Digitale Einsatzplanung

Roland Lutz

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13:15 Uhr – Gefahrstoffaustritt in der Chemiefabrik, Großalarm bei der Feuerwehr – Einsatzabschnitte bilden, Checklisten suchen und bereitstellen, Recherchieren in der Gefahrstoffdatenbank, Aufbereiten einer Lagekarte, Stab alarmieren … 14:00 Uhr – die angemeldete Großdemonstration der Umweltaktivisten gegen die geplante Erweiterung der Chemiefabrik geht los, die Polizei hat eine Zeitlage mit sechs teilweise fremden Hundertschaften und Sondereinsatzmitteln vorbereitet, die Planungsunterlagen müssen auf Papier an alle Verantwortlichen verteilt werden … zwei Beispiele für die unerlässliche Planung von Einsätzen, seien es nun Ad-hoc Lagen oder geplante Ereignisse. Wie kann die notwendige Vorbereitung effektiv unterstützt und die Nutzung der erstellten Einsatzplanung im Einsatzfall optimiert werden? Digital? 

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde und beschäftigt die Behörden – auch wenn Ereignisse wie der Totalausfall von Telefon und Internet bei der Flutkatastrophe im Ahrtal bei manchen Bedenkenträgern eher die Rückkehr zu analoger Technik und Informationen / Planungsunterlagen in Papierform nahelegen. 

Befürchtungen zur Ausfallsicherheit der „digitalen Welt“ sind durchaus gerechtfertigt – aber Digitalisierung und „online“ sind nicht dasselbe, auch wenn heutzutage Digitalisierung sehr oft mit dem allzeit verfügbaren Internet, Cloud-Lösungen und Breitbandnetzen gleichgesetzt wird. 

IT-Umgebungen – und vor allem Software für das Krisenmanagement – können und müssen so ausgelegt werden, dass mindestens die essenziellen Informationen zu Ereignissen und Objekten sowie wichtige Datengrundlagen (z.B. Basiskarten / Geodaten) auch bei einem Netzausfall zur Verfügung stehen und so ein Weiterarbeiten auch im Offline-Betrieb ermöglicht wird.

 Viele Behörden, Organisationen und auch Unternehmen scheinen andererseits der Meinung zu sein, man sei „digital“, wenn statt einer Dokumentenmappe mit Papier PDF-Dateien vorgehalten und mitgeführt werden. PDF ist aber nicht die „ultramoderne, digitale Lösung“ – das Portable Document Format wurde nämlich bereits 1992 – also vor 30 Jahren - von Adobe entwickelt und veröffentlicht (siehe Wikipedia) und wird seitdem auch intensiv genutzt. Also schon sehr lange vor der sogenannten „Digitalen Revolution“ mit Smart Devices, Breitbandnetzen und dem „Internet of Things“.

Digitale Einsatzplanung kann sich also heutzutage nicht darauf beschränken, die SSD eines Notebooks oder Tablets mit Plänen, Vorschriften und Hinweisen als PDF-Dokumente zu bespielen. Sie ist aber auch nicht zu verwechseln mit der bereits existenten Bereitstellung von Einsatz- und Objektinformationen auf Basis von Alarmdisplays oder Tablets.

Gemeinsamer Einsatz von Polizei und Feuerwehr
Gemeinsamer Einsatz von Polizei und Feuerwehr
Quelle: Fotolia

Was also ist dann „Digitale Einsatzplanung“?

Im Rahmen des Projektes mit der Polizei Hessen hat sich das in Sachen Stabsführung, Einsatzunterstützung und Krisenmanagement erfahrene Team der GEOBYTE Software GmbH Gedanken gemacht, was Digitale Einsatzplanung im 21. Jahrhundert tatsächlich bedeutet – natürlich auf Grundlage der konkreten Anforderungen der Polizei und der langjährigen Erfahrung im Umfeld der Feuerwehren und des Katastrophenschutzes. 

Digitale Einsatzplanung kann mit Blick auf die Ereignisse der letzten Monate aber auch nicht heißen, dass „nur“ planbare Ereignisse – im Sinne der bei der Polizei sehr häufigen Zeitlagen / Großveranstaltungen (die es natürlich auch im nichtpolizeilichen Umfeld gibt) – so detailliert und granular wie möglich vorbereitet werden. Im Gegenteil: Gerade in der Chaosphase von ungeplanten Einsätzen / Ereignissen („Ad-hoc Lagen“) gilt es, optimale Unterstützung zu bieten. 

Letztlich heißt das z.B., dass die in den Einsatzleitsystemen übliche Alarm- und Ausrücke-Ordnung der Feuerwehr, die Standard-Einsatzregeln der BOS und objekt- oder ortsbezogene Einsatztaktiken konsequent weitergeführt und digital unmittelbar zu Verfügung gestellt werden, wenn ein entsprechendes Ereignis eintritt. Teilweise findet sich dies in modernen Einsatzleitsystemen schon wieder, deckt aber längst nicht alle Anforderungen ab. Umfangreiche Einsatzplanungen werden nämlich nicht für Kleinbrände oder Ladendiebstähle durchgeführt, sondern für Sonderobjekte und Einsatzarten, die hohes Gefahrenpotential insbesondere für kritische Infrastrukturen oder Leib und Leben haben. 

Das heißt, hier geht es oft um Lagen, die potenziell stabsmäßig oder mindestens mit einer Führungsgruppe geführt werden (vgl. BAO Phase 1 bei der Polizei) – also müssen Einsatzabschnitte samt Unterabschnitten gebildet, Maßnahmenkataloge beziehungsweise Checklisten zusammengestellt und gegebenenfalls auch raumbezogene Informationen und Taktiken definiert werden können. Zur Digitalen Einsatzplanung gehört auch, Informationen samt Prioritäten, Dokumente, Links und Aufgaben an einer Stelle übersichtlich zur Verfügung zu stellen und auf Basis der vorhandenen Funktionalitäten die gerichtsfest protokollierte Abarbeitung der Aufgaben / Aufträge und Dokumentation der weiteren Entscheidungen zu ermöglichen. In Summe geht dies über den Aufgabenbereich der Leitstelle und des Einsatzleitsystems deutlich hinaus, auch wenn sich Teile davon für das „Tagesgeschäft“ adaptieren lassen.

Digitale, vorbereitete Lagekarte der Feuerwehr als direkt verwendbares...
Digitale, vorbereitete Lagekarte der Feuerwehr als direkt verwendbares Einsatzmuster
Quelle: GEOBYTE

Diese Informationen innerhalb eines – an das jeweilige Einsatzleitsystem angebundenen – Stabsführungssystems so bereitzustellen, dass sie als Einsatzmuster / Szenarien im Einsatzfall direkt angewendet und genutzt werden können – das ist effektive, Digitale Einsatzplanung und eine sehr große Erleichterung und Zeitersparnis für die Verantwortlichen in Einsatz- / Abschnittsleitung und Stäben / Führungsgruppen. In Verbindung mit einer Schnittstelle zum Einsatzleitsystem, über die Einsatzinformationen zyklisch übernommen werden können, werden so gewissermaßen Planung und Realität in einem System übersichtlich zusammengeführt. 

Neben den vorgenannten Inhalten wurde besonderes Augenmerk auch auf die Definition des Kräftebedarfs gelegt – das gilt für den Einsatz von Löschzügen, Gefahrstoffzügen, RTWs etc. im nichtpolizeilichen Umfeld ebenso wie für die Planung auf Grundlage von Einheiten wie SEK, MEK, TEE und Hundertschaften – auch unter Einbeziehung von Fremdkräften – in Polizeilagen. Bei Zeitlagen wird so auch direkt aus der Einsatzplanung heraus die Kräfteplanung unterstützt. 

Ziel der Entwicklung im Projekt Polizei Hessen war dabei auch, Einsatzmuster aus bestehenden, historischen Einsätzen ableiten zu können, wiederkehrende Ereignisse zu unterstützen und die Nutzbarkeit auch für Übungen und Simulationen zu ermöglichen. Über in das System integrierte Funktionalitäten für die Freigabe, Aktivierung und Passwortschutz kann sichergestellt werden, dass der Zugriff auf die Digitale Einsatzplanung rechtegestützt erfolgt. 

Die Ergebnisse in der Praxis bestätigen, dass das gemeinsam mit der Polizei Hessen entwickelte Konzept sowohl im polizeilichen wie auch im nichtpolizeilichen Umfeld funktioniert und eine granulare, Digitale Einsatzplanung absolut sinnvoll und möglich ist. Bei Großdemonstrationen ebenso wie bei wiederkehrenden Sportveranstaltungen jeder Dimension oder eben auch bei unplanbaren Ereignissen an besonderen Objekten, vom Krankenhaus über das Schulgebäude bis hin zu Störfallbetrieben, Banken oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen.

Digitales, vorbereitetes Organigramm der Polizei mit Kräftebedarf als direkt...
Digitales, vorbereitetes Organigramm der Polizei mit Kräftebedarf als direkt verwendbares Einsatzmuster
Quelle: GEOBYTE

Auch mehrstufige, aufeinander aufbauende Planungen können mit diesem Konzept und der Softwareumsetzung realisiert werden, z.B. um für verschiedene denkbare Entwicklungen einer Lage abgestimmte, unterschiedliche Szenarien vorzubereiten und als Einsatzmuster zu nutzen. So lassen sich auch hochdynamische Übungen planen und umsetzen, deren Ablauf so nicht mehr einem statischen Drehbuch folgen muss, sondern „Weichen“ für unterschiedliche Abläufe bietet. 

Komplexe Organigramme / Einsatzstrukturen bis hin zu Landeslagen, vorbereitete Lagekarten und Maßnahmenkataloge, die dann sogar direkt als Aufgaben an die zuständigen Sachgebiete z.B. eines operativen oder administrativen Stabs verteilt werden, lassen sich beliebig kombinieren. 

Auch eine Nutzung für Lagen ohne konkreten Ortsbezug – also als Standard-Einsatzmuster z.B. für bestimmte Einsatzarten – kann mit dem entstandenen System umgesetzt werden. 

Bleibt das eingangs erwähnte Szenario des Netzausfalls. Was nutzt die beste Digitale Einsatzplanung, wenn sie im Katastrophenfall nicht verfügbar ist? Natürlich müssen aus den erstellten Planungen für die Dokumentation und als Rückfallebene auch Dokumente erzeugt werden können, die abgelegt und im Notfall auf Papier oder auch transportablen Medien verteilt werden. 

Innerhalb des vernetzten Krisenmanagementsystems metropolyBOS mit seinen offline-fähigen abgesetzten Servern und mobilen Systemen kann aber auch ohne diesen „Umweg“ sichergestellt werden, dass die Planungsdaten bei Netzausfall zur Verfügung stehen – wie andere Lageinformationen können sie ebenfalls synchronisiert und offline zur Verfügung gestellt werden. Einzig die – durchaus sinnvollen – Verlinkungen zu externen Informationsquellen, die bei verfügbarem Netzwerk den Zugriff auf tages- oder sogar minutenaktuelle Informationen aus einem Szenario heraus ermöglichen, funktionieren bei einem Netzausfall nicht mehr. Das muss in der konkreten Planung für Einsätze und Lagen berücksichtigt werden und kann für alle essenziellen Informationen durch Verzicht auf höchste Aktualität auch sichergestellt werden. 

Digitale Einsatzplanung ist also nicht nur möglich, sondern bereits praktisch umsetzbar – perspektivisch bis hin zu einer Ausbaustufe mit einer (Teil-)Automatisierung, die wie eine Alarm- und Ausrückordnung für Einsatzarten oder spezielle Objekte vom System ohne Eingriff des Benutzers vorgeschlagen oder sogar aktiviert wird. Im Kontext laufender großer Projekte wird dies derzeit konzipiert und evaluiert.


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