Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) gilt heute als Versorgungsstandard: Dass mit Betroffenen von komplexen Gefahren- und Schadenslagen auch in psychosozialer Hinsicht angemessen umgegangen werden sollte, ist längst unumstritten. Allerdings ist die Hilfeleistung für spezielle Gruppen von Betroffenen bislang nur unzureichend erforscht. Obwohl Kinder und Jugendliche beispielsweise als besonders vulnerabel gelten, sind die in Deutschland etablierten Konzepte für den Umgang mit ihnen in und nach einer Notfallsituation kaum empirisch fundiert.

Forschungsstand

Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von notfallbetroffenen Kindern und Jugendlichen wurden in der Vergangenheit vielfach untersucht und in der Literatur ausführlich dokumentiert. Die am häufigsten untersuchten Folgen sind posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) beziehungsweise posttraumatische Stressreaktionen. Aber auch Ängste, Depressionen, ein erhöhter Substanzmissbrauch, Suizidgedanken und Verhaltensprobleme sind als psychische Ereignisfolgen bei Kindern und Jugendlichen empirisch belegt.

tab1Die Prävalenz der einzelnen Folgen variiert zwischen den verschiedenen Untersuchungen jedoch stark (Tab. 1). Ein nicht unbedeutender Teil der Kinder und Jugendlichen zeigt im Umgang mit Notfallsituationen außerdem eine bemerkenswerte Resilienz. Unterschiedliche Einflussfaktoren, wie das Verhalten der Eltern oder die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen die kindlichen Reaktionen und sollten deshalb in den entsprechenden Versorgungskonzepten berücksichtigt werden.

Dabei ist ein Forschungsdefizit in diesem Bereich besonders problematisch: Als eine untererforschte Gruppe von Betroffenen sind Kinder und Jugendliche gefährdet, in Notfallsituationen unterversorgt zu bleiben – und größere Unglücksfälle, von denen mehrere Kinder und Jugendliche betroffen sind, ereignen sich keineswegs selten (Tab. 2). Hier setzt das Forschungsprojekt „Kind und Katastrophe“ (KiKat) der MSH Medical School Hamburg an (Abb. 2).Angesichts der vorliegenden Erkenntnisse zu den insgesamt erheblichen psychischen Notfallfolgen ist die Notwendigkeit einer altersspezifisch differenzierten Psychischen Ersten Hilfe, psychosozialen Akuthilfe sowie von mittel- und langfristigen Versorgungsangeboten offensichtlich. Gleichwohl ist weitgehend ungeklärt, welche Maßnahmen tatsächlich hilfreich und im deutschen Bevölkerungsschutzsystem nachhaltig umsetzbar sind.

Das Projekt „Kind und Katastrophe“

 

Abb. 2: Das Akronym „KiKat“ steht für „Kind und Katastrophe“. (Bild: Prof. Dr. Karutz, Mülheim an der Ruhr)

Abb. 2: Das Akronym „KiKat“ steht für „Kind und Katastrophe“. (Bild: Prof. Dr. Karutz, Mülheim an der Ruhr)

Übergreifendes Ziel des vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bzw. vom Bundesinnenministerium geförderten KiKat-Projektes ist die systematische und zielgruppenspezifisch differenzierte Weiterentwicklung des Gesamtsystems der PSNV im Kontext von Großschadenslagen und Katastrophen (Abb. 3).

Im Rahmen des Projekts sind mehrere Status-Quo-Erhebungen (u. a. Befragungen von betroffenen Kindern und Jugendlichen, Auswertung von Einsatzkonzepten und Einsatzerfahrungen sowie Experteninterviews) geplant. Außerdem wird untersucht, ob und inwiefern soziale Medien bei der Bewältigung des Erlebten hilfreich sein könnten. Ausgehend von diesen Untersuchungen sollen schließlich Handlungsempfehlungen für Einsatzorganisationen, Bund und Länder abgeleitet werden.

Eine umfassende, systematische Literaturrecherche sowie erste Ergebnisse aus verschiedenen Teilstudien deuten bereits auf einzelne Aspekte hin, die bei der Weiterentwicklung der PSNV besonders beachtet werden sollten. Dazu gehört beispielsweise die Gestaltung von Schnittstellen und sogenannten „Brückenfunktionen“, die eine Weitervermittlung von Kindern und Jugendlichen aus der psychosozialen Akuthilfe in mittel- und längerfristige Versorgungssysteme ermöglichen.

Gerade hinsichtlich der psychotherapeutischen Versorgung von betroffenen Kindern und Jugendlichen zeigen sich bundesweit jedoch Defizite: So gibt es verhältnismäßig wenig Kinder- und Jugendpsychotherapeuten mit einer spezifischen traumatherapeutischen Weiterbildung, und die Wartezeit bis zum Beginn einer Therapie beträgt zum Teil mehrere Monate. Ungeklärte Finanzierungsfragen erschweren den Behandlungsbeginn zusätzlich.

Abb. 3: Schematische Strukturierung des Forschungsfeldes. (Bild: Prof. Dr. Karutz, Mülheim an der Ruhr)

Abb. 3: Schematische Strukturierung des Forschungsfeldes. (Bild: Prof. Dr. Karutz, Mülheim an der Ruhr)

tab2Ziel sollte daher die Etablierung eines umfassenden, systemischen Versorgungsansatzes sein, der zukünftig nicht nur psychosoziale Hilfen für die betroffenen Kinder beinhaltet, sondern auch Unterstützungs- und Beratungsangebote für die jeweiligen Familien und das gesamte soziale Umfeld. Vor diesem Hintergrund ist dringend eine bessere, bereichsübergreifende Vernetzung der beteiligten Akteure erforderlich. Dazu zählen beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen Einsatzorganisationen, psychosozialen Akuthelfern, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und niedergelassenen Therapeuten sowie insbesondere auch die Zusammenarbeit mit Erziehern, Lehrern und Sozialarbeitern in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen.

In Hinblick auf die Einsatztaktik in komplexen Gefahren- und Schadenslagen mit vielen betroffenen Kindern und Jugendlichen wird u. a. die Ergänzung von Alarm- und Ausrückeordnungen sowie die Einrichtung einer Elterninformation, einer telefonischen Hotline und spezieller Betreuungsstellen im Sinne von „child friendly spaces“ angeregt. Auch die Aus- und Fortbildung der involvierten Akteure für den Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen sollte intensiviert und in inhaltlicher wie auch methodischer Hinsicht optimiert werden. In den abschließenden Empfehlungen werden diese Aspekte ausführlich dargestellt. Das Forschungsprojekt wird zunächst aber noch bis September 2019 fortgeführt.

Fazit

Empirisch begründete Leitlinien für die psychosoziale Notfallversorgung von Kindern und Jugendlichen liegen bislang nicht vor. Das Projekt „Kind und Katastrophe“ trägt jedoch dazu bei, diese Forschungslücke zu schließen und die PSNV in Deutschland zielgruppenspezifisch weiterzuentwickeln. Für psychosoziale Akuthelfer, d. h. Notfallseelsorger und Mitglieder von Kriseninterventionsteams, aber auch für Helfer und Führungskräfte der verschiedenen Einsatzorganisationen sowie die Behörden auf Landes- und Bundesebene werden in absehbarer Zeit zahlreiche konkrete Handlungsempfehlungen vorgelegt.

Ann-Katrin Fegert, B.Sc.
Medical School Hamburg
Fakultät für Gesundheitswissenschaften

Forschungsprojekt „Kind und Katastrophe“ (KiKat)
unter der Leitung von Prof. Dr. Harald Karutz.
Am Kaiserkai 1
20457 Hamburg
E-Mail: Ann-katrin.fegert@medicalschool-hamburg.de