Häufig bremsen Altsysteme die digitale Transformation. Wie der Schritt in eine vernetzte Ära gelingt, zeigt die Polizei Hamburg beim G20-Gipfel. Eine neue geobasierte Lösung umfasst verschiedenste Workflows – vom Reporting bis zur Stabssoftware.

Um Verbrechen effektiv zu bekämpfen, ist eine landesübergreifende Kommunikation notwendig. Dass hierfür zentrale Strukturen und mobile Lösungen erforderlich sind, liegt auf der Hand. Doch die IT-Landschaft von Polizeiorganisation kann nicht einfach nur um zusätzliche Verfahren wachsen. Kosten, Ressourcen und Sicherheitsregelungen setzen hierfür klare Grenzen. Dazu kommt: Altverfahren lassen sich oft nur mit hohem Aufwand auf neue Technologien migrieren und die meisten Workflows müssen neu betrachtet werden.

Eine erfolgreiche digitale Transformation hängt vielmehr davon ab, wie kostensparend und ressourcenschonend Querschnittstechnologien und Basisdienste in neue Workflows und IT-Verfahren eingebracht werden können. Für eine effektive Konsolidierung müssen Polizeiorganisation mit all ihren ineinandergreifenden Aufgaben und Workflows ganzheitlich betrachtet werden. Zentralisierung, Harmonisierung und eine zentrale Datenplattform ebnen den Weg in ein vernetztes Zeitalter.

So modernisierte die Polizei Hamburg ihre IT für den G20-Gipfel

Der G20-Gipfel war eine große Belastung für die Stadt. (Bild: Frank Schwichtenberg/Lizenz CC-BY-SA 4.0)

Der G20-Gipfel war eine große Belastung für die Stadt.
(Bild: Frank Schwichtenberg/Lizenz CC-BY-SA 4.0)

Bereits 2015 gab es bei der Polizei Hamburg erste Überlegungen, eine neue Stabssoftware einzuführen. Das bisherige System LaGIS, zur Erstellung von Lagekarten, basierte zwar auf einer Standard-GIS-Technologie, wurde jedoch seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt, sodass die Unterstützung des Verfahrens reduziert wurde. Eine Erneuerung des Systems war daher zwingend notwendig.

In einem ersten Schritt sollte die bestehende Software modernisiert werden, gleichzeitig alle grundlegenden Daten und Anwendung erhalten bleiben. Hierfür wurden verschiedene Systeme betrachtet.

Darum fiel die Wahl auf das System CommandX von Eurocommand:

  • Einfache Benutzerführung mit modernem Design
  • Vollständige Abdeckung der Funktionen in einer BAO
  • Integration der ArcGIS Plattform für die Lagekartenführung
  • Kräftemanagement und Einsatzmeldungen
  • Verwendung auf mobilen Devices und Smartboards

Neue Verfahren: Gemeinsame Geobasis und zentrale Dashboards

Neben den formulierten Ansprüchen an die neue Stabssoftware wurden weitere Verfahren in die Modernisierungsbetrachtung miteinbezogen. Stets unter dem Vorzeichen, Synergien und eine gemeinsame Geobasis zu nutzen und das Maximum aus der bestehenden IT-Infrastruktur herauszuholen. In diesem Sinne wurde auch der Atlas Innere Sicherheit modernisiert. Die Anwendung sollte auf eine moderne und einfach zu konfigurierende Webtechnologie umgestellt werden. Bei der Umsetzung war vor allem entscheidend, dass die gleiche Geobasis wie für die neue Stabssoftware zur Verfügung steht. Darüber hinaus stand bei der Polizei das bestehende Allgemeine Lageinformationssystem für Reporting und Lagebilderstellung (KLB/ALIS 3) auf dem Prüfstand, für das eine neue Grundlage geschaffen werden musste. Hierfür sollte auf Basis moderner BI-Werkzeuge ein Anwendungsrahmen entstehen, der die nahtlose Integration von Kartenkomponenten, die Verortung von Ereignissen und deren Auswertung ermöglicht.

Das neu entwickelte Reporting Werkzeug (ALIS 4.0) bündelt einlaufende Daten aus verschiedenen Verfahren und erlaubt der Polizei heute, über eine einfache Oberfläche individuelle Auswertungen und Lagedarstellungen zu erstellen und diese als Dashboard zu speichern. Auch Anwender ohne Spezialkenntnisse finden sich schnell zurecht – plattformübergreifend auf Desktops und mobilen Endgeräten. Ebenso arbeitet die Polizei Hamburg an einem mobilen Messanger für die polizeiinterne Kommunikation als rechtkonformes Pendant zu den kommerziellen Diensten wie WhatsApp. Für die Nutzung des Messenger sind, neben polizeiinterne Karten und Fachdaten, auch der Austausch des eigenen Standorts mit benachbarten Einheiten und weitere lagebezogene Informationen relevant. All diese Anforderungen profitieren von der gemeinsamen Geobasis.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit interaktiven Karten

Eine StoryMap zeigt die Sicherheitszonen beim G20-Gipfel.

Eine StoryMap zeigt die Sicherheitszonen beim G20-Gipfel.

Gerade in Zeiten von Fake News sind die Informationen der Kommunikationsteams von Polizeiorganisationen eine wichtige Ressource. Sie versorgen Bürger vor Ort oder über soziale Medien mit verlässlichen Informationen aus erster Hand. Karten und die kanalisierte Weitergabe von Planungsständen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Doch Bilder oder Screenshots waren gestern. Interaktive Karten und Anwendungen ermöglichen der Bevölkerung heute selbst die Einsatzlage zu erkunden. Wie das funktioniert, zeigt die Polizei Hamburg. Ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nutzt ein zentrales Geoportal und informiert die Öffentlichkeit umfassend. Über eine StoryMap visualisierte sie beispielsweise die Sicherheitszonen während des G20-Gipfels, wovon auch die Berichterstattung profitierte. Die 1,2 Millionen Aufrufe der Anwendung spiegeln das öffentliche Interesse wider.

Geoplattform als Basis

Vereinfachte Darstellung der Geoplattform. (Bild:: Esri Deutschland)

Vereinfachte Darstellung der Geoplattform. (Bild:: Esri Deutschland)

Wieso sich die Polizei Hamburg zum strategischen Aufbau einer Geoplattform entschieden hat, liegt auf der Hand: Das neue Führungsunterstützungssystem, der optimierte Atlas Innere Sicherheit und der Aufbau eines neuen Recherche-, Lagebild- und Reportingverfahrens im Einklang mit dem Anspruch an eine mobile Kommunikation und die Einbindung der Öffentlichkeitsarbeit sind nur einige wenige Gründe. Über die Plattform werden einheitliche Grundlagenkarten, polizeiliche Fachthemen, Daten aus Lagekarten oder standardisierte Fachfunktionen wie Verortung, räumliche Analysen, polizeiliches Routing oder auch 3D-Daten aus einer einheitlichen zentralen Quelle bereitgestellt. Diese können über eine standardisierte Kommunikation auf einfache Weise in zahlreiche Verfahren eingesetzt werden. Hinzu kommt die große Anzahl an Applikationen und Templates, die ohne Programmierung auf die Bedürfnisse der Anwender angepasst und plattformübergreifend zur Verfügung gestellt werden können.

Weitere Ansprüche entstehen zum Beispiel im Bereich der kriminalistischen Auswertungen, polizeilichen Statistiken, Prädiktionen von Ereignissen (z. B. bei Wohnungseinbrüchen), Bereitstellung von Ressourcenlagebildern oder für die Versorgung von Leitstellen. Die Geoplattform ist nicht nur ein Webservice, sondern umfasst zahlreiche konfigurierbare Standardanwendungen für den schnellen Einsatz und fungiert so als Grundlage für einen zielgerichteten Informationsaustausch.

Sicherheit beim Datenzugriff und der Informationssteuerung stehen zudem ganz oben auf der Liste. So verfügt die Geoplattform über ein Management verschiedener Identitäten, das die Steuerung des Informationsaustausches und die Sortierung von Inhalten zwischen verschiedenen Interessengruppen ermöglicht.

Bewährungsprobe bestanden

Lagekartenführung in CommandX. (Bild: Esri Deutschland)

Lagekartenführung in CommandX. (Bild: Esri Deutschland)

Das OSZE-Treffen im Dezember 2016 und den G20-Gipfel im Juli 2017 vor Augen, stand die Polizei Hamburg vor der Herausforderung, die bereits angelaufenen Verfahren schnell umzusetzen. Die neue Stabssoftware und die damit verbundene Geoplattform sollten spätestens beim G20-Gipfel zur Verfügung stehen.

Mit der neuen Stabssoftware CommandX wurde auch das Portal for ArcGIS zur Einrichtung der Geoplattform umgesetzt. Innerhalb von nur drei Monaten waren beide Verfahren auf einer hochverfügbaren Infrastruktur betriebsbereit. Die neue Plattform versorgt nun die Stabssoftware und alle oben beschriebenen Verfahren mit den benötigten Georessourcen. Doch die besten Werkzeuge nutzen nichts ohne die richtige Schulung. In einem letzten Schritt wurden über 1.200 Anwender mit den neuen Systemen (GeoPortalGeoportal, neue Verfahren und Medientechnik) innerhalb des kurzen Projektzeitrahmens vertraut gemacht.

Im Zuge der neuen Stabssoftware wurde auch die Präsentations- und Medientechnik modernisiert. Über 25 Smartboards und mehr als 100 hochauflösende Displays an 23 Standorten sowie die passende Steuerungs- und Kommunikationstechnik wurden innerhalb kürzester Zeit verbaut.

Feuerwehr und Katastrophenschutz mit im Boot

Nicht nur die Polizei selbst sollte von der Stabssoftware profitieren. Die Innenbehörde der Stadt Hamburg verfolgte das Ziel, ebenso die Einsatzführung der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes miteinzubinden. So wurde auch bei der Feuerwehr Hamburg CommandX als neues Führungsunterstützungssystem zusammen mit der passenden Geoplattform für das OSZE-Treffen und den G20- Gipfel eingeführt. 135 Bedarfsträger der Feuerwehr – von der Einsatzleitstelle bis zu den Feuerwehrfahrzeugen und Wachen – erhielten dasselbe Equipment. Die Konsolidierung dieser Verfahrenslandschaft wird auch von der Vision getragen, dass die BOS in Hamburg über ihre Organisationsgrenzen hinweg in der Lage sein sollen, Daten auszutauschen und Lageinformationen mit anderen zu teilen. Eine bessere Zusammenarbeit auf Basis gemeinsamer Lagebilder sowie eine schnelle Informationsweitergabe und damit auch bessere Entscheidungen werden möglich.

Fazit

Auch wenn die Großveranstaltungen die Messlatte für eine schnelle Projektdurchführung hoch setzte, zeichnet sich eines klar ab: Die Einführung der neuen IT-Verfahren für Stabsführung, Recherche, mobile Kommunikation und Auskunftslösung sind Beispiele für eine erfolgreiche Konsolidierung der Verfahrenslandschaft. Ohne eine zentrale Geoplattform und die Vernetzung der Verfahrenswelt würden sich mobile Anwendungsszenarien nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand umsetzen lassen.

Heiko Claußing
Account Manager Public Safety/Esri Deutschland
zuständig für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) von Geoplattformen.
E-Mail: h.claussing@esri.de