Spätestens seit dem erneuten „Jahrhunderthochwasser“ im Sommer 2013 in Süd- und Ostdeutschland ist Fachleuten und Bevölkerung gleichermaßen bewusst, wie gefährlich und gravierend die Auswirkungen von Extremwetterlagen auf Menschen und Infrastruktur sind. Nach intensiven Regenfällen traten innerhalb kurzer Zeit Flüsse und ­Bäche über die Ufer und setzten große Flächen unter Wasser. Als Folge der Hochwasserkatastrophen mussten in den betroffenen Gebieten jedes Mal große Teile der Bevölkerung – auch aus Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen – unter sehr schwierigen Umständen evakuiert werden. Durch überschwemmte oder gar zerstörte Straßen war es kaum bis gar nicht möglich, diese Menschen zu versorgen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF Bund) bemängelte in einem Bericht über diese Hoch­wasser-Lagen die beschränkten Möglichkeiten von Einsatzfahrzeugen ohne Allradantrieb und ihre geringen Fähigkeiten, Wasserhindernisse zu durchqueren (Watfähigkeit). Auch wurde empfohlen, ein Verzeichnis von Sondergerätschaften aufzubauen. Folgerichtig galt es für die Johanniter, kreative Konzepte zu entwickeln, zu ertüchtigen und für den Einsatz in wetterbedingten Gefahrenlagen vorzuhalten.

Systematische Auf- und Ausrüstung

Auch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen bei den NRW-­Extremwettereinsätzen wie beispielsweise beim Münsterländer Schneechaos, bei dem Ende 2005 nach heftigsten Schneefällen Dutzende Ortschaften ohne Strom waren, der ÖPNV zusammenbrach und hunderte PKW-Fahrer auf den Straßen eingeschneit waren, haben die Johanniter in NRW systematisch in neue Fahrzeuge investiert, die allwettertauglich sind – darunter vier KTW auf Unimog-Basis mit je vier Tragen, einem RTW-Unimog, zwei GW-San auf Basis ehemaliger Rüstwagen, zwei LKW und ein GW-Tech auf Unimog-Basis, neun Ford Ranger und fünf Quads. Letztere dienen der Erkundung der Einsatzlage im Schadensgebiet.

Dieser Ressourcen-Aufbau mündet nun in der Konzeption und Gründung einer neuen Einsatzeinheit für Extremwetterlagen in NRW – denn die Fahrzeugausstattung der bestehenden Einsatz­einheiten wird dieser Aufgabe nicht vollumfänglich gerecht. Auch für die Hilfsorganisation sind immer häufiger Fahrzeuge notwendig, welche durch zerstörte und überschwemmte Gebiete fahren können, um vor Ort zu helfen.

Universelle Katastrophenschutzeinheit – UNIKE

UNIKE kann komplexe taktische Aufgaben in extremen Situationen übernehmen. (Bild: Marco Schauff-JUH)

UNIKE kann komplexe taktische Aufgaben in extremen Situationen übernehmen. (Bild: Marco Schauff-JUH)

Die „Universelle Katastrophenschutzeinheit – UNIKE“ der nordrhein-westfälischen Johanniter ist das Ergebnis einer langfristigen Strategie mit dem Ziel, freie organisationseigene Kräfte, Mittel und Fahrzeuge zu einem Mehrwert zu bündeln und autark in den Einsatz bringen zu können. UNIKE soll in der Lage sein, komplexe taktische Aufgaben in extremen Situationen wie Hochwasser- und Unwetterkatastrophen, aber auch Flugzeug- und Bahnunglücken zu übernehmen.

Die Zusammensetzung der Einheit baut auf das Konzept der Einsatzeinheiten Ministeriums des Innern in Nordrhein-Westfalen auf und ist mit Betreuungs- und Behandlungskapazitäten ausgestattet. Der Fokus liegt auf dem Einsatz im schweren Gelände. Bei Hochwasser und Starkregen kommt die Watfähigkeit der Fahrzeuge zum Tragen. Bei Schneelagen oder anderweitig gestörter Straßeninfrastruktur ist die UNIKE in der Lage, dank der durchgängigen Allradfähigkeit ihre Fortbewegung sicher zu stellen. Evakuierung, Rettung, Betreuung und Behandlung betroffener Personen stehen im Mittelpunkt der Einsatzkonzep­tion.

Ausstattung und Ergänzung aus der Luft

Die UNIKE ist in der Lage, mit großer Wattiefe (>650 – 750 mm) und mit Bodenfreiheit (>185 mm) bei zuschaltbarem Allradantrieb zu agieren; ferner können die Fahrzeuge auf Schnee und Eis zum Einsatz kommen. Sie kann aus schwerem Gelände Verletzte, Erkrankte und betroffene Personen retten, eine Verletztenablage einrichten oder direkt Transporte zu Behandlungsplätzen, Krankenhäusern oder sonstigen Aufnahmeeinrichtungen durchführen. Diese Ausbildung soll das Fahren im Gelände und den sicheren Umgang mit Bergematerial schulen. Die Fahrzeuge sind funkvernetzt und verfügen über modernste medizinische Ausstattung zur Erstversorgung. Eine beispielhafte Alarmierung könnte etwa einen Kommandowagen, GW-San, San.Kombi/NEF, KTW, RTW, drei Betr. Kombi, Betr. LKW und GW-Technik umfassen. Ergänzend kann im Übrigen der ­Btp200-NRW der Johanniter zur Betreuung von Betroffenen in den Einsatz gebracht werden.

Unterstützt werden kann die UNIKE durch den Einsatz einer Drohne, welche die Lageerkundung, Personensuche und Koordination gewährleisten kann. Der Einsatz von „Drohnen im Bevölkerungsschutz“ wird durch das Bundesministerium des ­Innern gefördert werden. Leichtes Gerät zur technischen Rettung steht ebenfalls zur Verfügung.

Die Fahrzeuge und Besatzungen der UNIKE kommen aus nahezu allen Regionalverbänden der Johanniter in Nordrhein-Westfalen. Sie sind nicht in andere Katastrophenschutzkonzepte des Landes oder des Bundes eingebunden und machen die Einheit leichter und unbürokratisch verfügbar.

Die NRW-Landesregierung, die Bezirksregierungen und die Kommunalverwaltungen können die Dienste der UNIKE per Meldung an die Melde- und Informationszentrale (MIZ) der ­Johanniter abrufen.

Erfolgreiche Großübung

Um die UNIKE unter realen Bedingungen mit den Schnittstellen aller beteiligten Komponenten von der Patientensuche bis zum Transport ins Krankenhaus zu beproben, fand im Oktober 2017 auf einem Truppenübungsgelände bei Köln eine Großübung statt. Das Szenario: 20 Outdoor-Sportler werden im schweren Gelände von einem heftigen Unwetter überrascht und müssen gefunden, medizinisch versorgt, gerettet und per bodengebundenen Rettungsmitteln und per Rettungstransporthubschrauber in Krankenhäuser transportiert werden. Unter der Leitung eines Einsatzleitwagens 2 kamen zum Einsatz: Drohnen, Suchtrupps, geländegängige Quads und Einsatzmotorräder (Kradmelder), Unimog-Rettungs- und Krankentransportwagen, Rettungs- bzw. Intensivtransporthubschrauber sowie ein Behandlungsplatz 50 und ein Betreuungsplatz 200 der Johanniter.

 

Richard Krings
Fachbereichsleiter Einsatzdienste
Dr. Tobias Eilers
Pressesprecher der Johanniter-Unfall-Hilfe
im Landesverband NRW.
E-Mail: richard.krings@johanniter.de
tobias.eilers@johanniter.de