Trauma-Patienten müssen transportiert werden. Dies gilt im zivilen wie im militärischen Umfeld. Der Transport muss kurzfristig zur Verfügung stehen, eine qualifizierte weitere Behandlung und Betreuung erlauben, so dass das Behandlungsergebnis vorausgegangener Therapie nicht gefährdet wird und muss das Transportziel, eine geeignete medizinische Einrichtung schnellstmöglich erreichen.

Militärisch wie zivil hat der Patientenlufttransport eine überragende Bedeutung. Gleichwohl ist dieser an Rahmenbedingungen gebunden, die nicht immer gewährleistet sind: Wetter, Sichtverhältnisse sowie – im militärischen Umfeld – insbesondere die Feindlage sind Faktoren, die den Einsatz von Luftfahrzeugen verunmöglichen können. Daher muss und wird der Patientenlandtransport (PatLandTrsp) seine Bedeutung behalten. Im Folgenden wird der geschützte PatLandTrsp deutscher Streitkräfte betrachtet.

Herausforderungen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Einsatz

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr (SanDstBw) ist gekennzeichnet durch die Maxime, nach der die Ergebnisqualität der Patientenversorgung im Einsatz derjenigen entsprechen soll, die im Heimatland hätte erzielt werden können. Die besonderen Herausforderungen einer Patientenversorgung in einem Einsatzszenario sind aber erheblich:

  • Feinddruck: Daraus folgt nicht nur eine permanente Gefahr für das sanitätsdienstliche Team, sondern gegebenenfalls auch die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung,
  • Unsicherheit: Häufig unübersichtliche Lagen sowie die Schwierigkeit, das taktische wie das medizinische Lagebild schnell zu verdichten,
  • Stress: Hohe physische und psychische Belastung für die eingesetzten Sanitäter,
  • Klima: Einsatzgebiete weit entfernt der heimischen gemäßigten Klimazonen belasten Mensch und Material enorm und erschweren die sanitätsdienstliche Unterstützung,
  • Entfernung: Oft große räumliche Distanzen zur nächsten Sanitätseinrichtung führen zu schwierig einzuhaltenden Zeitlinien und hohem koordinativem Aufwand,
  • Multinationalität: Multinationale Zusammenarbeit ist oft notwendig mit der Herausforderung differenter Prozeduren, Ausbildung, Material sowie Sprachfertigkeiten.
Abb. 1: Konzeptionelle Systematik des Verwundetenlandtransports der Bundeswehr.

Abb. 1: Konzeptionelle Systematik des Verwundetenlandtransports der Bundeswehr.

Lessons identified aus den Einsätzen

Die Erfahrungen aus den jüngsten Auslandseinsätzen der Bundeswehr, insbesondere aus dem ISAF-Einsatz, haben das Folgende verdeutlicht: Gerade die hybride Kriegsführung in Stabilisierungsoperationen, also der Einsatz von irregulären Kämpfern, die die Regeln des Humanitären Völkerrechts (vormals: Kriegsvölkerrecht) kaum achten, machte es notwendig, den Schutz der
SanKfz neu zu bewerten. Es wurde deutlich, dass das Schutzniveau sanitätsdienstlicher Fahrzeuge dem derjenigen der Kampf- und Kampfunterstützung gleichen muss; ebenso müssen Mobilität sowie Führungsfähigkeit zur zu unterstützenden Truppe weitgehend identisch sein. Die Erfahrungen in Gefechten und Kampfhandlungen komplexer Art zeigten weiterhin, dass es darauf ankommt, mehrere Verwundete gleichzeitig zu evakuieren.

Nach den ersten Jahren des ISAF-Einsatzes, in dem auch ungeschützte SanKfz zum Einsatz kamen, wurde später nur noch auf geschützte SanKfz (gSanKfz) gesetzt. Auch vorhandene Systeme wurden aufgewertet: Durch Verbesserung des ballistischen Schutzes auf den Stand A8A2 IED wiegt das SanKfz TPz Fuchs inzwischen 22 t – vormals nur 15 t (A4). Auch die Einbausätze wurden ständig verbessert, um diese der Bedrohung durch Sprengfallen anzupassen. Zusätzlich war es in Afghanistan erforderlich, unterschiedliche SanKfz bereit zu halten, um auf verschiedene Lagen zielgerichtet reagieren zu können. Nachdem frühere Entwicklungen nur einen liegend Verwundeten pro SanKfz vorsahen, mussten weiterhin die Kapazitäten angepasst werden.

bb. 3: Performance-Indikatoren des sgSanKfz BOXER. (Grafiken, Tabellen und Bilder: Bundeswehr)

bb. 3: Performance-Indikatoren des sgSanKfz BOXER. (Grafiken, Tabellen und Bilder: Bundeswehr)

Diese Entwicklungen erforderten auch eine zunehmend aufwändigere Ausbildung der Besatzungen. So mussten sanitätsdienstliche Teams meist auf verschiedenen Fahrzeugtypen ausgebildet werden. Die Kohäsion mit der zu unterstützenden Kampftruppe bereits innerhalb der einsatzvorbereitenden Ausbildungsphase erwies sich als unabdingbar. Die Besatzung eines SanKfz muss die Einsatzgrundsätze der zu unterstützenden Truppe verstehen und homogener Bestandteil dieser werden. Dies bedeutet, dass für diesen Personenkreis die entsprechende zeitaufwändige Ausbildung an Regionalen Übungszentren, Schießübungszentren sowie dem Gefechtsübungszentrum des Heeres alternativlos ist.

 Konzeption geschützter Patientenlandtransport

Auf der Grundlage der Einsatzerfahrungen eigener und verbündeter Streitkräfte wurde ein Konzept der gSanKfz entwickelt. Das Schutzniveau wird in drei differierende Klassen untergliedert, leicht, mittel und schwer, woraus drei unterschiedliche Fahrzeugklassen beschrieben sind, was zugleich die Anzahl der liegend zu transportierenden Verwundeten klassifiziert (vgl. Abb. 1). In der Gruppe des leichten geschützten Sanitätskraftfahrzeugs (lgSanKfz) ist noch ein geschütztes luftbewegliches Fahrzeug beschrieben, das für luftlande- und luftbewegliche Operationen geeignet ist. In diesem Bereich wie auch in der Klasse des mittleren geschützten SanKfz muss derzeit noch ein geeignetes Fahrzeug identifiziert werden.

Abb. 4: Leichtes geschütztes Sanitäts-KFZ Eagle IV BAT (beweglicher Arzttrupp). (Bild: Ralph Zwilling)

Abb. 4: Leichtes geschütztes Sanitäts-KFZ Eagle IV BAT (beweglicher Arzttrupp). (Bild: Ralph Zwilling)

Die Fahrzeuge „TPz Fuchs“, „Hägglund BV 206“ sowie der geschützte Verwundetentransport-Container (gVTC) werden als Sonderfahrzeuge für spezifische Aufträge verwendet, reihen sich aber nicht in die drei Hauptklassen ein.

Ein weiterer Grundsatz der neuen Konzeption ist es, dass die sanitätsdienstlichen Rüstsätze für den PatLandTrsp sich nicht mehr unterscheiden. Bisher wurde materiell differenziert zwischen dem Rettungstrupp und dem beweglichen Arzttrupp (BAT). Diese Unterscheidung wurde überwunden: Jetzt verfügen alle gSanKfz über die Ausstattung eines BAT (vgl. Tab. 1). Die Frage, um was für eine Fähigkeit es sich bei einem gSanKfz nun handelt, wird daher ausschließlich dadurch entschieden, welches Personal mit welcher Qualifikation aufsitzt.

Tab1

Jüngste Entwicklungen

Mit dem schweren, geschützten SanKfz „Boxer“ (sgSanKfz, vgl. Abbildung 2) verfügt die Bundeswehr (sowie zukünftig auch das NLD Heer (Landmacht)) nunmehr über ein Fahrzeug, das auch zur sanitätsdienstlichen Unterstützung gepanzerter Kampftruppen geeignet ist.

Das sgSanKfz besitzt ein exzellentes Schutzniveau und ist somit jederzeit im Stande, eine mechanisierte Kompanie auch im Gefecht hoher Intensität sanitätsdienstlich zu unterstützen. Das sgSanKfz kann auch modernsten Gefechtsfahrzeugen wie dem Kampfpanzer Leopard II A6, aber auch dem Schützenpanzer Puma im schweren Gelände folgen (vgl. Tab. 2).

Tab2

Weiterhin wurde der Einbausatz konzeptionell so erstellt, dass unter verschiedenen Rüstständen gewählt werden kann. Das sgSanKfz kann in sehr kurzer Zeit durch die Besatzung je nach Bedarf umgerüstet werden, etwa drei liegende Verwundete, aber auch sieben sitzende leichte Verwundete oder Zwischenkonfigurationen. Durch die Modularität des Missionsmodules ist zusätzlich ein enormes Aufwuchspotential vorhanden.

Im Bereich der Führungsfähigkeit verfügt das sgSanKfz über VHF-Sprach- und Datenfunk, was den Betrieb des Führungs-und Informationssystems Heer sowie des Sanitätsdienstliche Führungs- und Informationssystems (SAFES) erlaubt. Zusätzlich sind Satellitenkommunikation sowie ein integriertes Naviga­tionssystem an Bord.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das neue sgSanKfz die Anforderungen an den geschützten PatLandTrsp in einem bisher nicht gekannten Maß erfüllt (vgl. Abbildung 3).

Der geschützte Verwundetentransport-Container (gVTC) wird die Kapazitäten des sogenannten sekundären PatLandTrsp, also des Transports von einer Einrichtung zur nächsten, erheblich verbessern. Ein Zulauf der ersten Systeme steht unmittelbar bevor.

Noch zu entscheiden ist, mit welchem vorhandenen oder noch zu entwickelndem gSanKfz die derzeit existierende Lücke beim mittleren geschützten SanKfz (mgSanKfz) geschlossen werden kann.

Die Dynamiken im PatLandTrsp unterstreichen materiell die Entwicklung des SanDstBw zum führenden Sanitätsdienst der NATO.

Oberstarzt Dr. Rolf von Uslar

Bild_AutorVerfasseranschrift:
Oberstarzt Dr. Rolf von Uslar
Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr I-1
Andernacher Str. 100, 56070 Koblenz
E-Mail: rolfvonuslar@bundeswehr.org

geb. am 9. August 1969 in Bonn

1988: Eintritt in die Bundeswehrund Vorausbildung an der Infanterieschule Hammelburg
1989 – 1994: Studium der Zahnheilkunde, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
1994 – 1995: Truppenzahnarzt Zahnarztgruppe Erfurt, Transportbataillon 133
1995: Leiter Zahnarztgruppe Schneeberg Gebirgsjägerbataillon 571
1995 – 1998: Leiter Zahnarztgruppe Marienberg Jägerbataillon 371
1998 – 2001: Dezernent Dez I 1 Zahnmedizin Sanitätsamt der Bundeswehr, Bonn
1999: Promotion, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
2001 – 2003: Leiter Zahnarztgruppe Brunssum/NLD RHQ AFNORTH, DtDel
2003 – 2004: Dezernent Dez EinsPl, Abt. J Med Einsatzführungskommando der Bundeswehr, Schwielowsee
2004 – 2006: Lehrgang Generalstabs-/ Admiralstabsdienst National 2004, Führungsakademie der Bundeswehr, Hamburg
2006 – 2007: Dezernatsleiter G3.1 Eingreifkräfte Sanitätsführungskommando, Koblenz
2008 – 2011: Grundsatzreferent Organisation des Sanitätsdienstes BMVg Fü San II 2, Bonn
2012 – 2013: Kommandeur Sanitätslehr­regiment „Niederbayern“, Feldkirchen
Seit 10/2013: Referatsleiter I 1 Konzeption, Zielbildung, Forschung. Regelungs- und Prozessmanagement, Internationale Zusammenarbeit im Kommando Sanitätsdienstes der Bundeswehr