Anfang 2016 hatte CP mit Brigadegeneral Roland Brunner, dem Kommandeur des Zentrums für Geoinformationswesen in Euskirchen, ein Interview geführt, das in zwei Teilen veröffentlicht wurde; zum einen sprachen wir über das „Geoinformationswesen als multinationale Aufgabe“ und zum anderen über die „zivil-militärische Zusammenarbeit im prozessorientiert aufgestellten Fähigkeitskommando». Heute interessiert uns, welche neuen Systeme oder Fähigkeiten seitdem hinzugekommen sind, was sich geändert hat und wohin die Reise geht.

CP: Die größte Änderung im laufenden Jahr war sicherlich die Unterstellung Ihres Bereiches unter das neue Kommando Cyber- und Informationsraum (CIR). Können Sie uns erläutern, was das im Einzelnen für Sie bedeutet hat?

Brunner: Geoinformationen sind essentieller Bestandteil des Informationsraums und bei der Bearbeitung des Cyberraums zu berücksichtigen. Das ZGeoBw ist dementsprechend dem Kommando CIR absolut sachgerecht unterstellt. Durch die unmittelbare Unterstellung ist die Einbeziehung in die Aufgabenbewältigung im Kommando CIR auf kurzem Weg verlustfrei möglich. Hinzu kommt, dass sich durch Abbildung der Aufgabe Geoinformationswesen (GeoInfoW) in der neuen Abteilung CIT im Verteidigungsministerium (BMVg) weitere Optionen des Handelns ergeben haben. Im Ergebnis wurden bereits mehrere neue Handlungsfelder identifiziert, die wir ab Anfang dieses Jahres beginnend in den nächsten Jahren bearbeiten werden. Aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Handlungsfeld ist die Konsolidierung der zur GeoInfo-Unterstützung erforderlichen IT-Anteile, z. B. in Form von Geoinfomations-Services.

Wir betreiben zur Zeit zwei sukzessive entwickelte und vielfach mit Fachpersonal des GeoInfoW betriebene größere Rechenzentren, eines in der Marine und eines hier im Hause. Daneben sorgen wir für die Verfügbarkeit querschnittlich genutzter Fach-IT und einsatzbezogener Fachsoftware.

Diese Bearbeitung von allgemeinen IT-Aufgaben durch GeoInfo-Fachkräfte ist m.E. nicht mehr zeitgemäß. Der Betrieb und die Administration der Rechenzentren könnte meines Erachtens durch die In-House-Firma im Verteidigungsbereich, die BWI, übernommen werden; die entsprechende Prüfung ist eines der o.a. Handlungsfelder. Daneben prüfen wir zurzeit mit der BWI, welche der Fachsysteme im Einsatz tatsächlich von uns betrieben werden müssen und welche von der BWI übernommen werden könnten, beides ganz im Sinne der Leitung des Ministeriums. Diese Untersuchungen laufen bis Ende 2018. Danach wird entschieden, ob und welche IT-Aufgaben die BWI als Dienstleiter übernehmen kann. Dazu wird nicht unbedingt die Satellitendatenempfangsanlage für Wettersatelliten gehören. Das wäre vermutlich zu exotisch. Aber die Fachausstattungen für die meteorologische und auch die der landeskundlichen GeoInfo-Beratung könnten durchaus dazu gehören. Für das Fachpersonal im GeoInfoW wäre dies eine große Erleichterung. Ein weiteres Handlungsfeld sind Maßnahmen hin zu einer arbeitsteiligen Europäisierung der GeoInfo-Unterstützung. Dazu kommen Fragen, wie die Nutzung von neuen Big Data-Analyseverfahren für die GeoInfo-Datengewinnung, die Optimierung der Onlineversorgung und die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit den Fachpartnern in den USA. Das sind einige dieser Handlungsfelder, die wir vorantreiben sollen bzw. schon angepackt haben. Für das Aufgabenprofil der GeoInfo-Unterstützung lässt sich bereits nach wenigen Monaten sagen, dass sich mit dem neuen Bereich Cyber- und Informationsraum ein wesentlicher Schritt der Optimierung von Fähigkeiten abzeichnet.

CP: Beim letzten Mal hatten Sie erwähnt: „Es gibt sicherlich noch das eine oder andere, das man durch Zentralisierung von Aufgaben verbessern könnte. Da geht es zum Beispiel um Simulation oder um zentrale Wetterberatung.“ Wie sieht da der Blick in die Zukunft aus?

Brunner: Bei der Nutzung von Geodaten im Bereich der Simulation, sogenannten Simulationsumweltdaten, wie auch bei unseren Big Data-Analysebestrebungen für die zentrale Wetterberatung werden Neuansätze verfolgt, die sich bis 2021 konkretisieren. Die Realisierung erfordert aber zunächst zusätzliche Ressourcen, die mit der Trendwende Personal kommen müssen.

Als weiteren Ansatz will ich die Flugwetterberatung erwähnen, die man unter Einbeziehung von europäischen Partnern in den nächsten 4 – 5 Jahren zentralisieren könnte. Als Partner in Frage kommen dabei z. B. die Niederländer, mit denen in anderen Bereichen, zum Beispiel im Heer, bereits ganz hervorragend zusammengearbeitet wird. Entsprechende Gesprächs-formate wurden bereits etabliert, bei denen u. a. eine tiefe Integration von meteorologischen Kapazitäten erörtert wird.

CP: Vor gut einem Monat hatten Sie das Kolloquium „Geofaktoren als Krisen und Konfliktpotenzial“ durchgeführt. Welche Schlussfolgerungen sind daraus für unsere Sicherheitspolitik zu ziehen und welchen Beitrag kann Ihr Zentrum dabei leisten?

LogoBrunner: Unsere Sicherheitspolitiker sind sich sehr wohl bewusst, dass Geofaktoren heftiges sicherheitspolitisches Krisenpotenzial in sich bergen können. Diese aufzuzeigen, um potenzielle, sicherheitspolitisch relevante Auswirkungen bewerten zu können, zählt zum Kompetenzbereich der GeoInfo-Kräfte. Beispiele sind der Klimawandel oder auch Aspekte der Migration, die wir bereits seit Jahren verfolgen. Weitere Themen, die immer mehr an Bedeutung gewinnen, sind die Trinkwassergewinnung und die Versorgung mit wirtschaftlich relevanten Schlüsselrohstoffen. Diese Geofaktoren bergen nicht selten heftige Konflikt- und Krisenpotenziale, die vorsorglich betrachtet werden können. Die Aufbereitung der Geofaktoren ist Sache der GeoInfo-Kräfte, die sicherheitspolitischen Schlussfolgerungen daraus müssen selbstverständlich von den zuständigen Stellen im BMVg gezogen werden.

CP: Wenn Sie das Potential heutiger Konflikte betrachten, ist die Frage, ob Sie schon alle notwendigen Fähigkeiten an Bord haben?

Brunner: Nein, erstens haben wir noch nicht alle Teilfähigkeiten, die wir dazu brauchen. Und zweitens haben wir weitere nicht im entsprechenden Umfang an Bord. Das Big Data Exploitation Center, welches wir hier im ZGeoBw einrichten werden, braucht eine Anzahl Geo-Analytiker. Sie werden sich der immensen Datenmengen z. B. aus dem Internet annehmen, um daraus in der analytischen Summe Mehrwerte in Form von aktuellen qualitätsgesicherten Geoinformationen zu erzeugen, die wir derzeit noch nicht in erforderlichem Umfang haben.

CP: Seit geraumer Zeit ist die Bundeswehr auch in Mali engagiert. Welche Lerneffekte haben sich daraus für den GeoInformationsdienst der Bundeswehr ergeben?

Brunner: Mali ist ein ganz herausforderndes Operationsgebiet. Das Staatsgebiet liegt überwiegend in der Wüste, so dass die Wasserversorgung des dort eingesetzten Kontingents eines der größten Probleme darstellt. Wir sind seit gut einem Jahr dabei, das Wasserversorgungskonzept für die Mali-Operation zu bearbeiten. Es war das erste Mal, dass uns für ein solches Projekt die Federführung übertragen wurde. Inzwischen sind dazu zwei Brunnenbohrungen abgetäuft, bei denen zusätzliches Wasser gefunden wurde. Bei der Identifizierung von nutzbaren Grundwasserreserven kam es in dieser Wüstenregion auch sehr darauf an, nicht die Desertifikation voranzutreiben. Die gelungene Bewältigung dieser Herausforderung zeigt mir, dass wir uns in der Vergangenheit mit Personal und Ausstattung richtig aufgestellt haben. Die Arbeiten sind ungeachtet dessen noch im Gange, da für das Aufspüren von weiteren Grundwasserhorizonten zusätzliche Bohrausstattungen benötigt und inzwischen auch beschafft wurden. Wir haben also aus diesem Auftrag auch eine ganze Menge für die Fähigkeitsentwicklung gelernt, da neben dem Standardportfolio der GeoInfo-Beratung von Einsatzkontingenten zu Fragen von Ethnien, der Landeskunde und des Flugwetters die GeoInfo-Beratung zur Wasserversorgung benötigt wurde.

CP: Als eine der Forschungseinrichtungen des Bundes hatten Sie eine Studie „Globale Umweltprobleme als Sicherheitsrisiko“ erarbeiten lassen. Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die deutsche Sicherheitspolitik und wurden diese Erkenntnisse abgefragt?

Unser Interviewpartner Brigadegeneral Roland Brunner, Kommandeur des Zentrums für Geoinformationswesen in Euskirchen. (Bild: Hans-Herbert Schulz)

Unser Interviewpartner Brigadegeneral Roland Brunner, Kommandeur des Zentrums für Geoinformationswesen in Euskirchen. (Bild: Hans-Herbert Schulz)

Brunner: Die Studie wurde 2014 erstellt. 2015 haben wir das erste europäische Geo-Info-Symposium mit dem Schwerpunkt Klimawandel und Katastrophen durchgeführt. Wir haben die Probleme des Klimawandels, der Naturkatastrophen, der Reaktion von Regierungen und von Hilfskräften heftig diskutiert, unter Beteiligung von Militärs und Zivilorganisationen aus europäischen Staaten und den USA. Ein zweites Beispiel ist das Weißbuch. Themen des ersten Symposiums waren Katastrophenhilfe, Migration und Klimawandel. Im Weißbuch sind exakt diese Geofaktoren auch genannt. Unsere Studien werden im Intranet der Bundeswehr eingestellt, so dass jeder innerhalb der Bundeswehr darauf zugreifen kann. Aber natürlich ist es nicht final quantifizierbar, wie intensiv die Studien genutzt werden bzw. ob sie dezidiert in Aktionen resultierten.

Im Nachgang des ersten europäischen GeoInfo-Symposiums wurden wir gedrängt, das Format fortzusetzen. Dem sind wir mit einem zweiten GeoInfo-Symposium dieses Jahr nachgekommen und werden das dritte Symposium der Reihe 2019 durchführen.

Das wird sich dann im Wesentlichen mit GeoInformation-Services beschäftigen, während sich das zweite mit dem Thema Big Data befasst hatte. Im Kern also mit der Frage, wie werden wir mit den Massendaten fertig, die uns absehbar überschwemmen. Nehmen Sie nur die Erdbeobachtungsatelliten neuester Generation, die in den vergangenen 12 Monaten gestartet wurden bzw. demnächst noch gestartet werden: In der Summe werden es mehrere hundert Mikro-Satelliten sein, die ihre Aufnahmen absehbar tagtäglich bereitstellen. Die Menge der Geoinformationen, die da auf uns zurollt, muss genutzt und bewältigt werden. Auch da sind wir mit internationalen Partnern in der Diskussion, wie wir bei diesen Erdbeobachtungsdaten Verantwortungsbereiche aufteilen und arbeitsteilig vorgehen können. Die Frage, wie mit den riesigen Datenmengen umzugehen ist, ist natürlich auch im Rahmen der o.a. IT-Konsolidierung zu betrachten. In der Summe sind es damit alles Themen, die wir ohne den neuen Kommandobereich CIR nicht so schnell voranbringen könnten. Die GeoInfo-Unterstützung, die nun im Gesamtkontext des Cyber- und Informationsraums bearbeitet wird, ist eine optimierte Fähigkeitshandhabung, die es vorher so nicht gab. Oder anders gesagt, versteht man heute unsere Anliegen im Cyber- und Informationsraum besser als früher; man trifft auf offene Ohren. Die GeoInfo-Unterstützung hat von der neuen Entwicklung profitiert. Ich hoffe, diese Entwicklung hält an.

CP: Ein schönes Schlusswort. Ganz herzlichen Dank, Herr Brunner, für dieses interessante Gespräch.

(Interview: Hans-Herbert Schulz)