Leitstellen in Deutschland sind dezentral organisiert. Das erschwert bekanntlich den Informationsaustausch. Ein neues Konzept verspricht Antworten. Leitsysteme in deutschen Behörden sind meist monolithischer Natur. Oft werden an diese Infrastrukturen vielfältige proprietäre Subsysteme angebunden. Die Folge: Starre Unikate, die oft über die Jahre hinweg mühsam an die Anforderungen der Anwender angepasst wurden. Dass diese Herangehensweise längst überholt ist, liegt auf der Hand: Hohe Betriebskosten und der träge Austausch von Informationen sind zwei ungewollte alte Gegenspieler von Interoperabilität und Standardisierung.

Die Erhöhung der Standardisierung ist eine grundsätzliche Notwendigkeit, damit auch Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) in Deutschland den Schritt in die digitale Welt und damit in die Zukunft machen können. Geschieht dies nicht, wird die Handlungsfähigkeit mittelfristig nicht sichergestellt sein.

Doch wie gelingt BOS der Schritt in die vernetzte Ära, und wie stellen sie ihre Handlungsfähigkeit sicher? In einigen Bundesländern in Deutschland findet bereits ein Umdenken statt insbesondere, was den behördenübergreifenden Informationsaustausch und die Standardisierungsbestrebungen angeht. Der Ansatz der kooperativen Leitstelle macht das deutlich. Er vernetzt Leitstellen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Doch zeichnet alleine die Vernetzung eine moderne Leitstelle aus? Oder ist dies „nur“ ein Schritt hin zu einer Arbeitsumgebung, in der die längst fällige Kooperation der handelnden Akteure realisiert wird?

Leitsysteme im IoT-Zeitalter

Bild: Esri Deutschland

Bild: Esri Deutschland

Die Welt hat sich verändert: Zum einen sind Bedrohungslagen komplexer geworden; zum anderen schreitet die Digitalisierung rapide voran. Das bedeutet: Heutige Bedrohungslagen sind immer seltener örtlich begrenzt. Während es früher meist ausreichend war, seinen Bereich bis an die Ortsgrenze zu kennen, ist das heute nicht mehr der Fall. Internationaler Terrorismus, Pandemien, länderübergreifende Hochwasser- und Großschadenslagen oder flächendeckende Stromausfälle erfordern mehr denn je eine vernetzte Zusammenarbeit von BOS.

Im Zeitalter des Internet der Dinge (IoT) werden die Leitsysteme von morgen darüber hinaus immer mehr Informationen in einer immer höheren Taktung verarbeiten müssen. Bürger fordern zudem flexiblere Kommunikationsmöglichkeiten, wie über SMS, Apps oder Social Media.

57 Millionen Personen nutzen 2018 laut Statista in Deutschland Mobiltelefone (Quelle: Statista 2018). Auch Social Media steht hoch im Kurs. So ist es wenig verwunderlich, dass Bürger WhatsApp, Facebook und Co. auch in Krisensituationen zum Informationsaustausch verwenden. Prominente Beispiele sind das Passauer Hochwasser 2013 oder das Duisburger Loveparade-­Unglück 2010. Kein Wunder, dass gerade mit Hochdruck an neuen Lösungen gefeilt wird, um Social Media mehr in BOS-Workflows einzubinden und Informationen schnell kanalübergreifend bereitzustellen.

Bereits heute werden in Europa über 70 Prozent der Notrufe über Mobiltelefone abgesetzt (Quelle: eena112). Meist kann der Hilfesuchende jedoch nicht genau seine Position bestimmen: Ortsunkenntnis, Stress oder Sprachbarrieren sind die häufigsten Hürden. Doch das sogenannte Advanced Mobile Location (AML) verspricht Abhilfe. Sobald der Anrufer eine im System hinterlegte AML-taugliche Notrufnummer wählt, aktiviert das Smartphone automatisch WLAN und Satellitennavigation. Nach 20 Sekunden werden die Ortsdaten automatisch per SMS oder über HTTPS an die Leitstelle übermittelt. Diese technische Lösung nutzen bereits einige europäische Nachbarländer und reduzieren so die Zeiten bis zur Hilfeleistung erheblich. In Deutschland bereitet derweil jedoch noch die Vielzahl an Leitsystemen Schwierigkeiten bei der Einführung dieses Ansatzes.

eCall ist ein von der Europäischen Union vorgeschriebenes automatisches Notrufsystem für Kraftfahrzeuge und ein weiteres Beispiel für die neuen Herausforderungen im Umfeld von Leitsystemen. Auch hier werden unter anderem die Koordinaten des Unfallortes übertragen, um Rettungsmaßnahmen rascher initiieren zu können. Im Rahmen von Smart-City-Konzepten, die bereits im Ausland realisiert werden und auch in Deutschland langsam Einzug erhalten, wird die Anzahl von Sensoren weiter zunehmen. Auf viele von den so gesammelten Informationen werden auch Behörden im Sicherheitsumfeld zugreifen, umso die Sicherheit der Bürger in der Stadt von morgen zu erhöhen.

Überblick in Echtzeit

Ob smarte Städte, intelligente Infrastrukturen oder technikaffine Bürger – in Zeiten der Digitalisierung fallen immer mehr Daten an. Und nahezu jeder dieser Datensätze hat einen Raumbezug. Geoinformationssysteme (GIS) setzen diese Daten in Wert und geben – vor allem, wenn es schnell gehen muss – Antworten auf Fragen rund um das Wo. Im privaten Umfeld ist die Nutzung von Karten in Apps bereits Standard. Und auch im Arbeitsumfeld wird man nicht mehr auf diese Kernfunktion verzichten wollen. Es liegt auf der Hand: Eine GIS-integrierte Lösung zeigt Informationen und Möglichkeiten weitaus intuitiver und schneller auf, als die bloße Vorfalls-Anzeige eines Dispositionsmonitors. Lösungen mit Zugriff auf GIS-Plattformen liefern zudem mehr relevante und umsetzbare Informationen, da sie unterschiedlichste Datenquellen einbinden. Diese Quellen können dynamisch aktualisiert und analysiert werden und den Beamten zuverlässige Informationen liefern.

In den Echtzeit-Lagezentren der Zukunft werden nicht nur Informationen zu Hydranten, Baustellen, Versorgungsleitungen oder demographische Daten abgebildet. Auch Echtzeitinformationen werden Teil gemeinsamer Lagekarten. Diese umfassen Einsatzmittel, Wetter- und Verkehrsdaten, Social-Media-Feeds oder Auslastungen der Krankenhäuser.

So erhält der Dispatcher einen Überblick der aktuellen Gesamtlage und Einsatzkräfte können bereits auf dem Einsatzweg eine Bewertung der Gefahrensituation durchführen. Ebenso wird die Bearbeitung der eingehenden Notrufe beschleunigt, Einsatzmittel sind schneller und effizienter koordinierbar und die Einsatzdurchführung wird sicherer.

Durch die Harmonisierung von Geoinformationen trägt das Echtzeit-Lagezentrum einen wesentlichen Teil zur notwendigen Standardisierung bei. Das zentrale Lagebild stellt darüber hinaus allen beteiligten Einsatzkräften jederzeit aktuelle Informa­tionen zur Verfügung und ermöglicht so eine zielgerichtete Kommunikation.

Fazit

Die Zusammenführung statischer und dynamischer Informationen in einem Echtzeit-Lagezentrum ermöglicht Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten künftig Schadenslagen schneller Herr zu werden. Einheitliche Lagebilder versorgen beteiligte Akteure mit den richtigen Informationen. Über den Ansatz Punkt-auf-Karte hinaus in Wert gesetzt, steigert dieses vernetzte Vorgehen die Effizienz der Notrufannahme und -bearbeitung. Die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften auch im überbehördlichen Kontext wird ermöglicht. Dank Sensordaten haben Einsatzkräfte auf dem Weg zum Geschehen stets die Lage im Blick. Auch 3D- Informationen oder Indoor-Lagekarten könnten künftig Teil dieses gesamtheitlichen Bildes werden. Bis es in Deutschland soweit ist, gilt es allerdings Hürden wie beispielsweise das Silo-Denken zu überwinden. Auch die technische Ausstattung der Leitstellen muss auf den Prüfstand gestellt werden, um den Hardware-Anforderungen für die Verarbeitung immer größerer Datenmengen gerecht zu werden.

Mareike Kortmann
Account Managerin Öffentliche Sicherheit
Esri Deutschland GmbH
Niederlassung Bonn
Rheinallee 24
53173 Bonn
m.kortmann@esri.de
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