CP sprach mit dem IT-Direktor des Bundesministeriums für Verteidigung. Das Interview führte Hans-Herbert Schulz.

CP: Herr Dr. Theis, was ist in Ihren Augen besonders dringlich auf dem Gebiet der IT der Bw?

Dr. Theis: Besonders dringlich ist, dass wir die Führungsfähigkeit im Einsatz weiter verbessern und den steigenden Anforderungen an den Informationsaustausch gerecht werden. Dazu gehören breitbandige und interoperable Kommunikationsmittel auf der mobilen taktischen Ebene. Im Mai dieses Jahres werden wir hoffentlich die Entwicklung unserer „Streitkräftegemeinsamen, Verbundfähigen Funkausstattung (SVFuA)“ erfolgreich abschließen. Dann wollen wir so schnell wie möglich ein erstes Los zur Ausstattung geschützter Führungsfahrzeuge beschaffen. Neben SVFuA wird es aber einen Mix an Kommunikationsmitteln auf der mobilen taktischen Ebene geben. Dazu gehören infrastrukturbasierte Netze, auf Basis von Mobilfunkstandards mit verlegefähigen oder mobilen Basisstationen, und Satellitenkommunikation – neudeutsch „SatCom on the move“. Dringlich ist auch die Vervollständigung der Führungsmittel jener Verbände, die spätestens 2018 bereit sein müssen, um eingegangene Verpflichtungen Deutschlands gegenüber der NATO zu erfüllen. Das betrifft insbesondere das Multinationale Kommando Operative Führung in Ulm und das Zentrum Luftoperationen in Kalkar. Und wir wollen unseren Beitrag zum Federated Mission Network (FMN) der NATO leisten. Beides geschieht im Wesentlichen im Rahmen des bereits laufenden Programms zur Harmonisierung der Führungsinformationssysteme der Bundeswehr.

Aber auch für den Grundbetrieb ist einiges zu tun. Noch vor der Sommerpause wollen wir die parlamentarische Zustimmung zur Nachfolgelösung für HERKULES erwirken, es gilt wichtige IT-Projekte zur Unterstützung des Travelmanagements, des Rüstungsmanagements, des Personalmanagements und zur Steigerung der Attraktivität der Bundeswehr umzusetzen. Und wir müssen in 2016 die Weichen dafür stellen, dass Deutschland im Rahmen der Einführung von ACCS in den NATO-Staaten – eine IT-Unterstützung für die Luftverteidigung – nicht abgehängt wird.

Dr. Dietmar Theis sprach im Interview mit CP_Redakteur Hans-Herbert Schulz über die aktuelle IT-Lage der Bundeswehr.

Dr. Dietmar Theis sprach im Interview mit CP_Redakteur Hans-Herbert Schulz über die aktuelle IT-Lage der Bundeswehr.

CP: Der Inspekteur des Heeres hat kürzlich von der IT der Bw gefordert, dass sie die Führungs­fähigkeit im Gefecht der verbundenen Waffen ­(NetOpFü) sicherstellt. Das klingt wie eine Renaissance der klassischen Befähigung zur Verteidigung. Welche Schlussfolgerungen sind daraus für die IT der Bw zu ziehen?

Dr. Theis: Zunächst einmal freue ich mich, dass der Inspekteur des Heeres am Konzept der vernetzten Operationsführung festhält und der IT hier eine wichtige Rolle zuweist. Und es gibt ja bereits eine ganze Reihe von Systemen in Nutzung und ­Projekten, die genau diesem Ziel dienen. Mit der Einführung des Führungsinformationssystems des Heeres (FüInfoSysH) und den IT-­Füh­rungs­aus­stattungen (FüA) aus den ­Führungs- und Waffeneinsatzsystem­projekten (FüWES) haben die Landstreitkräfte (Heer, SKB, ZSanDst) bereits eine erste Ausstattungsstufe zur Vernetzten Operationsführung erhalten. In diesem Informationsverbund sind durchgängig z. B. ein ebenengerechtes, gemeinsames Lagebild, Blue Force Tracking, Navigations­unter­stützung, Planungs- und Befehlsbearbeitungstools sowie multinationale und ­NATO-Schnittstellen verfügbar. Letztere werden derzeit erweitert und modernisiert. Gleichwohl ist dies erst eine Teilausstattung der Landstreitkräfte in etwa 1 200 Gefechtsstandtrupps und 2 900 Führungs-, Einsatz- und Gefechtsfahrzeugen. Handlungsbedarf im Hinblick auf das „Gefecht der verbundenen Waffen“ sehe ich hauptsächlich noch im Bereich der Panzertruppe, da hier wegen der bisherigen Schwerpunktsetzung auf den ISAF-Einsatz erst eine geringe Stückzahl von Kampfpanzern – weniger als 10 % – solche Führungsmittel erhalten haben. Besser sieht es im Bereich der Panzergrenadiere und der Infanterietruppe aus, die in den SPz PUMA und GTK BOXER bereits über FüA verfügen. Gut aufgestellt ist die Artillerie, die mit dem modernisierten FüWES ADLER III, der multinationalen ASCA-Schnittstelle und den Joint Fires Support (JFS)-Trupps bereits einen wesentlichen Beitrag zum Gefecht der verbundenen Waffen erbringt. Dasselbe gilt für die Heeresaufklärungstruppe mit ihren FüA in allen Spähwagen und den hier angebundenen Aufklärungssensoren.

Die eigentliche Schwachstelle im Informationsverbund Land liegt in der „schmalbrüstigen“ Datenübertragung per Funk mobiler Kräfte. Und hier sind wir wieder bei den Projekten für die Mobile Taktische Kommunikation, auf deren Dringlichkeit ich bereits hingewiesen habe.

Gestatten Sie mir noch einen Hinweis: Die berechtigte Forderung des Inspekteurs Heer an die IT kann sich nicht allein an den IT-Direktor richten. Die Fähigkeit zur Vernetzten Operationsführung setzt die Entscheidung voraus, sowohl personell als auch finanziell entsprechende Prioritäten zu setzen und Ressourcen bereit zu stellen. Diese Entscheidungen werden nicht vom IT-Direktor getroffen. Wie so oft im Leben treffen Wunsch und Wirklichkeit gerade dann besonders heftig aufeinander, wenn man zur Kasse treten muss.

CP: Was muss die Bw können, um ihren Aufgaben im Rahmen von NATO- und EU -Einsätzen gerecht zu werden – und wann wird diese Fähigkeit erreicht?

Dr. Theis: Die NATO hat, basierend auf den Erfahrungen aus dem Afghanistaneinsatz, das Federated Mission Networking (FMN) Konzept erstellt. Es geht dabei darum, die existierenden Netzwerke der NATO, der NATO-Nationen und von Partnern über alle Führungsebenen zu einem Netzwerkverbund zusammenzuführen, um den Austausch aller relevanten Informationen zu realisieren. Die gleichen Anforderungen ergeben sich für EU-Operationen, so dass sich das Konzept FMN grundsätzlich übertragen lässt.

Es gilt nunmehr, den vom Nordatlantikrat gebilligten ersten Teil des FMN Implementierungsplans umzusetzen. Deutschland hat dazu im März 2015 seine Bereitschaft zur anfänglichen Teilhabe am FMN gegenüber der NATO angezeigt und beteiligt sich äußerst aktiv im Rahmen der etablierten FMN Management Group und seiner diversen Arbeitsgruppen. In diesem multinationalen Umfeld ist Deutschland als wesentlicher Taktgeber anerkannt, womit aber auch die Erwartungshaltung uns gegenüber steigt. Bisher sind die Meilensteine des Implementierungsplans lediglich grob spezifiziert. Wesentliche Aufgabe in der Gremienarbeit ist daher die detaillierte Ausgestaltung von verschiedenen in ihrer Komplexität abgestuften Optionen einer dauerhaften Teilhabe. Zeitgleich ist es notwendig, national verfügbare oder bereits projektierte Fähigkeiten mit den multinationalen Anforderungen in möglichst große Über­ein­stimmung zu bringen, um zeit- und ressourcen­aufwändige Nach­justierungen zu vermeiden. Wir gehen derzeit davon aus, dass mit der bereits erwähnten Harmonisierung der Führungsinformationssysteme, ergänzt um weitere Projekte, zeitnah eine FMN-konforme Fähigkeit aufwächst, die im German Mission Network strategisch fortgeführt wird.

CP: Vielen Dank für das Gespräch.

Aufmacherbild: FüWES IFIS, KPz Leopard 2A7, Tochterdisplay auf Turmdach. (Bild: BMVg)
(HHS)