamen, multinational interoperablen Informationsverbund im Rahmen des Einsatzes in Afghanistan ab etwa 2010 und der Erkenntnis, dass bestehende Altsysteme für einen solchen Ansatz nicht verwendbar waren, kam es zu einem neuen Ansatz, hin zu einem gemeinsamen, Commercial-off-the-Shelf basierten System.

Die positiven Erfahrungen bei der Informationsversorgung der Kräfte und Führungseinrichtungen bei ISAF über das Afghanistan Mission Network (AMN) und die darauf aufbauenden konzeptionellen Entwicklungen der NATO für ein „Federated Mission Networking (FMN)“ wurden dabei zum Treiber nationaler Überlegungen. Grundlegendes Ziel ist, die in der IT-Strategie des BMVg geforderte, bis heute jedoch nur in Ansätzen realisierte serviceorientierte Architektur des IT-SysBw auch in der Realität aufzubauen.

Forderungen und Anforderungen an eine zeitgemäße Führungsunterstützung/IT

Welche funktionalen Forderungen müssen dabei aus Sicht der Streitkräfte realisiert werden? Die folgende Aufstellung greift schlaglichtartig einige wesentliche Aspekte heraus:

  • Eine für den Nutzer transparente Datenhaltung und Servicebereitstellung von der obersten strategischen bis zur untersten (taktischen) mobilen Ebene;
  • Die Fähigkeit zum Informationsaustausch zwischen Sicherheitsdomänen gleicher aber auch unterschiedlicher Sicherheitseinstufung;
  • Kollaborative Lagebearbeitung zur Unterstützung der Einsatzplanung und Einsatzführung;
  • Die systemweite Möglichkeit zur Nutzung von NATO/EU-Services im Einsatz und in der Basis Inland;
  • Elektronischer, automatisierter Informationsaustausch mit anderen militärischen und nichtmilitärischen Partnern;
  • Standardisierte, einsatzbezogen skalierbare und verlegefähige IT-Service Module (Server, LAN, Endgeräte, Software);
  • Verwendung gleicher IT-Services für gleiche Funktionalitäten in allen Sicherheitsdomänen auf allen Ebenen;
  • Ein flexibel anpassbares durchgängiges Rollen- und Berechtigungskonzept.

Aus diesen schlaglichtartig beleuchteten Forderungen des Nutzers lassen sich Anforderungen an die dafür notwendige IT und deren Leistungsfähigkeit ableiten:

  • Parallele Übertragung von Daten und Sprache auf der mobilen Ebene (Funk);
  • IP-Fähigkeit zur Herstellung eines durchgängigen Netzverbundes;
  • Interoperabilität zu NATO und EU unter Nutzung von industrieüblichen Standards;
  • Übertragungssysteme mit ausreichender Bandbreite bis in den mobilen Bereich;
  • Flexibel einsetzbare IT-Service Pakete zur Unterstützung wechselnder Einsatzforderungen.

Der Weg zum Ziel

Um den genannten Herausforderungen zu begegnen, wird ein mehrschichtiger Ansatz verfolgt, der im Kern der folgenden Linie gehorcht:

  • Konsolidierung und zentrale Bereitstellung von IT-Services, die querschnittlich in allen Bereichen der Streitkräfte benötigt werden. Diese sogenannten Core Enterprise Services (CES) umfassen z. B. die Funktionalität Chat, E-Mail, Web-Portal, Dateiservice u. a. m.
  • Entwicklung aller IT-Services in enger Anlehnung an die NATO-Architektur, Interoperabilitätsstandards und IT-Services unter Berücksichtigung der verschiedenen Informationsdomänen (DEU, NATO, EU sowie „Mis­sion“) und abgestuften Sicherheitsdomänen.
  • Bereitstellung derselben standardisierten IT-Services in allen Informationsdomänen, in der Basis Inland, im Einsatz sowie in Auslandsdienststellen.
  • Skalierbarkeit der IT-Services zur Bereitstellung und Nutzung auf verschiedenen, auch mobilen, Endgeräten.
  • Etablierung eines Ausbildungs- und Übungsverbundes mit Schwerpunkt Interoperabilität zur technischen und prozeduralen Weiterentwicklung in einem multinationalen Umfeld.

Mit der Umsetzung des Rüstungsprojektes German Mission Network (GMN) wird die Bundeswehr eine erhebliche Verbesserung der geforderten Interoperabilität erreichen können. Die Architektur der IT-Infrastruktur stützt sich dabei auf ein zentrales Rechenzentrum ab, das neben den Core Enterprise Services (CES) auch die Community of Interest (COI)-Services einer oder mehrerer Nutzergruppen aufnimmt und bereitstellt. Zur Sicherstellung der Nutzung dieser IT-Services sind neben redundanten ortsfesten Rechenzentren (verknüpft zu einem logischen Rechenzentrum) auch verlegefähige Rechenzentren im Einsatzgebiet oder für Übungen vorgesehen, die eine – zeitlich begrenzte – Autarkie gewährleisten.

Diese begrenzte Autarkie ist wesentlich für eine unterbrechungsfreie Leistungserbringung und damit für die Kontinuität der Führung im Einsatz.

Mit der Umsetzung des Projektes GMN wird der Umbau des IT-SysBw aber bei weitem noch nicht abgeschlossen sein. Für ein durchgängiges IT-SysBw ist auch die Einbindung mobiler Elemente notwendig, da andernfalls der Mehrwert des neuen Systems nicht umfassend erreicht werden kann. Für den abgesessenen Soldaten oder das Fahrzeug in der Patrouille kann die unverzüglich bereitgestellte Lageinformation lebensentscheidend sein. Der Bereich der mobilen Elemente wird über das Projekt „Mobile Taktische Kommunikation“, das den Übertragungsteil modernisiert, sowie das Projekt „IT-Services für mobile Elemente“, welches die Hardware und IT-Services (Appliances und Applications) für die Datenverarbeitung bereitstellen wird, fortgesetzt.

In diesem Zusammenhang muss natürlich auch die Anbindung an Deutschland, im Schwerpunkt über Satellitenkommunikation, und die Einbindung der in Deutschland verfügbaren Technik, die durch die BWI und zukünftig durch das HERKULES Folgeprojekt bereitgestellt wird, betrachtet werden.

Insgesamt soll durch die genannten Aktivitäten das IT-System der Bundeswehr (IT-SysBw) von heute zu einem durchgängigen, skalierbaren und serviceorientierten IT-SysBw von morgen entwickelt und damit die technische Basis für die vernetzte Operationsführung in einem multinationalen Umfeld geschaffen werden.

Fazit

Der Satz „Die Führungsunterstützung der Bundeswehr ist nicht alles – aber ohne sie ist alles nichts“ beschreibt treffend, dass in der vernetzten Welt von heute moderne Informations- und Kommunikationssysteme unabdingbare Voraussetzung zur Erfüllung des jeweiligen Auftrages sind. Dies hat die Bundeswehr erkannt und entsprechende Projekte und Vorhaben auf den Weg gebracht, mit denen das IT-System für die heutigen und künftigen Anforderungen ertüchtigt wird. In einer von Einsätzen in multinationalen Umgebungen geprägten komplexen Welt wird dies sicher nicht von heute auf morgen gelingen – aber der Weg dorthin wird die Bundeswehr konsequent weiterverfolgen.