CP sprach mit dem Kommandeur des Zentrums für Geoinforma­tionswesen der Bundeswehr in Euskirchen. Das Interview führte Hans-Herbert Schulz.

CP: Herr General Brunner, das Zentrum für Geoinformationssysteme der Bundeswehr hat die Aufgabe, neben der klassischen Kartenerstellung für militärische Zwecke u. a. die Systeme der Bundeswehr zu unterstützen. Von welchen Systemen sprechen wir da?

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Brigardegeneral Roland Brunner

BG Brunner: Da sprechen wir von Waffensystemen, Führungsinformationssystemen, Simulationssystemen usw.; gut die Hälfte aller Systeme kann die volle Fähigkeit oder den vollen Nutzen nur dann erreichen, wenn die dafür benötigten Geoinformationen rechtzeitig, in der entsprechenden Qualität und in der entsprechenden Auflösung tatsächlich vorhanden sind. Daneben hat natürlich die Beratung vor Ort, das heißt die Unterstützung der jeweiligen geplanten Operation mit dem Know-how eines Geowissenschaftlers, eine ganz besondere Bedeutung. Mögliche Gefahren oder besondere Bedingungen, die sich aus unserer Fachsicht ergeben, müssen von uns in die Operationsplanung eingebracht werden.

CP: Ihre Leute sind also auch vor Ort im Einsatz, z. B. in Afghanistan?

BG Brunner: Ja, aber weil die Mandatsobergrenzen immer ein Problem darstellen, versuchen wir, so viel wie möglich im „Reach-­Back“-Verfahren zu machen. Wir brauchen auch immer Fachleute vor Ort, die die verfügbaren Geoinformationen für Operationsplanungen aufbereiten und bewerten, nicht nur von der Geografie bzw. der Morphologie her, sondern auch vom Klima bzw. Wetter. Dieses Zusammenspiel hat sich enorm bewährt und die Qualität und die Aussagekraft unserer Produkte extrem gesteigert.

CP: Wie hat sich die Arbeit des ­ZGeoBw verändert durch die Schwerpunktverlagerung auf Auslandseinsätze in den letzten Jahren?

BG Brunner: Vom Grundsatz her gibt es keinen Unterschied bei den bereitzustellenden Geoinformationen für Landesverteidigung oder Auslandseinsätze. Natürlich sind bei Auslandseinsätzen zusätzliche Informationen, z. B. geographischer oder auch kultureller Art für eine optimale Operationsführung zwingend erforderlich, oder auch ethnische Informationen, die zu beachten sind, wenn man beispielsweise mit Würdenträgern im islamischen Raum verhandelt. Auch können die Bedingungen in Wüstenlandschaften oder im Regenwald entscheidende Informationen darstellen. Auslandseinsätze sind in der Regel davon abhängig, ob die entsprechenden Geoinformationen verfügbar sind. Beim Irak-Krieg wurde der Zeitpunkt der Invasion durch die Amerikaner um sechs Monate verschoben, weil erst dann die notwendigen Geoinformationen in Umfang und Qualität zur Verfügung standen.

CP: Wie wäre das bei uns, wenn leichthin gesagt wird, die Bundeswehr geht nach Mali?

BG Brunner: Wenn wir nur zur Unterstützung oder zur Ausbildung in feste Liegenschaften gehen, ist das sofort möglich. Anders wäre es bei großflächige Operationen in einem afrikanischen Land. Dann wäre eine u. U. aufwendige Aufbereitung der Informationen und des Geländes, des Klimas, des Wetters usw. erforderlich, bevor man so eine Operation startet.

CP: Einsätze der Bundeswehr können, wie wir in den letzten Jahren erleben durften, kurzfristig und in bisher nicht erwarteten Räumen stattfinden. Wie gehen Sie mit dieser besonderen Herausforderung um?

BG Brunner: Zunächst einmal kann keine Nation der Erde qualitätsgeprüfte Geoinformationen von allen Krisengebieten der Erde selbstständig herstellen, sondern alle sind auf Partner angewiesen. Dazu gehört, dass man von Partnern bestimmte Informationen erhält oder aber für bestimmte Produkte Koproduk­tions­gemeinschaften bildet. Zurzeit gibt es zwei solche Gemeinschaften mit jeweils über 30 Nationen für zwei unterschiedliche Produkte. Einmal sind das Vektordaten von Krisen- und Einsatzgebieten in der Auflösung 1:50 000. Das Zweite ist das sog. Tandem X-Projekt. Dabei handelt es sich um Daten von zwei Radarsatelliten, die die Erde mit einer Auflösung von zwölf Metern abtasten. Aus diesen Daten erstellen wir ein Oberflächenmodell für alle fliegenden Systeme. Wegen der hohen Kosten verfolgen wir dieses Projekt multinational und sind erstmals als Geoinformationsdienst zusammen mit unseren amerikanischen Partnern federführend.

Darüber hinaus wurde 2012 als deutscher Beitrag zur Smart De­fense ein neues Reach-Back Element in die NATO eingebracht. Diese sog. Multinational Geospatial Support Group, MNGSG, hat nach nur drei Jahren die Initial Operating Capability erreicht und wird 2016 mit 13 internationalen Dienstposten aufgefüllt.

CP: Greift man in Reach-Back-Verfahren auf die Datenbanken der beteiligten Nationen zurück?

BG Brunner: Die beteiligten Na­tionen liefern diese Datensätze an die Gruppe. Hier wird eine Datenbasis für ein spezielles Einsatzgebiet aufgebaut und aktuell gehalten. Einsätze vor Ort, z. B. Vermessungseinsätze, werden von hier organisiert und koordiniert. Nur wenige Nationen verfügen über Vermessungskräfte für den Einsatz, so zum Beispiel die USA, GBR oder Deutschland. Darüber hinaus stellen wir hier Produkte für bestimmte Operationen her, was die Amerikaner Train Analysis nennen. Das Gleiche wollen wir im Bereich der meteorologischen GeoInfo-Unterstützung machen. Hierfür haben wir vom BMVg den Auftrag erhalten, bis Anfang 2017 ebenfalls eine entsprechende Initial Operating Capability herzustellen. Die NATO hat darum gebeten, dass diese Koordinationsaufgabe durch eine Nation übernommen wird. Heute schon betreiben wir hierzu ein sogenanntes NATO Hub: alles, was an meteorologischen Produkten und Daten von den Nationen an die NATO geht, läuft über unsere entsprechend ausgelegte Schnittstelle in Euskirchen.

CP: Das ist offensichtlich Ausdruck einer führenden Rolle in der internationalen Zusammenarbeit?

BG Brunner: Ja, da haben wir in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen.

CP: Ihr Zentrum stellt auch GEO-­METOC-Unterstützung bereit. Worum handelt es sich hier eigentlich?

BG Brunner: Die NATO-Abkürzung steht für Geospatial Meteorological and Oceanographic und fasst die zu bearbeitenden Teilbereiche der Geo-Informationen zu Gelände, Ozeanografie und Meteorologie in einem Kurz-Begriff zusammen. Wir liefern hier maßgeschneiderte ­Lösungen. Eine weitere Herausforderung sind Führungsinformationssysteme. Sie nutzen die sog. Layer-­Technik. Diese müssen für die verschiedenen Anwendungsgebiete (z. B. Pioniere, Hohe Punkte o. ä.) exakt orientiert sein, um automatisierte Datenverarbeitung zu ermöglichen.

Simulationssysteme zur Vorbereitung von Einsatzkräften sind ebenfalls eine Herausforderung. Anders als früher arbeiten wir heute digital und immer mehr in der dritten Dimension. Dreidimensionale Modelle von Städten oder von Geländeabschnitten werden immer häufiger gefordert; für spezielle Operationen geht dies bis zu Häusermodellen. Bei Evakuierungsoperationen kann es für Spezialkräfte wesentlich sein zu wissen, wie Türen in einem Gebäude aufgehen oder wie viele Türen in einem bestimmten Flur sind. Diese Informationen werden in enger Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt erhoben und den entsprechenden Kräften bereitgestellt.

CP: Die können dann auch online bereitgestellt werden?

BG Brunner: Im Prinzip ja. Wetterdaten und ozeanografische Daten werden schon online bereitgestellt. Für einige spezielle Kunden gibt es eine Online-Bereitstellung. Für die Masse der Geospatial-Daten trifft das allerdings noch nicht zu. Da geht es auch um die Frage der Verarbeitung von Massendaten. Wir hoffen, dass wir im Zuge der netzwerkbasierten Operationsführung in den nächsten fünf bis zehn Jahren dazu befähigt werden.

CP: Vielen Dank für das informative Gespräch.

Aufmacherbild: Im ZGeoBw erfassen, bearbeiten, organisieren und analysieren die Mitarbeiter Geodaten für Bundeswehr und zivile Einrichtungen. (Bild: ZGeoBw)

(HHS)