21.11.2022 •

Blackout-Simulation „Neustart“

Herbert Saurugg

Die Blackout-Simulation „Neustart“ im Einsatz.
Saurugg

Der Begriff „Blackout“ wird in der Öffentlichkeit mittler­weile häufiger verwendet. Sieht man etwas genauer hin, werden darunter sehr unterschiedliche Szenarien verstanden. Medien bezeichnen mittlerweile fast jeden Stromausfall als Blackout. Dabei haben die beiden Ereignisse nur wenig miteinander zu tun. Was ein europaweiter Strom-, ­Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall („Blackout“) wirklich bedeuten könnte, ist auch bei vielen Entscheidungsträgern noch nicht ausreichend angekommen. Daher beschränken sich viele Vorsorgemaßnahmen auf das Thema Notstromversorgung, was deutlich zu kurz greift und sogar eine Themenverfehlung darstellt. Dass es um deutlich mehr geht, vermittelt die Blackout-­Simulation „Neustart“, welche speziell für den Einsatz in Gemeinden und Krisenstäben entwickelt wurde.

Seit Jahren steigt das Risiko für einen großflächigen, überregionalen Strom- und damit Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall, auch wenn gerne Gegenteiliges behauptet wird. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage weiter verschärft und wird dies auch noch in den nächsten Monaten tun. Dafür gibt es vielschichtige Gründe, was meist kaum wahrgenommen oder allenfalls auf wenige Aspekte reduziert wird. Besonders kritisch ist die drohende Gasmangellage, welche zwangsweise zu einer Strommangellage und im schlimmsten Fall zu einem Blackout führen könnte. Daneben gibt es noch weitere Faktoren, die zu einer Eskalation beitragen: Etwa, dass derzeit viele europäische Flüsse Niedrigwasser führen, womit zunehmend weniger Strom aus Wasserkraftwerken produziert werden kann. In Norditalien ist die Produktion bereits zum Stillstand gekommen. Im Sommer hat die steigende Wassertemperatur dazu geführt, dass kalorische Kraftwerke wie französische Kernkraftwerke nur mehr eingeschränkt gekühlt werden konnten. Die Stromproduktion musste reduziert werden. Seit Jahresbeginn 2022 musste aus Sicherheitsgründen fast die Hälfte der französischen Kernkraftwerke vom Netz genommen werden. Derzeit ist unklar, bis wann diese wieder verfügbar sein werden. Diese Unsicherheit spiegelt sich bereits im Strompreis für das vierte Quartal 2022 wider, wo die Megawattstunde (MWh) mit bis zu 1.800 EUR gehandelt wird. Vor einem Jahr kostete diese noch 50 bis 100 EUR. Die finanziellen Folgen sind das eine. Viel problematischer ist die steigende Belastung für das Stromversorgungssystem. Denn nicht vorhandene Strommengen oder fehlende Leitungskapazitäten können durch nichts ersetzt werden. Auch die permanenten kurzfristigen Planänderungen bei der deutschen Energiewende erhöhen das ­Störungsrisiko. Der fehlende Netzausbau, fehlende Speicher, die Abschaltung oder doch wieder Einschaltung der letzten Kernkraftwerke, oder die kurzfristige Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken sind Maßnahmen, die in einem System, wo permanent die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch ausgeglichen sein muss, zu gefährlichen Nebenwirkungen führen können. Auf Papier kann rasch etwas geändert werden, oder sich rechnerisch ausgehen. Die Realität folgt jedoch häufig anderen Regeln und die Physik lässt nicht mit sich verhandeln. Für den kommenden Winter ist besonders kritisch, dass die bisherigen Exportländer Frankreich und Deutschland nun selbst zu Importeuren werden. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe von Faktoren, die seit Jahren die Fragilität und damit Störungsan­fälligkeit des europäischen Verbundsystems erhöhen.

Sollte es nur zu einer großflächigen Gas- und damit zwangsläufig zu einer Strommangellage kommen, wo stundenweise ganze Regionen stromlos geschaltet werden müssen, wären die Auswirkungen genauso katastrophal, da weder die Infrastrukturen noch die Gesellschaft auf die zu erwartenden Schäden und ­Folgewirkungen vorbereitet sind. Warnungen gibt es schon lange. So hat etwa bereits 2010 das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag vor den verheerenden Folgen eines großflächigen Stromausfalls gewarnt. Auch die LÜKEX 2018 – Gasmangellage in Süddeutschland – hat gezeigt, dass in Folge einer solchen mit massivsten Problemen bei der Grundversorgung zu rechnen ist. Die Abhängigkeiten im Bereich der Energie- und IT-Versorgung haben inzwischen noch deutlich zugenommen und gleichzeitig hat der Vorsorgegrad in der Gesellschaft abgenommen. Hinzu kommt, dass wir nun nicht mehr von Einzel-, sondern kumulierenden Ereignissen sprechen, die sich wechselseitig beeinflussen und verstärken. Und das in einer Dimension, wie sich das bisher kaum jemand vorstellen konnte oder wollte.

Daher werden diese Szenarien häufig unterschätzt und zum Teil auch heruntergespielt, da die tatsächliche Tragweite kaum bewusst ist oder verstanden wird. Aussagen, wie „2-3 Tage Vorsorge reichen völlig aus“ verkennen die Realität eines Lieferkettenkollapses, wie er nach einem großflächigen Stromausfall oder in Folge einer Gas- und Strommangellage zu erwarten ist. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, welche schwerwiegenden Störungen durch Einzelereignisse in den Lieferketten ausgelöst werden können. Bei einer großflächigen Energiemangellage oder sogar einem Ausfall wäre mit deutlich mehr Folgewirkungen zu rechnen.

Daher ist es erfreulich, dass inzwischen immer mehr Kommunen das Thema Blackout-Vorsorge aufgreifen. Jedoch greifen die Überlegungen dabei noch viel zu kurz, da es hauptsächlich um die Beschaffung von Notstromaggregaten geht. Häufig wird der Ausfall der Telekommunikationsversorgung unterschätzt, welcher deutlich länger als der Stromausfall dauern wird. Eine erfolgreiche Krisenbewältigung wird damit fast unmöglich, da ohne Telekommunikation kaum eine Koordination möglich sein wird.

Besonders kritisch ist dabei die mangelhafte Eigenversorgungsfähigkeit der Bevölkerung und damit auch des Personals, da niemand Millionen Menschen bei einer gleichzeitigen eigenen Betroffenheit notversorgen kann, gefolgt von einer unzureichenden Infrastrukturversorgung im kommunalen Bereich: Funktioniert die Wasserversorgung nicht, wie das in Deutschland häufig zu erwarten ist, ist eine Krisenbewältigung kaum mehr möglich. Und so greifen viele Dinge ineinander, die uns im Alltag selten bewusst sind.

Wie kann man sich jetzt auf ein solches Szenario vorbereiten oder dieses sogar üben?

Diese Frage haben sich Till Meyer, Entwickler von didaktischen Spielen („Serious Games“), sowie Herbert Saurugg, internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte, gestellt und daraus die Blackout-Simulation „Neustart“ entwickelt. Mit ihr steht jetzt ein wertvolles Werkzeug zur Verfügung, mit dem die Tragweite eines Blackouts vermittelt sowie die Krisenbewältigung simuliert und trainiert werden kann. Das unverzichtbare Zusammenspiel und die Kooperation unterschiedlicher Akteure, inklusive der Bevölkerung, wird bewusst gemacht. Die eigenen Vorsorgemaßnahmen können viel zielgerichteter getroffen werden. Neustart ist daher nicht nur für kommunale Krisenstäbe sehr nützlich, sondern auch für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben oder Unternehmen und Bildungseinrichtungen, da es nicht nur um eine Krisensituation, sondern ganz generell um „vernetztes Denken“ geht und das damit trainiert werden kann.

Mit Serious Games lassen sich komplexe Problemstellungen und Lösungen anschaulich und simulativ darstellen und somit Handlungsoptionen erproben und erleben. Insbesondere bei der Behandlung von komplexen Themen, wie einem Blackout, sind die Potenziale didaktischer Spiele in ihrer Effizienz und Effektivität kaum zu überbieten.

Am Beispiel einer Kleinstadt müssen vielschichtige Ereignisse und Aufgaben als Folge eines Blackouts bewältigt werden. Dabei werden besonders die Abhängigkeiten in unserer für selbstverständlich hingenommenen Versorgungslogistik vermittelt. Oder, wie falsche Entscheidungen schnell ins Chaos führen, aber auch, wie eine gute Vorbereitung ein solch kaum vorstellbares Ereignis bewältigbar machen.

Es gibt fünf Akteure (Verwaltung/Bürgermeister, Feuerwehr, Polizei, Rettung sowie den Bauhof), die gemeinsam eine Vielzahl von Ereignissen bewältigen und die Grundversorgung der Bevölkerung aufrechterhalten müssen. Ihnen stehen dafür jeweils drei Teams zur Verfügung, die sie einsetzen können. Während einer Tag- und Nachtphase müssen mehrere Ereignisse abgearbeitet werden, wo die unterschiedlichen Kompetenzen und Fähigkeiten der Teams zu koordinieren sind. Hinzu kommt ab dem zweiten Tag eine Zeitbeschränkung für die Entscheidungen, um auch hier eine Realitätsnähe zu simulieren. Die beste Entscheidung ist wertlos, wenn sie zu spät kommt. Mit der Fortdauer der Krise tritt auch eine Erschöpfung ein und die Teams benötigen eine Erholungspause, womit sie nicht mehr für Einsätze zur Verfügung stehen. Auch das muss koordiniert werden, damit dann nicht alle gleichzeitig erschöpft sind.

Die Bewältigung der Krise erfordert neben einer effizienten Kommunikation und Entscheidungsstruktur auch eine laufende Lagebeurteilung und Rationierung der vorhandenen Ressourcen, denn es ist wie im wirklichen Leben nicht bekannt, wie lange der Stromausfall dauern wird. Je nach Würfelglück wird die Wiederherstellung der Stromversorgung zwischen dem vierten und siebenten Tag gelingen. Damit die Krisenbewältigung wirklich gelingt, muss die Bevölkerung aktiv in die Bewältigung eingebunden werden, was in der Realität gerne vernachlässigt wird.

Die Phase 2 eines Blackouts, also die Zeit nach dem Stromausfall bis auch die Telekommunikationsversorgung (Handy, Festnetz und Internet) wieder funktioniert, konnte aus spieltechnischen Gründen nicht abgebildet werden. Diese Phase ist jedoch in der Realität sehr kritisch und wird auch häufig bei den Vorbereitungen unterschätzt. Denn erst danach kann eine Produktion, Warenverteilung und Treibstoffversorgung wieder umfassender beginnen. Bis dahin haben aber bereits sehr viele Menschen nichts mehr zu essen und kommen nicht in die Arbeit, um die Produktion wieder hochzufahren, weil sie zu Hause mit der Krisenbewältigung beschäftigt sind. Damit beginnt ein Teufelskreis, der dann nur mehr schwer durchbrochen werden kann. Viele erwartbare Ereignisse der Phase 2 können jedoch auch durch eine längere Stromausfalldauer dargestellt werden.

Wie im wirklichen Leben müssen sich die Akteure auch um die Stimmung in der Bevölkerung kümmern. Ohne die Mithilfe und Solidarität der Bevölkerung wird die Krise nicht zu bewältigen sein. Das bedeutet, dass neben den dringenden Aufgaben auch immer darauf geachtet werden muss, die Menschen zu informieren, um etwa unpopuläre Maßnahmen nachvollziehbar zu machen oder um eine Selbsthilfe zu mobilisieren. Gerade jüngste Ereignisse haben wieder gezeigt, dass auf eine umfassende, transparente und ehrliche Sicherheits- und Krisenkommunikation gerne vergessen wird. Das kann schon bei gewöhnlichen Ereignissen zu unnötigen Eskalationen führen. Bei einem Blackout, wo auch keine alternativen Nachrichtenquellen zur Verfügung stehen, kann das noch schneller passieren. Allerdings können durch das Fehlen dieser Medien auch keine Gerüchte verbreitet werden. Zumindest nicht in der Phase 1 und 2. Daher ist damit zu rechnen, dass es danach noch zu einer massiven Kommunikationskrise kommen wird, wenn es nämlich um die Aufarbeitung der Ereignisse geht.

Neustart vermittelt nicht nur, welche Bandbreite an Aufgaben bei einem Blackout auf die Krisenstäbe und Einsatzorganisationen zukommen werden, sondern auch, dass eine solche Krise nur kooperativ und nicht ohne Schäden und Verluste bewältigbar ist. Die zwangsläufige Notwendigkeit, priorisieren und rationieren zu müssen, ist ebenfalls ein Lernziel.

Mit dem modularen Aufbau können einfache und schwierige Szenarien dargestellt werden. Bei jedem Durchgang kann eine andere Ausgangslage oder Schwierigkeit dargestellt werden. Damit können auch unterschiedliche Strategien und Zielsetzungen getestet werden. Zudem ist eine strukturelle Nachbildung der eigenen Gemeinde möglich, was den Realitätsbezug erhöht.

Der Einstieg in die Simulation ist herausfordernd, da viele Dinge gleichzeitig erfasst werden müssen. Genauso wie in einer echten Krise, wo sich die Akteure auch erst einen Überblick verschaffen und mit unzureichenden Informationen oder einer Informationsflut zurechtkommen müssen. Neustart adressiert daher viele Aspekte einer realen Krisenbewältigung, die sonst nur zeit- und ressourcenaufwendig geübt werden können. Neustart wurde so konzipiert, dass die Simulation auch ohne Expertenbegleitung angewendet werden kann. Mit einem erfahrenen Spielleiter und Moderator kann der Lerneffekt jedoch erhöht werden. Insbesondere, wenn es um die Herstellung von Realitätsbezügen geht.

Die Simulation ermöglicht das Training von Fachpersonal. Sie enthält zusätzlich ein Handbuch, in dem zwischen den Ereignissen und der Praxis sehr konkrete Bezüge hergestellt und Praxistipps vermittelt werden. Zusätzlich ist ein Zugang zu einem Online-­Forum für den Austausch mit den Entwicklern und anderen professionellen Anwendern inkludiert.

Auch, wenn ein großes Interesse bei Kommunen sowie Einsatz- und Hilfsorganisationen im D-A-CH-Raum erwartet wurde, hat die bisherige Resonanz auf Neustart doch überrascht und die Erstauflage von 1.000 Stück ist nach einem halben Jahr bereits fast vergriffen. Daher wird bereits die zweite Auflage vorbereitet.

Besonders erfreulich ist, dass es bereits viele positive Rückmeldungen aus dem professionellen Bereich gibt. Auch wenn es sich um ein sehr ernstes Thema handelt, kommt der Spaßfaktor nicht zu kurz, womit das Teambuilding unterstützt wird, was besonders bei professionellen Krisenstäben ein wichtiger Faktor ist, um im Krisenfall gut zusammenwirken zu können.


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