Montag, 19. Juni 2017. Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über die Landschaft an der Costa Verde, rund 90 km nördlich von Lissabon gelegen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Aber: Beim ersten Schritt auf den Balkon fallen die Ascheflocken auf, die die weißen Fliesen bedecken. Die hellen Autos sind mit einer Rußschicht überzogen, und ein penetranter Brandgeruch liegt über dem Städtchen S. Martinho do Porto, nur wenige Kilometer von Nazaré entfernt, an dessen Stand sich die weltbesten Surfer in den welthöchsten Wellen tummeln. Mein Anruf bei den Bombeiros Volontarios (B.V.), deren Wache gerade um die Ecke liegt: O que se passa? nós istamos arder! Bei uns brennt es nicht, ist die Antwort. Doch nur Minuten später ertönen die Sirenen. „Alarme“ ist die Devise. Und als sofort Radio und Fernsehen angeschaltet werden, ist die Nachricht erschütternd, macht sprachlos. Waldbrände in den Distrikten Coimbra und Leiria. Der Wind hat Rauch, Asche und den Brandgeruch etwa 90 bis 100 km an die Küste getragen. Und: Die ersten Opferzahlen lauten 40 Tote und Dutzende von Verletzten sprechen von der Sperrung der Nationalstraße EN 236 und von zahlreichen Menschen, die auf der Flucht in ihren Autos verbrannt sind.

Die endgültige Bilanz ergibt nach einer Woche 64 Tote und 200 Verletzte; im 100-Einwohner-Dorf Noderinho sind 11 Tote zu beklagen. Das jüngste Opfer, Bianca, gerade vier Jahre, die mit Mutter und Großmutter den Flammen zu entkommen versuchte. Sie verbrannten gemeinsam mit ihr.

Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa war schon in der Nacht zum Sonntag, nachdem die Brände offenbar durch einen Blitzschlag ausgelöst wurden, im Katastrophengebiet. Er, der Ministerpräsident António Costa und das Parlament sprechen vom schlimmsten Waldbrand in der Geschichte Portugals - am Mittwoch, dem 21. Juni verharrt das Land in einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer.

 Die Brandkatastrophe

Am Samstag, den 17. Juni 2017 war es, wie auf der gesamten iberischen Halbinsel, in Portugal und Spanien glühend heiß. Schon seit Wochen leiden Mensch und Tier unter einer Dürre- und Hitzewelle mit Temperaturen bis über 40 Grad. Selbst in der Nacht kühlt es nicht mehr ab. An diesem Samstagnachmittag gab es ein Trockengewitter. In einen der Eukalyptusbäume schlägt der Blitz ein und entfacht die Katastrophe. Eigentlich sind die Bewohner von Mittel- und Nordportugal Waldfeuer gewohnt. Aber dieses Mal war alles anders. Der starke Wind trieb die Glutwalze vor sich her und zudem sprangen Feuerbälle von Baumkrone zu Baumkrone.

Diese Abfolge war das Schicksal der in Autos Flüchtenden. Durch die Hitze und die Flammen fielen die elektronischen Systeme aus; die Türen und Fenster ließen sich nicht mehr öffnen. So starben 47 Menschen in ihren Kraftfahrzeugen – die EN 236 heißt seither in Portugal die „Todesstraße“.

Und als Ironie des Schicksals: Die alten Dörfer mit ihren Steinmauern und Dorfbrunnen boten mehr Schutz – diejenigen, die am Wohnort verblieben, haben mehrheitlich überlebt.

Zudem kam eine Diskussion auf – veranlasst durch den portugiesischen Feuerwehrverband – über die tatsächliche Brandursache. Denn, wie vielfach in Südeuropa, brennen Wälder durch Brandstiftung. Bezahlte, kriminelle Täter werden Auftragszündler.

Die Waldbrände in Portugal 2017 waren selbst vom Weltall aus gut sichtbar, hier eine NASA-Aufnahme vom 18 Juni. (Bild: Wiki Commons)

Die Waldbrände in Portugal 2017 waren selbst vom Weltall aus gut sichtbar, hier eine NASA-Aufnahme vom 18 Juni. (Bild: Wiki Commons)

Einher damit gingen Mängel im Kommunikationssystem bei Feuerwehren und Rettungskräften. Alarmierung und Koordinierung waren mangelhaft – Betroffene klagten, dass sie stundenlang keinen Feuerwehrmann gesehen hätten. (Insgesamt waren dennoch rund 2.000 Einsatzkräfte vor Ort). Und die eigenen Kontaktversuche funktionierten nicht, waren doch die Strommasten und die Telefonkabel ebenso verkohlt wie die Baumstümpfe.

Der staatliche Wetterdienst nannte als Grund für seine fehlende Vorhersage die fatale Kombination von starken Winden, den hohen Temperaturen und den ausgetrockneten Böden. Dieses Risiko sei nicht prognostizierbar gewesen.

Aber über eine Ursache sind sich alle einig: die mangelhafte Waldwirtschaft und die nur aus ökonomischen Gründen favorisierte Anpflanzung der Eukalyptusbäume. Viel zu enge Baumbestände, abgestorbenes Totholz, mangelnde Wege und zugewucherte Brandschneisen in Monokulturen werden seit Jahren als Gefahrenherd wahrgenommen – und nichts geschieht. Eukalyptus ist leicht entflammbar, seine Rinde und Äste fliegen wie Fackeln davon, die freigesetzten ätherischen Öle wirken als Brandbeschleuniger.

Portugal und die EU haben diesen Wirtschaftszweig gefördert, zählen doch die Papierfabriken zu den wichtigsten Exporteuren. Eukalyptus ist ein schnell wachsender und somit unerlässlicher Rohstoff – zugleich aber auch eine schwelende Lunte.

Dies hat auch das Parlament erkannt und über ein neues Waldgesetz debattiert. Es soll die Waldbesitzer zwingen, ihre Waldparzellen in einen ordnungsgemäßen Zustand zu versetzen. Und es wird erwogen, die Anpflanzung von Eukalyptus einzuschränken und wieder auf den traditionellen Mischwald aus Eichen und Kastanien zu setzen.

Wenn somit zu falschem Management auch der Klimawandel kommt, der das Ökosystem Wald aus dem Gleichgewicht bringt, dann steigt die Waldbrandgefahr signifikant an. Neben Temperaturanomalien – statt normale 15 – 20 Grad im Oktober nunmehr Tagestemperaturen bis zu 30 Grad – beschleunigen die fehlenden Niederschläge die Brandgefahr der trockenen Waldböden. Das erschreckende Fazit: Bis Ende September wurden 12.400 Brände gezählt, die fast 216.000 Hektar Wald zerstörten.

Hatte man in Portugal erwartet, dass die herbstlichen Niederschläge Entlastung für die gestressten Wälder bringen und ergänzend das sommerliche Inferno zeitnah zu effizienten Vorbeugungs- und Brandschutzmaßnahmen führe, so kam es Mitte Oktober erneut zu Waldbränden in Mittel- und Nordportugal. Auch die benachbarte spanische Region Galizien war stark betroffen; hier verfluchte der Regionalpräsident die Brandstifter.

In den portugiesischen Regionen Coimbra und Viseu sowie Castelo Branco und Guarda brannten große Waldflächen nieder. Auch hier waren wieder zahlreiche Todesopfer zu beklagen – unter den 36 Toten auch ein ein Monate alter Säugling.

Begünstigt wurde das ganze Dilemma durch wochenlange sommerliche Trockenheit; auch die Löschwasserteiche blieben leer. Der an Iberien vorbeiziehende Wirbelsturm „Ophelia“ entfachte durch seine Wärme zahlreiche Feuer. So wurden landesweit 440 Brände gezählt, davon 50 als Großfeuer eingestuft, was zur Evakuierung von mehr als 20 Dörfern führte.

Ministerpräsident António Costa rief den Notzustand für die betroffenen Regionen aus, schickte ein Hilfeersuchen an die EU und bat die benachbarten Staaten um Entsendung von Löschflugzeugen.

Erst der vom Atlantik heranziehende Regen half den Feuerwehren ab Anfang der Woche um den 16./17. Oktober bei den Löscharbeiten.

 Die Brandursachen

Die Folgen des Klimawandels – tropische Temperaturen und fehlende Niederschläge – sind als Naturphänomene ursächlich für dieses Desaster verantwortlich; so wenig wie im Sommer 2017 hat es seit 52 Jahren nicht mehr geregnet. Menschliches Missmanagement durch Monokulturen, vernachlässigte Wälder und nationale Egoismen verschärfen die Auswirkungen.

So streiten Portugal und Spanien um die Wasserentnahmen aus den beiden größten Flüssen Iberiens – Tajo/Tejo und Duero/Duoro. Spanien entnimmt im Oberlauf massiv Wasser für seine landwirtschaftlichen Sonderkulturen, was zu Wassermangel im (portugiesischen) Unterlauf führt. Die Talsperren sind halbleer; niedrige Wasserstände und Verdunstung sorgen für stinkende braune Brühe.

Zugleich aber geht die „Autoridade Nacional de Protecao Civil (ANPC)“ davon aus, dass in 95 Prozent aller Brände Menschenhand im Spiel ist. Der nationale Feuerwehrverband schätzt, dass drei Viertel der Brände absichtlich gelegt wurden. Die Polizei ermittelt. Beweise sind schwierig, dennoch gibt es ein Täterprofil: arbeitslose Männer zwischen 30 und 40, geringe oder keine Schulbildung, alleinstehend und oft Alkoholiker. Psychische Störungen, Frust, Rache sind weitere Elemente.

Brandstiftung ist auch in Spanien ein Thema. In Galizien brachen in der Umgebung mehrerer Städte zeitgleich Feuer aus. Warum die Brandstifter aktiv wurden, konnte die spanische Polizei nicht aufklären, da sich das Abfackeln von Grundstücken zur Baulandnutzung nicht mehr lohnt. Dennoch wurden im Oktober 10 Verdächtige festgenommen bzw. verhört.

Und ein ungeheuerlicher Verdacht beschäftigt Justiz und Parlamente in Portugal und Spanien. Zeitungen prägten dafür den Begriff „Das Feuerkartell“.

Portugal ist seit vielen Jahren von den zahlreichen Bränden betroffen und zumeist überfordert – keine eigenen Löschflugzeuge, daher Hilfeersuchen an die Nachbarn Frankreich, Italien und Spanien. Da diese oftmals von Flächenbränden auf dem eigenen Territorium betroffen sind, stehen die Flugzeuge nicht immer für nachbarschaftliche Einsätze bereit. Zudem gibt es zu wenige Löschflugzeuge und -hubschrauber. Was bleibt? Anmietung auf dem privaten Markt. Der soll sich untereinander abgesprochen, die Preise diktiert, die Kosten überhöht und so die Verträge schamlos manipuliert haben. Nicht einmal, sondern jahrelang; nicht mit sechsstelligen Zahlen, sondern in der Größenordnung von fast einer Milliarde Euro. Es wird ermittelt und untersucht. In Spanien hat der Oberste Gerichtshof die Ermittlungen übernommen und spricht von einer kriminellen Vereinigung. Sie besitzt Löschflugzeuge und -hubschrauber, Rettungshubschrauber und anderes Lufttransportgerät. Bis zu 12 Unternehmen sollen die Preise bei Aufträgen der öffentlichen Hand so erfolgreich manipuliert haben – geschätzter Schaden über 100 Millionen Euro -, dass die Machenschaften auf ganz Südeuropa und sogar nach Chile ausgedehnt wurden. Feuerteufel im Auftrag von privaten Brandschützern? Kaum vorstellbar. Und dennoch denkbar. Wer kennt nicht den frustrierten freiwilligen Feuerwehrmann, der den Schuppen anzündet, um seine Leistungsfähigkeit zu beweisen und Anerkennung zu erfahren. Hier ging es wohl um mehr: um viel, viel Geld!

Der Brand- und Katastrophenschutz

Für das Land zuständig ist die ANPC = National Authority for Civil Protection. Präsident Francisco Grave Pereira hat mit seinen Mitarbeitern die Großbrände analysiert, die Einsatzparameter aufgezeigt und somit die Kräfte zu Land und Luft gesteuert.

Fast minütlich aktualisierte der portugiesische Zivilschutz den Stand der Dinge. Im Juni 2017 brannten in Portugal 193 Feuer. 2940 Feuerwehrleute, 924 Löschfahrzeuge und 24 Flugzeuge waren im Einsatz.

Die Last der Einsätze bei Großschadenslagen tragen die Bombeiros Volontarios (B.V,). Das Land ist von einem dichten Netz an Wachen überzogen, die in den „Freguesias“ stationiert sind. Diese Gemeindeeinheit ist mit einer Verbands- oder Samtgemeinde in Deutschland vergleichbar. In jeder Wache sind Gerätewagen, Löschfahrzeuge, Rüstwagen und geländegängige Vorausfahrzeuge, aber ganz selten Drehleitern stationiert. Dazu kommen Kranken- und Rettungswagen, da die B.V. auch die Rettungsdienstaufgaben ausfüllen. Die Einsatzzentrale ist rund um die Uhr besetzt, so dass es neben den freiwilligen Helfern (Volontarios bedeutet nichts anderes als Freiwillige) wohl auch teilbeschäftigte Feuerwehrleute (Parttimer) gibt. Mitarbeiter im Rettungsdienst werden von INEM, dem nationalen Rettungsdienstinstitut, refinanziert.

Feuerwehrleute verbringen aus Solidarität und Kameradschaft ihre Freizeit häufig auf den Wachen – auch wenn sie dienstfrei haben. So sind die B.V. in den Gemeinden hoch angesehen, spielen im Gemeindeleben eine wichtige Rolle und beteiligen sich an allen Festivitäten aktiv, vor allem auch an kirchlichen Veranstaltungen. Ein Umzug ohne Feuerwehr – undenkbar!

In manchen größeren Gemeinden (also Städten, obwohl es diesen Rechtsstatus zum Vergleich mit Deutschland nicht gibt) existieren Bombeiros Municipais, also kommunale Feuerwehren.

In den beiden größten Städten des Landes Lissabon (1,8 Mio. Einw.) und Porto (600.000 Ew.) bestehen Berufsfeuerwehren. In Lissabon zum Beispiel genannt: „Regimento de Sapadores Bombeiros de Lisboa (RSB)“. Untergliederungen dieser Einheit sind Kompanien, z. B. „4. Companhia“. (Der Name und die Gliederung weist auf die Entstehung hin – eigentlich sind Sapadores militärische Pioniere).

Die Beschaffung der Ausrüstung erfolgt in einer Mischfinanzierung durch den Staat, die Stadt und einem eigenen Haushalt der Feuerwehr, der vielfach durch Spenden aufgefüllt wird.

Resumee

Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa besuchte eine der am schlimmsten betroffenen Gemeinden, Mação, in der Region Ribatejo im Herzen Portugals. Er sagte: „Was in diesem Jahr an einigen Orten geschehen ist, überschreitet an Dimension und Komplexität alles, was wir erwartet haben.“

Nach Zahlen des europäischen Waldbrandinformationssystems EFFIS waren im 1. Halbjahr 2017 gut 126 000 Hektar Wald verbrannt, etwa ein Drittel aller zerstörten Flächen in der EU. Zum Vergleich: In Deutschland brannten 57 Hektar, in Spanien 32 000, in Frankreich 13 000. Schlimmer noch: Bei den Feuern im Juni und Oktober kamen 100 Menschen ums Leben, rund 300 wurden verletzt, darunter viele Schwerstbrandverletzte.

Portugal weiß, spätestens seit den ähnlich katastrophalen Waldbrandjahren 2003 und 2005, wie wichtig die rechtzeitige Entdeckung neuer Brandherde ist und hat sein Frühwarnsystem zu verbessern versucht. Umso frustrierender ist nun die Erfahrung, dass es nicht gut genug ist. „Das Problem in Portugal sind nicht die fehlenden Mittel“, so António Louro, der für den Zivilschutz zuständige Gemeinderat von Mação, wo ein gewaltiges Feuer vor 14 Jahren den halben Waldbestand vernichtete und wo es in diesem Jahr wieder verheerend gebrannt hat. „Das Problem ist, die Mittel am richtigen Ort zur richtigen Zeit einzusetzen.“

„Die Antwort auf die Brände ist nicht ihre Bekämpfung, sondern die Pflege der Landschaft“, sagen die Umweltschutzverbände. Darin sind sich alle einig. Nur nicht darin, was Landschaftspflege konkret bedeutet. Portugals linke Regierung hat das Gesetz durchs Parlament gebracht, das die weitere Ausbreitung des Eukalyptus im Land unterbinden soll. Mehr als ein Viertel des portugiesischen Waldes besteht aus Eukalyptusbäumen, die einst aus Australien eingeführt wurden und im Falle eines Feuers wie Zunder brennen. Doch die „diskriminierende Behandlung“ des Eukalyptus durch den Gesetzgeber habe „keinerlei wissenschaftliche Basis“, sagt der große portugiesische Papierhersteller Navigator. Das Gesetz werde nur dazu führen, dass noch mehr Waldflächen von ihren Besitzern aufgegeben und nicht weiter gepflegt würden. Die Zersplitterung des Waldbesitzes und dessen mangelnde Pflege machen es dem Feuer – gleich welcher Brandursache – in Portugal leicht.

Quellen: Diário de Noticias, Público (Portugal), Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Rheinpfalz, Süddeutsche Zeitung (Deutschland); Berichte des ANPC

Dr. Horst Schöttler, Kaiserslautern/S. Martinho do Porto52