Kernelemente erfolgreichen Krisenmanagements

Angst und Vertrauen

Wolfgang Würz

Der letzte Tag von Pompeji, Gemälde von Karl Pawlowitsch Brjullow, Wiki Commons

Sicherheitsthemen und Krisenbewältigung dominieren weltweit den öffentlichen Diskurs. Schadensereignisse, Umweltkatastrophen, spektakuläre Kriminalitätsfälle werden just in time per Internet und (sozialen) Medien frei Haus geliefert. 

Skandalisierung von Sachverhalten sowie teilrichtige oder gar (Des-) Informationen halten die Stimmungslage der Öffentlichkeit auf einem hohen und ständigen Erregungsniveau. Verantwortliche Handlungsträger auf allen Ebenen werden zu jeder Zeit einem enormen Beobachtungs- und Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. 

Unsicherheitsgefühle in weiten Teilen der Bevölkerung - fälschlich vielfach mit Kriminalitätsfurcht gleichgesetzt - stehen häufig in einem krassen Missverhältnis zu der beobachtbaren und registrierten Wirklichkeit. 

Die Welt, so wie sie derzeit wahrgenommen wird, wird mit dem Etikett Globalisierung versehen und als VUCA - World[1] postuliert. Die Menschen leiden unter steigender Angst und schwindendem Vertrauen. Eine fatale Konstellation zweier existenzieller menschlicher Verhaltenskonstanten. Vor diesem Hintergrund bedarf es dringend eines umfassenden Verständnisses und einer feineren Justierung eines erfolgreichen Krisenmanagements.

Globalisierung und VUCA-World

Unter Globalisierung wird gemeinhin verstanden, dass internationale Verflechtungen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten stetig zunehmen: "Die Globalisierung ist eng verbunden mit der Vorstellung eines Fortschritts, der die gesamte menschliche Kulturentwicklung charakterisieren soll. (…) Sie fördert das Aufgehen kleinerer Sozietäten in umfassendere, kompliziertere und komplexere Sozietäten, und zwar mit zunehmender Häufigkeit und Schnelligkeit."[2]

Dieser Prozess wird gerne mit dem prägnanten Begriff VUCA-World proklamiert. Dabei steht V für Volatility, also Volatilität oder Flüchtigkeit einer Welt, die sich ständig verändert, instabil ist und kleine, aber auch umfassende Veränderungen unvorhersehbar sind. Uncertainty ist die Ungewissheit oder Unsicherheit, wodurch die auf Erfahrungen aus der Vergangenheit basierende Prognosen als Planungsgrundlagen für zukünftige Gestaltungen zunehmend ihre Gültigkeit und Relevanz verlieren. Complexity, bezeichnet den Umstand, dass die Welt komplexer, also in ihrer Gesamtheit geprägt ist von einander abhängigen Merkmale und Elemente, die in einem vielfältigen, aber ganzheitlichen Beziehungsgefüge oder System stehen. Und schließlich A für Ambiguity, also die Mehr- oder Doppeldeutigkeit einer Sache, Aussage oder eines Werkes. Die Mehrdeutigkeit der Darstellung einer Faktenlage kann zu falschen Beurteilungen führen und fehlerhafte Entscheidungen begünstigen.

Die augenfällige und durchgängig erkennbare Ausprägung von Globalisierung und VUCA-World repräsentiert die rasante Entwicklung des Internets (der Dinge) oder allgemeiner gesagt, die Digitalisierung aller gesellschaftlicher Lebensbereiche.

Diese Entwicklung hat vielfältige Auswirkungen auf alle Lebensumstände und soziale Beziehungen von einzelnen Menschen, Familien, Gruppen, Institutionen, Organisationen und Staaten. Und sie hat Auswirkungen auf zwei elementare Verhaltensmuster, die der Sicherung der menschlichen Existenz im Verhältnis zur Umwelt dienen: Sie hat Auswirkungen auf Angst und Vertrauen.

Angst und Vertrauen

Angst hat evolutionsgeschichtlich eine wichtige Funktion. Sie ist ein die Sinne schärfender und die Körperkraft aktivierender Schutz- und Überlebensmechanismus, der in tatsächlichen oder gefühlten Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten einleitet: Soll ich kämpfen oder fliehen?

Diese Aufgabe kann sie jedoch nur erfüllen, wenn weder zu viel Angst das Handeln blockiert noch zu wenig Angst reale Gefahren und Risiken ausblendet. Zwischen diesen beiden extremen Ankerpunkten hat sich durch langjährige Forschungen in der Verhaltensbiologie, Medizin, Neurologie, Psychologie ein als Gesetz der Angst bezeichnetes Beziehungsmuster gesetzmäßiger Zusammenhänge etabliert: "Serotonin hat einen starken Einfluss auf emotionale Zustände wie Furcht und Angst. (..) Es wurde vorgeschlagen, dass dies in unterschiedlichen emotionalen Zuständen begründet ist und Serotonin vorausschauende Furcht bzw. Angst fördert, Panik dagegen hemmt."[3]

Handlungskompetenz und Angst im Diagram
Abbildung 1: Zusammenhang von Handlungskompetenz und Angst
Quelle: Wolfgang Würz

Die für den individuellen Organismus geltenden Erkenntnisse über Angst sind in analoger Weise auf Gesellschaften übertragbar. In ihrem Vortrag auf der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes (BKA) 2018 diagnostizierte Yvonne Hofstetter in ihrem Vortrag "Sicherheit in einer offenen und digitalen Gesellschaft" eine tief "verunsicherte Gesellschaft" und zeichnet die Bilder der VUCA-World, die zum Verlust an Planbarkeit des Alltag, zum Verlust von Gemeinschaft, zum Verlust der Wahrheit, zum Verlust der Vernunft führen: "Diese Unberechenbarkeit ist es, die zu Verlusterfahrungen führt. Sie machen uns Angst und verstärken das Gefühl der Unsicherheit in uns. Angst ist der eigentliche Grund jeder Sicherheitsdebatte."[4]

Im Kontext von Krisenmanagement ist bereits hier darauf abzuheben, dass Angst somit stets sehr unterschiedlich zu berücksichtigende Auswirkungen zeigt.

Zum einen betrifft es die individuelle Seite von Angst, die sowohl bei den Betroffenen bzw. Opfern von schädigenden Ereignissen jedweder Art auftritt, als auch bei den eingesetzten Kräften auf allen Organisationsebenen in der Einsatzbewältigung. Auch wenn die Ursachen für Angst gänzlich unterschiedliche Auslöser haben, sind die erkannten gesetzmäßigen Reaktionsmuster vergleichbar. Daneben ist die vergesellschaftete Angst zu reflektieren, die sich in Stimmung und Verhalten gegenüber den institutionellen Behörden mit Sicherheitsaufgaben positiv, zurückhaltend oder aggressiv niederschlagen kann.

Vertrauen wiederum ist der komplementäre Gegenpol zur Angst als fundamentale lebensbedingende Ausstattungen des Menschen: Menschen haben naturgegeben ein fundamentales Bedürfnis nach einer geordneten und sicheren Welt. Wir wollen Kontrolle über unser Leben, ganz besonders in einer bedrohlichen Situation.

Die Ursache dafür liegt in ebenso fundamental vielfältigen wie komplexen und chaotischen Umwelten, denen sich der Mensch vom Anbeginn seiner Tage ausgesetzt sieht und mit denen er konfrontiert wird. Die Voraussetzung, dass der Mensch sich lebensförderlich entwickeln kann im Spannungsverhältnis zwischen individueller Autonomie und lebensnotwendigem Sozialgefüge, ist ein Mindestmaß an dessen Verlässlichkeit für den Einzelnen. 

Auf dieses Bindungssystem, "das weitgehend angeboren und auf der unteren limbischen Ebene (unseres Gehirns) angesiedelt ist"[5], muss er vertrauen können, sonst sind ernsthafte Schädigungen der menschlichen Psyche erwartbar.

Prof. Dr. Armin Nassehi hat auf der vorvergangenen Herbsttagung des BKA 2017 formuliert, "Vertrauen entsteht durch Verzicht auf letztes Wissen oder besser formuliert: Vertrauen liegt dann vor, wenn ich auf letztes Wissen verzichten kann. Wenn ich von meinem Partner, der von der Dienstreise zurückkommt, ein Minutenprotokoll verlange, was er oder sie in den Tagen der Abwesenheit gemacht hat, ist das ein Hinweis auf verlorenes Vertrauen - und es wäre sicher eine Form, die das Ende der Partnerschaft einläuten würde. (…) Vertrauen ist letztlich das Absehen davon, was alles an negativ bewerteten Folgen möglich wäre. Der Verzicht auf letztes Wissen, man könnte sagen: der Verzicht auf Transparenz ist es, der einen modernen Alltag erst möglich macht. Der großstädtische Alltag zum Beispiel ist davon geprägt, dass hier eine Handlungskoordination zwischen Fremden stattfindet, also zwischen Personen, die sich nicht persönlich kennen und von denen wir - manchmal kontrafaktisch - erwarten, dass sie sich an Regeln halten, die nur in den seltensten Fällen schriftlich fixiert sind."[6]

Für Niklas Luhmann ist "Vertrauen ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität"[7] und somit eine existenzielle Notwendigkeit für Gemeinschaften.

Vertrauensraum Diagram
Abbildung 2: Vertrauensraum
Quelle: Wolfgang Würz

Angst und Vertrauen sind somit neben weiteren Kernelementen anthropologische Konstanten eines erfolgreichen Krisenmanagements.

Kernelemente erfolgreichen Krisenmanagements

Wichtigste Voraussetzung für erfolgreiches Krisenmanagement ist ein umfassendes Verständnis des Krisenphänomens: Eine Katastrophe, ein Schadenereignis, ein Terroranschlag, jedes Ereignis, das bereits eine instabile oder gefährliche Situation für ein Individuum, eine Familie, eine Gemeinschaft, oder die ganze Gesellschaft darstellt oder zu einer solchen führen kann, ist zunächst für sich genommen noch keine Krise, sondern ein, wie ich es nenne, Lagefall. Dieser ist insbesondere gekennzeichnet durch ein Moment der Überraschung, einer unsicheren Informationslage sowie kurzen, aber komplexen und schnell wechselnden Entscheidungszeiträumen.

Zu einer Krise mutiert der Lagefall, wenn darüber hinaus, also zusätzlich, eine existenzielle Vernichtung für den Einzelnen, eine Sozietät oder die ganze Gesellschaft droht und wenn zweitens ein unabänderlicher Bedarf nach einer (signifikanten) Veränderung des bisherigen Zustandes besteht. 

Dieser Umstand tritt erfahrungsgemäß dann ein, wenn eines oder mehrere der unten aufgeführten Kernelemente nicht ausreichend berücksichtigt werden oder durch fehlerhaftes Verhalten versagen.

Krisenmanagement ist also mehr als Katastrophenmanagement, mehr als Einsatzbewältigung, mehr als Risikomanagement, es ist der umfassende Prozess eines systematischen Umgangs vor, während und nach einem Ereignis, dem Lagefall, und findet auf allen Handlungsebenen, von der operativen bis zur politischen Ebene statt.

Dabei sind die methodischen Kernelemente des Krisenmanagements vor allem ein umfassendes Krisenverständnis, Strategie, Organisation, Kooperation, Kommunikation, Entscheidungsfindung und sachgerechte Lagebewältigung.

Erst unter Berücksichtigung der beiden anthropologischen Konstanten Angst und Vertrauen in ihren vielfältigen Ausprägungen bei Opfern, Geschädigten, Tätern, Zuschauern, Einsatzkräften, Familienangehörigen, Öffentlichkeit und in wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen allen Handlungsebenen zeigt sich ein erfolgreichen Krisenmanagements.

Krisenmanagement-Zyklus Diagram
Abbildung 3: Krisenmanagement-Zyklus (KMZ)
Quelle: Wolfgang Würz

Erfolgreiches Krisenmanagement ist somit ein zyklischer Arbeits- und Führungsprozess von Vorbereitung, Einsatzbewältigung des Lagefalls und Nachbereitung zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit.


[1] Kok/van den Heuvel, „Leading in a VUCA World: Integrating, Leadership, Discernment and Spirituality, SpringerOpen, Cham/Schweiz 2019

[2] Rudolph/Tschohl, „Systematische Anthropologie“, W.Fink Verlag, München 1977, S.297 ff.

[3] Roth/Strüber, „Wie das Gehirn die Seele macht“, Klett-Cotta, Stuttgart 2014, S. 106

[4] Yvonne Hofstetter, „Sicherheit in einer offenen und digitalen Gesellschaft“ (Kurzfassung), BKA Herbsttagung 2018.

[5] Roth/Strüber, aaO, S. 165

[6] Prof. Dr. Armin Nassehi, „Öffentliche Sicherheit – eine Vertrauensfrage?“, BKA Herbsttagung 2017

[7] Niklas Luhmann, „Vertrauen“, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014

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