04.11.2021 •

Blackout-Vorsorge: Der Teufel steckt im Detail

Herbert Saurugg

Wie so oft hat sich bei einer Übung des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH) wieder einmal die Redewendung „Der Teufel steckt im Detail“ betätigt. Der Kommandant des Gardebataillons hat schon an verschiedenen Planspielen rund um das Thema Blackout teilgenommen. Nun wollte er aber wissen, was sich tatsächlich abspielt, wenn der Strom einmal länger aus ist. Dazu ordnete er eine mehrtägige „Blackout-Übung“ für seinen Verband an.

Mehrere Verbandsgebäude wurden stromlos geschaltet. Aufgrund der Vorerfahrungen nach einem lokalen Stromausfall, wo es bei der Fluchtwegbeleuchtung zur Tiefentladung der Akkus und zu einem Totalschaden kam, wurde dieser Bereich vorsorglich nicht abgeschaltet. Laut Hersteller dürfte das nicht passieren, weil eine Sicherheitsabschaltung eine Tiefentladung verhindern sollte. Die Realität war eine andere. Nachdem die Brandmeldeanlage nach der Stromabschaltung einen Dauerton auslöste, wurde diese vorsorglich wieder in Betrieb genommen.

Daher muss nach einem längeren Stromausfall mit erheblichen Schäden an Sicherheitseinrichtungen gerechnet werden, was sich auch auf die Wiederherstellungszeit auswirken wird. Es werden weder die Dienstleister noch die erforderlichen Ersatzteile zur Verfügung stehen. Ein zentraler Aspekt, der für den Wiederanlauf nach einem Blackout massiv unterschätzt wird.

Heizung

Ebenfalls wurde auf die Abschaltung der Heizung verzichtet, auch wenn dies eine wichtige Übungserfahrung gewesen wäre. Aufgrund von Vorgesprächen war bekannt, dass eine Teilabschaltung der mit anderen Verbänden genutzten Liegenschaft zu Schäden geführt hätte. Eine wichtige Erfahrung in der Vorbereitung:

 „Vor Übungen gibt es viel über die Infrastruktur und deren Zusammenhänge zu bedenken, um nicht unnötige Schäden zu provozieren.“

Wasser

Schwerwiegender war die Erfahrung, dass die modernisierten Duschen, Wasserhähne und Pissoir-Spülungen mit berührungslosen Armaturen nicht mehr funktionierten. Ein wichtiges hygienisches Detail insbesondere in Zeiten von COVID-19. Ohne Strom kein Wasser! Auf so etwas stößt man nur in einer realen Übung und würde in einem Planspiel vermutlich nicht beachtet werden.

Diese Erkenntnis hat weitreichende Auswirkungen auf viele Sanitäreinrichtungen im Zivilen wie Hotels, Bürogebäuden, Raststätten etc. In Neubauten werden in der Regel berührungslose Armaturen mit Netzanschluss verbaut. Bei Sanierungen kommen, wenn keine Steckdose vorhanden ist, batteriegepufferte Systeme zum Einsatz, berichten Hersteller. Daher immer wieder die Warnung vor Aussagen wie, „die Wasserversorgung funktioniert“.

Der Teufel steckt im Detail und für die betroffenen Menschen ist es irrelevant, ob die Hauptwasserleitung funktioniert, wenn beim Wasserhahn kein Wasser herauskommt. Egal, ob durch eine berührungslose Armatur, eine private Drucksteigerungsanlage oder durch zu wenig Druck in den oberen Geschossen. Daher ist eine Trinkwasserbevorratung unbedingt zu empfehlen.

Wie sich mittlerweile immer wieder zeigt, ist in vielen deutschen Orten und Städten die Trinkwasserversorgung bei einem Blackout nicht gesichert. Was das bedeuten könnte, wenn in urbanen Räumen zeitnah die WC-Spülung nicht mehr funktioniert, kann sich wohl kaum jemand vorstellen.

Ohne Strom flösse an vielen Waschbecken kein Wasser mehr.
Ohne Strom flösse an vielen Waschbecken kein Wasser mehr.
Quelle: Pixabay, Martin Slavoljubovski

Abwasser

Auch das Thema der privaten Abwasser-Hebeanlagen sollte stärker thematisiert werden, da es allein in Österreich rund 200.000 Stück davon geben soll. In Deutschland wohl noch deutlich mehr. Das bedeutet, dass wohl viele Keller oder Erdgeschosswohnungen mit Schmutzwässern überflutet werden, wenn man nicht vorsorgt. Auch da hilft es wenig, dass der öffentliche Kanal funktioniert. Die betroffenen Menschen haben ein Problem.

Elektronische Zutrittssysteme

Eine weitere Erfahrung war, dass elektronische Schließsysteme und alarmgesicherte Einrichtungen bei Stromausfall verriegeln und ein Zutritt oder der Zugriff auf wichtige Ressourcen oft nicht mehr möglich ist. Klingt banal. Aber wie oft wird wirklich daran gedacht und eine Umgehungsmöglichkeit vorgesehen? Wenn keine Ersatzmöglichkeiten vorgesehen sind oder nicht getestet wurden, wird man im Anlassfall mit Sicherheit eine böse Überraschung erleben. Hand aufs Herz, wie sieht das in ihren Bereichen aus?

Auch so manche Feuerwehr kann von nicht so positiven Übungserfahrungen berichten. Etwa, wo beim Testen der manuellen Toröffnung zu viel Schwung aufgebracht wurde und dann das gesamte Rolltor auf dem Feuerwehrfahrzeug gelandet ist. Bei der Übung ist das noch glimpflich ausgegangen. Vor einem wirklichen Einsatz könnte das fatale Folgen haben.

Notstromaggregat

Eine bittere Erfahrung war auch, dass fünf von sechs Kleinnotstromaggregaten binnen der ersten 12 Stunden Notstrombetrieb ausfielen und in der Werkstätte wieder instandgesetzt werden mussten. Auch hier ist davon auszugehen, dass das nicht nur beim Bundesheer passieren wird, wo die Geräte doch regelmäßig gewartet werden.

In Berlin-Köpenick versagte beim 31-stündigen Stromausfall im Februar 2019 das Notstromaggregat des Krankenhauses bereits nach sieben Stunden. Schuld war ein Elektronikbauteil. Das Gerät war gerade einmal zehn Jahre alt und wurde regelmäßig getestet. Ein anderes mobiles Notstromaggregat, das bei der Abwasserentsorgung eingesetzt wurde, brannte ab. Leider gibt es noch viel mehr Beispiele, bei denen Notstromeinrichtungen versagten. Gerade bei einem längeren Einsatz während eines Blackouts werden das keine Einzelfälle bleiben.

Bei Neubeschaffungen von Notstromaggregaten kommen durch die Emissionsvorgaben (Stufe V) noch weitere Aspekte hinzu. Diese Generatoren müssen mit 75 bis 95 Prozent Leistungsabnahme betrieben werden, da ansonsten die Abgasreinigung nicht friktionsfrei funktioniert und die Anlagen automatisch abschalten. Offensichtlich sitzen im Normierungsgremium Leute, die keine Erfahrungen im Krisenbetrieb haben.

Daher auch immer wieder die Aufforderung: Auch, wenn es eine geplante Absicherung gibt, muss es in kritischen Bereichen, wie etwa bei der Wasserversorgung, auch einen Plan C geben. Was ist zu tun, wenn der Plan B versagt. Während eines Blackouts werden nur schwer Ersatzmöglichkeiten organisiert werden können, da nur wenige Kommunikationskanäle und kaum Ressourcen zur Verfügung stehen werden. Es wird nicht möglich sein, einfach zum Hörer zu greifen oder eine E-Mail zu schreiben, wie man das in anderen Krisenlagen gewohnt ist.

Treibstoff

Negative Erfahrungen gibt es auch bei der Treibstofflagerung. 2014 wurde in Deutschland eine Studie durchgeführt, wo die Qualität von Treibstoffen für Notstromeinrichtungen getestet wurde. Die Erkenntnis: Fast 60 Prozent des Treibstoffbestandes war unbrauchbar, da Treibstoff altert und Bio-Diesel nach mehreren Monaten ausflockt. Eine andere häufige Erfahrung ist, dass Treibstofftanks selten voll sind. Die Differenz ist oft gravierend. Das bedeutet, in der Planung wird der maximale Tankinhalt und nicht die reale Situation berücksichtigt. Um Kosten zu sparen und um gleich größere Mengen einkaufen zu können, wird der Tank so weit als möglich entleert, bevor er wieder befüllt wird. Zum falschen Zeitpunkt erlebt man dann eine böse Überraschung. Daher sollte nicht das theoretisch verfügbare Fassungsvermögen, sondern der minimale Betriebsmittelstand für die Planungen herangezogen werden. Fahrzeuge sollten möglichst immer aufgetankt oder zumindest halb voll abgestellt werden, um damit noch jederzeit einen Handlungsspielraum zu haben. Das ist bei Einsatzorganisationen durchaus üblich. Aber in anderen Bereichen?

Was auch gerne übersehen wird, ist, dass viele Kleinnotstromaggregate mit Superbenzin betrieben wird, wo selten eine längere Treibstoffreserve vorgehalten wird.

IT-Komponenten

Besonders gravierend sind potenzielle Hardwareschäden an Netzteilen oder sonstigen IT-Komponenten durch Kurzausfälle oder Spannungsschwankungen. Vor allem, wenn diese permanent in Betrieb sind, also im Infrastrukturbetrieb. Hier gibt es zahlreiche Erfahrungen, wo bis zu 30 Prozent Hardwareschäden aufgetreten sind, was bei einem Blackout zu einer sehr schwerwiegenden Folgekrise führen könnte. Denn ohne IT und Telekommunikation funktioniert so gut wie gar nichts. Und die Kette ist bekanntlich so stark wie ihr schwächstes Glied. Erwartbare, schwerwiegende Ausfälle und Störungen im Telekommunikationssektor könnten den Wiederanlauf der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern erheblich verzögern und sogar gefährden. Denn ohne Synchronisation gibt es weder eine Produktion noch Warenverteilung, nicht einmal eine Treibstoffversorgung.

In einer Gemeinde hat eine wichtige Netzwerkkomponente die Konfiguration durch einen Stromausfall verloren. Die Telefonanlage und das Computernetzwerk funktionierten nicht mehr. Auch bei der Übung des ÖBH wurde festgestellt, dass Netzwerkdrucker, wenn diese offline verwendet wurden, nur mehr mit IT-Fachpersonal und entsprechendem Zeitaufwand wieder ins Netzwerk eingebunden werden konnten.

Krankenhaus

Eine andere Erfahrung stammt aus einem größeren Krankenhaus, wo man sich in einer Ersteinschätzung sicher war, dass man auf einen Blackout vorbereitet sei, weil man fast das ganze Haus 72 Stunden mit Notstrom versorgen kann. Das ist eine Ausnahme, da nur eine 24-stündige Notstromversorgung vorgeschrieben ist. Zusätzlich werden oft nur die wichtigsten Einrichtungen notstromversorgt. Besonders bitter war die Erkenntnis, dass bereits am zweiten Tag keine gewohnten Operationen mehr hätten durchgeführt werden können. Im Zuge einer Detailanalyse zeigte sich nämlich, dass betriebswichtige Güter täglich angeliefert werden. Die Lagerhaltung wurde in den letzten Jahren fast überall heruntergefahren. Noch kritischer war dann die Erkenntnis, dass auch bei überlebenswichtigen Infusionen kein ausreichender Puffer mehr zur Verfügung steht, um eine zweiwöchige Notversorgung aufrechterhalten zu können. Die Eigenherstellung musste aus Kostengründen vor Jahren eingestellt werden. Nun ist man auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Als Sofortmaßnahme werden nun die Kapazitäten aufgestockt, um zumindest eine zweiwöchige autarke Notversorgung aufrechterhalten zu können. Das betrifft auch die Versorgung mit Lebensmitteln. Diese sind heute auch in Gesundheitseinrichtungen oft nur für wenige Tage vorrätig.

In einem anderen Krankenhaus war man sich ob der zweifachen Anbindung an das Wassernetz sicher, dass diese auch im Blackout-Fall funktionieren würde. Eine Nachprüfung ergab jedoch, dass beide Anbindungen vom selben Hochbehälter gespeist werden. Der Hochbehälter wiederum wird von einer Pumpe gespeist, wo es bisher keine Notstromversorgung gibt. Eine fatale Erkenntnis. Zum Glück noch rechtzeitig, um etwas daran zu ändern.

Resümee

Diese wenigen Beispiele sollen verdeutlichen, wie wichtig eine ganzheitliche Blackout-Vorsorge ist. Und auch wenn alles gemacht und vorbereitet wird, bleiben viele Unsicherheiten bestehen, da die gesamte Komplexität und die vielschichtigen wechselseitigen Abhängigkeiten nur selten erfasst werden können.

Daher wird nun in diesem Spital bei einem Blackout nur mehr eine absolute Notversorgung aufrechterhalten, um unerwarteten Problemen und Ausfällen vorzubeugen. Vor allem auch, um Ressourcen zu sparen, da nicht absehbar ist, wie lange die Lieferunterbrechungen andauern werden. Damit kann man, wenn die Ressourcenlage es wieder zulässt, wesentlich rascher und geordneter einen Normalbetrieb wiederherstellen. Diese Einsicht muss aber in vielen Bereichen erst gewonnen werden.

Für den Kommandanten des Gardebataillons hat sich einmal mehr bestätigt, dass nur das funktionieren wird, was man geübt und überprüft hat. Positiv war zum Beispiel, dass die eigene Tankstelle noch über eine Handpumpe verfügt und daher auch ein Tanken ohne Strom möglich ist. Der erhobene Bedarf an Notstromaggregaten und Heizkanonen wird das Bundesheer wohl noch länger beschäftigen, da dieser nicht nur diesen Verband betrifft. Erfreulich ist zumindest, dass dafür ab 2021 ein konkretes Budget vorgesehen ist. Bis wieder alle Verbände des Bundesheeres für zumindest zwei Wochen autark sind, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Aber gerade deshalb war die Übung auch für das Bundesheer ein Erfolg, weil sie die tatsächlichen Lücken aufgezeigt hat.

Leider werden solche Lernerfahrungen heute nicht immer goutiert, wie etwa der deutsche Warntag 2020 gezeigt hat. Noch dazu hat mittlerweile die Realität die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte sichtbar gemacht. Aber anstatt das Problem ganzheitlich zu adressieren, dreht sich fast alles nur um die technischen Probleme. Dabei ist das viel größere Problem, dass offensichtlich viele Menschen nicht mehr wissen, was sie mit einem solchen technischen Alarm anfangen sollen. Das ist auch auf die fehlende Risikokommunikation weit vor dem Ereignis und die zu späte Warnung zurückzuführen. Aber negative Themen verkaufen sich nicht so gut: ”There is no glory in prevention”

Trotzdem sollte jede Einsatzorganisation und auch die KRITIS-Betreiber solche Übungen durchführen. Nur so können die lokalen Probleme erfasst und rechtzeitig behoben werden. Dabei ist auch ein ehrlicher und transparenter Umgang mit den Erkenntnissen entscheidend. Denn schlimmer als Unsicherheit ist Scheinsicherheit. Wir sollten daher aufhören, falsche Erwartungen zu wecken. Sätze wie, „Wir sind sehr gut“ oder „auf alles vorbereitet“ werden spätestens in bzw. nach der Krise zu einem massiven Vertrauensverlust führen. 


Der Autor Herbert Saurugg, MSc ist als Major a. D. internationaler Blackout-, Energie- und Krisenvorsorge-Experte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV), Autor zahlreicher Fachpublikationen und eines Fachblogs. Er beschäftigt sich seit rund 10 Jahren mit der steigenden Komplexität und Verwundbarkeit lebenswichtiger Infrastrukturen sowie mit möglichen Lösungsansätzen, wie die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wieder robuster gestaltet werden kann. Herbert Saurugg unterstützt Gemeinden und Organisationen bei der Blackout-Vorsorge. Weitere Informationen, Checklisten und Hilfestellungen unter https://www.saurugg.net/leitfaden 


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