23.12.2019 •

Heavy metal, heavy duty

Das weltgrößte Heavy Metal Festival als Herausforderung für die Sicherheitsbehörden

Börje Wolfskämpf, Roland Lutz

ICS Festival Service GmbH

Wacken: 1 918 Einwohner, über 75 000 Besucher anlässlich des jährlichen Wacken Open Airs, das als größtes Metal-Festival der Welt gilt. Gegensätze ziehen sich an.

Natürlich ist das Wacken Festival ein immenser Wirtschaftsfaktor für die beschauliche Gemeinde – und eine besondere Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Nicht nur wegen der schieren Menge der Besucher, sondern auch wegen der regelmäßig auftretenden Wetterkapriolen mit Gewittern samt Stark­regen und Sturm.

Stabsbesprechung.
Stabsbesprechung.
Quelle: KRLS West

Wacken liegt im Kreis Steinburg (Schleswig-Holstein), der zur Metropolregion Hamburg zählt. Für die Koordination der Notrufe und Einsätze im Kreis Steinburg ist die Kooperative Regionalleitstelle West (KRLS West) zuständig – eine vollständig integrierte Feuerwehr- und Rettungsleitstelle, die daneben auch für die Kreise Dithmarschen und Pinneberg verantwortlich ist. Gemeinsam mit dem Kooperationspartner, der Landespolizei Schleswig-Holstein, wird die Kooperative Regionalleitstelle West als eine gemeinsame Leitstelle für Feuerwehr/Rettungsdienst/Krankentransport und die Polizei in der Unterelberegion betrieben. Die Polizei versorgt zusätzlich auch noch den Kreis Segeberg.

Für die Sicherheit der mehr als 75 000 Besucher auf dem über 240 Hektar großen Gelände wird das Stabsführungssystem ­metropolyBOS der GEOBYTE Software GmbH mit seinen verschiedenen Modulen e-MAS (Stabsarbeit/Dokumentation und Kommunikation), e-LAN (Lageführung und -auswertung), e-RES (Einsatz- und Ressourcenmanagement) und den zugehörigen Web-Apps eingesetzt.

metropolyBOS unterstützt dabei die Arbeit der örtlichen Einsatzleitung, sowohl im Bereich Rettungsdienst, der durch die Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) gGmbH wahrgenommen wird, als auch im Bereich des DRK Kaltenkirchen, das verantwortlich für den Sanitätsdienst auf dem Festivalgelände sowie auf den angrenzenden Campingflächen zeichnet. Auch die eingesetzten Feuerwehreinheiten profitieren von der vernetzten Zusammenarbeit vor Ort.

Die KRLS West hat mit zwei abgesetzten Arbeitsplätzen ebenfalls bereits seit Jahren einen festen Platz in der Einsatzleitung vor Ort. Die Feuerwehr bearbeitet über das metropolyBOS Modul e-RES alle im Einsatzbereich Wacken Open Air anfallenden Einsätze. Ebenfalls angebunden war das Büro des Veranstalters mit einer über die Rechteverwaltung gesteuerten reduzierten Sicht auf die Lage.

Hierbei werden durch die Schnittstelle zum Einsatzleitsystem der Firma eurofunk KAPPACHER in der Kooperativen Regionalleitstelle West alle Einsatzdaten (Einsätze samt Status, beteiligte Einsatzmittel und Fahrzeugstatus sowie Rückmeldungen/Protokolleinträge) kontinuierlich übergeben. So ist ein steter Informationsaustausch zwischen Leitstelle und örtlicher Einsatzleitung gegeben und die technische Basis für die Zusammenarbeit geschaffen. Unter anderem stellt der kontinuierliche Datenabgleich eine automatisierte georeferenzierte Darstellung der unterschiedlichen Einsatzmittelstandorte in der Lagedarstellung sicher.

Gerade im Zusammenhang mit Unwettern und auch der großen Menge an Besuchern kann es durchaus zu Störungen bei der Kommunikation kommen – dem wurde für den Einsatz vor Ort mit einem abgesetzten metropolyBOS „Node-Server“ Rechnung getragen, der auch bei einem Verbindungsabbruch zur Zentrale (Hauptserver in der KRLS West) die uneingeschränkte Einsatz­fähigkeit garantiert. Auch „offline“ können laufende Einsätze uneingeschränkt weiterbearbeitet, neue angelegt und Kräfte gemanagt werden – die Vernetzung innerhalb des metropolyBOS Systems stellt sicher, dass nach Wiederherstellung der Verbindung alle Informationen bidirektional abgeglichen und automatisch verarbeitet werden.

Lagebearbeitung mit metropolyBOS.
Lagebearbeitung mit metropolyBOS.
Quelle: KRLS West

Tatsächlich konnten sich die KRLS West und die örtliche Einsatzleitung ebenso auf die störungsfreie Funktion des Stabsführungssystems verlassen wie auf die Unkalkulierbarkeit des Wetters im „hohen Norden“ – das zentrale Festivalgelände musste wegen kurzen Unwettern gleich zweimal teilweise geräumt werden. Die erste vorsorgliche Evakuierung erfolgte noch am Mittwochabend vor dem offiziellen Start des Festivals, die zweite dann „mittendrin“ am Freitagnachmittag.

Abgesehen von den Wetterkapriolen verlief das Festival aber friedlich und positiv. Die rechtzeitige Reaktion auf Wettereinflüsse zeigt aber auch, dass die Macher des W:O:A höchste Ansprüche an die Sicherheit der Besucher legen – bereits seit Jahrzehnten kooperieren sie weit über das normale Maß hinaus mit allen Sicherheitsbehörden, üben auch regelmäßig in realitätsnahen Simulationen und optimieren so das Sicherheitskonzept Jahr für Jahr weiter.

Entscheidend für das Einsatzkonzept der KRLS West und der beteiligten Akteure war neben der verlässlichen Verfügbarkeit des Systems und der Anbindung an die Leitstelle aber zudem, dass der Betrieb auch ohne Präsenz des Softwareherstellers vor Ort zu leisten ist. Nur so können das Einsatzkonzept und die Technik auch auf andere, nicht geplante Lagen übertragen und jederzeit genutzt werden. Natürlich stand und steht die Hotline der GEOBYTE Software GmbH zur Unterstützung bereit, wenn die eigenen Techniker Fragen hatten – der Betrieb an sich muss aber autark leistbar sein. So ist es unter anderem bereits geplant, die für das Wacken Open Air bereitgestellte Technik auch für andere Großveranstaltungen zu nutzen und die Erfahrungen mit den von der KRLS West betreuten Kreisen (die ebenfalls metropolyBOS nutzen) und Feuerwehren zu teilen.

Die Besucher von Veranstaltungen dieser Größenordnung verlassen sich darauf, dass ihre Sicherheit und Versorgung im Notfall störungsfrei funktioniert – so hart wie die Musik sind in diesem Fall auch die Anforderungen an die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und die eingesetzten technischen Hilfsmittel.

Wacken 2020 war bereits nach wenigen Stunden ausverkauft. Das Konzept des Festivals hat sich bewährt und etabliert – ebenso das Einsatzkonzept der Sicherheitsbehörden, das im Sommer 2020 in gleicher Form wieder zum Einsatz kommen wird. Heavy Metal, heavy duty. 


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